Niemand will den Hund begraben

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Februar 2013 20:34

Mein Onkel Thomas, der seit 27 Jahren in San Francisco, CA lebt und dort als Fotograf arbeitet, hat vergangenes Wochenende seine Ausstellung “Blickwinkel” eröffnet, die ich Ihnen auch dann ans Herz legen würde, wenn ich nicht mit dem Künstler verwandt wäre. Zu sehen ist diese Werkschau im Museum Voswinckelshof in Dinslaken, wo wir beide aufgewachsen sind.1 Bei der Eröffnung, bei der das Museum fast aus allen Nähten platzte, sprach die stellvertretende Bürgermeisterin ein Grußwort, in dem sie Thomas Heinser in eine Reihe mit berühmten Ex-Dinslakenern wie Ulrich Deppendorf (Leiter des ARD-Hauptstadtstudios), Udo Di Fabio (Richter am Bundesverfassungsgericht) und Andreas Deja (Chefzeichner bei Disney) stellte. Dinslaken, so erklärte sie, sei “natürlich” zu klein für die wirklich großen Geister, die die Stadt deswegen für die Metropolen dieser Welt verlassen, aber stets gerne in ihre alte Heimat zurückkehren würden.2

In der Migrationstheorie unterscheidet man zwischen Pull- und Pushfaktoren, wenn es die Menschen aus einer Region in eine andere zieht bzw. treibt. Pullfaktoren für sogenannte Kreative sind etwa Kunsthochschulen und Jobs in Agenturen, die sie in die großen Kulturmetropolen ziehen. Ein Pushfaktor von Dinslaken wäre zum Beispiel Dinslaken.

Im Herbst 2011 eröffnete in einem Ladenlokal in der Dinslakener Innenstadt, das zuvor unter anderem eine Espressobar und ein Schuhgeschäft beherbergt hatte, die Gaststätte Victor Hugo. Ein paar junge Männer, die Dinslaken merkwürdigerweise nicht verlassen hatten, hatten ihre Ersparnisse zusammengeschmissen und eröffneten ohne Unterstützung von Brauereien, Vereinen oder Stadtverwaltung einen Laden, der mehr sein sollte als nur Kneipe: Mit Lesungen, Akustikkonzerten, Pub Quizzes und Poetry Slams sollte ein bisschen studentische Kultur Einzug halten in eine Stadt, deren einzige Verbindung zu Universitäten sonst der Bahnhof ist.

Zur Eröffnung warben die Macher des Victor Hugo mit einem Zitat ihres Namenspatrons: “Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.” Die konkrete Idee war vielleicht nicht revolutionär, aber gut, die Zeit war sicherlich gekommen, aber der Ort war definitiv der falsche — zumindest der konkrete.

Offizieller Schriftzug der Stadt Dinslaken (Entwurf).

Von Anfang an gab es Ärger mit den Nachbarn bzw. wenn ich das richtig verstanden habe: mit exakt einem, der sich von den jungen Menschen, die plötzlich auch nach dem Hochklappen der Bürgersteige um 18.30 Uhr in die Dinslakener Innenstadt kamen, um das Victor Hugo zu besuchen. Es ging, wohlgemerkt, nicht um betrunkene Horden, die um 3 Uhr morgens unter dem Abschmettern unflätiger Lieder durch die engen Gassen in der Nähe des Marktplatzes zogen, sondern um weitgehend vernünftige junge Erwachsene, die in gemütlichem Ambiente gemeinsam ein paar Getränke nehmen, sich unterhalten, ein paar Brettspiele spielen oder ein wenig Kultur konsumieren wollten. Gut, einige von ihnen wollten auch vor der Tür rauchen, denn das “Hugo” war von Anfang an eines der ganz wenigen Nichtraucherlokale Dinslakens. Aber das verlief, soweit ich gehört und bei eigenen Besuchen auch selbst festgestellt habe, in völlig geordneten Bahnen. Oder: In Bahnen, die normale denkende Menschen als “völlig geordnet” bezeichnen würden.

Im Theodor-Heuss-Gymnasium, das nicht weit vom Victor Hugo steht und wo viele bedeutende Dinslakener (aber auch ich) ihr Abitur gemacht haben, gibt es eine Tafel mit einem Ausspruch des ersten Bundespräsidenten: “Die äußere Freiheit der Vielen lebt aus der inneren Freiheit des Einzelnen.” Mit ein bisschen Biegen und Brechen kriegt man den Satz auch ex negativo gebildet — oder man schreibt ihn gleich in Schillers “Wilhelm Tell” ab: “Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.”

Die Beschwerden gegen das Victor Hugo häuften sich (in Dinslaken entspricht das rund 30 Anrufen bei der Polizei in anderthalb Jahren) und das Ordnungsamt musste tätig werden und ein Bußgeldverfahren gegen die Betreiber einleiten. Die versprachen, in Zukunft für mehr Ruhe zu sorgen, aber es kam schnell, wie es kommen musste: via Facebook erklärten sie gestern das Aus zum 30. April.

Michael Blatt hat das viel zu schnelle Ende des Victor Hugo auf coolibri.de sehr passend eingeordnet:

Für Dinslaken ist das Aus der Bar ein Desaster. Nicht, weil Tag für Tag hunderte von Gäste in die mit viel Liebe zum Detail gestaltete und als Hobby betriebene Kneipe strömten. Das war auch gar nicht der Anspruch. Aber das Hugo war ein Argument, die Stadt nach der Schule nicht fluchtartig zu verlassen und erst mit der Geburt des ersten Kindes wieder zurückzukehren. Von diesen Argumenten hat Dinslaken seit Jahrzehnten nicht sehr viele. Zwischen Konzerten im ND-Jugendzentrum und Vorträgen der Marke “Der vorgeschichtliche Einbaum aus dem Lippedeich bei Gartrop-Bühl” (am 5. März im Dachstudio der VHS) klafft eine altersbedingte Lücke.

Und die Stadt verliert damit binnen kurzer Zeit die zweite Anlaufstelle für Jugendliche: Erst Ende 2012 hatte der legendäre Jägerhof seine Pforten geschlossen. Der mehr als renovierungsbedürftige Musicclub, in dem sich schon unsere Elterngeneration zum sogenannten Schwoof getroffen hatte, lag zwar nicht in der Innenstadt, aber direkt am Autobahnzubringer, weswegen vor seinen Türen immer wieder Besucher in schwere Verkehrsunfälle verwickelt wurden. Im vergangenen März kam schließlich ein 19-Jähriger ums Leben. Die Betreiber öffneten den Laden am nächsten Abend wie gehabt und sahen sich anschließend mit Pietätlosigkeitsvorwürfen, sinkenden Besucherzahlen und ausbleibenden Einnahmen konfrontiert.

Auch wenn ich vom Jägerhof gerne als “Dorfdisco” und von den verbliebenen jungen Dinslakenern als “Dorfjugend” spreche, darf man nicht vergessen, dass Dinslaken mit seinen knapp 70.000 Einwohnern3 anderswo als Mittelzentrum durchginge. Soest, zum Beispiel, hat mehr als 20.000 Einwohner weniger, liegt aber vergleichsweise einsam in der Börde rum und hat deshalb ein relativ normales Einzelhandels- und Kulturangebot.4 Dinslaken liegt am Rande des Ruhrgebiets: Duisburg und Oberhausen sind gleich vor der Tür, Mülheim, Essen, Bochum und Düsseldorf maximal eine Dreiviertelstunde mit dem Auto entfernt. Das einzige Kaufhaus der Stadt hat vor Jahren geschlossen und wurde kürzlich abgerissen. Wenn alles gut geht,5 wird dort irgendwann ein Einkaufszentrum stehen und Dinslaken wird endlich seinen eigenen H&M haben. Streng genommen bräuchte es den nicht mal, weil selbst die Teenager die Stadt mit dem Regionalexpress zum Shoppen verlassen, sobald sie genug Taschengeld beisammen haben.

Was bleibt, sind tatsächlich die alten Menschen, die schlecht zu Fuß sind und schon immer in der Stadt gelebt haben. Aber auch denen geht es schlecht, weil der einzige Supermarkt, den es in der Innenstadt noch gibt, immer kurz vor der Schließung steht. Wenn der Wortvogel fragt, ob man Städte eigentlich “entgründen” könne, ist das für Dinslaken vielleicht noch keine akute Problematik, aber es sieht aus, als hätte man in der Stadt vorsichtshalber schon mal damit angefangen.

Andererseits ist es kein neues Phänomen, dass die Dinslakener nichts mit ihrer Stadt anzufangen wissen: Bereits im Jahr 1959 beschrieb der “Spiegel” die Versuche, zu Ehren des designierten Bundespräsidenten Heinrich Lübke, der bis dahin Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Dinslaken-Rees gewesen war, ein rauschendes Fest auszurichten. Es endete damals so:

Nach solcherlei Bekundungen wurde Heinrich Lübke in einem Pferdewagen von zwei Rappen durch die Straßen in Richtung Dinslaken gezogen. Nur wenige nahmen Notiz von dem Mann, der ihnen in quer über die Straße gespannten Transparenten als der “neue Bundespräsident” angekündigt worden war.

Auf der Freilichtbühne des Burgtheaters begann das eigentliche Fest, das Lübke ersehnt hatte. Irritiert ließ er die Huldigung des Dinslakener Industriellen Meyer über sich ergehen, der ihn mit “Herr Bundespräsident” begrüßte und ihm als Mitglied des Adenauer-Kabinetts dankte, daß dank seiner Interventionen kein Truppenübungsplatz im Dinslakener Kreis eingerichtet worden sei.

Vielleicht würde heute wenigstens Michael Wendler singen.

  1. In Dinslaken, nicht im Museum. []
  2. Was das im Umkehrschluss für Michael Wendler und die anderen Einwohner der Stadt bedeutet, hat in diesem Moment keiner gefragt. []
  3. Und den 1273 verliehenen Stadtrechten. []
  4. Außerdem hat es natürlich schmucke Fachwerkhäuschen. []
  5. Was in Dinslaken in etwa so wahrscheinlich ist wie in Bochum oder Berlin. []

35 Kommentare

  1. Juli Mel
    5. Februar 2013, 10:47

    Kompliment an den Autor! Sehr treffend formuliert! Danke :)

  2. Saddeler-Sierp
    5. Februar 2013, 11:19

    Vielen Dank für den sensationellen Artikel.
    So viele gute Kneipen in Dinslaken mussten bereits schließen oder haben geschlossen, weil leider auch finanziell zu wenig übrigbleibt.Natürlich spricht der “erfolgreiche” Gastronom nicht gerne öffentlich darüber. Ich aber weiß, dass es den meisten ähnlich geht Die Kneipen, die es noch gibt, führen einen dauernden, langatmigen Kampf gegen vielschichtige Probleme. Dies ist für Außenstehende kaum erkenn- und nachvollziehbar.Und wenn es nicht die Nachbarn sind, dann prüft zu guterletzt das Finanzamt noch kaput! Die Gastronomie ist genalverdächtiger Steuerhinterzieher. Geld ist mir nicht wichtig oder ich mache das aus Idealismus und “Liebhaberei” ist hier das Alarmwort für das Finanzamt. Schade: Die Gesetzeslage gibt scheinbar außerdem denen Recht, die glauben, in der Innenstadt könne man urbanes Leben einfach ausschalten.
    Und das neue Nichtrauchergesetz ist kurzfristig gedacht und außerdem dumm. Die Politik in NRW verlagert das Problem vor die Haustüre; dort fangen die neuen Probleme erst an!
    Wenn meine Gäste das Haus verlassen müssen, um zu rauchen, dann befinden sie sich nicht mehr in meinen Räumen. Vielleicht wird ja im nächsten Schritt das Rauchen auf der Straße verboten oder noch besser das Reden!?!
    Ihr Victors!!!
    Für Geräuschkulissen vor Eurer Haustür seid doch nicht ihr verantwortlich!
    Laßt Euch um Gottes Willen Euren Idealismus nicht nehmen. Es besteht die Chance einer großen Unterstützung!
    Meine habt Ihr uneingeschränkt!

  3. Shimmel Shitzman
    5. Februar 2013, 12:07

    Was ist dann die Schlussfolgerung des Ganzen? Wegziehen, sich aber über die Zustände beschweren, anstatt was dagegen zu unternehmen ist eine nette Taktik. Und dabei so einfach, sich von einer vermeintlich höheren Position pseudoloyal für die alte Heimat einzusetzen, während man sich weit entfernt von der Gefahrenzone fernhält.
    Persönlich finde ich es zudem sehr sympathisch, wie der Autor sich durch das bewusste Entfernen von den “Großen der Stadt” auf eine Stufe mit selbigen zu stellen versucht.
    Klappt nicht, jämmerlicher Versuch.
    Wie wäre es denn mit aktiver Veränderung statt Gemecker von außen? Zurück ziehen und was tun statt Rentnerparadies? Ich muss zugeben, die Aktion bringt mich dann doch nahe an ein bemitleidendes Lächeln.

    Da kann ich gleich in die Innenstadt ziehen und mich über vorbeigehende Passanten oder sich friedlich unterhaltende Menschen beschweren.

  4. Matthias Alfredo
    5. Februar 2013, 12:10

    Traurig, aber wahr!

  5. Lukas Heinser
    5. Februar 2013, 12:53

    @Shimmel Shitzman: Es ehrt mich ja, dass Sie glauben, ich könne mehr ausrichten als die engagierten Macher des Victor Hugo, aber ich fürchte, auch ich würde in Dinslaken auf Granit beißen.

  6. Shimmel Shitzman
    5. Februar 2013, 12:56

    @Lukas Heinser: ich erinnere an “Wenn viele kleine Leute viele kleine Dinge tun”.

  7. Leni Messer
    5. Februar 2013, 15:48

    Der Autor lässt einen gewissen Lokalpatriotismus vermissen, über den die Besitzer des Victor Hugo offensichtlich noch verfügen. Das Großstadt-Hipstertum, das sich zwischen den Zeilen seines Artikels eher unzureichend versteckt und welcher die Bewohner seiner Heimatstadt als kleingeistig diffamiert, scheint mir der Sache auch nicht besonders zuträglich. Vielleicht sollte es auch bloß eine Werbekampagne für die Ausstellung des weltbürgerlichen Onkels sein. Zumindest das ist geglückt, die gucke ich mir doch gerne mal an.

  8. Henna
    5. Februar 2013, 16:07

    Oder mit den Worten Walter Ulbrichts:
    “Niemand hat die Absicht, den Hund zu begraben”

  9. Lukas Heinser
    5. Februar 2013, 16:14

    Ich musste mir hier schon viel anhören, aber als “Hipster” hat mich noch keiner beschimpft!

    (Und Sie können mich gerne direkt ansprechen. “Der Autor” ist anwesend.)

  10. L3v3l0rd
    5. Februar 2013, 16:29

    Diese “Einkaufszentrum”-Strategie wird jeder Klein- und Mittelstadt rund ums Ruhrgebiet vorgeschlagen und von den verzeifelten Kommunen gerne angenommen, die alle unter Einwohnerschwund, bzw. Gewerbesteuerschwund leiden.
    Entweder wird halt im Internet gekauft oder es muss ein Event sein (siehe Centro, Limbecker Platz, RheinRuhrZentrum, etc.)
    Aus meiner Kackstadt bin ich in 20 Minuten im Centro; bei uns wurde ein Einkaufscenter gebaut mit Kaufland, Expert, Schuhladen, Dekoladen, Drogerie und Bäcker. Jeweils genau 1. Wohin fährt der geneigte Konsument wohl um mal zu “shoppen”?

  11. Marie-Luise Nickels-Oster
    5. Februar 2013, 17:13

    Sehr gut werden in diesem Artikel die Zusatände in meiner Heimatstadt beschrieben. Ich lebe gern hier, mag Dinslaken, die Stadt im Grünen sehr, aber dass das Hugo schließen muss und damit ein weiterer Treffpunkt für Junge und manchmal auch jung Gebliebebene geschlossen wird, ist wirklich traurig. Ist denn da gar nichts mehr zu machen?
    Kompliment an Lukas Heinser für diesen Artikel.

  12. T.Port...
    5. Februar 2013, 17:57

    Danke Lukas,

    Du schreibst mir aus der Seele…

  13. Mark T.
    5. Februar 2013, 18:39

    Sehr schöner und treffender Artikel. Ich selbst war auch nur einmal im Victor Hugo, als wir grade ankamen und in die Arme der Polizei liefen. Es war niemand draußen, es war weder drinnen noch draußen laut und wir wurden gefragt, ob wir “Unruhestifter” gesehen hätten … ein Witz.

    Ich stelle mich mal schützend vor Herrn Heinser. Warum er “nichts tut” und “nur meckert”? Habt ihr überhaupt alles gelesen oder nur Bilder geguckt? Warum sollte in dieser Stadt noch jemand etwas versuchen, wenn jeder der etwas versucht mit Scheiße beschmissen wird, oder diejenigen, die einen Missstand aufdecken mit Scheiße beschmissen werdern “Herr Heinser, sind Sie zu fein sich mit Scheiße beschmeißen zu lassen? Sie Hipster!”.

  14. Ben Perdighe
    5. Februar 2013, 18:41

    …ach ja…

  15. Leni Messer
    5. Februar 2013, 18:51

    Ich habe hier ja in keinster Weise Lukas’ Motivation kritisiert, Dinslakens Missstände aufzudecken. Die Schließung des Hugos ist schade und ein Rückschritt in Sachen Kultur in Dinslaken. Und wenn ich zitiert werde, dann bitte richtig, Herr T. Ich habe auf die Tonart des Artikels hingewiesen und Lukas selbst zu keinem Zeitpunkt als Hipster bezeichnet.

  16. Mark T.
    5. Februar 2013, 18:56

    Ich habe dich nicht zitieren wollen. Lediglich die Tonart deines Kommentars und eher noch den der Kommentare von Shimmel Shitzman ;)

  17. DinslakenerIn
    5. Februar 2013, 19:12

    Kompliment, für meinen Geschmack trifft wirklich jedes Wort des Autors zu. Dinslaken war mal eine Stadt mit Charme. Aber seitdem die Neustraße nur noch mit Bäckern und Handyläden gepflastert ist, flüchten alle nach Duisburg, Wesel oder Oberhausen. Von Zugverbindungen will ich gar nicht erst reden. Wenn man in Dinslaken wohnt hat man schlicht und einfach verloren.

  18. Shimmel Shitzman
    5. Februar 2013, 19:18

    Es ging mir wie Leni Messer keinesfalls um die schnöden Tatsachen, was so in der Stadt abgeht. Allerdings komme ich selbst aus und bin momentan wieder auf dem Weg nach Dinslaken. Deshalb verbitte ich mir den netten “Bilder gucken” Seitenhieb. Meine Stadterfahrungen werden seit nunmehr fast 30 Lenzen gesammelt.
    Es tritt nunmal gehäuft und in verschiedensten Bereichen des Lebens in der Stadt die “Ich mecker mal rum, mache aber nichts und hau lieber ab, damit ich aus meinem ach-so-tollen Leben weiterschimpfen kann”-Mentalität auf. Das nervt.
    Aufgedeckt wird der hier anzuprangern versuchte Missstand von Herrn Heinser allerdings auch nicht, der ist schon länger bekannt – allerdings zugegebenermaßen aktuell sehr populär, da kann man ruhig mal medienwirksam mitmachen.
    Hoffentlich tut sich ja – unabhängig von meiner persönlichen Meinung Herrn Heinsers Tonfall gegenüber – mal was. Dann wäre immerhin vielen geholfen.

  19. Shimmel Shitzman
    5. Februar 2013, 19:22

    @DinslakenerIn – ja, Duisburg ist besonders toll ;) Da ist es teilweise noch viel schlimmer.
    Allerdings ist die Stadt an sich größer und viel unpersönlicher als Dinslaken. Deshalb nimmt man Ablehnung als Einzelperson nicht so krumm.
    Darüber, wie viele Traditionsclubs hier schon zu- und wie viele Handyläden aufgemacht haben, möchte ich keine Liste anfangen müssen.

  20. DinslakenerIn
    5. Februar 2013, 20:03

    @Shimmel Shitzmann: Wie persönlich oder unpersönlich Duisburg ist, steht hier doch gar nicht zur Debatte und liegt auch ganz klar im Auge des Betrachters. Fakt ist nur, dass Dinslaken als Stadt in der Entwicklung stehen geblieben ist und längst nicht mehr die Bedürfnisse des Bürgers befriedigt. Gibt es hier einen einzigen Künstlerbedarf? – Nein. Ich könnte jetzt Stunden weiterhin Aufzählen, was es alles (mittlerweile) nicht mehr gibt oder noch nie gab. Und wenn man wie ich fern ab der Norm vielseitig interessiert ist, dann bleibt einem leider nur die “unpersönliche” Großstadt.
    Und da bin ich nicht die einzige.

  21. Leni Messer
    5. Februar 2013, 20:13

    Sitzt man als “Künstler” in Dinslaken völlig auf dem Trockenen? Das wär mir neu.

  22. Shimmel Shitzman
    5. Februar 2013, 20:36

    Wir könnten jetzt auch anfangen, den Begriff des Künstlers zu definieren oder festhalten, dass das Aussterben des Einzelhandels natürlich nur auf Dinslaken beschränkt ist.

    Es ist außerdem interessant, dass in Dinslaken dann offensichtlich nur Norminteressierte wohnen (können). Ich glaube man muss auch seinen Standard anpassen können und ein bisschen flexibel sein. Mit dem Zug oder dem Auto ist man in 20 Minuten im offensichtlich so tollen Großstadtduisburg, ebenso Wesel und Oberhausen. Ich halte diese Zeitinvestition auch für Außernorminteressierte durchaus für zumutbar. Auch wenn es natürlich bequemer ist, alles direkt vor der Haustür zu haben.
    Aber wie heißt es so schön? Reich und glücklich geht nicht.
    Und – wenn es so vieles noch nie gab – was macht man dann überhaupt in Dinslaken?

    Allerdings muss ich Leni Messer zustimmen. Von vertrockneten Künstlern habe ich noch nichts gehört.

    Es ist traurig, wie wir uns alle vom Thema ablenken lassen. Der Hof und das Hugo sind dann demnächst weg, die Wanne und das Central schon lange. Vielleicht sollten wir einfach alle in der ganzen Stadt Cafés jeglichen Mottos eröffnen.
    Da dauert es sicher eine Weile, bis die alle zwangsgeschlossen wurden.

  23. Sabine Kaiser
    5. Februar 2013, 23:03

    Lukas Heinser, der Artikel ist treffend- leider! Denn wir, die hier kommentieren, leben ja eigentlich gern hier. Möchten gern weiterhin nicht “entkleinbismittelstädtert” werden. Danke für so konkrete Worte. An die anderen Verfasser der Kommentare: Es scheint ja ach so leicht zu schreiben- und doch ach so schwer zu sein, mit seinem Namen zu seinen Worten zu stehen. Lieber Lukas, mein Tipp: Geh doch gar nicht auf Kommentare ein, deren Verfasser nicht den Mut haben, mit ihrem Namen zu unterzeichnen. Na ja, vielleicht ist das dann schon wieder fast dinslakenerisch???;)

  24. Leni Messer
    5. Februar 2013, 23:12

    Ich wüsste nicht, warum man eine angeregte Diskussion zensieren sollte, nur weil sich die Diskutanten eine gewisse Anonymität bewahren möchten. Mangelnder Mut ist ein “Privileg” von Dinslakenern? Damit hättest du Lukas (und ich nehme an, auch dir selbst) wohl kein besonders großes Kompliment ausgesprochen.

  25. Leni Messer
    5. Februar 2013, 23:24

    Ich möchte mir auch nicht vorwerfen lassen, ich würde nicht gern hier leben, nur weil ich es gewagt habe, an dem ein oder anderem Aspekt Kritik zu üben. Das sollte doch noch erlaubt sein.

  26. JJ Preston
    6. Februar 2013, 11:45

    Oder frei nach Dirk Elbers:
    “Dinslaken ist eine Stadt, die das nicht nur nicht wegstecken kann. Sie ist eine Stadt, die das nicht möchte.”

    Interessant finde ich folgendes: Nördlich von Hamburg liegt eine Stadt namens Norderstedt, die ist etwa vergleichbar mit Dinslaken (58 km² zu 48 km² Fläche, 72.000 zu 70.000 Einwohner), aber: Keine Zechen, relativ wenig Industrie, eher Gewerbe und Dienstleistungen, kein eigenes Krankenhaus, keine Berufsfeuerwehr. Vor allem aber eher eine Schlafstadt für Hamburger Arbeitnehmer, erst 1970 gegründet. Aber: Spaßbad, Stadtpark, große Bühne (Auftretende u.a. Ralf Schmitz, Wladimir Kaminer oder Hagen Rether) und ein Music Club, der schon Bruce Springsteen auf der Bühne gesehen hat und wo demnächst Epihpany Project auftritt.

  27. Mike Hugo
    6. Februar 2013, 13:34

    Lukas… vielen Dank für den tollen Artikel. “Leni Messer” und “Shimmel Shitzman” vielen Dank für den unterhaltsamen “comment-slam”, verdammt, welch ein hippes Wort. :-D
    Vielen Dank für die viele Anteilnahme das unser Laden zu macht.
    Eins sei noch gesagt: Es gab eine “Pre-Hugo-Zeit” in der wir Lesungen und Konzerte in runtergerockten Küchen/Wohnungen und Scheunen veranstaltet haben und so wird es auch eine Post-Hugo-Zeit geben… Und auf diese Zeit bin ich selber gespannt.

    Gruß Mike

  28. Lukas Heinser
    6. Februar 2013, 16:28

    Ich finde es irgendwie bezeichnend, dass sich hier im Kern alle einig sind, sich aber trotzdem ordentlich in die Haare bekommen. Eine schöne Allegorie!

    @JJ Preston: Hach, der große Dirk Elbers!

  29. Ruhrie
    6. Februar 2013, 19:21

    Ja, ich finde es ebenfalls traurig, wenn das Victor Hugo tatsächlich die Pforten dicht macht, denn es ist wirklich eine Art urbanes Juwel im Herzen dieser doch relativ großen Mittelstadt. Und ich könnte ebenfalls kotzen, dass das Interesse bzw. die Unzufriedenheit eines Einzelnen(?) dabei über das Allgemeinwohl gestellt wird, zumal dessen Beschwerden im Grunde doch nichtmals angemessen sind. Gleich zweimal war ich persönlich dabei, als ein paar gröhlende und Flaschen schmeißende Betrunkene durch die nun einmal direkt angrenzende Einkaufsstraße marodierten und kurz darauf die Polizei am Victor Hugo auftauchte, um die Betreiber wegen dieser Lärmbelästigung entschieden zu verwarnen. Und die Betreiber entschuldigten sich sogar noch jeweils dafür, gelobten Besserung, obwohl zu deren angestammter Kundschaft ja nun wahrlich keine gröhlenden oder pöbelnden Leute zählen; die werden dort ja nicht einmal eingelassen!! Viel eher sorgt das Viktor Hugo in seiner unmittelbaren Umgebung sogar für Ruhe, denn selbst vorbeiziehende Schreihälse werden oft eindringlich zur Ruhe gebeten bzw. ermahnt und dass es von dieser Sorte in einer Ruhrpottstadt wie Dinslaken nunmal sehr viele gibt, dafür kann diese schon sprichwörtlich sehr coole Cocktailbar in Wahrheit natürlich wirklich nix!!
    Aber wo geht denn hier in den Ruhrgebietsstädten für partylaunige junge Leute überhaupt noch was?? Okay, das Centro als größte Shoppingmall Europas ist natürlich nur 15 Minuten entfernt, aber deshalb ist das benachbarte Oberhausen als “Großstadt” eben schon längere Zeit tot. Nunja, auch gegenüber anderen benachbarten Städten wie Bottrop, Duisburg, oder Wesel wirkte Dinslaken ja immer noch recht lebendig, traurig, dass mittlerweile unser gesamter Ruhrpott nun auch nachtkulturtechnisch so flächendeckend verarmt. Dann bringen wir unser Geld wohl alle besser raus nach Düsseldorf; zumindest von Dinslaken aus sind die Bahnverbindungen dorthin ja ziemlich praktisch. Also hiermit von Herzen: Helau Düsseldorf, gute Nacht Ruhrpott!! :(

  30. Heike Kremers
    8. Februar 2013, 22:14

    Liebe DinslakenerInnen,
    bitte lasst Euch Eure Stadt doch nicht kaputt machen. Dinslaken liegt am Niederrhein und hat auch viel Charme. Ihr solltet nicht aufgeben und Eure Stadt nicht madig machen lassen. Einkaufstempel sind nicht alles.
    Bin Dinslakenerin und lebe nun seit 30 Jahren in Aachen, komme aber immer wieder gerne nach Dinslaken. Weil die Leute einfach das Herz am rechten Fleck haben.

  31. sven
    13. Februar 2013, 10:48

    Vielen Dank speziell für die Kommentare zum Artikel, als Aussenstehender sehr interessant zu lesen.

    Mein Höhepunkt ist der Vorwurf “Großstadt-Hipstertum”. Wo wohnt Herr Heinser doch gleich? Ich hielt die Stadt bisher eher unverdächtig was so etwas angeht.

  32. Jens Schmidt
    27. Februar 2013, 14:09

    Das Museum Voswinckelshof sollte mal die Eintrittspreise überdenken – besonders die ermäßigten.

  33. oberhausener
    9. April 2013, 14:57

    Ich verstehe die Stoßrichtung nicht so ganz: Ist es schlimm, wenn in einer Stadt ohne Universität “studentisches Leben” einen schwierigen Stand hat? Ist es so ungewöhnlich, wenn Menschen keine Lust darauf haben, allabendlich laute Gespräche vor der Wohnung zu haben, weil andere meinen, das sei ihr gutes Recht.

    Im übrigen gibt es etliche Menschen, die schätzen an einer Stadt anderes als Kneipen und Geschäfte: Dinslaken liegt im Grünen, hat eine Fülle an Sportvereinen mit vielfältigem Angebot. Wem es nach Großstadt gelüstet, der ist in keinen 30 Minuten in Duisburg.

    Ich hab selbst in Bochum studiert und kannte die spöttisch-hämischen Gespräche über die zurückgeliebenen Provinzstädtchen, aus denen man gebürtig kam: Gronau, Goch, Gevelsberg. Das gehört zum Heranwachsen dazu, ist aber noch lange nicht von objektivem Wert.

  34. Lukas Heinser
    12. April 2013, 9:19

    @oberhausener: Wenn ich Sie richtig verstehe, sollten junge Menschen also ausschließlich in Universitätsstädten leben und sich dort entfalten und wer – aus welchem Grund auch immer, zum Beispiel, weil er nicht studiert – in einer Stadt wie Dinslaken bleibt, soll auch als junger Mensch sein Heil im Grünen und im Sportverein suchen?

    Und die spöttisch-hämischen Gespräche sollen als eine Art Folklore erhalten bleiben, in keinem Fall soll man sagen können “Ich komme aus einer kleinen Stadt, aber da gibt es wenigstens ein bisschen Kulturangebot für junge Menschen”?

  35. Wittek
    12. April 2013, 10:18

    Hallo Lukas!
    Sehr gut, auf solch einen Artikel habe ich, als Ex – Dinslakener. der in Hamburg lebt, lang gewartet. Im Norden bekomme ich zwar nur sporadisch mit, was in meiner ehemaligen Heimatstadt kulturhistorisch so abgeht, das aber endlich mal ausserhalb der üblichen Quellen derart detailliert geschildert zu bekommen, gefällt mir gut.
    Dennoch … machen wir uns nichts vor, demnächst bekommt Dinslaken sein eigenens, fettes Einkaufszentrum und dann wird alles gut! Wetten?
    Lieben Gruß und danke nochmal,
    Thomas “Wittek” Wittke.

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