Beiträge vom Juli, 2010

Gesammelte Platten Juni 2010

Von Coffee And TV am Samstag, 31. Juli 2010 16:44
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Dieser Eintrag ist Teil 6 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

Two Door Cinema Club – Tourist History
Keine halben Sachen, dachten die sich, hab ich mir so gedacht als ich die Platte im Laden angehört hab.
Der erste Song “Cigarettes In The Theatre” knallt gleich mitten ins Ohr. Die Füße wippen im Takt mit, der Kopf geht hin und her. Am liebsten würde man die Platte schnell in den nächsten Club mitnehmen, dem DJ in die Hand drücken und sagen, “Einmal anmachen und durchlaufen lassen reicht! Danke!”.
Und die Kreise auf der Tanzfläche wären endlos, und die Nacht wäre eine, an die man zurückdenkt und grinsen muss, weil lange nichts mehr so direkt ins Tanzbein schoß!
Und die haben eine Katze auf dem Cover. Hallo? Eine Katze auf dem Cover mit Krone!!!
Aber mal abgesehen von Katzencontent, das Debut kann einiges. Man merkt ihnen den Enthusiasmus einfach an – junge Wilde die genau Wissen was gut klingt. Keine halben Sachen, Beats die Knallen, Lyrics die einen grinsen lassen, Melodien direkt fürs Herz. Ich bin dann mal endlose Kreise ziehn!
Anspieltipps: “Cigarettes In The Theatre”, “Do You Want It All”, “I Can Talk”. (AK)

Efterklang – Magic Chairs
Zauberstühle. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, ich hab noch keinen Zauberstuhl entdeckt.
Aber ich würde gerne eine spontane Parade veranstalten. Und alle Lieder von Efterklang dort spielen! Es würde Zuckerwatte und Heliumballons in allen Farben und Formen geben. Und Brause en masse.
Diese Album ist so voller Sommer und Arme-in-die-Luft-Gefühl, dass ich es hier kaum hinschreiben kann.
Die Herren aus Dänemark sind mit ihrem dritten Studioalbum seit Februar in den Gehörgängen zu finden. Ein ganzes Jahr lang haben sie am Album gewerkelt und gebastelt. Waren mit ein paar Songs schon vor Release auf Tour, und man merkt es. Opulent und Klangfarbenfroh, sind nur zwei von vielen Assoziationen die mir so in den Sinn kommen. An manchen Stellen hätte weniger Opulenz dem Album mehr Schwung verliehen.
Aber dann hört man “Harmonics” zum ersten Mal und es packt einen direkt. Rythmus, überlappende Gesangespassagen, Gitarrenriff und nur die Stimme von Frontsänger Caspar Clausen treiben den Hörgenuss direkt an den Platz im Herz wo es gut tut!
Sowieso kann ich mich bei den Highlights fast gar nicht entscheiden. Am besten alle anhören und verlieben!
Anspieltipps: “Modern Drift”, “Harmonics”, “Raincoats”, “Full Moon”, “Scandinavian Love”. (AK)

The Gaslight Anthem – American Slang
So, jetzt bitte: Das erste Album danach, nach dem großen Durchbruch, nach dem Glastonbury-Auftritt mit Springsteen. The Gaslight Anthem sind plötzlich kein Geheimtipp mehr, sondern Konsens, und was machen sie? Nehmen “The ’59 Sound” einfach noch mal auf. Zu fast jedem Song des neuen Albums könnte man ein Äquivalent des Vorgängers benennen — das Prinzip Oasis. Trotzdem ist “American Slang” ein rundes Album geworden, das nach einigen Durchläufen durchaus eigene Qualitäten offenbart.
Anspieltipps: “American Slang”, “Bring It On”. (LH)

Sia – We Are Born
Eigentlich ja bekannt für herzzereissende Songs, in die man sich fallen lässt, wenn der Liebeskummer einen in seiner Kralle einpackt und nicht mehr loslässt. Jetzt aber mit viertem Studioalbum überrascht die Australierin Sia Furler mit einem Album das vor Lebens-Ja nur so brüllt!
Die optimistisches Sicht, die Songs sind heller und weniger melancholisch. Was nicht heißt, dass es die pure Glückseeligkeit ist, nein — genau hinhören!
Aber es ist eine kleine Überraschung! Die Songs sind Pop — im besten Sinne der Definition. Und wenn einige vielleicht die alte Sia vermissen, ich finde die neue Richtung tut ihr gut!
“You’ve Changed” vielleicht die Kampfansage überhaupt! “Oh Father” ein Cover des alten Madonna-Songs, klingt nach der guten Portion Sia wirklich super! Und auch den Rest des Albums sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Anspieltipps: “The Fight”, “Cloud”, “You’ve changed”, “Oh Father”. (AK, Rezensionsexemplar)

Stars – The Five Ghosts
Jetzt geht’s aber los bei den Kanadiern: Gerade erst Broken Social Scene, gleich Arcade Fire, dazwischen noch eben Stars. Die Zutaten sind bekannt: Viel Melancholie und die Stimmen von Torquil Campbell und Amy Millan — mehr brauchte es ja auch auf “Set Yourself On Fire” und “In Our Bedroom After The War” kaum. Trotzdem ist es diesmal anders: Mehr Elektronik, mehr Uptempo-Songs, mehr unbedingter Wille zur Indiedisco.
Was für ein schönes, kluges Album, das in 39 Minuten sehr viel mehr Drama und Pop-Appeal untergebracht kriegt als manche Bands in zwanzig Jahren Bandgeschichte. Um Missverständnissen vorzubeugen, ist das düstere “The Last Song Ever Written” der drittletzte Song auf der Platte, die mit dem umarmenden “Winter Bones” endet.
Anspieltipps: “I Died So I Could Haunt You”, “We Don’t Want Your Body”, “The Last Song Ever Written”, “How Much More”. (LH)

The Tallest Man On Earth – The Wild Hunt
Irgendwann letzten Monat hatte ich einen kleinen Streit über den besten Soundtrack ever made. Zumal es eigentlich eine nicht beantwortbare Frage ist (für mich immernoch der “Cruel Intentions”-OST, für den anderen der Soundtrack von “Into the Wild”) zum anderen, weil es wie mit Eis ist, die Auswahl macht glücklich.
Und dann musste ich an The Tallest Man On Earth denken. Drehte sein neues Album laut an und der kleine Zwist war vergessen.
Zwei Alben ist er jetzt alt, der gute Herr Kristian Matsson aus Schweden. Das erste Album “Shallow Graves” war die kleine Folk Erleuchtung letztes Jahr. Auf Tour war er mit Bon Iver und man hört ihm das Reisen auch an.
Er braucht nur seine Gitarre und seine grandiose, würzige, unverwechselbare Stimme! Er hat etwas sehr eigenes und erinnert wirklich an Wildnis und Lagerfeuer und Fernweh. Oder an Landstreicher-Dasein und in einem Zug durchs Land brausen.
Jedenfalls möchte man The Talles Man On Earth erstens live sehen (wer dieses Jahr beim Haldern ist, hat Glück!) und ihn zweitens immer dabei haben, wenn einen das Fernweh packt.
Sein zweites Album “The Wild Hunt” ist die wunderbare Fortsetzung des ersten Albums. Was sehr gut ist, denn sein Debüt war ein grandioses, durch seine Stimme und Gittarre allein getragenes, folkiges Meisterstück. Aber gleichzeitig sind immer wieder gleichklingende Lieder irgendwann langweilig. Wenn da nicht diese Stimme, diese Gitarre und vorallem diese wahnsinnigen Texte wären. Gerade das letzte Stück “Kids On The Run”, in dem ein Klavier auftaucht und man fast wehmütig wird, weil es das letzte Stück ist, ist den Kauf der Platte mehr als wert.
Anspieltipps: “King Of Spain”, “Thousand Ways”, “The Drying Of The Lawns”, “Kids On The Run”. (AK)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
AK: Annika Krüger
LH: Lukas Heinser

Die Achse des Blöden

Von Lukas Heinser am Freitag, 30. Juli 2010 18:59
Kategorie: Digital Ist Besser

Im heiß umkämpften Rennen um den dämlichsten Text zur Loveparade-Katastrophe ist “Welt Online” möglicherweise uneinholbar in Führung gegangen:

Tragische Orte: Duisburg verewigt sich auf der Landkarte des Grauens. Winnenden, Hoyerswerda, Eschede – der Schrecken klingt meist nach Provinz. Nun ist auch Duisburg auf der Landkarte des Grauens gelandet.

Autorin Brenda Strohmaier offenbart dabei eine beeindruckende Phantasie:

Duisburg ist auf der Landkarte des Grauens gelandet. Orte wie Ramstein(offizielle Homepage), Winnenden(hier), Mügeln(hier) haben sich dort unfreiwillig verewigt, ebenso Bad Kleinen(hier) und Gladbeck(hier), Tschernobyl und Bhopal. Würde man die perfekte Karte davon zeichnen, so müsste man auch eine makaber anmutende Legende entwerfen. Bestimmte Symbole stünden für Unfall, Missbrauch, Rechtsradikalismus. Und verschiedene Farben für verschiedene Opferzahlen. In Klammern hinter den Orten würde wohl jeweils die Jahreszahl der Katastrophe stehen.

Die perfekte Karte des Grauens sollte natürlich auch noch die zentrale Gedenkstätte und den Tag der alljährlichen Gedenkveranstaltungen verzeichnen.

Und natürlich sollte die Karte einen ziemlich großen Maßstab haben, weil die Orte ja alle so klein sind:

Wie eine Anti-Imagekampagne katapultiert das Unglück die Orte in eine Welt des ungewollten Ruhms, in der ganz eigene, zynische Regeln gelten. Eine davon: Je kleiner und unbekannter der Ort, desto wahrscheinlicher landet er wegen eines Verbrechens auf der Landkarte. Der Schrecken klingt meist nach Provinz.

Schrecken klingt also nach Provinz, aber nicht nur: Er kann auch nach Großstädten klingen. Aber Großstädte können auch ein Schutz sein.

Oder wie es Frau Strohmaier selbst formuliert:

Größe schützt nicht immer: Sogar Metropolen landen auf der Weltkarte des finsteren Ruhmes – wenn das Ausmaß der Katastrophe entsprechend dimensioniert ist. Seit dem 11. September 2001 klingt selbst New York nach Tragödie. Und seit dem 24. Juli eben auch Duisburg, die mit fast 500.000 Einwohnern fünftgrößte Stadt Nordrhein-Westfalens. Doch die Größe birgt auch die Chance, dass der Name auf der Schreckenskarte wieder verblasst.

Vielleicht ist es also letztlich entscheidend, ob eine Stadt egal welcher Größe einen Misthaufen hat, und was die Hähne auf dem so tun oder auch nicht.

Das Prinzip hinter diesem Text ist natürlich nicht neu: Im vergangenen Jahr hatte die Website der “Münchener Abendzeitung” kurz nach dem Amoklauf von … na klar: Winnenden in einer Klickstrecke bereits die “Orte des Grauens” gekürt und schwafelig verkündet:

Es gibt Orte, die für immer den Stempel des Grauens verpasst bekommen haben. Wenn man ihren Namen hört, denkt man unwillkürlich an die schrecklichen Taten und menschlichen Tragödien, die sich dort abgespielt haben.

Das alles hat mit Journalismus natürlich nichts mehr am Hut, es ist eine self fulfilling prophecy, ähnlich wie der Off-Kommentar in der WDR-Sondersendung am Samstagabend, in dem die Sprecherin bedeutungsschwer verkündete, das seien jetzt Bilder, die die Menschen nie mehr vergessen werden — Bilder, die allein innerhalb der einstündigen Sendung da gerade zum vierten Mal über den Bildschirm flimmerten.

Bei Frau Strohmaiers Landkarten-Text kann man es sogar ganz praktisch überprüfen:

Nehmen wir Brieskow-Finkenheerd, 2500 Bewohner, südlich von Frankfurt/Oder gelegen.

Na, klingelt’s?

Oder muss jemand nicht an die neun toten Babys denken, die im Sommer 2005 gefunden wurden?

Ganz ehrlich? Bis eben nicht, Frau Strohmaier, bis eben nicht! Aber die Einwohner von Brieskow-Finkenheerd danken es Ihnen sicher, dass sie diese kleine Erinnerungslücke bei mir geschlossen haben.

Es ist erstaunlich, wie viel man auf logischer und sprachlicher Ebene falsch machen kann, aber Brenda Strohmaier lässt auch nichts unversucht, ihre eigene These Wirklichkeit werden zu lassen: Dass im Artikel selbst eine Stadtsoziologin zu Wort kommt, die relativ zuversichtlich ist, was Duisburgs zukünftige Konnotationen angeht? Geschenkt. Dass seit Samstag in erster Linie von Unglücken, Katastrophen und Tragödien “bei der Loveparade” die Rede ist? Egal. Hauptsache: Duisburg. Oder “Duisberg”, wie es gleich im ersten Satz heißt.

Disclosure: Ich bin in Duisburg geboren und schon mal von “Welt Online” abgemahnt worden.

Mit Dank an David S.

Siehste!

Von Lukas Heinser am Freitag, 30. Juli 2010 12:58
Kategorie: Living In A Magazine, Political Science, Social Distortion

Hinterher hat man es ja sowieso immer gewusst. Im Nachhinein ist jedem klar, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, die Loveparade 2009 in Bochum abzusagen. Aber was haben wir damals auf den Stadtoberen rumgehackt …

Gut, die Art und Weise der Absage war peinlich gewesen: Nach Monaten plötzlich festzustellen, dass die Stadt dann doch irgendwie zu klein ist, deutete entweder auf erstaunlich schwache Ortskenntnisse hin — oder auf einen besorgniserregenden “Das muss doch irgendwie zu schaffen sein”-Aktionismus, der die Augen vor der Realität verschließt. Letztlich haben sie es in Bochum noch gemerkt, die Schuld an der Absage der Deutschen Bahn in die Schuhe geschoben und Häme und Spott einfach ausgesessen. Dass der damalige Polizeipräsident, der sich lautstark gegen die Durchführung der Loveparade ausgesprochen hatte, neun Monate später in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde, hatte ja ganz andere Gründe.

Erstaunlich aber: Von der Sicherheit war in all den Artikeln, Kommentaren und Pressemitteilungen kaum die Rede. Das kam nur am Rande zur Sprache:

Ganz andere Risiken bewegen Martin Jansen. Dem Leitenden Polizeidirektor wäre die Rolle zugefallen, den wohl größten Polizeieinsatz aller Zeiten in Bochum zu koordinieren. “Wir hätten die Loveparade nur unter Zurückstellung erheblicher Sicherheitsbedenken vertreten.” Knackpunkt ist nach seiner Einschätzung der Bochumer Hauptbahnhof.

Aber um die Sicherheit der zu erwartenden Menschenmassen ging es auch im Vorfeld der Duisburger Loveparade öffentlich nie, immer nur um die Kosten:

Fritz Pleitgen, Vorsitzender und Geschäftsführer der Ruhr.2010, beobachtet mit großer Sorge, wie sehr die Auswirkungen der Finanzkrise den Städten der Metropole Ruhr zu schaffen machen. Besonders prägnant sei das aktuelle Beispiel Loveparade in Duisburg. “Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen.”

Dabei hätte das Argument “Menschenleben” bestimmt auch Dampfplauderer wie Prof. Dieter Gorny beeindrucken können, der im Januar mal wieder das tat, was er am Besten kann, und groß tönte:

“Man muss sich an einen Tisch setzten und den Willen bekunden, die Loveparade durchzuführen, statt klein beizugeben.” Die Politik müsse sich dahingehend erklären, dass sie sagt: “Wir wollen die Veranstaltung und alle Kraft einsetzen, sie zu retten!”

Gorny, der sonst keinen öffentlichen Auftritt auslässt, hat sich seit Samstagnachmittag zurückgezogen. Er sei “schwer erschüttert”, erklärte die Ruhr.2010 auf Anfrage, und fügte hinzu:

Wir haben beschlossen, dass für die Kulturhauptstadt ausschließlich Fritz Pleitgen als Vorsitzender der Geschäftsführung spricht und bitten, dies zu respektieren.

Aber es gibt ja immer noch die Journalisten, die sich spätestens seit der denkwürdigen Pressekonferenz am Sonntagmittag als Ermittler, Ankläger und Richter sehen. Und als Sachverständige:

“We were the only newspaper that said: ‘No. Stop it. The city is not prepared. We will not be able to cope with all these people,”

lässt sich Götz Middeldorf von der “Neuen Ruhr Zeitung” in der “New York Times” zitieren.

Bei “Der Westen” forderte Middeldorf bereits am Sonntag lautstark den Rücktritt von Oberbürgermeister Sauerland und kommentierte:

Auf die Frage der NRZ, ob man nicht gesehen habe, dass Duisburg nicht geignet ist für die Loveparade ging der OB nicht ein, sprach von “Unterstellung” und wies mögliches Mitverschulden der Stadt zurück.

Ich habe mich lange durch alte Artikel gewühlt, aber nichts dergleichen gefunden. Da das auch an der unfassbar unübersichtlichen Archivsuche bei “Der Westen” liegen kann, habe ich Herrn Middeldorf gefragt, nach welchen Artikeln ich Ausschau halten sollte. Eine Antwort habe ich bisher nicht erhalten.

Wie kritisch die Duisburger Presse war, kann man zum Beispiel an Passagen wie dieser ablesen:

Die Organisatoren gaben sich am Dienstag allerdings sehr optimistisch, dass es kein Chaos geben werde. “Die eine Million Besucher wird ja nicht auf einmal, sondern über den Tag verteilt kommen”, so Rabe. Es sei zwar nicht auszuschließen, dass der Zugang während der zehnstündigen Veranstaltung kurzzeitig gesperrt werden müsse, aber derzeit gehe man nicht davon aus. Und wenn der Fall doch eintrete, “dann haben wir ganz unterschiedliche Maßnahmen, mit denen wir das problemlos steuern können”, verspricht der Sicherheitsdezernent – bei den Details wollte er sich nicht in die Karten schauen lassen.

(Kritisch ist da der letzte Halbsatz, nehme ich an.)

Artikel wie der Kommentar “Die Loveparade als Glücksfall” vom 23. Juli oder die großspurigen Übertreibungen von Ordnungsdezernent Rabe und Veranstalter Lopavent die Kapazität des Festivalgeländes betreffend sind plötzlich offline — “Technikprobleme”, wie mir der Pressesprecher der WAZ-Gruppe bereits am Dienstag erklärte.

Den (vorläufigen) Gipfel des Irrsinns erklomm aber Rolf Hartmann, stellvertretender Redaktionsleiter der “WAZ” Bochum. Anders als seine Kollegen, die sich hinterher als aktive Mahner und Warner sahen, schaffte es Hartmann in seinem Kommentar am Dienstag, völlig hinter dem Thema zu verschwinden:

Meine Güte, war man Anfang 2009 über OB & Co hergefallen, als die Stadt Bochum die Loveparade 2009 in Bochum absagte.

“Man.”

Nachtrag, 1. August: Stefan Niggemeier hat in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” über das gleiche Thema geschrieben.

Ihm hat Götz Middeldorf auch geantwortet:

Auf Nachfrage räumt Middeldorf ein, dass Sicherheitsbedenken nicht das Thema waren. “Wir waren immer gegen die Loveparade, aber aus anderen Gründen.” Dann muss die “International Herald Tribune” ihn mit seinem Lob für die eigene, einzigartige Weitsichtigkeit wohl falsch verstanden haben? “Das vermute ich mal”, antwortet Middeldorf. “Das ist nicht ganz richtig.” Er klingt nicht zerknirscht.

silence.

Von Lukas Heinser am Sonntag, 25. Juli 2010 16:35
Kategorie: Digital Ist Besser, Social Distortion

Ich wollte was schreiben.

Muss ich jetzt nicht mehr.

The Rumours have it

Von Lukas Heinser am Freitag, 16. Juli 2010 16:05
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Vor vier Jahren sagte ich zum “Visions”-Redakteur Oliver Uschmann: “In fünf Jahren bringt Ihr eine Titelstory über die Musikszene in Dinslaken.” Wie auch bei anderen Prognosen kann ich im Nachhinein nicht sagen, ob ich das eigentlich ernst gemeint habe, oder mich von einer Mischung aus Optimismus und Größenwahn leiten ließ. Aber: Das könnte hinkommen.

Die nächste Rasselbande, die sich anschickt, Dinslakens Ruf vom deutschen Omaha (oder wenigstens: vom deutschen Borlänge) in die Welt zu tragen, sind The Rumours. Rezensenten schreiben gern, die Musiker sähen aus und klängen, als kämen sie aus England oder den USA, aber das ist natürlich Quatsch. Inzwischen sollte klar sein, dass sie aussehen und klingen wie junge Menschen aus Dinslaken eben so aussehen und klingen. Außerdem benehmen sie sich natürlich auch so, aber das würde jetzt zu privat.

Als ich die vier jungen Herren vor dreieinhalb Jahren zum ersten Mal live gesehen habe, haben sie mir anschließend auf einem Bierdeckel ihre Seelen verkauft. Wie allgemein üblich habe ich auch dieses Dokument verschlampt, was aber auch ganz gut ist, da mir der “Business”-Teil von “Musikbusiness” nach wie vor Angst macht. Da reicht es mir, sagen zu können, dass Schlagzeuger Samuel Sanders früher in meiner Band Occident getrommelt hat.

Im Juni erschien jetzt das Debütalbum “From The Corner Into Your Ear”, das nicht schlecht, aber leider auch ein bisschen langweilig geworden ist. Nach dem furiosen Opener, der Single “Like A Cat On A Hot Tin Roof”, fällt das Album ab, was nicht unbedingt an den Songs liegt, sondern eher an der doch etwas biederen Produktion.

Live ansehen sollte man sich The Rumours aber auf alle Fälle — zum Beispiel am morgigen Samstag, wenn die kleinen Strolche, die jungen Hüpfer, die wilden Fohlen beim Bochum Total aufspielen. Für umme!

The Rumours
Samstag, 17. Juli 2010
17 Uhr
Eins-Live-Bühne (Ecke Ring/Viktoriastr.), Bochum

Chucky, die Mördergruppe

Von Lukas Heinser am Freitag, 16. Juli 2010 15:06
Kategorie: Digital Ist Besser, My Favourite Game

Was eine “Todesgruppe” bei Fußballturnieren ist, weiß ich ja. Aber das hier?

Özil macht aus seinem Wunsch, zu einem großen verein wechseln zu wollen, keine Mördergruppe, wird im Daily Express zitiert: "Ich möchte Titel gewinnen. Und in England gibt es zwei Teams, mit denen das klappen kann: Chelsea und ManUtd."

Eingesandt von Olaf.

Schuhe verkaufen

Von Lukas Heinser am Freitag, 16. Juli 2010 10:41
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Social Distortion

Okay, es ist Werbung. Aber es ist Werbung für ein Produkt, das das inflationär gebraucht “Kult”-Label mehr als verdient hat: Converse-Schuhe sind Teil unserer Popkultur und sie sind cool. Und dann kriegen sie auch noch einen exklusiven, kostenlos herunterladbaren Werbesong von Kid Cudi (der offenbar nichts falsch machen kann), Bethany Cosentino (Best Coast) und Rostam Batmanglij (Vampire Weekend):

Das Einzige, was mich an dem Video irritiert: Die auffallenden Parallelen zum Musikvideo des diesjährigen Grand-Prix-Beitrags aus Estland:

[via Bambi]

Hä? (3)

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 15. Juli 2010 13:14
Kategorie: Digital Ist Besser

Deutschland im Griff der Mafia!

Im eisernen Griff der Mafia, oder was?

Symbolbild

Ach so.

Eingesandt von Daniel E.

Eine Liebe zur Musik

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 15. Juli 2010 12:59
Kategorie: My Shared Folder, Rock'n'Roll High School

Es ist eines der schönsten YouTube-Videos, in dem keine Tierbabies vorkommen, und eines der wenigen deutschen Meme: Der DJ der guten Laune.

Ich kann mir das Video immer wieder ansehen, weil es auf wundervolle Weise abbildet, was es bedeutet, Musik zu lieben. Außerdem läuft Kid Cudi. Inzwischen hat selbst Bild.de das Video geklaut gefeatured und berichtet von dem sympathischen Wuschelkopf, der Interviews aber ablehne.

Wobei das nicht so ganz stimmt: YouTube-User grafandraget, der den Clip vor einem Monat online gestellt und den DJ damit weltberühmt gemacht hatte, hat den namenlosen Mann in seinem Garten besucht und sich ein bisschen was über Musik und Tanz erzählen lassen:

That’s When I Reach For My Revolver

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 14. Juli 2010 0:15
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Auf der einen Seite: Liberalismus. Die Idee, dass jede Band, deren Musik auch nur einer einzigen Person etwas bedeutet, ihre Existenzberechtigung hat. Die Erinnerung, dass selbst die “Punkband”, in der ich vor zehn Jahren in Dinslaken Schlagzeug gespielt habe, Fans hatte — und wenn es nur dicke Kinder aus dem Nachbardorf waren.

Auf der anderen Seite: Revolverheld. Eine Band, die für mich alles verkörpert, was in der Musikindustrie falsch gelaufen ist. Ein Synonym für spießiges Rockbeamtentum, für Musik, die von Leuten gehört wird, die sich nicht für Musik interessieren.

Was macht man also, wenn man einen Rucksack voller Vorurteile spazieren trägt? Man lässt sie sich eins zu eins im Real Life bestätigen. Zum Start der U20-Frauen-Fußball-WM, die zu einem erheblichen Teil im Bochumer Ruhrstadion stattfindet, spielten die Hamburger Chartstürmer ein kostenloses Konzert in der Bochumer Innenstadt — was die Regenerationszeit für Anwohner und Gastronomen zwischen dem Finale der Herren-Fußball-WM und dem Bochum Total (ab Donnerstag) auf ein absolutes Minimum reduziert. Der Konzertort in Wurfweite meiner Wohnung hatte den Vorteil, in direkter Nachbarschaft meiner Stammkneipe zu liegen, so dass ich nach einem kurzen Gang durch das Publikum (keine Menschen mit Hörnern oder Ziegenfüßen gesehen) den Auftritt aus sicherer Entfernung und in bester Gesellschaft verfolgen konnte.

Aber so sehr ich mich auch um Unvoreingenommenheit bemühte: Schon während der ersten zwei Songs hatte Sänger Johannes Strate das ganze Anbiederungs-Arsenal von “Bochum, seid Ihr da?” und “Ich will Eure Hände sehen!” abgefeuert, auf das er im Verlauf des Abends aber gerne noch mal zurückgriff. Und das bei Liedern, deren Egalheit munter zwischen Spätneunziger-Dreistreifenmetal und deutschem Schlager oszilliert.

Aus der Ferne war die Demarkationslinie zwischen echten Fans (die – um das noch mal zu betonen – um Himmels Willen ihren Spaß an derlei Musik haben sollen) und Mitnahmementalisten gut zu erkennen: Da, wo die Arme nicht mehr wie beim Banküberfall dauerhaft erhoben waren und im Takt wogten, da begannen die, die sich das einfach nur mal anschauen wollten. Vorne wurde mitgesungen (“Und jetzt alle!”) und es kam zum Einsatz von Seifenblasenflüssigkeit.

Es war schlimm. Ungefähr nach einer halben Stunde hätte ich mir eine Lesung vogonischer Dichtkunst herbeigewünscht — oder alternativ irgendjemandes Hände, deren Fingernägel ich auch noch hätte abnagen können. Revolverheld sind eine Band, die mit ihrer naiv-dumpfen Pennälerlyrik und ihrer musikalischen Simplizität selbst Silbermond progressiv erscheinen lassen. Der Umstand, dass sich solche Musik besser verkauft als die von Tomte oder kettcar, könnte dem deutschen Volk dereinst vor irgendeinem internationalen Gerichtshof noch zum Nachteil gereichen. Und dann kamen die ganzen Hits (also der Kram, dem man im Radio nicht ausweichen kann) auch noch geballt zum Schluss.

Als die Band dann auch noch “Was geht” anstimmten, eine Tribute-Album-erprobte Reminiszenz an die Fantastischen Vier (die ja selbst auf dem besten Weg Richtung Revolverheld sind), war bei uns am Tisch alles vorbei: Hektisch wurde in Mobiltelefonen und Taschenkalendern überprüft, ob wir tatsächlich das Jahr 2010 schrieben. Erinnerungen an Bands wie Such A Surge wurden geweckt wie schlafende Hunde. Dann irgendwann endlich “Freunde bleiben” und Abgang. Hat man das auch mal erlebt.

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