“New York Times” richtet “Wetten dass ..?” hin

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 1. Februar 2013 19:07

Es reicht den deutschen Medien nicht, über “Wetten dass ..?” zu schreiben, wenn eine neue Ausgabe der Samstagabendshow ansteht, live gesendet wird oder gerade ausgestrahlt wurde. Die Zeit zwischen den Sendungen wird mit der Wiederaufbereitung weitgehend bekannter Fakten gefüllt oder – ganz aktuell – mit der Sensationsmeldung, dass nun sogar die “New York Times” über die Sendung geschrieben habe.

Das “Handelsblatt” erklärt in seiner Online-Ausgabe, die “Times” “verreiße” die Sendung, laut Bild.de (“Mögen die Amis unsere Shows nicht?”) und “Spiegel Online” “lästert” die “Times” und stern.de nennt den Artikel “wenig schmeichelhaft”.

Nun kann es natürlich an mir liegen, aber ich finde in dem Artikel “Stupid German Tricks, Wearing Thin on TV” vom Berlin-Korrespondenten Nicholas Kulish wenig, mit dem sich diese fröhlichen Eskalationen (“Nanu, was haben die Amis bloß gegen ‘Wetten, dass..?’”, Bild.de) begründen lassen. Aber ich hatte ja schon nicht ganz verstanden, wo genau Tom Hanks und Denzel Washington nach ihren Auftritten über die Sendung “gelästert” haben sollen: Hanks hatte gesagt, er verstehe die Sendung nicht, und Washington hatte erklärt, die Sendung sei ein “Showformat aus einer anderen Zeit”. Wer das ernsthaft bestreitet, hat die Sendung noch nie gesehen — was ihn natürlich anderseits dafür qualifizieren würde, im Internet seine Meinung darüber kund zu tun.

Nun zieht also Kulish angeblich über die Sendung her, auch wenn sich sein Artikel für mich wie eine leicht fassungslose Szeneriebeschreibung liest, die mit ein paar Hintergrundinformationen und Zitaten versehen wurde. “Reportage” hätten wir das früher in der Schule genannt.

“Spiegel Online” schreibt:

In dem Artikel bekommen alle – Markus Lanz, die Wetten und auch die Live-Dolmetscher – ihr Fett weg. Vor allem über das Herzstück der Show, die Wetten, mokiert sich Kulish: “Schrullig” nennt er sie und vergleicht sie mit “Stupid Human Tricks”, einem bekannten Element aus David Lettermans “Late Night Show”, das allerdings dort eine weniger große Bedeutung hat – und ironisch gemeint ist.

Noch mal: Es kann alles an mir liegen. Mir fehlt offenbar das für Journalisten notwendige Gen, in jedem Ereignis einen Eklat, in jedem Adjektiv eine Wertung und in allem, was ich nicht verstehe, den Untergang des Abendlandes zu wittern. Aber ist “schrullig” (“wacky”) wirklich so ein wirkmächtiges Qualitätsurteil oder ist es nicht einfach eine Beschreibung dessen, was da vor sich geht? Ich meine: In der betreffenden Sendung versuchte offenbar ein Mann mit einem Gabelstapler, Münzen in eine Milchflasche zu bewegen!

Aber weiter im Text:

Lanz selbst muss in dem Artikel mit eher wenig Platz auskommen – und ohne ein Zitat. [...]

Neben mehreren deutschen Medien – auch DER SPIEGEL wird ausgiebig zitiert – kommt in dem “NYT”-Artikel auch Film- und TV-Regisseur Dominik Graf zu Wort, als einziger Branchenmacher.

Hier die Nicht-Zitate von Markus Lanz:

“Some people say that if anything could survive a nuclear strike, it would be cockroaches and ‘Wetten, Dass …?,’” said its host, Markus Lanz, in an interview after the show wrapped. [...]

“If only the Greeks were so careful with their money,” Mr. Lanz said.

Und hier die ausführlichen “Spiegel”-Zitate:

Complicating matters further, the leading German newsmagazine, Der Spiegel, reported last month that Mr. Gottschalk’s brother may have had questionable business dealings with several companies whose products appeared on the show. [...]

Der Spiegel asked in its latest issue, “Why are Germans the only ones sleeping through the future of TV?” The magazine called German programs “fainthearted, harmless, placebo television.”

Der, wie ich finde, schönste Satz aus Kulishs durchaus lesenswertem Artikel wird leider nirgends zitiert. Dabei fasst er den Gegenstand vielleicht am Besten zusammen:

On a giant screen overhead a montage of movie clips showed the young film star Matthias Schweighöfer’s bare backside.

Mit Dank auch an Ulli.

12 Kommentare

  1. JMK
    1. Februar 2013, 19:40

    Das Kakerlaken-Zitat stammt von Gernot Hassknecht. Und ob Lanz das mit den Griechen so brachte, bezweifel ich einfach mal.

  2. PS
    1. Februar 2013, 19:58

    Habe mir grade mal den NYT Artikel durchgelesen.
    Der hat eigentlich nur die typische sind-so-toll-die-deutschen/europäer/ausländer-aber-auch-so-schrullig Attitüre so vieler US-Artikel.
    “Wir” werden dort eben oft wg. anderer Kultur auch mit diesem Augenzwinkerns des letzten Beitrags vor dem Wetter im Heute Journal betrachtet.

  3. teekay
    1. Februar 2013, 20:36

    Es ist der wie eigentlich immer schwierige Versuch ‘die’ Kultur eines Landes durch sein Fernsehprogramm bzw. eine seiner populaersten Sendungen zu erklaeren die bei ueber 70Mio Deutschen die nicht einschalten eher Schulterzucken ausloesen duerfte. Man koennte auch einen Artikel zu ‘Glee’, ‘Ellen Degeneres Show’ oder ‘Daily Show’ machen und da alles moegliche in die amerikanische Kultur reininterpretieren. Man muesste mal ‘Wetten Dass’ in USA machen-mit amerikanischem Co-Moderator auf dem Times Square ;)!

  4. ChristinaInAustralien
    1. Februar 2013, 21:03

    @teekay: Oder einfach diese unsägliche Sendung abschaffen. Once and for all.

  5. JanM
    1. Februar 2013, 22:19

    Ich kenne vom Originalartikel nur deine Zitate (hab gerade keinen Login für die NYT-Paywall zur Hand), aber ist noch jemandem das hier aufgefallen?

    NYT: ‘Der Spiegel asked in its latest issue, “Why are Germans the only ones sleeping through the future of TV?”’

    Reaktion vom Spiegel: ‘Kulish sieht die Diskussion über die Show als Teil einer größeren Problemlage: Warum hat Deutschland, trotz großer literarischer und filmischer Traditionen, den Anschluß an anspruchsvolle, komplexe Fernsehformate nicht geschafft?’

    Zitiert da echt der Spiegel sich selbst über Bande und merkt es nicht mal…?

  6. JJ Preston
    2. Februar 2013, 13:18

    @JanM
    Das muss dieser Qualjour- äh, Qualitätsjournalismus sein, von dem …

    Man könnte es auch Magathismus nennen – “Qualität kommt von (Leser-)Quälen”, wissenschon.

  7. Sigismund
    2. Februar 2013, 19:06

    Siegel Online, oder: die königliche Rob(b)e

  8. Caro
    4. Februar 2013, 11:20

    manchmal hat man das gefühl, dass ganz absichtlich übersetzungsfehler “passieren” weil die geschichte so besser ist.

  9. Sven
    4. Februar 2013, 16:45

    Irgendwie Schade, daß Wetten Daß.. so zerissen wird. Ich weiss auch nicht ab wann so eine Show abgeschafft gehört. Allerdings ist es doch immer noch, mal mehr mal weniger, gute TV-Unterhaltung. Ich finde Lanz gibt wirklich sein bestes. Es schauen ja auch noch etliche Millionen Zuschauer zu. Also ab wievielen Millionen Zuschauern gehört so eine Institution abgeschafft?

  10. Linkgebliebenes 9 « kult|prok
    7. Februar 2013, 8:02

    [...] wieder rauskam. Und auch das größte Vehikel der deutschen Populärkultur fand Erwähnung, auch wenn nichts wirklich Bahnbrechendes in dem Artikel steht. Aber man wird doch wohl auch in der deutschen Fernsehlandschaft davon träumen dürfen, dass [...]

  11. Kult Fernsehen
    7. Februar 2013, 11:57

    Auf den Artikel geben die Medien, zu Recht, nicht viel. Klar, es ist ein schöner Aufhänger für den Moment. Aber mal ehrlich…wen interssierts? Im Endeffekt niemanden.

  12. Mh
    13. Februar 2013, 23:00

    Es sind doch 2 Ebenen. Einmal die Qualität von Wetten dass?, zum anderen die Einbeziehung von US Medien.
    Wetten dass finde ich teilweise nett, wenn es schlicht das ist, was es früher war, kleine Wetten mit kurzen Gesprächen. Lanz ist manchmal frisch und frech, manchmal klebrig und voller unterschwelliger Klischees. meist gucke ich es für eine halbe Stunde, wenn ich es zufällig einschalte,
    Aber warum US Medien dazu eine relevante Meinung haben sollten? da es nicht Maßgabe der Sendung ist, irgendwo Außerhalb Deutschlands zu funktionieren und natürlich in jedem Land besondere Vorlieben oder fur Aussenstehende unverständliche TV Traditionen bestehen, ist es für US Amerikaner sicher interessant, sich mal über German TV zu informieren. aber diese Kolportagen dann als deutsches Medium zu thematisieren, liegt doch nicht an der nachrichtlichen Relevanz für Deutschland, sondern eher an Clicks zu den Themen WettenDass/Lanz sowie zum ÖR TV Bashing.

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