Beiträge vom November, 2010

Bevor es zu spät ist

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 24. November 2010 11:30
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Nachdem ich in den vergangenen Jahren die besten Alben (Bon Iver, The Gaslight Anthem; Mumford & Sons, Emmy The Great, Biffy Clyro) jeweils erst nach Silvester entdeckt habe, dachte ich mir, dass es dieses Jahr anders werden muss: Ich bitte also jetzt schon um Hinweise, was ich eventuell übersehen haben könnte.

Bisher ganz oben auf meiner Shortlist für die besten Alben 2010 stehen:

  • Erdmöbel – Krokus
  • The National – High Violet
  • Delphic – Acolyte
  • Jónsi – Go

Warum Erwachsene immer beim Versteckspiel verlieren

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 18. November 2010 15:00
Kategorie: Digital Ist Besser, Social Distortion

Seit heute also sind 20 deutsche Städte endlich bei Google Street View online — oder das, was von ihnen übrige geblieben ist, nachdem mehr als 244.000 Haushalte (von 40,2 Millionen) Widerspruch gegen das Abfotografieren ihrer Fassade von einer öffentlichen Straße aus eingelegt haben. Anatol Stefanowitsch hat im Sprachlog eigentlich schon alles gesagt, was es zu den “eingetrübten Vier- und Vielecke, die einem alle paar Schritte die Sicht versperren” zu sagen gibt.

Auch das Haus, in dem ich seit Januar wohne, ist verpixelt und das ist wenigstens ein netter Grund, mal wieder mit allen Nachbarn ins Gespräch zu kommen, um “Cluedo”-mäßig herauszufinden, wer auf diese Idee gekommen ist.

Doch damit nicht genug: Auch auf das Studentenwohnheim, in dem ich zuvor sechs Jahre lang gewohnt habe, muss ich auf meinem virtuellen Rundgang durch Bochum (bzw. durch das Bochum von vor zwei Jahren) verzichten:

Wohnheim Girondelle 6 (verpixelt bei Google Street View)

Dabei wären so ein paar Fotos wohl kaum so detailliert gewesen wie die Informationen, die das Studentenwerk so liefert:

Wohnheim Girondelle 6 (als Modell bei Google Earth)

Tief im Western mit der “Aktuellen Stunde”

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 17. November 2010 1:01
Kategorie: TV On The Radio

Es gibt im deutschen Fernsehen vermutlich kaum eine Nachrichtensendung, die so perfekt ist wie die “Aktuelle Stunde” im WDR Fernsehen. Die Doppelmoderationen, deren Nachahmung sich als Partyspiel empfiehlt, sind akurat vorbereitet und werden routiniert abgespult. Keine Hebung der Augenbraue, kein Schulterzucken ist Zufall, alles ist geplant. Selbst im Angesicht von Katastrophen wie bei der Love Parade stehen diese Moderationsroboter Seit an Seit und improvisieren scheinbar von einem internen Teleprompter ab.

Doch die Sendung, die ich als Kind mit Begeisterung schaute und die zu moderieren damals mein größter Traum war, hat – ebenso wie das andere einstige Informationsflaggschiff des Westdeutschen Rundfunks, das “Mittagsmagazin” auf WDR 2 – die Jahrzehnte nicht unbeschadet überstanden: Die Beiträge könnten auch aus jedem x-beliebigen Boulevard-Magazin (privat wie öffentlich-rechtlich) stammen. Wenn man sich einmal klar geworden ist, wie albern es ist, einen Text im Wechsel von zwei Personen sprechen zu lassen, sind die Doppelmoderationen nicht mehr ernst zu nehmen — doch bei genauer Betrachtung reden die Moderatoren sowieso häufig groben Unfug.

Aus verschiedenen Gründen, von denen mir einige selbst schleierhaft sind, habe ich am Montag mal wieder die “Aktuelle Stunde” gesehen. Die Sendung wird irritierenderweise seit zweieinhalb Jahren von Thomas Bug moderiert, der sich vorher viele Jahre Mühe gegeben hatte, auf keinen Fall seriös zu wirken, und nun das Gegenteil versucht.

Nachdem diverse Flüsse über diverse Ufer getreten sind und diverse Keller und Gärten überflutet haben, ist es Zeit für die große weite Welt der Formel 1 und deren neuen Weltmeister Sebastian Vettel, der “leider nicht aus Kerpen” kommt. Und das ist natürlich ein Alptraum für so einen Sender, der sich auf Nordrhein-Westfalen konzentriert: Ein Star, der aus Hessen stammt.

“Die Deutschen freuen sich im Allgemeinen”, erklärt Susanne Wieseler, um die entscheidende Frage hinzuzufügen: “Aber was macht das mit den Kerpenern im Besonderen?”

Es passiert, was zu befürchten war: Das Team der “Aktuellen Stunde” war vor Ort und hat es sich angeguckt:

Stacheldraht in Kerpen.

Todesstreifen! Über eine melancholische Slide Guitar schwadroniert der Off-Sprecher: “Was wurde hier gejubelt? Jetzt läuft die Feier anderswo.” Aber statt eines Steppenläufers, der passend zur Musik durchs Bild geweht wird, folgt ein harter Schnitt auf jubelnde Heppenheimer (nicht zu Verwechseln mit Pappenheimern, die gibt’s bei Schiller), dann wieder das nicht gerade blühende Leben in Kerpen:

Das blühende Leben in Kerpen.

(Dass der Reporter ausgerechnet bei diesem zarten Pflänzlein erklärt, Kerpen sei mal “die Formel-1-Stadt” gewesen, ist angesichts dieses wenig umweltfreundlichen Sports eine schöne Wort-Bild-Schere, aber im Kontext des Beitrags noch völlig harmlos.)

Während abermals die Slide Guitar losslidet, wechselt das Kamerateam in die Gaststätte “Altkerpen” und befragt zwei Frauen mit pfiffigen Brillengestellen:

Keck bebrillte Kerpenerinnen sprechen in WDR-Mikrofone.

“Wie Fastelovend” sei es gewesen, als Michael Schumacher damals gewonnen habe — und im Rheinland ist das wohl positiv besetzt. Doch jetzt ist alles anders, sollen uns die Bilder des Gläser spülenden Wirts (es ist Montagnachmittag, draußen ist es noch hell) und die schon wieder heranslidende Slide Guitar sagen.

Und der Off-Sprecher natürlich: “Und jetzt: Wieder ist ein Deutscher Weltmeister. Aber kein Kerpener. Und? Neidisch?”

“Nein!”, rufen da die Frauen, “im Gegenteil!”, und das wäre ungefähr der Punkt gewesen, an dem ich als Redaktionsleiter gesagt hätte: “Nee, tut mir leid, Jungs. Mit dem Aufhänger funktioniert die Geschichte überhaupt nicht. Könnt Ihr es nicht noch mal irgendwie anders versuchen?”

Zaun an der Kerpener Kartbahn (Ruhetag).

Sebastian Vettel, nein: “Der Sebastian Vettel” sei ja “immerhin” schon mal in Kerpen gewesen, erzählt der Sprecher: “Ein paar Runden” habe er auf der Kartbahn gedreht — da sei was los gewesen. Aber heute? “Aber heute? Ist Ruhetag auf der Kartbahn”, heißt es in dieser völlig widernatürlichen Kommentarsprache aus dem Off und für einen Moment könnte man glauben, der Ruhetag habe irgendwas mit Sebastian Vettel und dem immensen Imageverlust zu tun, den Kerpen am Sonntag erlitten hat.

Jetzt aber schnell zurück in die Innenstadt und zu der verdammten Slide Guitar:

Straße in Kerpen (fast menschenleer).

“Heute war irgendwie Ruhetag in ganz Kerpen”, sagt der Mann und man begreift langsam, welche Leistung Autoren und Schauspieler bei “Switch Reloaded” vollbringen müssen, um diesen ganzen Irrsinn, der da im deutschen Fernsehen völlig ernst gemeint wird, überhaupt noch satirisch zu überhöhen.

Allein die nächsten Sätze sind derart inkohärent, dass ein “Brat fettlos mit Salamo Ohne” zwischendrin auch nicht mehr groß auffallen würde: “Weltmeisterstadt, das ist sechs Jahre her. Und irgendwie ist das auch völlig okay so. Zumindest für manche Kerpener.”

“Warum soll ich denn neidisch sein?”, fragt ein milde fassungsloser Kioskbesitzer, um dann mit einem unglücklich gewählten Vergleich dem Reporter neue Munition zu liefern: Ob Hamburg denn neidisch sei, wenn Bayern Meister …

“Oooooh!”, wehrt der Reporter da ab und wir wollen mal ganz vergessen, dass Vettel gerade nicht deutscher Meister geworden ist, sondern Weltmeister. Ein Passant darf sagen, dass er “Hypes um Autofahrer” nicht so gut findet, und es erscheint inzwischen beinahe logisch, wenn der Off-Sprecher daran anschließt: “Keine Sorge: Dass der Schumi-Hype zurückkehrt ins ‘Altkerpen’, das ist unwahrscheinlich. Obwohl: Die Damen sind sich da noch nicht so ganz einig.”

Eines bleibe den Kerpenern aber, erklärt der Mann mit der Märchenonkel-Stimme: “Sie wurden sieben Mal Weltmeister, Heppenheim durfte erst einmal jubeln.”

An dieser Stelle endet der Beitrag. Immerhin ohne einen weiteren Einsatz der verfickten Slide Guitar.

Im Mitschnitt der Sendung in der WDR-Mediathek fehlt der Beitrag.

Und dann kam Polli

Von Lukas Heinser am Freitag, 12. November 2010 19:56
Kategorie: My Shared Folder, Rock'n'Roll High School

Vor vielen Jahren schrieb ich in einer der Rezensionen, die ich damals in Fließbandarbeit für ein Online-Musikmagazin anfertigte, über das völlig okaye Debütalbum von Jona Steinbach den folgenden, weder klugen noch schönen Satz:

Vielleicht schafft man es irgendwann, eine CD mal nicht als Manifest einer gescheiterten Generation, sondern einfach nur als Tonträger zu begreifen.

Als ein gutes Jahr später das Zweitwerk des Kölners erschien, stand auf der dazugehörigen Presseinfo das folgende, angebliche Zitat:

Das Manifest einer gescheiterten Generation.

Spätestens da wusste ich: Diese, auch “Waschzettel” genannten, Presseinfos sind das Schlimmste, was das Musikbusiness zu bieten hat. (Und das Musikbusiness hat immerhin Prof. Dieter Gorny zu bieten.)

Selbst Sätze, die einem unter normalen Umständen nicht weiter auffallen würden, wirken in Presseinfos dumm und gestelzt. Und dann gibt es ja noch die ganze Klischee-Grütze von wegen “in keine Schublade passen”, “reifer geworden” und “ihr bisher bestes Album”. Wenn man Glück hat (ja, wirklich: Glück) steht da wenigstens noch eine Latte von Künstlern, die angeblich so ähnlich klingen, und man kann schon vor dem Hören abschätzen, ob man sich das jetzt wirklich antun will.

Wenn ich selbst Pressetexte verfassen sollte (zum Beispiel, damit Dinslakener Lokalredaktionen ausführliche Ankündigungen von Konzerten abdrucken konnten, in die sie keine Sekunde eigener Arbeit investieren mussten), dann ging das nur mit sehr viel Überwindung und unter Selbsthass und Schmerzen.

Dennoch überwinde ich mich etwa einmal im Jahr und hacke eine Presseinfo in die Tasten — wenn man anschließend eine halbe Stunde heiß duscht, geht’s meistens wieder. Die zu lobpreisenden Künstler müssen aber a) Freunde von mir sein und b) Musik machen, die mir wirklich, wirklich gefällt. Beides war im Fall von Polyana Felbel gegeben und so schrieb ich die Presseinfo, um alle Presseinfos zu beenden.

Polyana Felbel, das sind Polyana Felbel und Taka Chanaiwa aus Köln (“einer Stadt, die man nicht gerade mit den Weiten des nordamerikanischen Kontinents oder den Wäldern Skandinaviens verbindet”, wie es in der Presseinfo faktisch einigermaßen korrekt heißt) und gestern haben sie dort ihr erstes offizielles Konzert gespielt. Rund 50 Menschen hatten sich im Theater der “Wohngemeinschaft” (ein etwas bemüht im urbanen Retro-Chic gehaltenes Etwas mit Kneipe, Hostel und Bühne) versammelt und den Raum damit auf muckelige 30° Celsius aufgeheizt. Einige kamen gar verkleidet, was sich allerdings mit der Rheinländern offenbar innewohnenden, ansonsten aber völlig unverständlichen Affinität zu Schnapszahl-Daten erklären lässt.

Das Vorprogramm bestritt ein aufstrebender Singer/Songwriter und Zollbeamten-Bespaßer aus Bochum, dann ging es richtig los: Polli und Taka eröffneten mit einem Cover von Coldplays “Green Eyes” und es dauerte ungefähr zehn Sekunden, bis sich Gänsehaut und Sprachlosigkeit Raum brachen. Mit jedem weiteren Stück – neben einigen Eigenen auch Neuinterpretationen von “The Blower’s Daughter” (Damien Rice), “Use Somebody” (Kings Of Leon) und “Kids” (MGMT) – wuchs die Begeisterung und am Ende des Abends war ein Jeder, ob Männlein oder Weiblein, ein bisschen in Polli verliebt.

Das ist aber auch tolle Musik, dieser Folk, den die beiden da machen: Einerseits filigran wie ein letztes, vertrocknetes Blatt im Herbstwind, andererseits mit einer ungeheuren Kraft und Stimmgewalt vorgetragen. Vergleiche mit Kathleen Edwards, Lori McKenna oder Hem klopfen an und müssen nicht gescheut werden (um eine in der Presseinfo unbenutzte Phrase doch noch zu verbraten). Es ist einfach toll zu sehen, wie zwei junge Menschen mit Spaß und Ernsthaftigkeit Musik machen und damit einen voll gepackten Raum zum Schweigen und Schwelgen bringen.

Für die nun dräuenden dunklen Abende seien Ihnen Polyana Felbel daher schwerstens ans Herz gelegt. Hörproben gibt es auf einer obskuren kleinen Internetseite namens MySpace und hier:

Kai aus der richtig neuen, scharfen Kiste

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 4. November 2010 15:04
Kategorie: Digital Ist Besser

Das Interview des Jahres ist gestern weitgehend unbemerkt auf n-tv.de veröffentlicht worden. Befragt wurde nicht Angela Merkel, Barack Obama oder Robbie Williams, sondern Roland Stark, 63 Jahre alt und Besitzer eines Autos, das direkt am Rand des Schmalkaldener Kraters steht.

Schon die Eröffnungsfrage ist eine Meisterleistung des investigativen Journalismus:

n-tv.de: Scheiß Gefühl, oder?

Der Reporter, das merkt man gleich, sitzt nicht auf irgendeinem hohen Ross. Er ist down with the people und auch die Redaktion mag an seiner Wortwahl hinterher nichts mehr ändern:

Haben Sie Angst, dass die Kiste noch verschwindet oder glauben Sie, dass das für Sie noch glimpflich abläuft?

Damit der Leser ganz genau weiß, um welche “Kiste” es hier geht, und ob sich Herr Stark zu Recht Sorgen macht, hakt der Interviewer nach:

Was ist denn das eigentlich für ein Auto. Durch das Tor, das halb davorhängt, kann man das gar nicht gut erkennen.

Na, ein A3. Ein A3 Sportback.

Baujahr?

Anderthalb Jahre alt.

Oh, eine richtig neue, scharfe Kiste.

Stark erklärt, dass er eine Kaskoversicherung habe (“Ist ja ein Leasingfahrzeug.”), mit dem Firmenwagen zur Arbeit fahre und auch schon wieder in die Wohnung rein durfte.

Aber was dann? Der Reporter hat eine Idee:

Jetzt gibt man sich ja sehr viel Mühe, das Erdloch schnell zu verfüllen. Was machen Sie dann, wenn das Auto noch in der Garage steht. Reparieren lassen und bei ebay versteigern. Motto: “Das Auto vom Kraterrand”?

Naja, ich hoffe, dass ich ein neues kriege, wie gesagt.

Wenn der A3 nicht mehr abrutscht, wird das bestimmt schwierig. Wir wünschen Ihnen dann mal so oder so das Beste.

Und bevor Sie sich fragen, ob es nicht unverantwortlich wäre, autobegeisterte Schülerpraktikanten an den Rand dieses Riesenkraters zu schicken: Das Gespräch führte Tilman Aretz, Geschäftsführer der “Nachrichtenmanufaktur”, die den kompletten Internetauftritt von n-tv.de betreut.

Eingesandt von Martin R.

Verwertungskreislauf einer Werbemeldung

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 3. November 2010 14:52
Kategorie: Living In A Magazine

Wenn Til Schweiger, Schauspieler, Regisseur und Werbegesicht der Firma Braun, ein Interview führt, das sich nahezu ausschließlich um Körperbehaarung dreht, ist es naheliegend, dass die Zeitschrift “Gala” dieses Gespräch gleich mit einem Braun-Rasierer bebildert.

Auf den ersten Blick nicht ganz so naheliegend ist, dass auch “Spiegel Online”, abendblatt.de oder “Focus Online” aufschreiben müssen, dass sich der Coverboy der deutschen Erstausgabe von “Vanity Fair” die Brusthaare “mit einem Rasierer” entferne.

Nach ein paar Wochen ist die Geschichte jetzt allerdings wieder – hinter “Wurst-Meisterwerken” und “Getränke-Vielfalt” – in ihrem natürlichen Lebensraum angekommen: