Beiträge vom Juli, 2011

Taking Oslo back

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 27. Juli 2011 20:47
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Social Distortion

Als ich am Freitag Nachmittag die ersten Bilder aus Oslo sah, fühlte ich mich auch persönlich betroffen. Immerhin war zum ersten Mal eine Bombe in einer Stadt explodiert, in der ich vorher schon mal gewesen war. Es ist eine merkwürdige Formulierung, weil es natürlich kein Volk dieser Erde verdient hätte, aber die friedlichen, liebenswürdigen Norweger hatten es irgendwie ganz besonders wenig verdient.

Die Norweger reagieren jetzt mit dem Aufruf zur Versöhnung, zum Frieden und zur Liebe, was mir einerseits gleich noch mal das Herz bricht, dieses aber andererseits auch wärmt. Stimmen wie die der instinkt- und würdelosen CSU-Falken, die härtere Sicherheitsgesetze forderten, noch ehe die Leichen kalt waren, habe ich aus Norwegen keine vernommen.

In zwei Wochen findet in Oslo das Øya-Festival statt, das Menschen, die schon mal dort waren, als eines der schönsten Festivals überhaupt bezeichnen. Die Organisatoren haben mit sich gerungen, ob sie es absagen sollten — und sich dann dagegen entschieden.

Stattdessen schreiben sie:

The last few days have been heavy and unreal. Our thoughts go out to everyone who has lost someone or in some other way has been affected by the tragedy in the centre of Oslo and at Utøya. We send our condolences and compassion to the people who are struggling right now. These are times for mourning and reflection, and we know that many will now have to use all their time and energy on working through what has happened. In the midst of all this, we find it important that our city and its citizens shall not be broken by what happened this weekend. Organisers of concerts and events in Oslo have jointly agreed that this shall not stop us. The Police, the Government and the general audience have expressed a strong wish that Oslo resumes some kind of normality as soon as possible. Together with the population of Oslo and visitors from abroad we wish to take our city back. Festivals, concerts and other cultural or sports events are meant to be arenas for common experiences, unity and positive impressions during hard times. We hope that our events can help ease the sadness and also be good meeting places in the days and weeks to come. We wish to take Oslo back by once again filling it with the great variety of cultural activities this city is known for and also by spreading a clear message that our population wants to take care of each other.

Ich möchte gleich ein ganzes Land in den Arm nehmen.

Der blonde Teufel von Seite 1

Von Lukas Heinser am Dienstag, 26. Juli 2011 15:43
Kategorie: Digital Ist Besser, Living In A Magazine, Social Distortion

Der Fußballweltverband FIFA steht nicht gerade in dem Verdacht, ein Ort zu sein, an dem logische und rationale Entscheidungen gefällt werden. Doch die FIFA hat ihren eigenen Fernsehleuten, die etwa die Liveübertragungen von Fußballweltmeisterschaften durchführen, die Anweisung gegeben, mögliche Störer im Stadion nicht im Bild zu zeigen. Was auf den ersten Blick nur wie die Wahrung einer Heile-Welt-Fassade aussieht, ist in Wahrheit viel logischer begründet: Störer wollen Öffentlichkeit, also gilt es, diese Öffentlichkeit zu vermeiden. Von dem (komplett bekleideten) “Flitzer” beim letztjährigen WM-Finale war also in der offiziellen FIFA-Übertragung fast nichts zu sehen — erst die Medien berichteten hinterher, dass es sich um jenen Spanier handelte, der schon beim Eurovision Song Contest in Oslo die Bühne gestürmt hatte, und boten dem Mann damit die Bühne, die er mit seinen Aktionen sucht.

Jedes Mal, wenn irgendwo in der Welt ein Schüler Amok läuft, überbieten sich die Medien darin, dem feigen, armseligen Täter das Denkmal zu errichten, das er mit seiner Tat errichten wollte. Wenn es Fotos gibt, die den späteren Täter mit Trenchcoat, Sonnenbrille und Pistole zeigen, dann kommt das auf die Titelseiten der Zeitungen. Und mithilfe möglicher Profilseiten in sozialen Netzwerken wird eine Exegese betrieben, die jeweils nur einen Schluss zulässt: Man hätte es kommen sehen müssen.

Jetzt also dieser Mann, der in Oslo eine Bombe gezündet und auf Utøya ein Blutbad angerichtet hat. Er hat – anders als die allermeisten Amokläufer – nach seiner Tat keinen Selbstmord begangen, sondern sich festnehmen lassen. Seine Verhaftung solle den Beginn einer “Propagandaphase” markieren, hat er geschrieben. Er hat nicht nur Videobotschaften oder wirre Artikel vorbereitet, er ist auch noch selbst da, um zu sprechen — und er will sprechen, das ist klar. Damit erinnert er ein wenig an John Wilkes Booth, der auf die Bühne sprang, nachdem er Abraham Lincoln in einem Theater erschossen hatte. Der Täter aus Norwegen sucht eine Bühne und die Medien stellen sie ihm zur Verfügung.

Keine deutsche Boulevardzeitung kam am Montag ohne ein Foto des Mannes aus, den sie wahlweise als “Mord-Maschine” (“Berliner Kurier”), “Bestie” (“Express”) oder “Teufel” (“tz”, “Bild”) bezeichneten. Blätter wie die “Hamburger Morgenpost” oder die “Abendzeitung” taten ihm den Gefallen und zeigten ihn in Kampfmontur, mit Waffe im Anschlag. Ein Bild wie aus einer Werbeanzeige für jene Computerspiele, die von den gleichen Medien dann gerne “Killerspiele” genannt werden.

Medien wie “Spiegel Online” griffen dankbar die Brocken auf, die ihnen der Täter bei Facebook, YouTube und in irgendwelchen zwielichtigen Webforen hingeworfen hatte, und bastelten sich aus diesen Informationen halbgare Psychogramme. Nicht einmal Lady Gaga schafft es, dass die Medien exakt so über sie berichten, wie sie sich das wünscht, doch dem Täter vom Freitag ist genau das gelungen. So wie Detective David Mills in “Sieben” am Ende den perfiden Plan des Killers vollendet, erweisen sich die Journalisten jetzt als willfährige Erfüllungsgehilfen einer Propaganda, die sie selbst als geisteskrank brandmarken.

Es muss schon einiges falsch gelaufen sein, wenn die Stimme der Vernunft ausgerechnet aus dem Körper von Franz Josef Wagner spricht:

Ich glaube, die höchste Strafe für den Attentäter wäre die Bedeutungslosigkeit. Nicht mehr über ihn zu berichten, seine Fotos nicht mehr zu zeigen, seine wirren Ideen nicht mehr im Internet zu lesen.

Dieser Typ will ja, dass alle Welt über seine Morde berichtet. Die Höchststrafe für diesen Psycho ist, dass er ein kleines Arschloch ist.

(Wagners Worte erschienen natürlich in einer Zeitung, die dieses “kleine Arschloch” heute vier Mal zeigt, davon einmal groß auf der Titelseite. Und einen Tag, nachdem Wagner seine “Post” an den Täter adressiert hatte.)

Der Täter hat darüber hinaus ein “Manifest” von 1.516 Seiten verfasst. Es dürfte (wie die meisten “Manifeste” dieser Art) eine eher freudlose Lektüre abgeben. Und es stellt die potentiellen Leser (also mutmaßlich vor allem Journalisten) vor die Frage, wie sie mit der Ideologie des Täters umgehen sollen.

Möglichkeit Eins ist der Klassiker, der bereits in vollem Gange ist: Die Dämonisierung. Menschen, die Jugendliche in einem Ferienlager erschießen, kleine Kinder missbrauchen oder die Eroberung Europas und die Auslöschung aller Juden planen, sind eine enorme Herausforderung für das menschliche Gehirn. Einfacher wird es, wenn die Tat von einer “Bestie” oder einer “Mord-Maschine” verübt wird — dann kann man sich im Lehnstuhl zurück lehnen und das Grauen beobachten wie eine Naturkatastrophe. Solange wir die Deutungshoheit darüber haben, wer Mensch ist und wer nicht, haben wir zumindest ein minimales Restgefühl von Kontrolle. Deswegen ist es so verlockend, Täter in außermenschliche Kategorien einzusortieren.

Möglichkeit Zwei wäre die inhaltliche Auseinandersetzung. Sie ist technisch (im Sinne von “in den meisten menschlichen Gehirnen”) unmöglich, weil sie von einer eingebauten Moralsperre blockiert wird. Das theoretische Gerede vom “Kulturmarxismus” (aktuell) oder der “Judenrasse” (historisch) taugt nicht mal als Arbeitshypothese, die man argumentativ widerlegen könnte, weil es praktisch zur Legitimation von Taten herangezogen wurde, die jeder Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, verurteilen muss.

Muss man das “Manifest” also lesen und besprechen? Dafür spräche, dass der Täter darin recht weit verbreitete Ängste aufgreift, etwa vor einer “Überfremdung” und einem “Identitätsverlust”. Es sind die gleichen Ängste, die auch von islamophoben Hassblogs bedient werden, die mit Stimmungen und falschen Fakten hantieren, oder von Politikern verschiedener Parteien. Deswegen werden jetzt Logikketten geknüpft, die Thilo Sarrazin, Henryk M. Broder und andere Lautsprecher in einen direkten oder indirekten Zusammenhang mit dem norwegischen Massenmörder setzen. Das ist ungefähr so billig wie die Argumentationsweise der Gegenseite, die eine direkte Linie vom Koran zum islamistischen Terror ziehen will. Dabei ist Broder nur ein Borderline-Komiker, der sich auch die rechte Hand abhacken würde für eine billige Pointe, ein bisschen Applaus und viel Aufruhr.

Gegen die ausführliche Exegese des Manifests spricht, dass es nie jemand gelesen hätte, wenn sein Autor nicht durch ein die Vorstellungskraft herausforderndes Verbrechen darauf aufmerksam gemacht hätte. Es ist ein perverser PR-Plan eines offensichtlich kranken Mannes und die Medien tun alles, um diesen Plan aufgehen zu lassen.

Die Medienberichterstattung, die sich nach Verbrechen so häufig auf die Täter konzentriert, mag eine kathartische Wirkung haben. Wir fühlen uns besser, wenn wir den immer freundlichen Nachbarn und Sachbearbeiter, der einen kleinen Jungen missbraucht und getötet hat, anschließend als “Schwein” bezeichnen, und vielleicht glauben Journalisten tatsächlich, dass es irgendetwas ändern oder irgendwie helfen kann, ihn in einem unscharfen Foto für jeden erkennbar auf der Titelseite zu zeigen. Doch es ist vor allem ein Ausdruck von Hilflosigkeit (die völlig okay ist, sich nur vielleicht nicht unbedingt in Zeitungstitelseiten niederschlagen sollte) — und im Fall von wahnhaften Massenmördern ist es sogar eine Form von Mittäterschaft.

Ich glaube, heute muss ich Franz Josef Wagner einfach mal vollumfänglich zustimmen.

Betr.: Norwegen, Amy Winehouse

Von Lukas Heinser am Sonntag, 24. Juli 2011 18:44
Kategorie: Living In A Magazine

Wenn ich hier aufschriebe, was ich in den letzten 48 Stunden am liebsten mit einer Vielzahl Journalisten angestellt hätte, würde man mich als “Hassblogger” bezeichnen. Vermutlich nicht ganz zu unrecht.

Man wird sprachlos

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 13. Juli 2011 11:01
Kategorie: Social Distortion, TV On The Radio

In der ARD läuft heute um 23.30 Uhr eine Dokumentation über die letztjährige Loveparade in Duisburg, bei der bei einer Massenpanik 21 Menschen gestorben sind und mehr als 500 verletzt wurden. Der WDR bewirbt diese Doku, indem er seit Tagen via Pressemitteilung einzelne O-Töne von Verantwortlichen in die Verwertungskette gibt.

Vergangene Woche warf er Zitate des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland unters Volk:

“Ich habe mir immer gesagt: Du musst so lange durchhalten, bist du allen zeigen kannst, dass diese Katastrophe nicht durch dein Verhalten entstanden ist”, erklärt Adolf Sauerland. Er habe am Anfang das Gefühl gehabt, wenn er sich entschuldige, werde er automatisch für das Unglück verantwortlich gemacht. “Und das hat dazu geführt, dass man sprachlos wird.”

Gestern kam Rainer Schaller, Veranstalter der Loveparade, zu Wort:

Zum ersten Mal äußert sich Schaller im Film auch zur Problematik des Tunnels als einzigem Ein- und Ausgang zum Veranstaltungsgelände: “Man hat Monate geplant, und für mich ist es natürlich ein Rätsel, wie man das über Monate gemeinsam nicht hat sehen können. Das ist etwas, was ich mich bis heute frage: Wie konnte man das nicht sehen?”

Ist Ihnen an der Wortwahl der beiden Herren etwas aufgefallen?

Um mal Benjamin von Stuckrad-Barre zu zitieren:

Das erste, was einem ein Psychotherapeut beibringt: Sagen Sie nicht “man”, sagen Sie “ich”. Das erste, was man als Profipolitiker wahrscheinlich lernt: öfter mal “man” sagen, dann kann nichts groß passieren.

It’s not my home, it’s their home

Von Lukas Heinser am Dienstag, 12. Juli 2011 14:28
Kategorie: My Shared Folder

Es ist womöglich schon mal an der einen oder anderen Stelle angeklungen, dass ich 20 Jahre meines Lebens in einer Stadt verbracht habe, die Dinslaken heißt.

Das lässt sich jetzt nicht mehr ändern, aber ich kann natürlich versuchen, daraus irgendwie Kapital zu schlagen. Deswegen habe ich, als wir fürs Duslog in Düsseldorf waren, Stefan Niggemeier einfach mal kurz nach Dinslaken geschleift und ihm meine alte Heimat gezeigt.

Herausgekommen ist ein etwas spezieller Imagefilm, der bald bei der Dinslakener Stadtinformation käuflich zu erwerben sein wird:

Mein Reim auf Schmerz

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 7. Juli 2011 0:40
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Es ist (mal) wieder Sommer in Berlin. Überall lungern die Leute in Parks und in den Außengastronomiebereichen (draußen nur Selbstbedienung) rum, von der Oberbaumbrücke, wo man sowieso den schönsten Blick auf die Stadt hat, sieht Berlin in der Abendsonne regelrecht einladend und schön aus. Also die optimalen äußeren Voraussetzungen, um sich mit ein paar hundert anderen Menschen in einen Raum zu quetschen, der frei von Sonnenlicht und Sauerstoff ist.

The Pains Of Being Pure At Heart sind in der Stadt, deren Popularität ich nie wirklich abschätzen kann, weil einige meiner Bekannten und Freunde die Band seit Jahren abfeiern, als gäbe es auf der Welt gar keine anderen. Kein anderes Album habe ich dieses Jahr schon so oft gehört wie “Belong”, das fantastische Zweitwerk der Band aus New York City. Andererseits wurde das Konzert vom Postbahnhof in den kleineren Magnet Club verlegt.

Eröffnet wird das Konzert von Oh, Napoleon, die ich hier und andernorts vor anderthalb Jahren schon mal groß abgefeiert habe. Letzte Woche ist endlich ihr Debütalbum erschienen — es ist durchaus schön geworden, aber die besten Songs darauf sind die, die auch schon auf der ersten EP der Band zu hören waren. Live ist das heute eher alles so mittel und die Songs, die ich noch mitbekomme (weil ich vorher zu lange in Abendsonne und Außengastronomiebereichen gesessen habe), sind leider überwiegend langweilig.

Um kurz nach 22 Uhr steht dann die Hauptband auf der Bühne und wenn ich aufgrund ihrer Musik ein Phantombild hätte erstellen sollen, dann hätte ich latent untergewichtige Mittzwanziger in Mathematikstudentenhemden gezeichnet. Ein Klischee, das der Bassist freundlicherweise erfüllt, während Sänger Kip Berman ein nicht minder passendes Belle-And-Sebastian-T-Shirt trägt.

The Pains Of Being Pure At Heart

Während die Bratzgitarren auf den Alben von The Pains Of Being Pure At Heart meist so weit in den Hintergrund gemischt sind, dass sie unter dem Gesang von Berman und Keyboarderin Peggy Wang hervorschimmern, sind sie hier dominant. Von Wang ist entsprechend kaum etwas zu hören.

Die Setlist ist so, wie man seit den Killers seine Setlist aufzubauen hat: Alle Hits am Anfang wegballern. In diesem Fall “Belong”, “This Love Is Fucking Right” und “Heart In Your Heartbreak”. Damit sind auch fast alle POBPAH-Songs durch, die ich namentlich benennen kann, die meisten klingen ja eh so ähnlich, dass man sich zwischendurch fragt, ob tatsächlich immer alle Bandmitglieder gemeinsam das gleiche Lied spielen oder jeder ein anderes.

Aber das macht gar nichts, im Gegenteil: Die Euphorie und die Raumtemperatur steigen gemeinsam an und als Kip Berman dann nach vielen, vielen Songs doch mal etwas sagt, stellt er fest, dass dies die bisher entzückendste Show der Band in Berlin gewesen sei.

Während des Konzerts bin ich mir sicher, anschließend taub zu sein, aber das täuscht: meine Ohren klingen kaum nach, die Musik war also eher intensiv als laut. So ähnlich muss sich das angefühlt haben, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, als die erste große Shoegaze-Welle in die Clubs brach und Bands wie The Primitives, My Bloody Valentine und Slowdive auf den Bühnen standen. Alles, was auf Platte beinahe lieblich klingt, ist live kraftvoll. Eigentlich ist alles kraftvoll, weswegen man dem Konzert schon ein wenig mangelnde Abwechslung vorwerfen kann. Lediglich “Contender”, das Berman ohne Band (aber natürlich auch auf der E-Gitarre) spielt, hebt sich im Sound vom Rest der Setlist ab.

Nach etwas über einer Stunde sind alle nass geschwitzt (die Musiker besonders) und die Band lässt sich auch von anhaltendem Jubel nicht zu einem zweiten Zugabe-Block überreden.

Ihren Off-Day am Mittwoch wollten The Pains Of Being Pure At Heart unter anderem für einen Besuch des Ramones-Museums nutzen, ihre Konzerte in den nächsten Tagen (und Wochen) sollten Sie sich nicht entgehen lassen:

7. Juli Dortmund, FZW
9. Juli Köln, Luxor
13. Juli Bremen, Lagerhaus Bremen
14. August Hamburg, Dockville Festival

Eis, Wurst und Käse

Von Lukas Heinser am Montag, 4. Juli 2011 16:28
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Social Distortion

Um ehrlich zu sein, hatte ich bis gerade nicht gewusst, dass es in Bochum ein mittelständisches Unternehmen namens Wurst-König gibt (es gibt halt nur eine Currywurst — weltweit). Nun weiß ich es, ebenso wie, dass es in Bochum eine Nachwuchs-Punkband namens Erdbeereis gibt. Und die beiden haben ein Problem miteinander.

Erbeereis haben offenbar einen Song namens “Wurst-König” — oder besser: hatten, denn die Anwälte des Unternehmens haben von der Band eine Unterlassungserklärung eingefordert.

Die Band stellte gestern diese rührend hilflose Erklärung online:

Ich kenne den Song nicht, vertraue aber auf das Urteil, das Stefan Laurin bei den “Ruhrbaronen” gefällt hat:

Das sich Wurst-König darüber aufregt, kann ich gut verstehen. Der übliche Tierrechtlerschwachsinn inklusive Tier-KZ und Beleidigung. Tiefstes Peta-Niveau. Geht nicht. Aber seien wir mal ehrlich: Das sind Kinder. Und das Argument mit dem 35.000 Euro Schaden ist Quatsch.

Wer schon mal das zweifelhafte Vergnügen solcherlei juristischer Auseinandersetzungen hatte, weiß, dass die Höhe solcher angeblichen Schadenssummen vor allem von zwei Faktoren abhängt: der Vorstellungskraft eines Anwalts und den Tasten, die seine Tastatur so hergibt (wahlweise auch das Wetter in der letzten Vollmondnacht). 35.000 Euro Schaden erscheinen entsprechend willkürlich bei etwa 800 bis 900 Views bei YouTube und MySpace — zumal jugendliche Punkfans (besonders die, die auch noch Vegetarier oder Veganer sind) jetzt eher nicht als potentielle zahlungskräftige Kunden einer Metzgerei gelten dürften.

Wurst-König-Geschäftsführerin Iris Rach hat den “Ruhr Nachrichten” erklärt, warum sie glaubt, dass sie so handeln musste:

“Es wurde nicht nur der Name benannt, sondern auch Bilder aus unseren Filialen im Video gezeigt”, betont Iris Rach. Mitarbeiter seien auf den Bildern notdürftig mit einem Balken unkenntlich gemacht worden. Für eine Anonymisierung reicht dies nicht. “Ich sah mich gezwungen etwas zu unternehmen”, so Rach.

Ein Gespräch mit der Band habe es nicht gegeben. “Ich konnte keinen Kontakt herstellen”, sagt die Geschäftsführerin. Eine Adresse oder eine konkrete Ansprechperson ist weder auf YouTube noch auf der bandeigenen MySpace-Seite zu finden. Die Unternehmensleitung habe sich gezwungen gesehen, einen Anwalt einzuschalten. “Ich hätte gern einen anderen Weg gewählt”, sagt Rach.

Die ganze Situation ist ein arges Dilemma: Die Empörung von Wurst-König ist sicherlich verständlich, der potentielle Schaden aber eher ein theoretischer. Das mit der Kontaktaufnahme ist sicher auch blöd gelaufen, denn es gibt bei YouTube und MySpace (die Älteren werden sich erinnern) zwar sogenannte “Kontakt”-Buttons, die einem die Kontaktaufnahme mit den Profilbetreibern ermöglicht — aber blöderweise nur, wenn man dort selbst einen Account hat. Da ist der Anruf beim eigenen Anwalt deutlich weniger aufwendig.

Bei den “Ruhrbaronen” schreibt Stefan Laurin vom “Streisand-Effekt” und in der Tat dürften jetzt schon mehr Menschen von dem Song gehört haben, als ihn jemals zu Gehör bekommen haben. Nun ist die Firma nicht gegen die Verbreitung wahrer Tatsachen vorgegangen, sondern gegen ein Schmäh-Lied, was den Vergleich mit Streisand etwas schief erscheinen lässt. Natürlich ist es denkbar, dass sich ein Internetmob noch auf Wurst-König einschießen könnte — immerhin wurden in den Kommentaren bei den “Ruhr-Baronen” erste Boykott-Aufrufe laut. Und gerade, als ich schreiben wollte, dass einem regional tätigen Metzger die Empörung im Internet auch egal sein könne, fiel mir auf, dass ihm dann auch das verunglimpfende Lied hätte egal sein können. Es ist, wie gesagt, ein arges Dilemma.

Die “Ruhr Nachrichten” berichten, dass die Wurst-König-Geschäftsführerin keine weiteren rechtlichen Schritte gegen die Band einleiten wolle:

Mit dem Löschen der Videos sei der Fall für sie erledigt. Die Anwaltskosten müssten die Jungs von Erdbeereis aber zahlen.

1.099 Euro (die Höhe der Anwaltskosten richtet sich in der Regel nach der Höhe der angesetzten Schadenssumme) sind viel Geld für fünf Jugendliche. Da die Mitglieder öfter in der Bochumer Fußgängerzone musizieren, werde ich ihnen dort demnächst mal einen Schein in den Hut werfen und mit väterlichem Blick “Aber das macht Ihr nie wieder, ne?” sagen. Und bei Wurst-König werden sie sich womöglich von ihren “Ruhr Nachrichten” lesenden Kunden fragen lassen müssen, ob das denn wirklich nötig war.

Ich selbst bin ganz froh, dass es zu meiner Punkband-Zeit noch kein Internet gab.

Nachtrag, 23.25 Uhr: Inzwischen wurde auch das Video, in dem die Band über die Anwaltspost spricht, von ihr wieder entfernt. Keine Ahnung, was da jetzt wieder los war.

“Spiegel Online”: Hier googelt der Leser noch selbst

Von Lukas Heinser am Freitag, 1. Juli 2011 15:05
Kategorie: Digital Ist Besser

“Spiegel Online” hat einen durchaus lesenswerten Artikel über Modellflieger veröffentlicht, die mit den Kameras an Bord ihrer Drohnen spektakuläre Videos aufnehmen.

Ein paar Ausschnitte aus diesen Videos (unterlegt mit unfassbar nervigerer, mutmaßlich GEMA-freier Musik) kann man sich bei “Spiegel Online” direkt anschauen, aber offenbar kann man die Clips auch noch irgendwo anders sehen:

Seinem Onkel Reinhard missfällt der “illegale touch”. Er bewundert die Videoqualität, findet aber, dass sein Neffe sich zu sehr auf YouTube und Vimeo selbst inszeniert.

Nun hätte ich mir gewünscht, dass “Spiegel Online” die Worte “YouTube” und “Vimeo” mit Links unterlegt hätte — etwa zu den dortigen Profilen des porträtierten Hobbyfliegers und seines härtesten Konkurrenten.

Doch im ganzen zweiseitigen Artikel finden sich genau zwei Links: Unter dem Wort “Aufklärungsdrohnen” und unter der Typenbezeichnung “AR. Drone”. Sie führen ins Angebot von “Spiegel Online”.