In Sachen Facebook

Von Lukas Heinser am Freitag, 9. Juli 2010 14:28
Kategorie: Digital Ist Besser

Bob Dylan hat viele entscheidende Fragen gestellt: Wie viele Straßen muss ein Mann entlanggehen, bis man ihn einen Mann heißen darf? Wie viele Meere muss eine weiße Taube überfliegen, bevor sie im Sand schläft? Wie lang kann ein Berg existieren, bis er ins Meer erodiert ist? Und auch, wenn die Antwort eh irgendwo im Wind weht, fehlt eine entscheidende Frage (die 1963 freilich schwer progressiv bis völlig unverständlich gewesen wäre): Wie oft muss man eine Freundschaftsanfrage bei Facebook ablehnen, bevor der Anfragende endlich versteht?

Facebook ist vermutlich jetzt schon das wichtigste Ding seit Erfindung des World Wide Web. Es ersetzt das eigene Telefonbuch (oder übernimmt es einfach), ist Kontaktverzeichnis und -börse zugleich, darüber hinaus Raucherecke, Spielplatz, Veranstaltungskalender und was nicht noch alles. Außerdem hat es eine besorgniserregende Macht und – wie jedes ordentliche Computerunternehmen – einen nicht weniger besorgniserregenden Chef. (David Fincher hat gerade einen Film über Mark Zuckerberg gedreht — das macht er sonst nur bei Serienmördern, Psychopathen und Menschen, die immer jünger werden.)

Nichtsdestotrotz ist Facebook auch ein wichtiger Bestandteil meines Leben, wobei man nie vergessen darf, dass es nicht das Leben ist (zur Unterscheidung: Facebook ist das, wo man sich ein paar Stunden Zeit lassen kann, um schlagfertig zu sein). Und während manche Leute das alte MySpace-Prinzip (für die Jüngeren: MySpace war 2006 halb so wichtig wie Facebook heute) weiterverfolgen, das eigentlich ein Panini- oder Pokemon-Prinzip ist und “Krieg’ sie alle!” lautet, dürften die Meisten Facebook doch eher als die Summe aller bisher angehäuften Freundeskreise nutzen, angereichert um einige lose Bekannte und Verwandte und um Leute, die einem noch mal wichtig sein könnten.

Ich achte ziemlich genau darauf, wen ich bei Facebook als “Freund” hinzufüge, und auch wenn ich mich wohl von meinem Plan verabschieden muss, nie mehr als 222 Kontakte zu haben, ist es doch ein einigermaßen elitärer Haufen. Alle paar Monate gehe ich mit der Heckenschere durch meine Kontaktliste und entrümpel sie von Karteileichen und Leuten, die schlichtweg – Verzeihung! – nerven. Ich halte es nur für höflich, bei Freundschaftsanfragen, die nicht völlig offensichtlich sind (“Luke, ich bin Dein Vater!”), kurz hinzuzufügen, woher man sich kennen könnte bzw. sollte. Menschen, die mit einem ähnlich selektiven Namens- und Gesichtsgedächtnis geschlagen sind wie ich, freuen sich über derlei Hinweise. Andererseits gilt es auch zu akzeptieren, wenn eine Freundschaftsanfrage ignoriert oder abschlägig beschieden wird — womit wir wieder bei Bob Dylan wären. Selbst die Funktion “I don’t even know this person” scheint nicht zu verhindern, Minuten später schon wieder von den gleichen Massenbefreundern angefragt zu werden, deren Verhältnis zu einem selbst sich auch nach minutenlangem Googeln nicht erschließt.

Und dann ist da noch etwas: What happens in Facebook stays in Facebook.

Menschen, die via Twitter eine nicht näher definierte Zielgruppe über Abendplanung, Arbeitgeber und Unterleibsbeschwerden informieren, mögen es unverständlich finden, aber bei Facebook spreche ich zu einem klar umrissenen Publikum — für uneingeschränkt öffentliche Verlautbarungen habe ich ja immer noch dieses Blog. In meinem Facebook-Account wird sich nichts finden, was streng privat oder gar intim ist, aber es handelt sich dabei dennoch um classified information. Das ist ein Vertrauensvorschuss an meine Facebook-Kontakte und wer mein Vertrauen missbraucht, wird hart bestraft. (Na ja: So hart, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Ich hab ja auch keine Lust, mich vor dem UNO-Tribunal zu verantworten.)

Gab’s sonst noch was? Ach ja: Bitte denken Sie ein paar Sekunden nach, bevor Sie mich zu irgendwelchen Veranstaltungen oder in irgendwelche Gruppen einladen wollen.

PS: Die Deutschlandfähnchen auf den Benutzerbildern könnten dann auch mal langsam weg. Es ist vorbei!

21 Kommentare

  1. 1

    Wie eben schon auf Facebook gesagt, es liegt wohl an unzureichenden Konzept Facebooks, Deine Ablehnung dem Anfragenden zu kommunizieren. Auf Twitter beispielsweise kann Dich der selbe Nutzer (mit der selben ID) nur einmal Anfragen. Wenn Du ihn geblockt hast (was auch das viel bessere Wort ist als “Ablehnen” oder “Ignorieren”, was ja auch nicht der Fall zu sein scheint) bist Du ihn los. Und die Schwelle, es mit einem weiteren Account zu probieren ist wesentlich höher.

    Jetzt habe ich doch tatsächlich Angst vor den nächsten Löschrunden, als alter, dicker…

  2. 2

    Der Zusammenhang zu dem Video erschließt sich mir allerdings nicht ganz – abgesehen davon, dass es schon von 2 meiner Facebook-Kontakten gepostet wurde.

  3. 3

    “…dürften die Meisten Facebook doch eher als die Summe aller bisher angehäuften Freundeskreise nutzen, angereichert um einige lose Bekannte und Verwandte und um Leute, die einem noch mal wichtig sein könnten.”

    Das ist die bisher beste Zusammenfassung der Facebook-Freundesliste, die ich bisher gelesen habe.

  4. 4

    Ich habe gelernt, daß man wichtige Wörter wie “bisher” ruhig in Haupt- und Nebensatz packen kann, sieht immer gut aus…

  5. 5

    Schlimmer als ungewollte Freundschaftsanfragen (kennen mich vllt zu wenige Leute?) finde ich diese nervigen Einladungen zu Farmville und dem ganzen Bullshit.

    Sogar wenn man schreibt, dass man mit diesem Blödsinn nicht belästigt werden will, bekommt man dazu Einladungungen.

    Ich verberge (oder wie man das bei FB nennt) die Spiele, aber es kommen mehr Spieleanfragen, als ich diese ausblenden kann …

  6. 6

    Ja gut, äh, aber Facebook ist in 5 Jahren total vorbei. das weiß jedenfalls der Floppologe Matthias Horx: http://www.hirngerechte-gestal.....hosen.html

  7. 7

    Danke für den gute Laune DJ – bei mir hat er sehr gut funktioniert.

  8. 8

    Ich weiß ja nicht was du generell von Southpark hälst, aber diese Folge passt perfekt zum Thema: http://www.southpark.de/alleEpisoden/1404

  9. 9

    Hallo Lukas, endlich erreiche ich dich irgendwo. Du hast vergessen meine Freundschaftsanfrage zu bestätigen, ach und kannst du dann bitte gleich auf meine Farm kommen und den Kürbis bewerten?

    hihi.. was macht man eigentlich wirklich in Farmville? Mein dreitägiges “Mafia Wars”-Intermezzo war schon abschreckend genug um je nochmal ein Facebookspiel zu spielen.
    Mein Favorit für das schlimmste Facebookekzem sind übrigens die Quiz wo nach zehn Fragen so bedeutungsschwangere Fragen beantwortet werden, wie: “Wie wirst du sterben?”, “Was ist dein bestes Tattoomotiv”, “Wie gut kennst du XY von Big Brother”. Besonders schön ist dass es keine Auswertung gibt, so dass das Ergebnis auch Zufall sein kann und der Befragte vom Quiz nichts hat (außer..äh.. Spaß??) Ich kann das ja als App ignorieren, doch ich sehe ständig von irgendwelchen Leuten deren Ergebnis als Statusupdate.
    Außerdem fehlt Facebook ein ganz wichtiges Feature, der “I hate” Button.

    Den “I hate” Button muss ich jetzt wohl auch bei Lukas drücken, schließlich war er noch immer nicht auf meiner Farm!

    ..hihi..

  10. 10

    Ich verstehe den Sinn dieses Posts nicht so ganz – ist das jetzt ein Apell an alle Massenbefreunder, Vernunft walten zu lassen, oder ein bisschen Ausgeweine?
    Diese armen Eliten. Da trauen die sich schon in ein Netzwerk des gemeinen Pöbels wie Facebook, und müssen sich um die Exklusivität ihres Freundeskreises sorgen. Wenn man sich von Freundesanfragen bei Facebook regelrecht “belästigt” fühlt, dann sollte man sein Profil löschen und raus an die frische Luft gehen. Aber aufpassen, dass einem der böse reale Wind nicht irgend so eine Antwort ins Gesicht klatscht.

  11. 11

    Vorbei ist erst heute Abend!

  12. 12

    Ist eine über den engsten Freundeskreis hinausreichende, aber dennoch nicht komplett wahllos zusammengewürfelte Kontaktliste auf Facebook ein untrügliches Zeichen, dass man den Sinn und Zweck von sozialen Netzwerken verstanden hat und sich somit zu den wenigen Weisen zählen darf? Denn wenn Social Communities sich demnächst überholen werden, dann weil die Masse Vor- und Nachteile nie wirklich durchschauen vermochte.

  13. 13

    (David Fincher hat gerade einen Film über Mark Zuckerberg gedreht — das macht er sonst nur bei Serienmördern, Psychopathen und Menschen, die immer jünger werden.)

    Just made my day.

    Abgesehen davon: Die Art und Weise, wie man einen Online-Dienst zu nutzen hat, vorzugeben halte ich für elitär und überholt, weil in zwei, drei Jahren sowieso wieder etwas vollkommen anderes in Mode ist und auch entsprechend anders benutzt wird. Willkürliche Freunde-Sammler sollen also gerne machen, was sie wollen, wenn 500 Freunde zu haben hilft, ihr Selbstwertgefühl aufzupolieren (auch wenn man damit bei Twitter vielleicht besser aufgehoben ist). Solange ich nicht ständig Farmville-Anfragen bekomme, kann ich durchaus auch mal jemanden hinzufügen (“adden” ist wirklich ein furchtbares Wort), mit dem ich noch nicht Blutsbrüderschaft getrunken habe. Solange das nicht überhand nimmt …

  14. 14

    Word. Danke. Hab auch schon Chefs und “Wat, wer bist du denn?”-Leute zurückgewiesen.

  15. 15

    Vorschreiben wollte ich beim Besten Willen nichts — das wäre ja auch albern und peinlich. Es soll um Gottes Willen jeder das Internet so nutzen oder nicht nutzen, wie er es für richtig hält.

    Der Text sollte eher eine Sammlung verschiedener Gedanken sein, die ich mir in der Vergangenheit zu dem Thema gemacht hatte. Die Hoffnung, dass Leute den Text lesen, bevor sie mir eine kommentarlose Freundschaftsanfrage schicken, habe ich drei Stunden nach Veröffentlichung begraben.

  16. 16

    [...] In Sachen Facebook (Coffee and TV) – Lukas Heinser widmet sich Facebook und dem Verhalten der Nutzer dort. [...]

  17. 17

    Ein ergänzender Gedanke: Bevor du lange googlest, schreib doch dem unbekannten Menschen eine Nachricht: “Hallo, ich kann dich leider gerade gar nicht zuordnen…”. Oder ist das uncool?

  18. 18

    Ich kann die Gedanken hier durchaus nachvollziehen. Ich mag social networks, weil sie ein netter Zeitvertreib sind und wirklich helfen können, Kontakt zu Freunden zu halten, die weiter weg leben. Trotz der ganzen Sympathie für diese Netzwerke muss ich aber trotzdem nicht mit Hinz und Kunz “befreundet” sein.

    Myspace ist bei mir auch eher so ein “Paninialbum”, wie du es nennst, das darf es aber auch sein, weil da keine Infos zu mir drin stehen und mein ganzes Profil eigentlich nur aus Bildern und kleinen Videos besteht. Nichts, was die Welt nicht sehen oder lesen dürfte. Selbiges gilt für mich auch für den Blog und twitter, was für mich nichts weiter als ein Zeitvertreib ist um zu sehen, wie pointiert und kreativ sich der Alltag in 140 Zeichen fassen lässt.

    Im StudiVZ ist das schon ein wenig anders. Das ist bei mir diese Sammlung aus echten Freunden und mehr oder weniger losen Bekannten, die für dich Facebook darstellt. Wobei ich auch da durchaus nicht jeden Freundschaftsantrag annehme. Warum auch?

    Social networking, wenn man es mal ganz pragmatisch und irgendwie nutzenorientiert sehen mag, wenn man das so nennen will, soll doch im besten Fall zu einer win-win-Situation führen. Beide Seiten sollen was von dem bestehenden Kontakt haben, wie auch immer das aussehen mag. Ich sage nicht, dass das der Hauptaspekt ist, unter denen ich meine “Freunde” dort aussuche. Aber ja, das ist immerhin ein Aspekt, den ich betrachte, wenn es um Personen geht, die ich kaum oder sogar gar nicht kenne. Die Zahl gemeinsamer Freunde ist ein weiterer Aspekt. Und Sympathie, sofern man davon sprechen kann, wenn man vielleicht gerade mal das Profil einer Person einsehen kann, sonst aber nichts über sie weiß.

    Facebook ist für mich ganz neu. Ich wurde mehr oder weniger dazu genötigt, mich dort anzumelden, da da einige liebe Freunde von mir dorthin abgewandert sind. Nach einer Woche Unverständnis, wie das mit den Privatsphäreeinstellungen denn nun am besten klappt und nicht jeder jeden Pups von mir dort mitverfolgen kann, habe ich mich jetzt auch halbwegs mit dem Netzwerk arrangiert. Ist ja irgendwie eine Mischung aus den Funktionen von StudiVZ und twitter. Da ich nur wegen dieser oben genannten Freunde Leute dort bin, habe ich auch nur sie in meiner Freundesliste. Und okay, die Lieblingsband. Und das ein oder andere Musikmagazin, dessen Schlagzeilen mich auch noch interessieren könnten. That’s it. Und dabei wird es wohl auch erstmal bleiben. Das “Bestätigungs”-Kriterium einer Freundin dort lautet: Ich akzeptiere nur Anfragen von Menschen, die ich oder die mich schonmal im Schlafanzug gesehen oder mit denen ich schonmal ein Bier getrunken habe. Das find ich ganz gut, wenn man es klein halten oder den Kontakt mit dem RL weitestgehend wahren möchte ;-)

    Lange Rede, wenig Sinn: Mein innerstes Seelenleben und intime Geheimnisse werde ich in keinem der Netzwerke offenlegen – über die ernsten Themen spricht man eben doch am besten im wirklich wahren Leben mit wirklich wahren Freunden, alles andere würde dafür sprechen, dass etwas falsch läuft. Aber trotzdem sehe ich das so wie Lukas, das, was da geschrieben wird, ist classified information, das geht nicht unbedingt jeden was an und da darf man ruhig schonma genauer hinschauen, wen man da “akzeptiert”.

  19. 19

    Ist doch egal, Hauptsache Ohrwurm und gute Verkaufszahlen. Man muss heutzutage viel Wind um nichts machen, dann kann man auch erfolgreich werden. ;-)

  20. 20

    “Ich kann dich gerade leider nicht zuordnen” ist nicht soo peinlich. Kann man machen. Aber “Klar, ich kenne dich noch, aber als Freunde würde ich uns nicht gerade bezeichnen und um ehrlich zu sein: Ich hab dich nicht gerade vermisst in den letzten Jahren und ich denke auch nicht, dass wir uns künftig viel zu sagen haben werden.” – das ist schon schwieriger.

    Und deshalb bin ich noch immer nicht oder nicht mehr bei Facebook oder vergleichbaren Personenverzeichnissen. Weil man ja doch mehr Leute kennt als man glaubt, und man dann viel Zeit mit Höflichkeitskonversationen mit Lebensabschnittsbekanntschaften oder Ex-Ex-Arbeitskollegen oder gelegentlichen Saufkumpanen aus fernen Tagen verbringt, weil man nicht das Herz hat, eigentlich “berechtigte” Anfragen abzuweisen. Jetzt sacht mal: Bin ich ein Schwein? So sozial gesehen?

  21. 21

    @10, Mats: Dir mag vielleicht entgangen sein, aber das hier ist ein Blog. So einen Blog kann man hervorragend dazu nutzen, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.

    Es hat auch nichts mit Elitedenken zu tun, wenn seine Facebookliste sauber hält. Das mache ich ganz genauso.

Diesen Beitrag kommentieren: