Shut Up And Take My Money

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 21. Dezember 2012 15:12

Vergangene Woche war ich dienstlich in Hamburg. Zwecks Zerstreuung auf dem Rückweg kaufte ich mir in der dortigen Bahnhofsbuchhandlung die aktuelle “Spex”-Ausgabe. Die kostet 5,50 Euro, ich hatte es nicht “passend” und reichte dem Verkäufer einen Zehn-Euro-Schein und einen Euro. Zurück bekam ich: 50 Cent.

“Entschuldigung, ich hatte Ihnen elf Euro gegeben”, sagte ich. Kann ja mal passieren.
“Nein, das waren sechs!”, antwortete der Mann bestimmt.
“Ja, nee. Es war ein roter Schein. Ich hatte keinen Fünfer mehr — sonst hätte ich den ja auch gegeben!”
Doch der Verkäufer beharrte darauf, ich hätte ihm einen Fünf-Euro-Schein gereicht. Ich blieb auch bei meiner Meinung.

Das sei aber alles gar kein Problem, sagte der Mann, ich solle einfach am nächsten Tag seinen Chef anrufen, der könne dann feststellen, ob zu viel Geld in der Kasse gewesen sei. Ein Abschlag sei jetzt nämlich nicht möglich (und wäre auch zeitlich kaum noch drin gewiesen). Schlecht gelaunt und grußlos verließ ich also den Laden, schimpfte leise auf Hamburg und die Menschheit als solche, und setzte mich in einen IC, dem gleich drei komplette Wagen fehlten und dessen Steckdose mein fast leeres iPhone nicht aufladen wollte. Ohne Musik und Internet trat ich also die Heimfahrt an und war dabei in einer Stimmung wie Uli Hoeneß nach einer 0:5-Heimspielniederlage gegen den VfL Osnabrück.

Am nächsten Tag hielt ich noch mal kurz Rücksprache mit meiner Würde, ob ich ernsthaft wegen fünf Euro in diesem Geschäft anrufen sollte. Doch mein Gerechtigkeitssinn und meine innere Oma (“Wer den Pfennig nicht ehrt, …”) gewannen die Überhand und so wählte ich eine Hamburger Nummer und trug mein Anliegen in den nächsten acht Minuten zwei, drei Mal vor. Auf offenbar sehr verschlungenen Wegen wurde der Apparat mit mir am Ende mehrfach durch das gesamte Geschäft getragen, zur Chefin hin und wieder zurück.

Ob es da Unregelmäßigkeiten gebe, könne sie erst am Montag sagen, erklärte mir die Chefin. Man werde mich aber auf alle Fälle zurückrufen. Ich dachte währenddessen: “No ja, wenn der Mann sich ein einziges Mal in die andere Richtung vertut, ist eh alles hinfällig.”
Eine Mitarbeiterin nahm meine Daten auf, wobei sich meine Hoffnung auf ein positives Ende vollends zerschlug:
“Wie heißen Sie?”
“Heinser. Heinrich, Emil, Ida, Nordp…”
“Heinrich, ja?”
“Nein, Heinser. Das schreibt man Heinrich, Em…”
“Ja, was denn nun? Heinrich oder Heinser?”
Ich war in einem Achtziger-Jahre-Sketch mit Dieter Hallervorden, Harald Juhnke und Eddi Arent gelandet — oder wahlweise in einer durchschnittlichen deutschen Unterhaltungssendung des Jahres 2012.

Am Montag klingelte mein Telefon nicht. Am Dienstag auch nicht, ebenso wenig am Mittwoch oder den folgenden Tagen. Eine Pointe hat die Geschichte nicht, weswegen ich sie wohl auch nicht noch mal erzählen werde.

15 Kommentare

  1. Hannah
    21. Dezember 2012, 16:29

    Oma Heinser, sehr schön. Die Geschichte braucht keine Pointe, die ist so schon schräg genug.

  2. tux.
    21. Dezember 2012, 16:45

    Spex? Ernsthaft? Gnihihi. Selbst schuld.

  3. Kathi
    21. Dezember 2012, 17:08

    Unerhört. So geht das aber nicht. Ruf da nochmal an! Zur Not mach ich das für dich!

  4. mathepauker
    21. Dezember 2012, 17:23

    Warum hast du dem Verkäufer nicht ausschließlich den Zehn-Euro-Schein gegeben? Dann wäre gar nicht erst zu den beschriebenen Nachwehen gekommen.
    Wolltest du möglichst wenig Münzen zurückbekommen oder dem Händler statt der im Einzelhandel gerne angenommenen Münzen (Wechselgeld!) freundlicherweise lieber die oft von Kunden gegebenen Scheine abnehmen?

  5. Gernot
    21. Dezember 2012, 23:14

    Alternativplan: Einfach ne zweite 5-Euro-Zeitschrift nehmen. Is ja bezahlt. :-)

  6. gerrit
    22. Dezember 2012, 0:36

    Ganz im Ernst, ich hab schon an vielen Kassen gesessen/gestanden. Die “normale” Reaktion auf einen “Falsches Wechselgeld”-Vorwurf ist die höfliche Bitte an den Kunden, kurz seine Daten zu hinterlassen. Natürlich werden diese sofort nach Klärung entsorgt. Und je nach Höhe der Summe und wieviel Stress der Kunde macht, kriegt er das Geld sofort. Kassendifferenzen habe ich keine.

  7. nextkabinett
    22. Dezember 2012, 12:31

    “Meine innere Oma.” … Der Jahresendsatz des Monats.

  8. Jens P
    22. Dezember 2012, 13:39

    Ja so etwas ist immer lustig. Vor allem je höher der Betrag wird… da wollte mich die Tage ein Barmann schon beim ersten Bier abziehen. Hat aber direkt das Geld zurück gebracht auch wenn er “sehr sicher” war, dass ich ihm 10 und nicht 20 gegeben habe.

    In einem ALDI habe ich dadurch mal einen Kassensturz vor Weihnachten verursacht, da tat mir die junge Kassiererin fast schon leid.

  9. teekay
    22. Dezember 2012, 19:13

    Kann mir im Internet nicht passieren ;)! Also Finger weg von Totholzprodukten :))!

  10. SvenR
    23. Dezember 2012, 14:39

    Wenn man eine Telefon-Flatrate hat und es “nur” Zeit kostet, dann würde ich da durchaus noch ein paar Mal anrufen. Also etwas weniger oft, als sie Dich um Cent berumpst haben. Du bist ja nicht nachtragend.

  11. Hendrik
    30. Dezember 2012, 10:06

    Mathepauker, ich mach’s immer genau so wie Lukas. Die Geschichte lehrt mich aber, dass man noch aufmerksamer beim Wechselgeld sein sollte.

  12. Nummer Neun
    31. Dezember 2012, 14:48

    Das hatte ich mal, als ich ein paar Socken kaufte… die Kasse wurde vor meinem Augen zweimal durchgezählt. Ergebnis: Das Wechselgeld hatte gestimmt, ich mich wohl vertan. Dabei war ich mir so sicher, einen größeren Schein gegeben zu haben.

  13. JJ Preston
    1. Januar 2013, 3:42

    Das Erlebnis lag nicht an den Hamburgern – sondern an der Bahnhofsbuchhandlungskette, die, wenn es die war, die ich meine, in der Stadt einen ausgesprochen miesen Ruf besitzt, und das nicht ohne Grund.

  14. KatrinW
    3. Januar 2013, 11:34

    Auf diese Weise habe ich vor vielen Jahren mal bei der Filiale einer großen Elektro-”Fach”Markt-Kette einen Kassensturz eingefordert. Da ging es um 20 vs. 50 DM. Die überaus schlecht gelaunte Kassiererin (“doch, ich weiß ganz genau, dass Sie mir ‘nen 20er gegeben haben!”) rief ihre Kollegin, die den Kassensturz machte, während sie eine Kasse weiter rückte. Ergebnis: ich hatte Recht, die unfreundliche Dame hat das genau mitbekommen, aber nicht einen Ton in meine Richtung gesagt… Großer Spaß. Dann sollen sie den Schein halt in die dafür vorgesehene Klammer außen an der Kasse stecken, bis sie das Wechselgeld rausgegeben haben, so, wie das eigentlich auch gelehrt wird. Ruf an!!

  15. Sven
    4. Februar 2013, 16:51

    Herrlich schräge Story. Ich weiss nicht wie ich reagiert hätte. Aber meine Frau hätte bestimmt die Ploizei gerufen…

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