Das Ende des Onlinejournalismus

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 14. August 2012 20:22

Ich weiß nicht, was Sie heute so den lieben, langen Tag getrieben haben, aber ich habe mich heute mal ausgiebig mit dem Privatleben verschiedener Prominenter beschäftigt.

Die “B.Z.” hatte berichtet, dass Lena Meyer-Landrut jemanden in Köln liebe und ein zusätzliches Tattoo habe. Beides waren keine Neuigkeiten, aber die Boulevard-Medien griffen es doch gerne auf (nachzulesen im BILDblog). Besonders hervorgetan hatte sich bei diesem Thema die Feld-, Wald- und Wiesenagentur dapd, die es sogar fertigbrachte, Dinge als neu zu berichten, die sie selbst zuvor schon mal als neu berichtet hatte.

Das “People”-Magazin hatte über den ersten öffentlichen Auftritt von Schauspieler Robert Pattinson nach dem Fremdgeh-Geständnis seiner Freundin Kristen Stewart geschrieben und dabei Vorkommnisse beobachtet, die im Fernsehen beim besten Willen nicht zu beobachten waren, von deutschen Boulevard-Medien aber begeistert aufgegriffen wurden (auch nachzulesen im BILDblog).

Womit wir bei der Antwort auf die Frage wären, was eigentlich schlimmer ist als Boulevardjournalisten, die sich für das Privatleben von Prominenten interessieren: Boulevardjournalisten, die sich nicht für das Privatleben von Prominenten interessieren, aber darüber berichten.

Die oft unter Boulevardmeldungen aufkommende Frage, wen das denn bitteschön interessiere und wer der dort beschriebene “Prominente” denn überhaupt sei, ist häufig Ausdruck von Überheblichkeit: Natürlich muss man Robert Pattinson, Kristen Stewart, Justin Bieber, Selena Gomez, Vanessa Hudgens, Zac Efron, Miley Cyrus und wiesealleheißen nicht kennen (es gibt ja nicht mal ein Gesetz, das vorschreibt, Barack Obama, Angela Merkel oder Joseph Ratzinger zu kennen), aber man muss ja nicht gleich die Fans runtermachen, denen diese Leute etwas bedeuten.

Meinetwegen können wir also darüber diskutieren, ob es irgendeinen Nachrichtenwert hat, mit wem eine prominente Person Tisch und Bett teilt, wo sie wohnt und was sie studiert oder nicht studiert (meine Antwort wäre ein entschiedenes “Nein!”), aber wenn so etwas einen Nachrichtenwert hat, dann sollte das doch bitte genauso ernsthaft behandelt werden, wie die Nachrichten zur Euro-Krise und zum Berliner Großflughafen. (Oh Gott, was schreibe ich denn da?!)

Ich glaube eher nicht daran, dass man verantwortungsvollen Boulevardjournalismus betreiben kann, ohne immer wieder Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Aber Boulevardjournalismus wird nicht besser, wenn den diensthabenden Redakteuren so offensichtlich egal ist, worüber sie gerade schreiben. Schreiben müssen, damit es geklickt wird. Die Leser klicken es natürlich, aber es ist, als ob sie nicht nur Fast Food bekämen, sondern Fast Food aus verdorbenen Zutaten.

Könnte man sich also vielleicht darauf einigen, das Wühlen im Dreck wenigstens den Leuten zu überlassen, die dabei ja offenbar wenigstens Talent und Interesse an den Tag legen? Also jenen amerikanischen Klatschblogs, die eh hinterher von allen anderen zitiert werden, und die ungefähr jede “wichtige” Geschichte der letzten Jahre als Erste hatten? Wer sich ein bisschen für Prominente interessiert, wird sich eh dort rumtreiben — und es hat absolut für niemanden Mehrwert, wenn meine Oma auf den Startseiten von “Spiegel Online”, “RP Online” und “Der Westen” von irgendwelchen Prominenten lesen muss, von denen sie noch nie gehört hat.

Eine solche Wertstofftrennung wäre der Anfang. Anschließend könnte man das sinn-, witz- und würdelose Nacherzählen von Internetdiskussionen über angeblich wechselwillige Fußballspieler einfach bleiben lassen, weil die Leute, die es interessiert, das eh schon gelesen haben. (Sofort verzichten sollten wir allerdings auf die bescheuerte Unsitte, Fernsehzuschauern vorzulesen, was Menschen bei Twitter über die aktuelle Sendung zu sagen haben, denn dafür gibt es ja Twitter, Herrgottnochmal!) Irgendwann könnten sich Onlinemedien dann darauf konzentrieren, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und nicht das aufzubereiten, was Nachrichtenagenturen aus dem Internet herausdestilliert haben.

Vielleicht müssten diese, dann schön recherchierten Geschichten auch nicht mehr im Netz erscheinen, sondern könnten etwas wertiger auf Papier reproduziert werden — die Leser würden vermutlich sogar dafür bezahlen. Es wäre das Ende des Onlinejournalismus. Bitte!

9 Kommentare

  1. jj preston
    14. August 2012, 21:28

    Wie kommt es nur, dass ich allein bei der Überschrift im Bildblog schon wusste, wer den Beitrag geschrieben hat? Und woher wusste ich nur, dass ich hier auch wieder fündig werden würde?

    Lukas, Lukas, pass auf, dass Du nicht zum Stalker wirst… *g*

  2. caro
    14. August 2012, 21:59

    wieso ein ende herbei wünschen, wenn man sich eine verbesserung erträumen kann?

  3. Benedikt
    15. August 2012, 11:51

    Lukas, bist Du der “neue” Freund von Lena?

  4. mathepauker
    15. August 2012, 18:22

    @ Benedikt: Am 4. Januar 2009 schrieb Lukas, er könne sich »nicht vorstellen, nach Köln zu ziehen. Für keinen Job und keine Frau der Welt.« Es sieht also – sofern er diese Einstellung noch hat – schlecht aus.

  5. Lukas Heinser
    15. August 2012, 18:58

    Hui! Gruselig, dieses Internet!

    Ich habe diese Einstellung allerdings auch im gleichen Jahr noch verworfen.

    (Trotzdem: Nein.)

  6. caro
    15. August 2012, 19:33

    hahaha, ja, sag nichts, was man später gegen dich verwenden kann ;)

  7. jens
    16. August 2012, 3:07

    Das Beispiel Lena ist genau richtig. Diese Onlineportale scheinen ja gar keine Journalisten mehr zu beschäftigen. Kopie und Einfügen und den Text ein bissl verändern kann ja jeder 14 jährige.
    Eine Zeitschrift lügt sich was zusammen und die anderen übernehmen es ohne zu hinterfragen. Und dafür wollen die noch das Leistungsschutzrecht. Das ich nicht lache!
    Inhalt ist denen egal, Hauptsache ein Klick erzeugt.

  8. Braudel
    16. August 2012, 16:30

    Wenn sich irgendwelche online-Promiseiten etwas zusammen schwurbeln halte ich das in der Regel für kein Problem, da derartige Postillen bislang nicht als zitierfähig gelten. Problematischer ist es da schon bei einigen Zeitungen aus dem Springerimperium die zwar ähnlich freihändig mit Fiktionen (oder auch bewußten Lügen) und Fakten jonglieren, allerdings zumindest konzernintern als “Quellen”-Referenz genützt werden.
    Gefährlich wird es m.E. wenn Presseagenturen einen ähnlichen Arbeitsstil übernehmen, da bei den Zweit- und Drittverwertern häufig niemand mehr sitzt, der auch nur zu einer groben Plausibilitätseinschätzung in der Lage ist. Im Fall von dapd ist dies besonders ärgerlich, da diese “Agentur”(?) auch Mittel aus öffentlichen Töpfen bekommt.
    Bei Verbreitung von erkennbar falschen Sachaussagen, sollte es Möglichkeiten geben Agenturen öffentlich abzumahnen und bei einer Häufung von solchen Vorgängen auch Instrumente für eine Sanktionierung (Bußgelder etc) zu entwickeln.

  9. Meine Leseempfehlungen : off the record
    17. August 2012, 9:04

    [...] Das Ende des Onlinejournalismus – Coffee And TV – from Coffee And TV http://www.coffeeandtv.de E-MailFacebook Published: August 17, 2012 Filed Under: Empfehlungen [...]

Diesen Beitrag kommentieren: