Beiträge vom August, 2011

Offline-Dating

Von Lukas Heinser am Montag, 29. August 2011 13:50
Kategorie: Digital Ist Besser

Das war ja zu Erwarten gewesen: Kaum hat Herr Niggemeier frei, kommt ein Super-Symbolbild daher.

Dann muss ich eben:

Zum Traumprinz via Internet: Auch immer mehr Frauen gehen im Netz auf Partnersuche - die anfängliche Geschlechter-Asymmetrie beim Online-Dating ist mittlerweile fast aufgehoben. (© dpa)
Mit diesem dpa-Foto bebildert sueddeutsche.de einen Artikel über Online-Dating. Einem Foto, auf dem eine Frau gedankenversunken auf das Foto eines Mannes schaut, das ihren Desktop ziert (gut zu erkennen an den darüber liegenden Programmsymbolen unten rechts).

Wenn es danach ginge, würde ich Online-Dating mit Getter Jaani betreiben.

Kostenfreiheit: 17,98 Euro

Von Lukas Heinser am Freitag, 26. August 2011 15:41
Kategorie: Digital Ist Besser, Living In A Magazine, TV On The Radio

Ich halte offene Briefe für weitgehend albern. Aber mein Blutdruck war zu hoch, um die E-Mail-Adresse von Christian Nienhaus zu erraten. Dann eben so:

Sehr geehrter Herr Nienhaus,

ich hätte gern das Interview gelesen, dass Sie der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” in Ihrer Eigenschaft als Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe (“Harz Kurier”, “Die Aktuelle”, “Echo der Frau”, “Der Westen”) gegeben haben. Gerne hätte ich mich weiter über die dünne Argumentationskette der Verleger informiert, die gegen die sogenannte iPhone-App der “Tagesschau” (ein Programm, das die Inhalte von tagesschau.de für moderne Mobiltelefone aufbereitet) klagen. Doch es ging nicht.

Hängen geblieben (bzw. in die Luft gegangen) bin ich schon bei Ihrer ersten Antwort, genauer bei einem kurzen Satz:

Wir halten zudem die Kostenfreiheit der Apps für nicht korrekt.

Herr Nienhaus, ich weiß nicht, wie das bei Ihnen zuhause aussieht, aber ich habe für die Inhalte der “Tagesschau”, ja: für alle Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, bereits bezahlt. 17,98 Euro jeden Monat, das ist mehr, als ich in meinem Leben für die langweiligen Lokalzeitungen Ihres Verlags ausgegeben habe. Deswegen finde ich es auch unerträglich, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten die Inhalte, die ich (mit-)bezahlt habe, wieder aus dem Internet entfernen müssen, weil die Zeitungsverleger und Privatsender (was teilweise aufs Selbe rauskommt) das so wollten.

Ich hätte gerne die Empörung in Ihrer Reihen gesehen, wenn die “Tagesschau”-App Geld kosten würde. Dann, da bin ich mir sicher, würden Sie sich nämlich meiner Argumentation anschließen, dass die Inhalte von den Zuschauern bereits bezahlt worden sind.

Ihr Interessenverband eiert seit Jahren ziellos umher und beleidigt jeden denkenden Menschen mit seinem unerträglichen Gejammer. Sie haben den Wandel vom Print- zum Internetzeitalter verpennt, jetzt sind Sie dabei, den Wandel zum App-Zeitalter ebenfalls zu verpennen. Das allein ist tragisch genug. Tun Sie sich einen Gefallen und erwägen Sie weniger durchsichtige Argumente!

Mit freundlichen Grüßen,
Lukas Heinser

Stefan Niggemeier hat seinen Blutdruck schneller unter Kontrolle gekriegt und zerlegt Nienhaus’ weitere “Argumente” bei sich im Blog.

Hallo Endorphin

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 24. August 2011 21:52
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Als ich auf dem Haldern-Pop-Festival stand, dachte ich so vor mich hin, dass ich im Moment kaum Interesse an melancholischer Musik habe und lieber den ganzen Tag Andrew W.K. höre, und dass mich selbst die großartigsten Konzerte und Platten nicht mehr so packen wie noch vor Jahren. (Immerhin habe ich in diesem Jahr verstanden, dass niemals ein Festival oder Konzert für mich so eine Bedeutung haben wird wie das Haldern 2001, weil niemals mehr eine Band so eine Bedeutung haben wird wie Travis für den 17-jährigen Lukas.)

Dann hörte ich auf WDR2 (einem Sender, den ich Tag für Tag demütig ertrage, weil er mich alle paar Wochen bis Monate mit einem grandiosen Song überrascht, den ich bis dahin gar nicht auf dem Schirm hatte) einen Song, den ich zunächst für einen Oldie hielt. Es handelte sich aber, so erfuhr ich alsbald, um die recht aktuelle Single eines Mannes namens Jonathan Jeremiah:

Ich habe keine Ahnung, was andere Medien über Jonathan Jeremiah schreiben und wie bekannt er inzwischen ist — und es interessiert mich auch nicht. Ich habe bei iTunes kurz in sein Debütalbum “A Solitary Man” hereingehört und es dann gekauft. Seitdem läuft es nahezu ununterbrochen und lässt mein Leben wirken wie eine sehr luftige romantische Komödie.

Der Klang dieses Albums ist phantastisch. Es klingt, als habe man aus Samples von 60er- und 70er-Jahre-Platten ein neues Album zusammengebaut. Vom Sound des Schlagzeugs über das Flügelhorn bis hin zu den Streichern ist es der Originalklang von Burt Bacharach und Bill Withers. Alles passt so gut zusammen und klingt so authentisch, dass ich mich ständig frage, ob das nicht zu perfekt ist, zu kalkuliert.

Doch nichts an diesem Album wirkt kalkuliert. Es hat den warmen Sound eines sehr sonnigen Herbstnachmittags (die tiefstehende Sonne auf dem Albumcover mag da in die Rezeption mit reinspielen) und die Stimme von Jonathan Jeremiah klingt sehr liebenswürdig und vertraut, wenn er über verlorene Liebe, Einsamkeit und das Zuhause (“where my people live”) singt. Das Album ist 37 Minuten kurz und ich bin jedes mal erstaunt, wenn es schon wieder durchgelaufen ist — obwohl ich die ganzen 37 Minuten mit Gänsehaut und völliger Verzückung zugehört habe.

Ich möchte mich mit Superlativen zurückhalten — zum einen, weil ich immer noch ein bisschen Angst habe, in ein paar Jahren diesen Blogeintrag wiederzufinden und mich in Grund und Boden zu schämen (aber diese Angst lässt minütlich nach), zum anderen, weil ich in den letzten Monaten und Jahren ja durchaus viele tolle Alben gehört habe, die mich durchaus berührt haben (das großartige neue Bon-Iver-Album ist hier im Blog sträflicherweise immer noch unerwähnt, aber das wurde ja sowieso überall abgefeiert). Aber “A Solitary Man” ist schon ein sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr tolles Album.

Bitte kaufen Sie sich das und schenken Sie es allen Menschen, die Sie gern haben!

Wanted dead or alive

Von Lukas Heinser am Montag, 15. August 2011 12:43
Kategorie: Social Distortion

Walter Krämer, Vorsitzender des schrecklichen “Vereins Deutsche Sprache”, durfte sich in der Ruhrgebietsausgabe von “Bild” mal wieder über “Sprachpanscher” und “Denglisch” aufregen.

Der Dortmunder Statistik-Professor, den Bild.de irritierenderweise als “Sprach-Professor” bezeichnet, erklärt in dem Interview:

“Inzwischen machen 33 000 Leute in unserem Verein mit. Darunter rund 100 bekannte Persönlichkeiten wie Hape Kerkeling, Jürgen von der Lippe, Reinhard Mey oder die kürzlich verstorbenen Otto von Habsburg und Gunter Sachs.”

Dass beim “Verein Deutsche Sprache” auch Tote mitmachen dürfen, erklärt natürlich vieles.

Wenn es passiert

Von Lukas Heinser am Montag, 15. August 2011 3:20
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Ja, das mit den Podcasts hat nicht geklappt. Das Mikrofon lief nur am HTC-Smartphone, aber da funktionierte die zugehörige App plötzlich nicht mehr. Das tat sie zwar auf dem iPod touch, aber der weigerte sich, das Mikro anzuerkennen. Die Zukunft liegt im CB-Funk, sag ich Ihnen. Egal …

Jedenfalls hab ich jetzt von jedem Act, den ich gesehen hab, ein einminütiges Video gedreht, das Sie hier zu sehen bekommen.

Festivals sind wie “Lethal Weapon”-Filme: Das Personal ist weitgehend gleich, die einzelnen Versatzstücke sind bekannt und alle paar Minuten sagt jemand, er sei zu alt für diesen Scheiß. Es fliegen nur weniger Dinge in die Luft und es werden weniger Leute von Surfbrettern enthauptet.

Die wichtigste Nachricht noch zu Beginn: Das Tragen von Jeanshemden ist in Deutschland offenbar wieder straffrei möglich. Vermutlich hat die Bundesregierung verschlafen, das entsprechende Gesetz zu verlängern und jetzt haben wir alle den Salat. Schön ist das nicht!

Und nun: Musik!

Yuck

In Haldern steht ein Spiegelzelt und ich hasse es — wenn ich nicht reinkomme. Vor dessen Einlass hat sich eine mehrere hundert Meter lange Schlange gebildet, in denen die Menschen friedlich und in Zweierreihen darauf warten, noch hineingelassen zu werden. Einigermaßen vergeblich, wie ihnen selbst klar sein muss. Aber die Konzerte von drinnen werden nach draußen in den Biergarten übertragen und so können wir alle Yuck aus London sehen und hören, die neue Shoegaze-Sensation. Der angenehm schrammelige Sound ihres selbstbetitelten Debütalbums kommt auch live schön rüber und das Jeanshemd darf der Sänger (der in jedem Bob-Dylan-Biopic die Idealbesetzung wäre) ja wieder tragen.

Julia Marcell

Mit ihrer durchsichtigen Bluse bringt Julia Marcell ein bisschen ESC-Atmosphäre aufs Haldern. Vielleicht ist es aber auch nur ein Regencape, sowas tragen hier draußen grad alle. Musikalisch wäre das stellenweise auch beim Songcontest denkbar, aber mit diesen Björk-Anleihen käme Polen vermutlich nicht ins Finale. Julia Marcells neues Album erscheint auf Haldern Pop Recordings, das Programmheft spricht von “Opulenz”, was es wohl ganz gut trifft.

The Avett Brothers

Das könnten vom Publikumszuspruch her die nächsten Mumford & Sons werden — nur, dass die Avett Brothers schon viel länger dabei sind und (zumindest zum Teil) wirklich Brüder sind. Bei den diesjährigen Grammys haben sie gemeinsam mit Mumford & Sons und Bob Dylan performt und damit ist ja wohl alles gesagt. Ihr folkiger Rock mit Bluegrass- und Punkeinflüssen kommt super an, die Menschen tanzen auch draußen im Nieselregen, nur der Sound ist leider sehr schlecht.

[...]

Haldern-Podcasts

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 11. August 2011 11:01
Kategorie: Digital Ist Besser, Rock'n'Roll High School

Zweites Augustwochenende, schlechtes Wetter — die Zeit ist reif fürs Haldern Pop Festival!

Ich mach mich gleich auf den Weg zu meinem 12. Haldern machen und freue mich schon sehr auf The Low Anthem, The Wombats, James Blake, Fleet Foxes, Yuck, Alexi Murdoch und viele andere.

Hier im Blog werden wir etwas ganz Neues ausprobieren, von dem ich selbst am Meisten überrascht wäre, wenn es funktionierte: Jeden Abend, nachdem die (meisten) Konzerte vorbei sind, werden wir einen kleinen Podcast aufnehmen und anschließend direkt hier veröffentlichen. (Das Konzept ist natürlich abgeschaut von der SXSW-Berichterstattung von “All Songs Considered”.)

Mit etwas Glück, viel Mondlicht und ein paar Hühnerknochen sollten Sie hier im Blog in den nächsten drei Tagen also drei Podcasts finden. Wenn nicht, stellen sie sich bitte einfach vor, wie ich in meinem Zelt sitze und Hard- und Software vielfarbig verfluche.

Nachtrag, 14. August: Ja, gut, äääh …

Auswärtsspiel: TVLab

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 10. August 2011 16:23
Kategorie: Digital Ist Besser, TV On The Radio

Auf ZDF_neo startet demnächst das “TVLab”, wo völlig neuartige TV-Konzepte vorgestellt und erprobt werden sollen.

Begleitet wird das Projekt von einem Blog und ich hatte die Ehre, den ersten Eintrag zu verfassen. Die Ausgangsfrage lautete “Worüber sollen wir reden, wenn nicht über das Fernsehen?” und – ohne zu viel zu verraten – ich komme zu dem Schluss: über nichts, bitte!

Der Beitrag bei blog.zdf.de

Die Bonner Republik

Von Lukas Heinser am Montag, 8. August 2011 1:11
Kategorie: Political Science, Social Distortion

Das Land meiner Kindheit existiert nicht mehr. Es ist nicht einfach untergegangen wie die DDR, in der ein paar meiner Freunde ihre ersten Lebensjahre verbracht haben, aber es ist auch nicht mehr da.

Früher, als in den Radionachrichten noch die Ortsmarken vorgelesen wurden, gab es dieses Wort, das mehr als ein Wort oder ein Städtename war: “Bonn.” Damals braucht man in den Nachrichten noch keine Soundtrenner zwischen den einzelnen Meldungen, denn es gab dieses Wort, das wie ein Trenner klang, wie der Schlag mit einem Richterhammer. Bonn.

Bonn war die Hauptstadt des Landes, in dem ich lebte, und die Stadt, in der meine Oma damals lebte. Ich glaube nicht, dass ich das eine mit dem anderen jemals in einen Zusammenhang gebracht habe, aber das Land, in dem ich lebte, wurde von alten, grauen Männern in karierten Sakkos regiert und ihre Entscheidungen wurden von gleichermaßen alten, gleichermaßen grauen Männern in gleichermaßen karierten Sakkos verlesen.

Wahrscheinlich wusste ich damals noch nicht, was “regieren” bedeutet und welche Funktion die letztgenannten Männer hatten (außer, dass man als Kind still sein musste, wenn sie zur Abendbrotzeit über den Fernseher meiner Großeltern flimmerten), aber es gab einen dicken Mann mit lustigem Sprachfehler, der immer da war und das war – neben Thomas Gottschalk – der König von Deutschland.

Die Auswirkungen, die die Existenz Helmut Kohls auf ganze Geburtenjahrgänge hatte, sind meines Wissens bis heute nicht untersucht worden. Aber auch Leute, die in den ersten acht bis sechzehn Jahren ihres Lebens keinen anderen Bundeskanzler kennengelernt haben, sind heute erfolgreiche Musiker, Fußballer, Schauspieler oder Autoren, insofern kann es nicht gar so verheerend gewesen sein.

Es passte fast drehbuchmäßig gut zusammen, dass Kohls Regentschaft endete, kurz bevor das endete, was er geprägt hatte wie nur wenige andere alte Männer: die Bonner Republik. Gerhard Schröder wurde Kanzler und plötzlich wirkte die ganze gemütliche Bonner Bungalow-Atmosphäre angestaubt. Schröder zog nach einem halben Jahr in einen grotesken Protzbau, den Helmut Kohl sich noch ausgesucht hatte, der aber magischerweise von der Architektur viel besser zu Schröder passte. Bei Angela Merkel hat man häufig das Gefühl, sie säße lieber wieder in einem holzvertäfelten Bonner Büro.

Die Berliner Republik währte nur drei Sommer. Das hatte ausgereicht für ein bisschen Dekadenz und Fin de Siècle, für einen Kanzler mit Zigarren und Maßanzügen, einen schwulen Regierenden Bürgermeister in Berlin und die vollständige Demontage von Helmut Kohl und weiten Teilen der CDU. In ganz Europa herrschte Aufbruchstimmung: Unter dem Eindruck von New Labour war ganz Europa in die Hände der sogenannten Linken und Sozialisten gefallen, die Sonne schien, alles war gut und nichts tat weh.

Dann kamen der 20. Juli und der 11. September 2001.

Bitte? Sie wissen nicht, was am 20. Juli 2001 passierte? An jenem Tag starb Carlo Giuliani auf den Straßen Genuas. Der 20. Juli hätte der 2. Juni unserer Generation werden können, Giuliani war schon wenige Wochen später als Posterboy der aufkommenden Anti-Globalisierungs-Bewegung auf der Titelseite des “jetzt”-Magazins. Doch 53 Tage später flogen entführte Passagierflugzeuge ins World Trade Center und Giuliani geriet derart in Vergessenheit, dass ich zu seinem 10. Todestag keinerlei Berichterstattung beobachten konnte. In Berlin tagte nun das Sicherheitskabinett, das aber auch in Bonn hätte tagen können, irgendwo in der Nähe des atomsicheren Bunkers im Ahrtal.

Das, was die CDU-Parteispendenaffäre von Helmut Kohl übrig gelassen hatte, wird gerade zerlegt — so zumindest die Meinung verschiedener Journalisten. Zwei Biographien, eine über Hannelore Kohl, eine Auto- von Walter Kohl, enthüllen, was niemand für möglich gehalten hätte: Die ganze schöne Fassade der Familie Kohl war nur … äh … Fassade.1

Die Familienfotos der Kohls weisen eine erstaunliche, aber kaum überraschende Deckungsgleichheit mit den Kindheitsfotos meiner Eltern (und mutmaßlich Millionen anderer Familienfotos) auf: Jungs in kurzen Hosen, die Familie am Frühstückstisch, auf dem ein rot-weiß kariertes Tischtuch ruht.2 Das alles in einer heute leicht ins Bräunliche changierenden Optik und obwohl die Anzahl von Gartenzwergen objektiv betrachtet auf den meisten Bildern bei Null liegt, hat man doch, sobald man nicht mehr hinschaut, das Gefühl, mindestens einen Gartenzwerg erblickt zu haben.3 Meine Kindheitsfotos sahen schon ein bisschen anders aus, verfolgten aber noch das gleiche Konzept. Auf heutigen Kinderfotos sieht man Dreijährige im St.-Pauli-Trikot auf Surfbrettern stehen, Gartenzwerge werden allenfalls von ihnen durch die Gegend getreten.

Die Gemütlichkeit der Bonner Republik ist verschwunden, obwohl ihre Bevölkerung immer noch da ist. Regelmäßig entsorgt man die Kataloge von Billigmöbelhäusern, die Schrankwände Versailler Ausmaße und Pathologie-erprobte Fliesentische anbieten, und regelmäßig fragt man sich, wer außer den Ausstattern von Privatfernseh-Nachmittagsreportagen so etwas kauft. Dann klingelt man mal beim Nachbarn, weil die Regenrinne leckt, und schon kennt man wenigstens einen Menschen, der so was kauft. In Deutschland gibt es 40,3 Millionen Haushalte und Ikea kann nicht überall sein. Ein Blick auf die Leserbriefseite der “Bild”-Zeitung oder in die Kommentarspalten von Online-Medien beweist, dass auch die Aufklärung noch nicht überall sein kann.

Eigentlich hat sich wenig geändert (oder alles, dann aber mehrfach), aber Deutschland wird heute … Entschuldigung, ich wollte gerade “Deutschland wird heute von Berlin aus regiert” schreiben, was völliger Unfug gewesen wäre, weil Deutschland nachweislich nicht regiert wird. Die deutsche Hauptstadt ist also heute Berlin, eine Stadt, die eigentlich gar nicht zum Rest Deutschlands passt: Eine Metropole, von der vor allem Ausländer schwärmen, sie sei der Ort, an dem man jetzt sein müsse. Ganze Landstriche in Schwaben und Ostwestfalen liegen verlassen da, weil ihre Kinder das Glück in der großen Stadt suchen. Von Bonn wurde solches nie berichtet.

Am Samstag war ich nach rund zwanzig Jahren mal wieder in Bonn. Der erste Taxifahrer, zu dem ich mich in Auto setzte, konnte nicht lesen und schreiben, was die Bedienung seines Navigationsgeräts schwierig machte. Der zweite musste seinen Kollegen fragen, wo die gesuchte Straße liegen könnte. Ich wollte in eine Neubausiedlung, erstaunlich, dass es das in Bonn gibt. Ich saß auf dem Beifahrersitz in der freudigen Erwartung eines Deutschlandbildes voller Bungalows und Gartenzwerge, aber Bonn sah eigentlich aus wie überall. Für einen Moment fühlte ich mich sehr zuhause.

  1. Und wie sehr das Privatleben von Politikern ihr Vermächtnis trüben können, sieht man ja etwa an John F. Kennedy und Willy Brandt. []
  2. Es gab damals – was nur die Wenigsten wissen – ein Tischdecken-Monopol in Deutschland: Alle wurden in der Fabrik eines geschäftstüchtigen, aber latent wahnsinnigen Fans des 1. FC Köln produziert. Bitte zitieren Sie mich dazu nicht. []
  3. Natürlich ganz ordentliche Gartenzwerge und nicht so ein pfiffiges neumodisches Exemplar mit Messer im Rücken oder entblößtem Genital. []

Von demagogischen Zwergen

Von Lukas Heinser am Samstag, 6. August 2011 15:24
Kategorie: Digital Ist Besser

Stefan Niggemeier hat gestern über eine freie Journalistin gebloggt, die in vier verschiedenen Medien folgende Sätze geschrieben hatte:

Die Wettervorhersage ist Interpretationssache. Bei einer komplizierten Gemengelage kann ein- und dasselbe Meteoritenbild von zwei Meteologen unterschiedlich bewertet werden.

(Stefan hat sich bei der Bebilderung seines Eintrags leider vertan. Wie so ein Meteoritenbild wirklich aussieht, haben wir mal im BILDblog gezeigt.)

Unfälle mit Fremdwörtern können beim Schreiben schon mal passieren. Blöd ist halt, wenn solche Fehler in Online- und Printmedien enden, weil sie niemand als solche erkennt (dass “Meteologen” falsch ist, hatten immerhin zwei der vier Medien erkannt).

Was uns zu stern.de bringt:

Der demagogische Teufelskreis. Davon ist Deutschland weit entfernt und Besserung ist nicht in Sicht: Die Geburtenrate ist ebenfalls am Boden und die niedrigste in der EU. 8,3 Geburten kommen auf 1000 Einwohner. Die Bertelsmann Stiftung macht dafür die schrumpfende Elterngeneration verantwortlich, also die Menschen, die geradezu prädestiniert dazu sind, Nachwuchs zu bekommen. Und eben jene Männer und Frauen zwischen 22 und 35 Jahren werden in Deutschland auch ständig weniger. Ein demagogischer Teufelskreis: Weniger junge Eltern bekommen weniger Kinder, die Elterngeneration schrumpft weiter, bekommt noch weniger Kinder

Und zu “Spiegel Online”:

Nach der Abstufung der USA gibt es nur noch 18 Staaten, die von S&P die Bestnote AAA erhalten, dazu zählen allerdings auch einige Steueroasen und Zwergenstaaten.

[via Thomas J.]

Stichwort Justizverdrossenheit

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 4. August 2011 20:21
Kategorie: Digital Ist Besser, Social Distortion

Zum Urteil, das das Landgericht Frankfurt heute im Fall des Kindesentführers und -mörders Magnus Gäfgen gefällt hat (und bei dem Gäfgen zu 80% “verloren” hat), ist im Laufe des Tages schon viel Unsinn geschrieben worden.

Dümmer als der letzte Absatz im Kommentar von Christian Denso bei “Zeit Online” dürfte es unter Einhaltung der Naturgesetze aber nicht mehr werden:

Doch selbst wenn Magnus Gäfgen nach der neuerlichen Entscheidung endlich Ruhe geben sollte: Das Urteil des Frankfurter Landgerichts reiht sich ein in eine beunruhigende Serie von Richter-Entscheidungen “im Namen des Volkes”, die zwar Recht darstellen mögen, aber von diesem Volk zu großen Teilen nicht verstanden werden. Sei es im Fall der Sicherungsverwahrung von Sexualstraftätern, bei Entscheidungen, Jungkriminelle nicht in Untersuchungshaft zu nehmen oder eben bei den Rechten, die auch einem Kindsmörder zugestanden werden müssen. Eine Rechtsprechung, die nur Juristen nachvollziehen können, bewegt sich auf unheilvollem Weg.

Das Volk versteht also nicht, was es mit Grund- und Menschenrechten auf sich hat. Hmmm, wer könnte es dem Volk denn erklären? Man bräuchte Menschen, die Texte schreiben, die dann vom Volk gelesen werden. Texte, die sauber recherchiert wurden und alle Fakten und Positionen abbilden, ohne dabei in Populismus zu verfallen. Die Autoren dieser Texte bräuchten noch eine Berufsbezeichnung — wie wäre es mit “Journalisten”?

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