Opa erzählt vom Rock

Von Lukas Heinser, 8. März 2013 18:41

Ich hab mir neulich ein Stück meiner Jugend gekauft, für 1,59 Euro im Gebrauchtwarenbereich von Amazon:

Myballoon (Symbolbild).

Myballoon müssen irgendwann im Jahr 2000 oder 2001 meine Aufmerksamkeit erregt haben, als ihr Debütalbum „Perfect View“ in der „Neuheiten“-Sektion der Dinslakener Stadtbibliothek stand — damals meine Hauptquelle für neue Musik, die über mein Taschengeldbudget hinausging. Sieben, acht Songs von „Perfect View“ fanden ihren Weg in meine MP3-Sammlung (für ganze Alben war der Speicherplatz damals noch zu teuer), wobei ihr „Hit“ „On My Way“ nicht dabei war, wie ich gerade bei der Wikipedia-Lektüre amüsiert festgestellt habe. Aber dafür Songs wie „Never Let You Go“, „Come Around“, „Great Big Days“ und vor allem „Happy“, die auf etlichen Mixtapes (für mich und andere) landeten und mich so durch Oberstufe und Zivildienst begleiteten. Im Sommer 2003, als die Finanznot der Kommunen noch nicht ganz so offensichtlich war, spielten Myballoon gar bei freiem Eintritt vor ca. 50 Besuchern auf dem Dinslakener Stadtfest.

Es war dieser Sound, wie es ihn damals tausendfach gab: Hymnische Popsongs mit ein bisschen Schmiss in der Instrumentierung, aber auch breiten Keyboardflächen und Chören im Hintergrund, mit etwas Melancholie und einem bisschen Pathos und mit eher egalen Texten. Es war die gute alte Zeit von Viva Zwei und „Visions“, von Bands wie Goo Goo Dolls, Third Eye Blind, Feeder, 3 Colours Red oder Vega4. In Deutschland gab es Bands wie Readymade und Miles und – die Wenigsten werden sich erinnern – Uncle Ho, Heyday, Hyperchild (Sänger: Axel Bosse), Re!nvented und – zu einem gewissen Grad – Reamonn.

Solche Musik wird heute nicht mehr gemacht. Das Hymnische ist an vielen Stellen dem Weinerlichen gewichen, die E-Gitarren wurden ausgestöpselt und die Keyboards und Synthesizer werden heute anderswo eingesetzt. Eine Zeitlang klangen alle neuen Bands wie Franz Ferdinand und/oder The Strokes, dann fingen junge deutsche Musiker allesamt an, in ihrer Muttersprache zu singen.

Welche deutschen Bands singen denn heute noch auf Englisch? Wenn wir die Scorpions und The Boss Hoss mal außen vor lassen, sind die Beatsteaks die größte unter ihnen, dann kommen die Donots, dann vielleicht irgendwann Slut — alle sind sie seit über 15 Jahren dabei, der Nachwuchs ist nie nachgewachsen. Die letzte englischsprachige Band aus Deutschland, an die ich mich erinnern kann, waren Oh, Napoleon. Keine Ahnung, was aus denen geworden ist, aber der Schlagzeuger hat gerade sein Solodebüt veröffentlicht — auf Deutsch, natürlich. Da wirkt die Frage, warum Deutschland beim Eurovision Song Contest eigentlich immer nur auf Englisch singe, plötzlich gar nicht mehr so bescheuert.

Aber zurück zu Myballoon: „Perfect View“ ist nach heutigen Maßstäben natürlich kein dolles Album — das war es vermutlich nicht mal bei seinem Erscheinen vor 13 Jahren. Aber die Songs, die ich damals gehört habe und deren Klang sich unumkehrbar mit dem Eindruck von Sonnenuntergängen am Rhein und dem Geschmack von OhmeinGottzwingenSiemichnichtmichandenNamendieserGetränkezuerinnern verknüpft hat, die leuchten immer noch vor sich hin. Für 1,59 Euro jetzt auch in meinem Regal (zzgl. drei Euro Versandkosten).

12 Kommentare

  1. Steve Zissou
    8. März 2013, 19:37

    „Welche deutschen Bands singen denn heute noch auf Englisch?“

    Äh, The Kilians?

  2. no
    8. März 2013, 21:08

    Es ist doch völlig unerheblich aus welchem Land eine Band kommt.

  3. Anke
    8. März 2013, 22:04

    Achja, die gute, alte Zeit, als ich die Viva2-Werbung aus der Visions rausgetrennt habe und mir an die Wand gehängt habe… seufz… Ob das Heftchen noch existiert, in dem ich damals die 2Rock-Charts mitgeschrieben habe?

    Ich werfe mal noch in den Raum: Vivid, Seesaw und Jonas.
    Gibt es solche Bands wirklich nicht mehr? Ich dachte, ich bin nur zu alt, um sie zu bemerken.

  4. Sven
    8. März 2013, 22:12

    Das Cover kenn ich. Ich glaube, die liegt auch noch irgendwo bei mir rum. Und erstaunlich, dass noch jemand außer mir sich an Re!nvented erinnert. Ach, das waren noch Zeiten… Müsste mir glatt mal wieder was von Readymade anhören.

  5. Lukas Heinser
    8. März 2013, 22:59

    Drüben bei Facebook wurden auch noch Chewy, Solarscape und Nova International genannt. Und erinnert sich noch jemand an Campus?

  6. Christian
    9. März 2013, 9:13

    Oh, da erinnert sich jemand an Heyday, wie schön.

  7. mathepauker
    9. März 2013, 11:23

    Was ist mit Guano Apes, Fools Garden, Scooter und Lake?

  8. Andi
    10. März 2013, 18:09

    Bell Book & Candle gibt’s auch noch; ihr jüngstes Album ist zwar bald acht Jahre alt, aber sie tingeln glaube ich immer noch recht regelmäßig durch Ostdeutschland. (Gehören aber natürlich auch in die „Seit mindestens 15 Jahren dabei“-Schublade.)

  9. Lukas
    18. März 2013, 0:14

    Fury In The Slaughterhouse gabs doch auch noch.

  10. Christoph
    19. März 2013, 17:06

    Fury in the Slaughterhouse haben sich doch aufgelöst. Myballon hab ich mir grad mal angehört, das Lied kenne ich auch noch und die aufgezählten Erinnerungen passen perfekt zu meinen. Ach Viva 2. Jetzt sitz ich mit meiner Tochter, 2, vor KIKA und die eine von VIVA2 macht da jetzt Kinderprogramm.

  11. Marc
    23. März 2013, 22:22

    Nach dem Lesen und Anhören der letzten paar Einträge und Kommentare hier habe ich versucht, Nirvana reinzutun und Slut, Jonas, Uncle Ho, Readymade und vielleicht Tigerbeat.

    In der Playlist gelandet sind glacier (of maine) und Maritime.

    Mein Myballoon-Stil-Albumkauf war vor einiger Zeit „Sich freuen bei 150“ von Jona. „Hey Mann, die Rheinbrücken sind doch auch nicht aus Holz gebaut. Und trotzdem werden sie nicht ewig stehen.“

  12. haake
    19. April 2013, 19:19

    Deutscher englisch singender Nachwuchs: NIAS fällt mir da ein. Was früher Viva 2, Intro, etc. waren, ist heute fluxfm für mich – läuft den ganzen Tag. Habe schon lange nicht mehr so viel neue Musik gekauft.