Beiträge vom Dezember, 2010

Swinging Christmas

Von Coffee And TV am Freitag, 24. Dezember 2010 11:49
Kategorie: My Shared Folder

Wir, die Autoren dieses kleinen Blogs, wünschen Ihnen, den Lesern desgleichen, ein frohes und friedliches Weihnachtsfest. (Zwischenruf Heinser: “Ich kann’s nicht fassen: Das wird die erste Weiße Weihnacht meines Lebens. Und ich bin 27!”)

Und falls Sie noch nicht wissen, was Sie über die Feiertage (“Fest der Liebe”) so machen sollen: Die Kollegen von “Switch Reloaded” haben da einen Tipp für Sie:

(Bitte beachten Sie auch die mithilfe aufwendiger Computertechnik wieder zum Leben erweckte Leni Riefenstahl in einer Gastrolle!)

Vielen Dank fürs Lesen!

Eigentlich sind sie als Punkband unterwegs

Von Lukas Heinser am Dienstag, 21. Dezember 2010 0:55
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Sie werden es vermutlich nicht mitbekommen haben und auch die speziellsten Special-Interest-Webseiten schweigen sich zu dem Thema aus, aber heute ist ein ganz besonderer Tag: Der erste öffentliche Auftritt der Band Zuchtschau jährt sich zum zehnten Mal.

Sie werden über diese Band nichts finden, denn damals war das Internet durchaus noch vergesslich, aber es ist ein guter Moment, aus dem Schatten der Anonymität heraus zu treten und zu sagen: Ich war Teil von Zuchtschau.

Die recht kurze und in weiten Teilen ereignislose Geschichte dieser Band begann im Januar 2000 auf dem Schulhof eines Dinslakener Gymnasiums. Matthias, ein langjähriger Schulfreund von mir, plante mit zwei Schülern aus der Stufe über uns, gemeinsam eine Band zu gründen. Nur ein Schlagzeuger fehlte ihnen noch. Da ich von meinem siebten bis zum dreizehnten Lebensjahr Schlagzeugunterricht bekommen hatte und man sowas ja bestimmt nicht verlernt, bot ich mich an. Am darauf folgenden Freitag fand die erste Probe im Keller des legendären ND-Jugendzentrums statt.

Ich wollte gerne eine Band gründen, die nach Ben Folds Five klang, aber danach sah es nicht aus: Wir hatten nicht nur keinen Pianisten, sondern auch keinen Basser. Matthias und Thomas würden Gitarre spielen, Sebastian singen. Unser Saxophonist (!) war nur bei wenigen Proben dabei. Auch vom Genre her musste ich Kompromisse eingehen, denn Thomas und Sebastian wollten eine Punkband gründen. Meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema beschränkten sich damals noch auf einige Songs der Toten Hosen und der Ärzte, die ich im Musikfernsehen gesehen hatte, aber das war mir egal: Hauptsache Musik machen, berühmt werden und Mädchen abgreifen.

Beim Bandnamen hatte ich ebenso wenig zu sagen: Er stand fest, seit Thomas und Sebastian im Vorjahr bei einer Teckel-Zuchtschau auf unserem Schulhof ein Hinweisschild mit dem Schriftzug “Zuchtschau” entwendet hatten, das seitdem Thomas’ Jugendzimmer schmückte.

Thomas brachte damals zu jeder Probe einen neuen Song mit, die wir alle recht schnell drauf hatten. Ich spielte immer den gleichen Beat, er spielte vier Akkorde, Matthias gniedelte irgendwas dazu und von Sebastian verstand man kaum was, weil er über einen schwachen kleinen Gitarrenverstärker sang. Was sich von der Herangehensweise schwer nach Punk anhört, klang im Ergebnis aber wie vier brave Söhne aus der Mittelschicht, die versuchen, Punk zu spielen.

Nach wenigen Wochen wechselten wir vom Jugendzentrum in den Keller meines Elternhauses, wo ich mich jetzt an meinem eigenen Schlagzeug verausgaben konnte. Stilecht wurden zu jeder Probe Doppelkekse und Eistee gereicht.

Zur Geburtstagsfeier meines Vaters kam es zum ersten Auftritt vor Publikum, den man wohlwollend als “avantgardistisch” bezeichnen könnte, musikwissenschaftlich präzise als “schlecht”. Alles dröhnte und schepperte, von Sebastians Stimme war so gut wie nichts zu hören. Unterdessen begann sich der drohende Abstieg der Band abzuzeichnen: Der Schlagzeuger (also ich) hatte sich selbst das Gitarrenspiel beigebracht und wollte nun eigene Songs beisteuern — das todsichere Ende jeder Band.

Von Dingen wie MySpace konnte man damals nur träumen: Mit einem einzigen Mikrofon nahmen wir das Geschepper im Proberaum am PC auf und überspielten es anschließend auf eine Musikkassette, die Thomas und Sebastian beim Besuch eines Wohlstandskinder-Konzerts der Band mitgeben wollten.

Einem Auftritt beim Nachbarschaftsfest sollte im August endlich der erste offizielle Auftritt folgen: Wir waren im Nachwuchsprogramm des traditionsreichen Stadtfests “DIN-Tage” vorgesehen. Das Konzert stand unter keinem guten Stern, denn zunächst mussten wir (um des Familienfriedens willen — sehr punk) auf unseren selbstgebastelten Backdrop verzichten, den unser Bandlogo zierte:

Logo der Band Zuchtschau

Mein Großvater hatte das Banner zufälligerweise zu Gesicht bekommen und fühlte sich beim Anblick unseres Dackels offenbar an eine Organisation erinnert, die nach seinen Aussagen “Tausend hinterrücks erschossen und in die Luft gesprengt” habe. Auf gar keinen Fall dürften wir damit in die Öffentlichkeit, sagte er, und wir müssten auch mal an die Karrieren unserer Eltern denken. Wir hätten aber gar kein weiteres Bettlaken bemalen müssen, da das Konzert wegen einer Unwetterwarnung sowieso abgesagt wurde. Das angekündigte Gewitter sollte Dinslaken freilich nie erreichen.

Im Dezember 2000 sollte dann aber wirklich der erste Auftritt stattfinden — beim traditionsreichen “School’s Out”, bei dem nun wirklich jede Dinslakener Band, die länger als ein paar Wochen existierte, irgendwann mal gespielt hat. Für das Konzert hatte sich das Kulturamt der Stadt etwas ganz besonderes einfallen lassen: Es sollte einen Sampler mit Songs von allen auftretenden Bands drauf geben. Die Bands, die – wie wir – keine ordentlichen Aufnahmen vorweisen konnten, bekamen einen halben Tag im Tonstudio spendiert. In Zeiten, wo angesichts leerer Kassen als erstes bei Kultur- und Jugendarbeit gespart wird, klingt diese Anekdote wie eine Geschichte aus einer längst vergangenen sozialdemokratischen Epoche, aber sie ist wirklich erst zehn Jahre her.

Mit einem Demo unseres Songs “Held im Traumland” fuhren wir in ein kleines Duisburger Studio und versuchten, das Lied irgendwie auf Band zu bannen. Schlagzeug und Rhythmusgitarre wurden gleichzeitig eingespielt (ohne Klickspur natürlich, das hätten wir nie hinbekommen), der Rest später drübergelegt. “Ihr wisst schon, dass Ihr im Refrain schneller werdet?”, fragte unser Produzent (kräftig gebaut, Kette rauchend und schnauzbärtig) besorgt und wir antworteten – leider wahrheitsgemäß – damit, dass das Absicht sei. Am Ende des Tages hatten wir tatsächlich einen fertigen Song, auf dem sogar ein Bass zu hören war — Matthias hatte noch eben eine sehr schlichte Bassspur eingespielt.

Das “School’s Out” kam und in Sachen Größenwahn konnte uns kaum jemand etwas vormachen: Wie die großen Rockbands, die wir aus dem Fernsehen kannten, hatten auch wir Computergeschriebene Setlisten, eigene Timetables (“Dinslaken, GER: Soundcheck 4pm, Doors 4.30pm, Dinner 5pm, Zuchtschau 5.45pm”) und eine schriftliche Drehgenehmigung für unseren Freund mitgebracht, der das Konzert auf Video 8 bannen sollte. Tatsächlich verfolgten einige Leute unseren Auftritt, sogar einige “Fans” waren angereist: dicke, picklige Jungen aus der Nachbarstadt, die noch uncooler waren als wir.

Wir bretterten durch unser Set, wobei ich im Rückblick annehmen muss, dass wir nicht für fünf Cent Pfennig gerockt haben. Bei unserem Song “Winke, Winke” (eine von Rammstein inspirierte Hymne auf die Teletubbies — I kid you not) zerschmetterte Sebastian das Kinderkeyboard, auf dem er das Intro gespielt hatte, vor den Augen verwirrter Security-Angestellter auf der Bühne. Am Ende waren wir so schnell gewesen, dass wir noch Zeit hatten, eine (weder geplante noch geprobte) Zugabe nachzuschießen.

Headliner (auch für so etwas gab es im Dinslaken des Jahres 2000 noch Geld) des School’s Out war die Magdeburger Band Scycs, deren Single “Radiostar” weiland ein kleiner Hit war. Die Musiker gingen auf unseren Vorschlag ein, gemeinsam mit allen Bands des Abends ein Weihnachtslied zu intonieren, doch der Versuch endete in einem riesigen Chaos, dessen Ausmaße ich womöglich noch irgendwo auf Video habe.

Im Jahr 2001 spielten wir bei einem Bandwettbewerb in Moers unseren einzigen Auftritt außerhalb Dinslakens, außerdem bei einem Aktionstag gegen Rechts, beim einzigen Dinslakener Entenrennen, beim hundertsten Geburtstag unserer Schule und tatsächlich (ganz ohne Backdrop) bei den DIN-Tagen.

An einem Freitag im November verließen Matthias und ich die Band. Sebastian hatte sich wenige Stunden zuvor einen Bass gekauft.

Doch wie klang diese Band, der es so ergangen ist wie Tausenden Nachwuchs-Spinal-Taps vor und nach ihnen? Ungefähr so:

Die Überschrift dieses Eintrags ist bei Tommy Finke geklaut.

Leser fragen, Heinser antworten (1)

Von Lukas Heinser am Freitag, 17. Dezember 2010 20:19
Kategorie: Rock'n'Roll High School, TV On The Radio

Leserin Katharina S. aus K. fragt: “Unheilig. Was ist das für Musik, wer hört das?”

Lukas Heinser antwortet: Viele Menschen, die sich sonst nicht für Musik interessieren

Und: Elmar Theveßen, Stellvertretender Chefredakteur und Terrorismusexperte des ZDF:

Was hat ihn am meisten beschäftigt, beeindruckt, betroffen gemacht?

“Zwischen all dem Leid in diesem Jahr haben die Bilder von der Rettung der Bergleute in Chile so unendlich gut getan. Dazu noch der Song ‘Geboren, um zu leben’. Genau darum geht es doch eigentlich bei allem, auch wenn wir das manchmal vergessen”, so Theveßen.

[Quelle: Pressenewsletter des ZDF.]

Vandalen auf der Durchreise

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 16. Dezember 2010 17:12
Kategorie: Auf Achse, Somebody Told Me

Gerade im Regionalexpress die vielleicht beste Durchsage ever gehört:

Verehrte Fahrgäste, wir wissen selbst, dass das heute alles etwas bescheiden ist, aber leider hatten wir heute auf dem Weg von Aachen nach Hamm eine Schulklasse im Wagen 3, die die Sitze aufgeschlitzt und mit Flüssigkeit übergossen hat. Wir musste den Wagen deswegen leider abschließen.

Der Rest der Durchsage ging im Gelächter der Fahrgäste unter.

Foto: Fritz Fischer

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 15. Dezember 2010 15:07
Kategorie: Digital Ist Besser

Da ist den Machern von tagesschau.de aber eine besonders gelungene Kombination von leicht windschiefer Überschrift und passendem Symbolfoto gelungen:

EU senkt Fangquoten für Nordsee: Kabeljau kann aufatmen

Entdeckt von NaturalBornKieler.

2010 — Der Jahresrückblick (Teil 2)

Von Lukas Heinser am Samstag, 11. Dezember 2010 1:42
Kategorie: My Shared Folder

In der zweiten Folge unseres Jahresrückblicks sprechen Herr Finke, Herr Redelings und ich über Musik, Fußball und Politik, sowie über andere Katastrophen:

Und Normal gibt’s nicht mal mehr an der Tankstelle

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 8. Dezember 2010 16:43
Kategorie: Digital Ist Besser, Social Distortion

Liebe Autoren, Ihr könnt die Arbeit einstellen: Das Rennen um den dümmsten Text des Jahres ist entschieden. David Baum hat ihn vergangene Woche auf “The European” veröffentlicht, einem konservativen Internetmagazin, dessen erklärtes Ziel es ist, innerhalb der nächsten Jahre so wichtig zu werden, wie es sich selbst seit dem ersten Tag nimmt.

In welche Richtung es gehen wird, erkennt man schon an der Frage, die Baum seiner “Kolumne” vorangestellt hat: “Wie abartig ist eigentlich normal?”. Die Überschrift zeigt, dass hier einer die Kontroverse, die Provokation, das Brodern sucht: “Liebe NegerInnen”.

Doch was will Baum eigentlich sagen?

HÖREN SIE – sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren “und alle, die sich nicht mit diesen Kategorien identifizieren können oder wollen”: Ich komme mir manchmal vor wie Ronald Reagan, der versehentlich an den Nacktbadestrand des Woodstock-Festivals geraten ist.
Zum Beispiel, wenn ich diese inzwischen heiß umfehdete Rede des Chefs der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, lese, die er tatsächlich mit genau jener eben zitierten Anrede eingeleitet hat. Das erinnert mich an die hinreißend idiotische Afrikarede von Heinrich Lübke, bloß dass der zum Karnevalistischen neigende Bundespräsident heute nicht nur über die böse rassistische Formel stürzen würde, sondern auch noch, weil er nicht “liebe NegerInnen” gesagt hat.

Zugegeben: Das ist schon sehr viel zerschmetterter Satzbau und sehr viel Unfug für einen einzelnen Absatz. Aber wir kommen da durch. Zunächst also mal das Offensichtliche: In White Lake, NY gab es nach allem, was wir wissen, keinen Strand — also auch keinen “Nacktbadestrand des Woodstock-Festivals”. Was sollte man da auch schon sehen außer Schlamm?

Aber vielleicht ist das auch witzig gemeint. So wie die Anrede “liebe Neger”, die sehr wahrscheinlich frei erfunden ist und die Baum mit der Anrede in Thomas Krügers Rede beim Kongress “Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie.” vergleicht wie andere Leute Äpfel mit Schraubenziehern: “Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger” klingt für unsere Ohren, als ob es neben den Damen und Herren auch noch die “Neger” gebe, die (ähnlich wie bei “liebe Kinder”) von den Damen und Herren abgegrenzt werden müssen, weil sie nicht dazugehören. Beim Kongress der Bundeszentrale für politische Bildung hingegen werden auch die Menschen adressiert, die sich selbst weder den Damen, noch den Herren zurechnen können oder wollen. Die dritte Kategorie versucht also eine Abgrenzung aufzuheben, nicht eine herzustellen.

Wie bei jedem ordentlichen Polemiker, der sich völlig in der Lebenswirklichkeit verfahren hat, ist man auch bei David Baum gut beraten, ihn zwecks Demontage ausgiebig zu zitieren:

Herr Krüger, der Mann, der samt Ehegattin und seinem ganzen Klüngel vom Staat gesponsert wird, “um interessierte Bürgerinnen und Bürger dabei zu unterstützen, sich mit Politik zu befassen”, doziert allzu gern über das Thema “Das flexible Geschlecht”. Er vertritt also jene launige These – die zur Folklore der heimischen Linksextremen gehört –, dass kein Mensch als Junge oder Mädchen geboren wird und deshalb die Kinderlein geschlechtsneutral aufwachsen sollen, um sich schließlich frei entscheiden zu können. Der Verweis auf gewachsene Geschlechtsorgane gilt in diesen Kreisen als lächerlicher Volksglaube aus der finsteren Vormoderne, denken sie erst gar nicht daran. Ich weiß nicht, was diese Kamarilla in den 70ern geraucht hat, jedenfalls macht es bis heute so high, dass sie die Unterscheidung von Mädchen und Jungen für eine zutiefst reaktionäre und rechtsradikale Angelegenheit hält.

Mal davon ab, dass es in Krügers Rede nur am Rande um jene “launige These” und gar nicht um Geschlechtsorgane und Geschlechtsneutralität geht, offenbart sich in diesem Absatz auch wieder ein erschütternd schlichtes Weltbild: Mann oder Frau, schwarz oder weiß, dafür oder dagegen. Wenn Andersdenkende für David Baum “Linksextreme” sind, müsste er in seiner eigenen bipolaren Welt ja eigentlich ein Rechtsradikaler sein. Das hat er natürlich selbst schon ausformuliert und womöglich witzig gemeint.

Aber ganz so einfach, wie es Baum gerne hätte mit Pimmel und Mumu, macht es ihm die Natur schon nicht. Hinzu kommt, dass er – wie so viele Andere an beiden Enden des politischen Spektrums – ausschließlich innerhalb bestehender Kategorien denken will.

Dazu ein kurzer Exkurs: Das Volk der Setswana in Afrika kennt nur wenige Farb-Grundwörter (im Prinzip nur schwarz, weiß, rot, und blau/grün, aber kein Wort für gelb, braun, orange, oder ähnliches), die Dani in Papua-Neuguinea haben (wie andere Sprachgemeinschaften auch) überhaupt nur zwei Farbwörter, die in etwa “hell” und “dunkel” bedeuten. Sie hätten bei der Beschreibung eines Regenbogens sicher einige Schwierigkeiten, aber der Regenbogen bliebe (für unsere Augen) der gleiche. Die Geschichte, nach der Eskimos hundert verschiedene Worte für Schnee hätten, ist zwar ungefähr genauso falsch wie Heinrich Lübkes berüchtigtes Zitat, aber die Idee dahinter ist ja einfach, dass man alles noch mal ausdifferenzieren kann.

Aber das ist natürlich nicht so geil krawallig wie die Formulierung “an den Schamhaaren herbei Gezogenes” oder der Ruf nach dem Verfassungsschutz, um den “besonderen Schutz” der Ehe und der Familie im Grundgesetz zu gewährleisten.

Und überhaupt:

Normalität gibt es ja nicht, wie der Mensch von morgen jetzt schon weiß.

Womöglich denkt Baum einfach nur vom falschen Ende aus, denn es geht in der Debatte ja gerade darum, Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, usw. usf. nicht mehr als Exoten wahrzunehmen, die wahlweise lustig oder krank sind, sondern als normal.

Für Baum eine offenbar unerträgliche Vorstellung:

Das Ziel einer gesunden Gesellschaft sollte sein, Minderheiten zu schützen und ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen. Aber jede Laune der Natur zum allgemeinen Leitbild zu erheben sicher nicht. Sie geht nämlich daran kaputt.

Das ist genau die Logik der Leute, die wollen, dass Muslime ihre Moscheen in irgendwelchen Hinterhöfen und Industriegebieten errichten, und die dann hinterher darüber schimpfen, wie schlecht “integriert” diese Menschen in einer Gesellschaft seien, die sie selbst an den Rand gedrängt hat. Schwul ja, aber bitte nicht der eigene Sohn, nicht öffentlich und nicht mit den gleichen Rechten wie Hetero-Paare. Dekorative Andersartige in einer sonst uniformierten Gesellschaft. Aber immer betonen, dass man doch eigentlich (“Jedem Tierchen sein Pläsierchen”) tolerant sei — was natürlich im Zweifelsfall auch wieder ironisch gemeint sein könnte.

All diese Ausbrüche Baums haben wenig bis gar nichts mit der Rede Thomas Krügers zu tun. Er will nichts “zum allgemeinen Leitbild erheben”, er will vielmehr bestehende Leitbilder abbauen:

Um Gerechtigkeit und einen Austausch auf Augenhöhe zu erreichen, kann die eigene Position, die eigene Erfahrung, der eigene Körper und die eigene Sexualität nicht länger zur Norm erklärt werden, von der alle anderen Versionen als minderwertige Abweichungen gelten, die es allenfalls zu tolerieren gilt.

Baum reißt einzelne Schlagworte aus dem Kontext der (zugegebenermaßen nicht ganz kurzen) Rede und erweckt so den Eindruck, Krüger und die Bundeszentrale wollten Sodom und Gomorrha als gesellschaftliches Ideal (oder gleich als Zwang) etablieren. Dabei geht es um ganz konkrete Lebenswirklichkeiten und Ungerechtigkeiten in ganz durchschnittlichen heterosexuellen Partnerschaften, wenn Krüger etwa die “klassische Ernährer-Ehe, an der sich immer noch steuerliche Privilegien festmachen” kritisiert.

Aber das ist wohl alles zu viel für einen Mann wie David Baum, der die Grenze dessen, was nicht mehr “normal” ist, unmittelbar hinter sich zieht.

2010 — Der Jahresrückblick (Teil 1)

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 2. Dezember 2010 12:00
Kategorie: My Shared Folder

Das Jahr 2010 ist zwar gerade erst zu elf Zwölfteln vorbei, aber die Jahresrückblicke gehören zur Adventszeit wie Spekulatius und Lebkuchen. Da wollen auch wir nicht länger warten und gehen – als Erste – in die Vollen:

Tommy Finke, Ben Redelings und ich blicken zurück auf die Fußball-WM, den Sieg Lena Meyer-Landruts beim Eurovision Song Contest, das Kulturhauptstadt-Jahr und vieles mehr. Nur hier, im Internet!

Programmhinweis: Tacheles

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 1. Dezember 2010 11:06
Kategorie: TV On The Radio

Die früheren Kollegen von CT das radio haben neue Redaktionsräume (inkl. hochmodernem Newsroom) bezogen und haben trotz kleiner technischer Schwierigkeiten sehr ernsthaft vor, heute Nachmittag wieder live auf Sendung zu gehen.

Aus irgendwelchen Gründen hielten sie es für eine gute Idee, mich an diesem Tage einzuladen und so werde ich heute ab 20 Uhr in der Sendung “Tacheles” zu Gast sein und über BILDblog, Medien und Bochum (oder so ähnlich) reden. Mit etwas Glück wird man uns außerhalb des Studios auch hören können — zum Beispiel per Webstream.

Tacheles
am Mittwoch, den 1. Dezember 2010
um 20 Uhr
auf CT das radio