Beiträge vom Juni, 2011

Selena Gomez’ bravoröse Empfängnis

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 30. Juni 2011 19:21
Kategorie: Living In A Magazine

Ich habe das mit dem Angebot und der Nachfrage im Boulevardjournalismus noch nie geglaubt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die sich morgens nach dem Aufstehen fragen, was eigentlich Brad Pitt und Angelina Jolie gerade machen. Ich denke nicht, dass man Klatschzeitschriften und Gossip-Blogs erfinden müsste, wenn es sie nicht gäbe. Und ich halte es für ausgeschlossen, dass sich die Gedanken von älteren Menschen in Arztwartezimmern automatisch um das (vermeintliche) Privatleben von Volksmusikanten drehen würden, wenn es die entsprechenden Quatschmagazine nicht gäbe.

Entsprechend glaube ich auch nicht, dass Jugendzeitschriften die existentiellen Fragen von Jugendlichen beantworten — außer vielleicht auf den Seiten, wo sie die existentiellen Fragen von Jugendlichen beantworten.

Für einen Tag am Baggersee war mir aber nach leichter Lektüre, weswegen ich beherzt zum Zentralorgan für existentielle Fragen von Jugendlichen griff: zur “Bravo”.

Selena Gomez: Schwanger beim ersten Mal!? Vergiftet? Schwer krank?
Warum nicht gleich: “Zombies! Aliens! Vampire! Dinosaurier!”?

Jetzt fragen Sie sich als ungebildete, greise Leser dieses Blogs natürlich erst mal, wer dieses unbekannte Kind da auf der Titelseite überhaupt ist. Das ist Selena Gomez, die Hauptdarstellerin der Disney-Channel-Serie “Die Zauberer vom Waverly Place”, die Sie kennen könnten, wenn Sie Ihren minderjährigen Kindern erlauben, Super RTL zu gucken. Frau Gomez ist 18 Jahre alt und seit kurzem mit Justin Bieber liiert, dem womöglich größten Popstar unserer Tage. Aber das lassen Sie sich womöglich tatsächlich am Besten alles von irgendeinem Kind erklären — viele Eltern freuen sich ja, wenn man ein solches einfach mal für ein paar Stunden ausleiht (nachdem man vorher um Erlaubnis gefragt hat).

Jedenfalls: Selena Gomez war kürzlich im Krankenhaus.

Was für ein Schock! Mit Blaulicht und Sirenen wird Selena Gomez Donnerstagnacht ins Providence Saint Joseph Medical Center in Burbank bei Los Angeles eingeliefert. Totaler Zusammenbruch! Unglaublich: Wenige Minuten zuvor ist das Super-Girl noch live auf Sendung — in der “Tonight Show” von Jay Leno im US-TV.

(Nein, die “Tonight Show” ist natürlich nicht live.)

Nun könnte man annehmen, dass der Körper einer 18-Jährigen, die seit vier Jahren für eine Serie vor der Kamera steht, die diverse Promo-Auftritte absolviert und noch dazu auf Schritt und Tritt von Paparazzi verfolgt wird, irgendwann einfach mal schlapp macht. Nette Idee, aber es gibt doch noch ein paar andere:

Erste Erklärung: Falsche Ernährung soll schuld sein. Aber die Gerüchteküche brodelt. Waren vielleicht noch ganz andere Faktoren im Spiel?

Reporter Frank vor dem Providence Saint Joseph Medical Center in Burbank/L.A.Zum Beispiel Zombies, Alie… Nein, nein. “Bravo”-Reporter Frank Siering (der von Los Angeles aus etwa jedes zweite deutsche Medium mit Hollywood-Geschichten beliefert) hat sich ja nicht umsonst vor “Sels Krankenhaus” fotografieren lassen, er hat sich “auf Spurensuche” begeben und herausgefunden, was “wirklich in jener Nacht passierte”. So fand er heraus, dass Selena Gomez “direkt nach der Live-Sendung” ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sie sich “immer wieder” an den Bauch gefasst habe und sie sich “gleich nach der Ankunft” setzen musste, “weil ihr so übel ist”. Sogar die Nummer des Einzelzimmers (“auf der 3. Etage des Krankenhauses mit Blick auf die Berge”) hat Siering herausgefunden — und wenn sie stimmt, ist ihm damit ein investigativer Coup gelungen, denn außer der “Bravo” kennt und nennt sie kein anderes Medium.

Mehr noch:

Wegen der starken Unterleibsschmerzen wird ein Frauenarzt zurate gezogen und sofort ein Schwangerschafts-Test gemacht.

Der unbestimmte Artikel (“ein Schwangerschafts-Test”) ist offensichtlich ein Flüchtigkeitsfehler, denn “Bravo” weiß es eigentlich noch genauer:

Diesen Schwangerschafts-Test musste sie machen.

Damit wären “wir” auch schon beim ersten Gerücht, dessen Dokumentation die “Bravo” sich auf die Fahnen geschrieben hat. Denn tatsächlich würde gerade “alles ganz gut zusammenpassen”: Das Pärchen (von Fans offenbar liebevoll “Jelena” genannt) habe immerhin gerade einen romantischen Liebes-Urlaub auf Hawaii verbracht.

Hatten sie dort ihr erstes Mal? Und ist dabei gleich das passiert, was jetzt viel vermuten?

Das wäre, so “Bravo”, gar nicht “so abwegig”. Zwar hat das Teenie-Magazin kein blutiges Bettlaken, das sie abdrucken kann, aber eine schlüssige Indizienkette: Immerhin hätten auch die Mütter des Traumpaars ihre Kinder “extrem früh” bekommen.

Jus’ Mutter Pattie wurde mit 18 schwanger. Sels Mom Mandy sogar schon mit 15!

Für die Erkenntnis, dass Teenagerschwangerschaften erblich sind, dürfte mindestens ein Medizinnobelpreis fällig werden.

Aber weil so Klatschthemen ja vergleichbar mit Verschwörungstheorien sind – alle schreiben voneinander ab und der Umstand, dass die eigene Behauptung durch nichts gestützt wird, untermauert ihre Plausibilität nur noch mehr -, hat “Bravo” natürlich noch weitere Gerüchte in petto:

Könnte es sein, dass der Superstar von Hatern vergiftet wurde?

(“Hater” sind Menschen, die eine bestimmte Person überhaupt nicht ausstehen können. Im Deutschen würde man vielleicht “Blog-Kommentatoren” sagen.)

“Bravo” findet das “auch nicht unwahrscheinlich” und liefert eine erstaunliche Begründung:

Immerhin äußerten die Ärzte sofort den Verdacht auf eine Lebensmittelvergiftung! Dass ihr jemand absichtlich verdorbenes Essen verabreicht hat, konnte aber bislang nicht bewiesen werden.

Welch Glück, dass die Lebensmittelvergiftung so heißt. Schade hingegen, dass die “Bravo” kein Foto gefunden hat, auf dem Selena Gomez einen “Gift Shop” verlässt.

Für die Gift-Theorie spricht laut “Bravo” alles, was dagegen spricht:

Und Selena selbst will das Ganze verharmlosen: “Ich habe nur zu viel Ungesundes gegessen.”

Womöglich ein erstes Anzeichen für das Stockholm-Syndrom.

Und damit zu Gerücht Nummer drei, das die “Bravo” ein bisschen widerwillig aufzugreifen scheint:

Hatte Sel einen Schwächeanfall, weil sie zu viel arbeitet?

Steile These, für die nur … alles spricht, was “Bravo” so zu berichten weiß.

Sels Mom macht sich jedenfalls große Sorgen: “Sie will einige Termine streichen, um ihre Tochter zu entlasten”, verrät ein Freund der Familie.

Wie so ein “Freund der Familie” aussieht, hat der Wortvogel vor einiger Zeit schon mal so erklärt:

In der Welt der Klatschpostillen gibt es mehr imaginäre Freunde als in einem Hort voller hyperaktiver Vierjähriger.

Fassen wir also den Artikel, mit dem “Bravo” immerhin drei Heftseiten gefüllt gekriegt hat, noch einmal zusammen: Selena Gomez war kürzlich im Krankenhaus.

Klar umrissene Zielgruppe

Von Lukas Heinser am Sonntag, 26. Juni 2011 17:18
Kategorie: Somebody Told Me

Aktionstag "Sport der Älteren" von 35 bis 70 Jahre

Oh Gott, Herr Doktor

Von Lukas Heinser am Samstag, 25. Juni 2011 20:12
Kategorie: Political Science, Social Distortion

Da hätte ja auch keiner mit rechnen können, dass das Thema “Promotionsverfahren an deutschen Hochschulen” noch mal außerhalb der Hochschulrektorenkonferenz gesellschaftlich und medial ventiliert wird. Aber die Fälle, in denen deutsche Politiker ihre Doktorgrade wegen ausgiebigen Plagiats nachträglich wieder aberkannt bekommen, treten in den letzten Monaten derart vermehrt auf, dass man durchaus von einer Häufung oder einem Trend sprechen könnte.

Zuletzt hat es Silvana Koch-Mehrin erwischt, die Vorzeigefrau der FDP. Die Politikerin reagierte darauf mit dem durchaus humorvollen Einfall, ihren geplanten Wechsel als Vollmitglied in den Ausschuss für Industrie, Forschung (!) und Energie des Europäischen Parlaments knallhart durchzuziehen. Sie ersetzt dort ihren Parteikollegen Jorgo Chatzimarkakis, dessen Doktorarbeit derzeit ebenfalls – ich wünschte mir wirklich, ich würde mir das nur ausdenken – von der zuständigen Universität wegen Plagiatsverdachts überprüft wird. (Wenn Sie Ihrem Unmut über Frau Koch-Mehrins neue Aufgabe Ausdruck verleihen wollen, empfehle ich Ihnen die Zeichnung dieser kleinen Online-Petition.)*

Längst ist offensichtlich, was im Frühjahr eher verhalten geäußert wurde: Etwas ist faul im Staate Deutschland.1 Die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan reagierte auf die Situation, indem sie von den Universitäten “Selbstkritik” forderte, was nun auch nicht unbedingt zu den zweihundert naheliegendsten Gedanken gezählt hätte. Dabei ist es ja gerade der desaströsen Hochschulpolitik der vergangenen tausend Jahre2 zu verdanken, dass an den Unis die Absolventen und Doktoren gleichsam am Fließband produziert werden: Jeder zusätzliche von ihnen sorgt für mehr Punkte in den unsäglichen “Hochschul-Rankings” und für mehr Drittmittel.

Kathrin Spoerr hat das hausgemachte Dilemma in ihrem Leitartikel in “Welt kompakt” gut zusammengefasst:

Das Problem ist aber nicht, dass zu viele promovieren, sondern, dass die deutschen Universitäten von der Politik im Unklaren gelassen werden über ihren künftigen Sinn. Formelhaft wird an “Forschung und Lehre” festgehalten, tatsächlich aber kommen immer weniger Professoren neben ihren vielen Pflichten rund ums Lehren dazu, forschen zu können. Sie halten Vorlesungen und Prüfungen, verschwenden in überflüssigen Gremien Arbeits- und Lebenszeit, und ein immer größer werdender Teil ihrer Energie muss in Stellungnahmen zu Studentenklagen investiert werden, die mit ihren Noten unzufrieden waren. Zeit und vor allem Ruhe für Forschung bleibt wenig.

Dabei, so Spoerr, beweise die Bereitschaft von Professoren, “auch Menschen zu promovieren, die nicht Wissenschaftler werden wollen”, “deutlich mehr Gespür für die Gesellschaft und ihre Anforderungen als die scheinheiligen Mahnungen von Schavan”. Womit wir beim eigentlichen Kern des Pudels3 Problems wären: Der Doktortitel ist eigentlich ein akademischer Grad und kein Ornat für Visitenkarten und Messingschilder.

Direkt zu Beginn meines Studiums gaben sich meine Dozenten größte Mühe, den Ball flach zu halten: Professoren wollten unter keinen Umständen mit “Herr Professor” angesprochen oder angeschrieben werden und Doktoren stellten klar, dass ihr Titel nun einmal Teil ihrer Arbeit und eine Sprosse auf der akademischen (wohlgemerkt!) Karriereleiter sei. Ein Dozent sagte, er verwende seinen Doktortitel eigentlich nur, wenn ihm Ärzte oder Sprechstundenhilfen blöd kämen — mit einem Doktor (weiß ja keiner, welcher Profession) würden die dann gleich ganz anders sprechen.

Das war eine völlig neue Weltsicht für mich. Ich war es eher gewohnt, dass mein Großvater (an dem in Sachen Titelhuberei mindestens ein Österreicher verloren gegangen ist) selbst enge Freunde in deren Abwesenheit als “Professor” bezeichnet und Geburtstagseinladungen an die Familie seines Schwiegersohns an “Familie Dr. med.” adressiert.4 In meiner Heimatstadt liefen Menschen rum, die sich ihren frisch erworbenen Doktortitel nachträglich mit der eigenen Schreibmaschine auf ihren Leihausweis der Stadtbibliothek setzten.

An diesem Punkt setzt der Gastbeitrag an, den Fritz Strack, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Würzburg, für “Spiegel Online” geschrieben hat. Strack (für meinen Opa: “Professor Strack”) beginnt bei der in Deutschland üblichen, bei Licht betrachtet eher exotischen Tradition, den Doktortitel im Personalausweis zu vermerken.

Durch die wiederholte Verknüpfung von Namen und Grad wird die Anrede “Herr oder Frau Doktor” als Höflichkeitsgebot obligatorisch, die dann demjenigen allmählich das Gefühl gibt, der Doktor sei doch Teil des eigenen Namens. Die Verwendung für den persönlichen Gebrauch auf Türschildern, Briefköpfen und beim Einträgen ins Telefonbuch werden zur Selbstverständlichkeit.

Damit werde der Doktorgrad zu “einer Art Adelstitel”, mit dessen Hilfe das gesellschaftliche Prestige “aus eigener Kraft erworben und für den persönlichen und beruflichen Vorteil genutzt werden” könne.

Warum wohl wollten sonst so viele Leute promovieren? Es sind eben nicht nur Nachwuchswissenschaftler, die eine berufliche Tätigkeit in Forschung und Lehre anstreben. Viele sind einfach scharf auf das zusätzliche Geld und die Karrierechancen, die die Titelfunktion des faktischen Namenszusatzes mit sich bringen. Vor allem für den Aufstieg in Führungspositionen in Wirtschaft oder Politik ist ein sichtbarer Doktorgrad von unschätzbarem Vorteil.

Das unterscheidet diese Menschen von meinen bescheidenen Literaturwissenschaftlern an der Uni: Für sie ist der Doktorgrad ein Mittel zum Zweck, der ihnen Instant-Ansehen bringen soll. Dabei sollte die Doktorarbeit eigentlich Berufung und Hauptaufgabe im akademischen Alltag sein und nichts, was man über Jahre neben seiner “Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit” (Ex-Doktor Karl-Theodor zu Guttenberg) zum eigenen Schmucke vorantreibt. Überspitzt gesagt ist die Doktorarbeit etwas, was einen am Hungertuch nagen lässt und einem außer Erkenntnisgewinn und Respekt in der Wissenschaftsgemeinde nichts einbringen sollte — zumindest keinen beschleunigten Aufstieg in Politik und Wirtschaft.

Strack leitet aus seinem Essay zwei Kernforderungen ab: Eine Änderung des deutschen Personalausweisgesetzes und eine Reformation der Promotionsregeln für Mediziner. Ich finde, das klingt nach einem guten Anfang.

In den Medien ist der Anteil der Doktoren übrigens eher überschaubar, weswegen man sich mit einem anderen Prestige-Generator zu behelfen versucht: Hier ist fast jeder Träger irgendeines Medienpreises.

*) Nachtrag, 26. Juni: Frau Koch-Mehrin verzichtet auf ihren Sitz im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie.

  1. Verballhornung des Ausspruchs “Etwas ist faul im Staate Dänemark” (“Something is rotten in the state of Denmark”) aus William Shakespeares Drama “Hamlet” (Marcellus, Akt 1, Szene 4). []
  2. Anspielung auf den Slogan “Unter den Talaren: Muff von tausend Jahren” der Studentenproteste in den späten 1960er Jahren. []
  3. Wohlfeiler Verweis auf den Ausruf “Das also war des Pudels Kern!” in Johann Wolfgang Goethes Tragödie “Faust” (Faust, Studierzimmerszene, Zeile 1323). []
  4. Wobei dieses Verhalten nicht auf schnöde Doktoren- und Professorentitel beschränkt ist: es gibt ja auch noch Diplom-Ingenieure, Stadtbauräte und Markscheider. Nur ich warte bisher vergeblich auf Post an Lukas Heinser, B.A. — was aber irgendwie auch ganz beruhigend ist. []

Jugend hetzt

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 22. Juni 2011 16:23
Kategorie: Living In A Magazine

Bild gibt den Pleite-Griechen die Drachmen zurück

Ich kenne Paul Ronzheimer nicht persönlich. Er ist Redakteur im Parlamentsbüro der “Bild”-Zeitung. Heute wird er gemeinsam mit seinem Kollegen Nikolaus Blome den mit 10.000 Euro dotierten Herbert Quandt Medien-Preis für ihre gemeinsame Artikel-Serie “Geheimakte Griechenland” erhalten. (Mehr dazu bei Stefan Niggemeier.)

Das alles wäre angedenk der Griechenland-Berichterstattung von “Bild” schon bizarr genug, aber Ronzheimer ist ein paar Jahre jünger als ich. Wie die meisten Jungjournalisten begann auch Ronzheimer seine Karriere bei einer Regionalzeitung, in seinem Fall der “Emder Zeitung”, seinen ersten Auftritt vor einem Millionenpublikum hatte er im Februar 2005 im “Quiz mit Jörg Pilawa” im ARD-Vorabend. Anschließend muss er auf die schiefe Bahn geraten sein, denn vom Januar bis Juni 2008 besuchte er die Axel Springer Akademie.

Bei Springer machte er alsbald Karriere: Mit Anfang Zwanzig fragte er einen dreimal so alten Jugendforscher, wie “die Jugend von heute” denn so ticke, nach einem halben Jahr bei “Welt kompakt” wechselte er zu “Bild”. Erste Meriten erwarb er sich dort, als er mit einer Kollegin den damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss ins “Bild-Verhör” nahm, gegen den damals wegen des Besitzes von kinderpornographischem Material ermittelt und der später deswegen verurteilt wurde. Auf dem Höhepunkt der Diskussion um die sogenannten Internetsperren (die Älteren werden sich erinnern) stellte Ronzheimer Tauss dann als durchgeknallten Perversling dar und trug so zur Stimmungsmache von “Bild” für die heute längst vergessenen Pläne der damaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen bei.

Vorläufiger Höhepunkt von Ronzheimers noch junger Karriere bei “Bild” (und damit ein Tiefpunkt für die deutsch-griechischen Beziehungen und die Rolle des Journalismus in Deutschland) war der Tag, an dem er “den Pleite-Griechen die Drachmen zurück” gab. Da stand er auf dem Athener Omonia-Platz und wedelte mit Drachmen-Scheinen im Gegenwert von 30 Euro.

Und das Irre: Viele jubeln und reißen sich darum…

In der Person Ronzheimers, der zu diesem Zeitpunkt schon einige Drecksarbeit für die Volksverhetzungs-Taskforce von “Bild” erledigt hatte, überschritt die Zeitung an jenem Tag endgültig die Grenze zwischen Berichterstatter und Akteur. Es war ein “wir” (“Bild”, Deutschland, die Guten) gegen ein “die” (die Pleite-Griechen) geworden, daran ließ der Schluss seines “Artikels” keine Zweifel:

Seit Tagen spekulieren griechische und englische Zeitungen darüber, dass die “Bank of Greece” angeblich bereits ein Notprogramm zur Rückkehr zur Drachme vorbereitet.

Das wäre auch für unseren Euro das Beste …

Ronzheimers Arbeit blieb nicht folgenlos:

Auch BILD.de-Reporter Paul Ronzheimer bekam die Anti-Stimmung vieler Griechen zu spüren. Viele sind sauer auf die Deutschen, blafften ihn in Athen an.

Einer droht mit der Faust, brüllt: “Verschwindet hier!” Ein anderer: “Ihr Deutschen wollt uns doch am Abgrund sehen…”

Und über das Internet bekommt der Reporter seit Tagen dutzende Hass-Emails. Der Inhalt: Immer wieder NS-Vergleiche…

Neben seinen intensiven Abrissarbeiten am deutsch-griechischen Verhältnis und einem Ausflug zu den interessanterweise nicht so genannten Pleite-Iren fand Ronzheimer noch die Zeit, islamophobe Interessen zu bedienen: Im Oktober 2010 berichtete er im Rahmen der “Bild”-Serie “Wenn Multi-Kulti zum Irrsinn wird” über den “Islam-Mietvertrag” für ein Berliner Hochhaus. Weil die muslimischen Besitzer der Geschäftsimmobilie ihren potentiellen Mietern “Glücksspiele …, Prostitution, Verkauf, Produktion, Vertrieb oder Vermarktung von Alkohol oder Schweinefleisch, zinsbasiertes Bankgeschäft, Finanzgeschäfte oder Finanzdienstleistungen sowie Versicherungsgeschäft, mit Ausnahme von Versicherungen auf Gegenseitigkeit” untersagten, brüllte Ronzheimer staatstragend in die Welt:

Es ist ein Fall, der vielleicht mehr über Integration in Deutschland verrät als alle Politiker-Diskussionen zusammen.

IN BERLIN GIBT ES JETZT DEN ERSTEN MIETVERTRAG MIT ISLAM-KLAUSEL!

Was genau solche Auflagen “über Integration in Deutschland” verraten, verriet Ronzheimer dann zwar nicht, dafür musste er sich vom Deutschen Mieterbund erklären lassen, dass der Vermieter einer gewerblich genutzten Immobilie “alle möglichen Bedingungen stellen” darf. Die öffentliche Ordnung oder die freie Marktwirtschaft scheinen dadurch nicht wirklich in Gefahr, denn “in dem Gebäude in Berlin sind mehrere Etagen nicht belegt”.

Im Dezember durfte Ronzheimer mit den einschlägig erfahrenen Kollegen Rolf Kleine und Guido Brandenburg wild, aber ahnungslos auf der ARD rumhacken, weil die “ausgerechnet kurz vor Weihnachten” (also am 8. Juni) die Ausstrahlung ihres Programms über den Satelliten Hotbird eingestellt hatte und die deutschen Soldaten in Afghanistan “nur noch in die Röhre” schauen konnten.

Ronzheimers bisheriges Lebenswerks erweckt nicht unbedingt den Eindruck, als sei er jemand, der sich übermäßig für Details oder größere Zusammenhänge interessiert. Damit wäre er bei “Bild” freilich nur einer unter vielen, aber Ronzheimer ist gerade mal 25 Jahre alt. Und da setzt meine Vorstellungskraft aus.

Was bringt jemanden, der bei Facebook angibt, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”, den “Independent”, “Guardian”, die “New York Times” und den “New Yorker” zu mögen (witzigerweise aber auch “Griechenland Zeitung, Athens News, Berlin, Breathtaking Athens (All about Travel / Visit Athens ), Greece”), dazu, in Europas größter Boulevardzeitung Halbwahrheiten und plumpe Hetze zu verbreiten? In einem Alter, in dem die meisten anderen Menschen keine Tageszeitung lesen? Laut Tarifvertrag verdient ein Redakteur im 1. bis 3. Berufsjahr fast 3.000 Euro brutto, aber das allein kann doch keine Erklärung sein.

Man muss ja noch nicht mal Max Goldt bemühen, der jeden, “der zu dieser Zeitung beiträgt”, als “gesellschaftlich absolut inakzeptabel” bezeichnet hatte, denn es ist ja nicht nur der Umstand, dass Ronzheimer für “Bild” arbeitet, sondern vor allem das wie. Man wüsste zu gerne, was in ihm vorging, als er da in Athen stand und “mit Drachmen-Scheinen wedelte wie mit Bananen vor Affen im Zoo” (Michalis Pantelouris). Ich wüsste gern, ob seine Eltern stolz sind auf das, was ihr Sohn da macht, oder ob sie sich für ihn schämen. Ich meine: 25, das ist jünger als meine kleine Schwester!

Mein Weltbild lässt es zugegebenermaßen schon nur schwer zu, dass Menschen unter 80 in die Junge Union oder bei den Jungliberalen eintreten und ihre hochschulpolitischen Metzger damit nicht nur wählen, sondern selber Teil davon sind. Andererseits verzeihe ich jedem hochtalentierten Jungfußballer einen Wechsel zum FC Bayern, auch wenn sich die wenigsten dort durchsetzen. Aber ein Kerl wie Ronzheimer, der lässt mich völlig ratlos zurück. Er ist ja offensichtlich nicht dumm, man muss also annehmen, dass er sehr genau weiß, an was für menschenverachtenden, böswilligen Kampagnen er da fleißig mitarbeitet.

Mehr noch: Ronzheimer scheint sich bei seiner Arbeit ja richtig wohl zu fühlen. Was treibt diesen offensichtlich Getriebenen an? Woher kommt sein Hass auf die Griechen? Oder hat er gar keinen Hass und hetzt nur gegen das ganze Volk, weil er es kann — und bei “Bild” auch soll? Und wäre letzteres nicht sogar noch schlimmer?

Vor rund zwanzig Jahren gab es bei “Bild” schon mal einen jungen Überflieger mit lässiger Frisur und stylischer Brille. Sein Name: Kai Diekmann. Vor Paul Ronzheimer liegt womöglich eine große Zukunft.

Haldern-Tickets: Frische Ware eingetroffen

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 15. Juni 2011 14:09
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Vom 11. bis zum 13. August findet in Rees-Haldern am schönen Niederrhein das 28. Haldern Pop Festival statt. So früh wie in diesem Jahr waren die rund 5.000 Tickets noch nie ausverkauft — wenn die Entwicklung weiter anhält, dürfte das Festival schon in 25 Jahren binnen weniger Minuten ausverkauft sein, wie man es von den Festivals auf den britischen Inseln kennt.

Wer nicht mal eben im Internet locker den doppelten Preis zahlen will, um Künstler wie The Low Anthem, James Blake, Alexi Murdoch, The Antlers, The Wombats oder Wir Sind Helden live zu sehen, sollte sich morgen auf den Weg zur Haldern Pop Bar in Haldern machen.

Wie der Veranstalter soeben mitteilt, stellt die Diebels-Brauerei Teile ihres Gast- und VIP-Kontingents zum normalen Verkauf zur Verfügung. Inklusive der Rückläufe aus dem Onlineverkauf stehen 178 Tickets zum Verkauf, pro Person werden maximal zwei verkauft.

Ein Ticket kostet 82,50 Euro (inkl. Gebühr). Die Haldern Pop Bar ist ab 18 Uhr geöffnet. Der Verkauf startet um 20 Uhr

Die schon wieder!

Von Lukas Heinser am Sonntag, 12. Juni 2011 1:55
Kategorie: Living In A Magazine

So sieht nächste Woche das Cover des “Spiegel” aus:

Hitler gegen Stalin - Bruder Todfeind

Und da dachte ich: “Hä? Das hatten die doch schon mal. Im Sommerurlaub, als ich ein Kind war.”

Mit Hilfe der großartigen Liste aller “Spiegel”-Hitler-Titel vom Umblätterer wurde ich sehr schnell fündig:

Hitler kontra Stalin - Rudolf Augstein über das "Unternehmen Barbarossa"

Ausgabe 24/1991, exakt 20 Jahrgänge her. Und das wahrscheinlich erste “Spiegel”-Cover, an das ich mich bewusst erinnern kann (wahrscheinlich wegen dieses komischen Wortes “kontra”). Womöglich sogar das einzige “Spiegel”-Cover, an das ich mich bewusst erinnern kann.

Gruppenbild mit Darm

Von Lukas Heinser am Freitag, 10. Juni 2011 13:28
Kategorie: Digital Ist Besser

Gerade so gedacht: “Wie alt ist eigentlich Hubert Burda?” Schnell in der Wikipedia nachgeguckt und dabei dieses großartig verstörende Foto entdeckt:

Hubert Burda (rechts) mit Christa Maar vor dem Darmmodell Faszination Darm in München

Journalisten

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 9. Juni 2011 16:37
Kategorie: Living In A Magazine, Social Distortion

Ich zucke immer zusammen, wenn ich als “Journalist” vorgestellt werde. Das hat wenig mit dem behaupteten Kulturkampf “Blogger vs. Journalisten” zu tun (ich zucke auch zusammen, wenn ich als “Blogger” vorgestellt werde) und viel mit dem, was in Deutschland für Journalismus gehalten wird.

“Journalist” ist keine geschützte Berufsbezeichnung, anders als zum Beispiel “Tierarzt”. Metzger, Wilderer und Automechaniker betreiben nachweislich keine Veterinärmedizin, das Werk von Volksverhetzern, Leichenfledderern und sonstigem charakterlosen Pack kann aber ohne weiteres als “Journalismus” bezeichnet werden.

Deshalb wird Paul Ronzheimer, 25-jähriger “Bild”-Redakteur, der auch gerne schon mal “den Pleite-Griechen die Drachmen zurück” gibt, mit dem Herbert-Quandt-Medien-Preis (immerhin benannt nach einem anderen großen Menschenfreund und Wohltäter) ausgezeichnet.

Und deshalb werden Druckerzeugnisse wie “Bild”, “Focus” oder “Bunte” auch von seriösen Journalisten (die es natürlich, um Himmels Willen, auch gibt und die gut daran täten, die Bezeichnung “Journalist” zu verteidigen) als Journalismus angesehen, obwohl es in der restlichen zivilisierten Welt eher unüblich ist, Boulevardjournalismus als Journalismus wahr- oder auch nur ernstzunehmen.

Jörg Kachelmann hat der “Zeit” ein langes Interview gegeben und auch wenn die Interviewerin Sabine Rückert selbst jetzt nicht gerade als strahlendes Beispiel für ordentlichen Journalismus bezeichnet werden kann, ist es ein beeindruckendes Dokument.

Kachelmann sagt darin unter anderem:

Ich bin sicher, dass die Boulevardmedien überall U-Boote haben. In allen wichtigen Organisationen haben die einen sitzen, damit er mal kurz in den Computer guckt. Wenn ich in einer Maschine unterwegs war, die nicht zu den Fluglinien des Firmenverbundes Star Alliance gehört, hat mich nie ein Paparazzo am Flugplatz erwartet.

Das lässt nur zwei Schlüsse zu: Entweder, der Mann ist verrückt (geworden), oder dieses Land ist sehr viel upgefuckter, als man sich das als Bürger gemeinhin vorstellen würde.

Das Internetportal “Meedia”, dessen Chefredakteur es als “elementarste Aufgabe” der Medien ansah, “das Doppelleben des netten Herrn Kachelmann zu enthüllen”, und der es als “rufschädigend für den Journalismus” bezeichnet hatte, den medialen Irrsinn in Sachen Kachelmann zu hinterfragen, dieses Internetportal jedenfalls schreibt heute über das Interview:

Schwenn habe nicht gebrüllt oder auf den Richtertisch gehauen, wie die Bild berichtet hat. Es ist nicht nur diese Stelle des Interviews, die den Eindruck erweckt, Kachelmann habe seit dem Prozess womöglich eine etwas verschobene Wahrnehmung der Realität. Zwar hat Schwenn tatsächlich nicht gebrüllt, aber seine Art und Weise im Gericht vorzugehen kann jeder, der anwesend wahr nur als offene Provokation empfunden haben.

Kachelmann sagt, Schwenn habe nicht gebrüllt, und Schwenn hat nicht gebrüllt, aber Kachelmann hat eine “etwas verschobene Wahrnehmung der Realität”? Was hat dann Stefan Winterbauer, Autor dieser Zeilen? (Außer vielleicht “den Schuss nicht gehört”.)

The Second Great Depression

Von Lukas Heinser am Freitag, 3. Juni 2011 13:36
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Warum eigentlich Semisonic?

Ich habe keine Ahnung, ob es tatsächlich irgendwelche wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Thema gibt, aber die Verweildauer eines durchschnittlichen Popalbums im Leben eines Musikrezipienten dürfte eher in Monaten, als in Jahren zu messen sein. Zwar ermöglichen es uns die immer größer werdenden Speicher der MP3-Player-Telefone, quasi unsere gesamte musikalische Biographie in der Hosentasche herumzutragen, aber wie weit gehen wir da schon zurück?

Alben, die mir einst viel bedeutet haben und von denen die meisten eine Zeit lang bei mir als “Lieblingsalbum” oder gleich “Bestes Album aller Zeiten” firmierten, höre ich noch ein, zwei Mal im Jahr. Und dank iTunes weiß ich sogar, wann zuletzt: “The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner” von Ben Folds Five im Dezember, “Automatic For The People” von R.E.M. im November und “The Man Who” von Travis im September — den Uhrzeiten nach zu urteilen jeweils beim Einschlafen. Und das sind die Alben, die mir immer noch irgendwie wichtig sind und die auch einen recht tadellosen Ruf in der Musikgeschichte genießen.

Doch was ist mit den okayen Alben, die man mal intensiv gehört hat, mit denen man womöglich wichtige Ereignisse der Adoleszenz verbindet, die dann aber einfach in Vergessenheit geraten sind wie frühere Mitschüler, die eben immer so mit dabei waren, wenn man gemeinschaftlich unterwegs war? “Feeling Strangely Fine” von Semisonic, “Onka’s Big Moka” von Toploader oder das “MTV Unplugged” von den Fantastischen Vier. Wenn man zufällig irgendwo über die Hits stolpert, wirft es einen um Jahre zurück (wie mein Vater stets über musikinduzierte Flashbacks sagt), aber welcher Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, würde die CD aus dem Regal hervorkramen, um “Closing Time” aufzulegen?

Der Teenager oder junge Twen (Sagt man das noch? “Twen”?) an sich hört überdurchschnittlich viel emotionale Musik. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem man “So I look in your direction / But you pay me no attention, do you?” oder “The killer in me is the killer in you” nicht mal mehr für Statusupdates bei Facebook verwenden möchte. Zahlreiche Lieder und Alben sind durch zahlreiche Herzensbrüche verbrannt. Die ganz großen Liedzitate und -titel lässt man sich dann gleich tätowieren. Die Sorgen und Probleme sind eigentlich noch die gleichen wie zu Schulzeiten, aber alles ist viel komplexer geworden. Bei Berufstätigkeit, Familiengründung und Bausparvertrag wird der Soundtrack zum eigenen Leben für viele zunehmend unwichtiger. Es ist das Alter, in dem viele Menschen ihren Musikgeschmack plötzlich mit “was halt so im Radio läuft” umreißen und die Songs, die ihnen gefallen, schnell bei iTunes kaufen. Diese Kapitulation ist womöglich die richtige Entscheidung, denn auf der anderen Seite sieht es noch schlimmer aus.

Wer aus verschiedensten Gründen weiterhin auf dem Laufenden bleiben will, verliert viel Geld und langsam auch den Verstand: Jede Woche erscheinen Dutzende neue Alben, die sich in “Neuer heißer Scheiß” und “Von denen kaufe ich jede Platte” gliedern. Bei ersterem ist man Dank Internet bestens informiert, so dass es das Einfachste der Welt ist, wöchentlich 200 neue Hype-Themen zu entdecken und womöglich auch zu kaufen. Hören kann das alles kein Mensch mehr, aber große CD-Sammlungen beeindrucken potentielle Sexualpartner immer noch mehr als eine MP3-Sammlung von mehreren hundert Gigabyte. Und die alten Helden? Natürlich ist es schön, wenn R.E.M., die Foo Fighters oder Moby neue Alben veröffentlichen, die auch noch gut sind. Aber muss man die noch hören? Und wenn ja: Wie oft? Selbst wenn da tolle Songs drauf sind (was zweifelsohne der Fall ist), hat man ja immer noch die alten Alben mit den alten tollen Songs im Regal, mit denen man eine gemeinsame Geschichte hat. Der Unterschied ist ein bisschen wie der zwischen den Arbeitskollegen, mit denen man mal ein Feierabendbier trinken geht, und den alten Freunden von früher.

Dann wollen wieder die neuen besten Freunde (Jack’s Mannequin, The Hold Steady, The Low Anthem) Aufmerksamkeit. Und die heißen Affären aus den Jahren dazwischen. Die Arctic Monkeys haben ein neues Album veröffentlicht? Entschuldigung, interessiert mich nicht. Die ganze Indie-Chause der mittleren Nuller Jahre ist mir inzwischen völlig egal, von Franz Ferdinand und Mando Diao will ich weder alte noch neue Alben hören. An deren Musik werden wir noch jahrelang tragen, weil immer noch in jedem Dorf gelockte 15-Jährige mit karierten Hemden, die eine Band gründen wollen, ihre Songs aus Achtelbeats, Schrammelgitarren und Partylyrik zusammenbauen. Alles okay, vieles gut, aber es kann doch nicht sein, dass Gitarrenmusik hier enden soll?!

Ungefähr an jedem zweiten Tag der vergangenen Wochen habe ich mir die Frage “Was hör ich denn jetzt mal?” mit “Belong” beantwortet, dem phantastischen zweiten Album von The Pains Of Being Pure At Heart. Daneben höre ich das weg, was sich eben so angesammelt hat im bisherigen Kalenderjahr, oder greife zu ausgewählten Lieblingen der vergangenen zwei Jahre, derer ich noch nicht überdrüssig bin. Ich käme ehrlich gesagt nie auf die Idee, “(What’s The Story?) Morning Glory?” von Oasis aufzulegen — ich weiß ja, dass das ein gutes Album ist, auch wenn bei mir langsam die Zweifel einsetzen, ob Oasis tatsächlich so gut und wichtig waren.

Jahreszeitlich bedingt laufen gerade wieder zwei Alben bei mir rauf und runter, die schon neun bzw. 13 Jahre alt sind: “Hi-Fi Serious” von A, eines meiner absoluten Lieblingsalben, bei dem ich bei jedem Hören erwäge, mir auf meine alten Tage doch noch ein Skateboard zu kaufen, und “Moon Safari” von Air, das womöglich beste Sommer-Entspannungsalben aller Zeiten. Beide Alben sind so gut und für ihre Funktion als Sommer-Soundtrack so perfekt, dass ich mich kaum bemühe, Nachfolger zu finden.

Und das wird immer mehr. Während ich noch damit beschäftigt bin, mich in das Frühwerk von Bruce Springsteen reinzuhören, mir Led Zeppelin zu erschließen und die wichtigsten Grand-Prix-Songs der letzten 55 Jahre drauf zu schaffen, werden Menschen erwachsen, die Nirvana nie als zeitgenössische Musik kennengelernt haben, sondern offiziell als Oldies. Menschen, denen das Konzept “Album” unbekannt ist, das die Popkultur von den 1960er Jahren bis hinein in die späten Nuller so geprägt hat.

Und dann stellt man wieder fest, dass Popkultur alt macht. Also: die intensive Beschäftigung damit. Eltern sehen ihre Kinder aufwachsen, Gärtner bekommen den Gang der Jahreszeiten zu spüren, aber als Popkulturfan entscheidet man sich bewusst dafür, Zeit anhand von Veröffentlichungsdaten von Musik, Filmen und TV-Serien wahrzunehmen. Die Summe des eigenen Lebens sammelt sich schön anschaulich in Regalen und sorgt bei jedem Umzug für größere Verstimmung. Und der Gedanke an eine Popband, die vor mehr als einer Dekade mal einen Mini-Hit hatte, löst Gedankengänge aus, denen man selbst nicht mehr folgen kann.

Deswegen Semisonic.

Suggestivfrage, Euer Ehren!

Von Lukas Heinser am Freitag, 3. Juni 2011 11:13
Kategorie: Social Distortion, Somebody Told Me

Eine Pressemitteilung der besonderen Art verdanken wir der Polizeidirektion Leipzig:

Ob das eine Frau war?

Ort: Zentrum, Brühl
Zeit: 20.05.2011, 20:00 Uhr – 21.05.2011, 09:15 Uhr

Viel zu tun hatte ein Einbrecher, um alle Sicherungseinrichtungen zu beseitigen. Zunächst hebelte er die Haustür, dann die Zwischentür und schließlich eine Gittertür auf, um in ein Schuhgeschäft zu gelangen. Hier wurde der Kassenbereich durchwühlt und aus der Registrierkasse Bargeld im dreistelligen Bereich entwendet. Schuhe waren dabei offenbar völlig uninteressant, was die Frage nach dem Geschlecht des Einbrechers nahe legt. Die Ermittlungen werden es hoffentlich bald zeigen. Die Kripo hat die Ermittlungen aufgenommen. (FiA)

Verfasserin ist interessanterweise eine Frau. Aber immerhin müsste die inzwischen ehemalige “Bild”-Gerichtsreportagepraktikantin Alice Schwarzer ja wieder genügend Zeit haben, sich darüber ausgiebig aufzuregen.

[via Day]

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