Eis, Wurst und Käse

Von Lukas Heinser, 4. Juli 2011 16:28

Um ehrlich zu sein, hatte ich bis gerade nicht gewusst, dass es in Bochum ein mittelständisches Unternehmen namens Wurst-König gibt (es gibt halt nur eine Currywurst — weltweit). Nun weiß ich es, ebenso wie, dass es in Bochum eine Nachwuchs-Punkband namens Erdbeereis gibt. Und die beiden haben ein Problem miteinander.

Erbeereis haben offenbar einen Song namens „Wurst-König“ — oder besser: hatten, denn die Anwälte des Unternehmens haben von der Band eine Unterlassungserklärung eingefordert.

Die Band stellte gestern diese rührend hilflose Erklärung online:

Ich kenne den Song nicht, vertraue aber auf das Urteil, das Stefan Laurin bei den „Ruhrbaronen“ gefällt hat:

Das sich Wurst-König darüber aufregt, kann ich gut verstehen. Der übliche Tierrechtlerschwachsinn inklusive Tier-KZ und Beleidigung. Tiefstes Peta-Niveau. Geht nicht. Aber seien wir mal ehrlich: Das sind Kinder. Und das Argument mit dem 35.000 Euro Schaden ist Quatsch.

Wer schon mal das zweifelhafte Vergnügen solcherlei juristischer Auseinandersetzungen hatte, weiß, dass die Höhe solcher angeblichen Schadenssummen vor allem von zwei Faktoren abhängt: der Vorstellungskraft eines Anwalts und den Tasten, die seine Tastatur so hergibt (wahlweise auch das Wetter in der letzten Vollmondnacht). 35.000 Euro Schaden erscheinen entsprechend willkürlich bei etwa 800 bis 900 Views bei YouTube und MySpace — zumal jugendliche Punkfans (besonders die, die auch noch Vegetarier oder Veganer sind) jetzt eher nicht als potentielle zahlungskräftige Kunden einer Metzgerei gelten dürften.

Wurst-König-Geschäftsführerin Iris Rach hat den „Ruhr Nachrichten“ erklärt, warum sie glaubt, dass sie so handeln musste:

„Es wurde nicht nur der Name benannt, sondern auch Bilder aus unseren Filialen im Video gezeigt“, betont Iris Rach. Mitarbeiter seien auf den Bildern notdürftig mit einem Balken unkenntlich gemacht worden. Für eine Anonymisierung reicht dies nicht. „Ich sah mich gezwungen etwas zu unternehmen“, so Rach.

Ein Gespräch mit der Band habe es nicht gegeben. „Ich konnte keinen Kontakt herstellen“, sagt die Geschäftsführerin. Eine Adresse oder eine konkrete Ansprechperson ist weder auf YouTube noch auf der bandeigenen MySpace-Seite zu finden. Die Unternehmensleitung habe sich gezwungen gesehen, einen Anwalt einzuschalten. „Ich hätte gern einen anderen Weg gewählt“, sagt Rach.

Die ganze Situation ist ein arges Dilemma: Die Empörung von Wurst-König ist sicherlich verständlich, der potentielle Schaden aber eher ein theoretischer. Das mit der Kontaktaufnahme ist sicher auch blöd gelaufen, denn es gibt bei YouTube und MySpace (die Älteren werden sich erinnern) zwar sogenannte „Kontakt“-Buttons, die einem die Kontaktaufnahme mit den Profilbetreibern ermöglicht — aber blöderweise nur, wenn man dort selbst einen Account hat. Da ist der Anruf beim eigenen Anwalt deutlich weniger aufwendig.

Bei den „Ruhrbaronen“ schreibt Stefan Laurin vom „Streisand-Effekt“ und in der Tat dürften jetzt schon mehr Menschen von dem Song gehört haben, als ihn jemals zu Gehör bekommen haben. Nun ist die Firma nicht gegen die Verbreitung wahrer Tatsachen vorgegangen, sondern gegen ein Schmäh-Lied, was den Vergleich mit Streisand etwas schief erscheinen lässt. Natürlich ist es denkbar, dass sich ein Internetmob noch auf Wurst-König einschießen könnte — immerhin wurden in den Kommentaren bei den „Ruhr-Baronen“ erste Boykott-Aufrufe laut. Und gerade, als ich schreiben wollte, dass einem regional tätigen Metzger die Empörung im Internet auch egal sein könne, fiel mir auf, dass ihm dann auch das verunglimpfende Lied hätte egal sein können. Es ist, wie gesagt, ein arges Dilemma.

Die „Ruhr Nachrichten“ berichten, dass die Wurst-König-Geschäftsführerin keine weiteren rechtlichen Schritte gegen die Band einleiten wolle:

Mit dem Löschen der Videos sei der Fall für sie erledigt. Die Anwaltskosten müssten die Jungs von Erdbeereis aber zahlen.

1.099 Euro (die Höhe der Anwaltskosten richtet sich in der Regel nach der Höhe der angesetzten Schadenssumme) sind viel Geld für fünf Jugendliche. Da die Mitglieder öfter in der Bochumer Fußgängerzone musizieren, werde ich ihnen dort demnächst mal einen Schein in den Hut werfen und mit väterlichem Blick „Aber das macht Ihr nie wieder, ne?“ sagen. Und bei Wurst-König werden sie sich womöglich von ihren „Ruhr Nachrichten“ lesenden Kunden fragen lassen müssen, ob das denn wirklich nötig war.

Ich selbst bin ganz froh, dass es zu meiner Punkband-Zeit noch kein Internet gab.

Nachtrag, 23.25 Uhr: Inzwischen wurde auch das Video, in dem die Band über die Anwaltspost spricht, von ihr wieder entfernt. Keine Ahnung, was da jetzt wieder los war.

15 Kommentare

  1. Michael
    4. Juli 2011, 17:09

    1099 Euro weil die Frau Rach zu dämlich war, Kontakt aufzunehmen? Da denkt man sich direkt ein paar unschöne Sachen.

  2. SvenR
    4. Juli 2011, 17:11

    Das ist so ein klassisches „da passieren Dinge im Internet, die auch ohne ein Problem wären“-Ding.

    Der Streitwert ist absurd hoch und ich würde der Firma Wurst-König ein freundliches Enstschuldigungsschreiben (auf Papier, ordentlich getippt, von Hand von allen unterschrieben) schicken mit der Bitte, den Anwalt den Streitwert korrigieren zu lassen. Und wenn Wurst-König nicht total bescheuert sind werden die auf ihren Anwalt einwirken und einen angemessenen Streitwert zu Grunde legen lassen.

  3. Lukas Heinser
    4. Juli 2011, 17:23

    Darf ich Sie einfach bitten, hier nicht auch noch irgendwelche Leute als „dämlich“ (u.ä.) zu bezeichnen?

  4. SvenR
    4. Juli 2011, 17:44

    Entschuldigung. Du hast ja recht.

  5. eva
    4. Juli 2011, 18:04

    ach, die jungs tun mir ja auch leid. aber ich kann keine wirkliche ungerechtigkeit ausmachen. mist bauen, ausbaden. das muss doch jeder mal lernen.

  6. Wurst-König und Erdbeereis: Was in Bochum so passiert… » Pottblog
    4. Juli 2011, 18:24

    […] muss jetzt die Band 1099 Euro für den Anwalt zahlen. Ich sehe es ehrlich gesagt wie Lukas, das ich mich auf das textliche Urteil der Ruhrbarone (bzw. von Stefan Laurin) verlasse – […]

  7. Gunnar
    4. Juli 2011, 23:14

    Der übliche Tierrechtlerschwachsinn inklusive Tier-KZ und Beleidigung. Tiefstes Peta-Niveau.

    Was soll eigentlich dieser Schwachsinn? Dümmer gehts ja kaum.

    Man muss ja gar nicht über den Fleichkonsum allgemein diskutieren, aber dass es unfassbare Zustände bei der Mast und bei Schlachtungen gibt, ist eine Tatsache.
    Wenn da nun ein paar junge Leute sind, die gegen diesen Irrsinn in ihrer jugendlichen Art polemisieren und der Welt ihre Meinung dazu mitteilen, dann ist das unterstützenswert.

    Bild-Niveau beim Bildblog-Macher.

  8. Horst
    4. Juli 2011, 23:17

    die ‚rührend hilflose Erklärung‘ ‚has been removed by user‘
    Meinung zu der ganzen Sache habe ich noch keine richtige. Unternehmen im Internet zu verunglimpfen ist immer sone Sache.

  9. Julius
    5. Juli 2011, 1:40

    „Wurst-König“? Aha, interessant. Merk ich mir. Kauf ich nicht.
    Zwingt mich doch.

  10. Tommy
    5. Juli 2011, 8:31

    Die Band klingt aber mehr nach Wolfgang Petry als nach Punk.

  11. Tommy Finke
    5. Juli 2011, 8:40

    Das Video wurde meinen Informationen nach wieder entfernt, weil die Band das große öffentliche Interesse in diesem Fall nicht unbedingt hilfreich findet. So zumindest der Gitarrist im Gespräch. Die Band habe sich daher entschlossen zumindest dieses Statement wieder zu entfernen, damit die Sache intern und nicht öffentlich geregelt wird.

  12. Lukas Heinser
    5. Juli 2011, 10:09

    Das Video wurde meinen Informationen nach wieder entfernt, weil die Band das große öffentliche Interesse in diesem Fall nicht unbedingt hilfreich findet.

    Okay, die Kinder brauchen (ebenso wie die Metzgerei) dringend einen PR-Berater — oder wenigstens einen Internet-Führerschein.

  13. Tommy Finke
    5. Juli 2011, 16:53

    Ich habe es versucht, Herr Heinser, ich habe es versucht.

  14. Uschi
    6. Juli 2011, 15:29

    Also im Moment weiß man nicht mehr, worüber sich eigentlich gestritten wird.
    Die Jungs haben etwas nicht beachtet und sind nun alle groß genug, um dafür gerade zu stehen.
    Man kann sich doch zu den schlechten Verhältnissen in der Tierschlachtung äußern, aber es kann nicht sein, dass man damit einem Unternehmen schadet, von dem man eigentlich gar nicht weißt, wo die Wurst herkommt.
    Also Erdbeereis, macht weiter gute Musik, aber passt auf, wie ihr diese verpackt und rüber bringt.
    Aus Fehlern lernt man und vielleicht hilft manchmal auch eine Entschuldigung.

  15. ▲ ROCK FUCKER ROCK | just an online fanzine » Archiv » Elefantenrunde der Underground-Acts: Billy Rückwärts, Friedlich Chiller, Ey Lou Flynn und Erdbeereis im Gespräch
    31. Mai 2012, 19:18

    […] Erdbeereis: Das größte Kompliment und die größte Beleidigung, die man uns entgegengebracht hat, stammen aus dem selben Artikel. Es ging um unsere Wurst-König-Klage und dort schrieb man: “…die erfolgreiche (Kompliment) Teenie Band (Beleidigung) Erdbeereis…” [Anm. d. Red: Wer wissen möchte, was da überhaupt los war, lese hier nach] […]

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