Beiträge vom Mai, 2010

Endlich: Das große Comeback!

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 27. Mai 2010 14:24
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Hier in Oslo erhalte ich täglich neue Einblicke ins TV- und Musikgeschäft. Eine besondere Erkenntnis verdanke ich allerdings einer Meldung aus der Heimat:

Nach einer langen Pause melden sich die Kilians zurück.

preist das Label den Arbeitsbeginn am dritten Album an.

Eine “lange Pause” entspricht im schnelllebigen Musikbiz von heute also wahlweise vierzehn oder gleich viereinhalb Monaten.

Wie Vertigo FM das angedeutete neue Album von Public Image Ltd. ankündigen würde, mag man sich angesichts einer 18-jährigen Pause kaum ausmalen.

Redaktionsräume gesucht

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 26. Mai 2010 13:24
Kategorie: TV On The Radio

Ruhr-Uni Bochum

An der Ruhr-Uni Bochum wird so langsam aber sicher die dringend notwendige Sanierung in Angriff genommen. Das ist gut, hat aber einen kleinen bis mittelgroßen Nachteil: Mein früherer Heimatsender CT das radio wird dadurch … äh: obdachlos.

Jetzt ist die derzeitige Mannschaft des Campusradios auf der Suche nach einer neuen Bleibe, die – so nehme ich an – in Uninähe liegen und wenig bis nichts kosten sollte. Und da dachte ich, vielleicht haben Sie ja eine Idee.

Das ambitionierte Immobiliengroßprojekt in Innenstadtnähe ist ja noch lange nicht fertig.

Für Vorschläge sind die Kollegen dankbar und es gibt sogar etwas zu gewinnen.

Gesammelte Platten April 2010

Von Coffee And TV am Dienstag, 25. Mai 2010 16:06
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Dieser Eintrag ist Teil 4 von bisher 8 in der Serie Gesammelte Platten

Blunt Mechanic – World Record
Man soll ja Platten nicht nur aufgrund ihrer Cover beurteilen, aber: Gott, ist das niedlich! Ähem … Das ist also das Ein-Mann-Projekt von Ben Barnett, der neue US-Import auf Grand Hotel van Cleef. Wobei es schon ein bisschen überraschend ist, dass das Album von 2009 ist — vom Sound her könnte es auch bereits 15 Jahre alt sein und der Hochzeit von Pavement, Lemonheads, Weezer und They Might Be Giants entstammen. Unaufgeregter amerikanischer Indierock eben. Alles scheppert und rauscht ein bisschen, aber genau dieses etwas Schräge macht das Album so sympathisch. (LH, Rezensionsexemplar)

Broken Social Scene – Forgiveness Rock Record
Wie erklärt man das jetzt? Diese Band war da, als mir etwas abhanden kam. Wie beschreibt man jetzt dieses Musikerkollektiv aus Kanada, das Feist, Emily Haines und Wahnsinnsalben und Soundtracks hervorgebracht hat?
Und was sagt man dann über dieses neue Album “Forgiveness Rock Record”?
Ein Versuch. Man ist ja vieles gewöhnt bei den Broken Social Scenesters, es gibt da Alben von Ihnen, die rein Instrumental sind und einen wegblasen, dann kommen Alben, bei denen die Lyrics alleine einen umhauen, und dann fängt die neue Platte mit “World Sick” an und dann passiert’s: Alles fließt zusammen — Melodie, Text, Arrangement und Gesang und man ist mittendrin, in der Broken Social Scene, die bei diesem Album alle ihre Subkulturen zum besten verschmolzen haben. Siebzigerjahre-Taumelrock und Wabersynthieorgelparts, Streicher und Keyboards — fast jeder Song ist eine kleine Hymne für sich allein. Und wer hätte nach “You Forget It In People” gedacht, dass die Broken Social Scene nicht in ihre Einzelteile zerspringt, sondern im Kollektiv so ein Album rausbringt?
Jedenfalls bin ich mir sicher, dass dieses mal bei diesem Alben auch einige noch nicht gewusste Lücken ihre Broken-Socia- Scene-Füllung erhalten.
Highlights: Kann ich jeden Song hier hin schreiben? Wenn ich dann doch auswählen muss: World Sick, Art House Director und Me In The Basement. (AK)

Jakob Dylan – Women And Country
Offiziell liegen die Wallflowers nur auf Eis, aber so richtig würde es mich nicht stören, wenn Jakob Dylan seine Hauptband nicht mehr wiederauferstehen ließe — die hatten zwar die Hits und die größeren Popsongs, aber seit Dylan solo unterwegs ist, hat er noch einmal einen großen Sprung als Musiker gemacht. Nach der völlig reduzierten Rick-Rubin-Produktion auf “Seeing Things” sorgt diesmal T-Bone Burnett für einen volleren Südstaatensound. Neko Case und Kelly Hogan sind als Background-Sängerin mit dabei und verleihen den düster vor sich hinstapfenden Songs damit noch eine ganz eigene Note. In den Texten geht es um apokalyptische Bilder und Finsternis, aber drunter macht es Jakob Dylan ja seit Jahren schon nicht mehr. Man kann dieses Album kaum hören, ohne vor dem geistigen Auge die Steppenläufer in der Abendsonne im Staub tanzen zu sehen. In seiner vermeintlich stoischen Ruhe liegt eine ungeheure Kraft, die einen festhält und runterzieht — nur damit die Musik einen im nächsten Moment sanft über die Dinge hebt. Großartige Auftritte von Dylan und seiner Begleitband auch bei NPR und Daytrotter. (LH, Rezensionsexemplar)

The Hold Steady – Heaven Is Whenever
Jahrelang waren The Hold Steady an mir vorbeigerauscht, dann trafen sich mich mit “Stay Positive” mit voller Wucht und ich musste alle Alben haben. Jetzt also der erste Albumrelease als Fan und diese ganz besondere Mischung aus Vorfreude und Angst vor Enttäuschung — zumal Keyboarder Franz Nicolay die Band ja gerade erst verlassen hatte. Der Opener “The Sweet Part Of The City” beginnt schleppend und mit slide guitars und lässt mich etwas ratlos zurück. Aber dann: “Soft In The Center” mit einem Refrain, der gleichzeitig die Arme ausbreitet und um einen schlingt (versuchen Sie das mal als Mensch!); “The Weekenders” mit ganz vielen “Woooo-hoooo”-Chören und U2-mäßigen Strophen; in der ersten Single “Hurricane J” klafft die Schere zwischen euphorischer Musik und resigniertem Text — das Album läuft und es läuft rund. Die Lyrics sind wieder voller Party-Beschreibungen und Selbstzitate (und einiger wunderschön windschiefer Liebeserklärungen), die Musik voller Energie. “Heaven Is Whenever” braucht ein paar Anläufe und es ist sicher nicht das beste Hold-Steady-Album (das ist “Boys And Girls In America”), aber es gibt keinen Grund zur Enttäuschung. (LH)

Sophie Hunger – 1983
Ein wildes Kind. Eine widerspenstige Frau. Feuilletonliebling und eine derjenigen, die man auch wirklich als “Künstlerin” bezeichenen kann. Überall auf der Welt aufgewachsen, Enkelin von Schweizer Urvätern, eigentlich nicht kategorisierbar. Am allerwichtisten aber ist, dass sie eine wahnsinnig begabte Musikerin ist. Irgendwo zwischen Jazz, Folklore, Pop. Universaltalent. Universalmusik.
Wer Interviews mit ihr sieht, sieht einen sehr eigenwilligen Menschen. Sophie Hunger ist sehr gradlinig, was ihre Aussagen betrifft, was man bei ihr eigentlich eher nicht erwartet. Sie ist schwer greifbar. Fragen in Interviews werden seziert und auf den Punkt gebracht. Die Texte sind Mosaike oder eher Emotionen die man dann beim Hören spürt. Und man vergisst manchmal bei all der Ernsthaftigkeit, wie viel Spaß ihr die Musik bringt. Vielleicht ist das ihr Überraschungsmoment.
Das zweite Album “1983″ ist ein Wechselbad der Hörgefühle. Heiß, kalt, laut und leise. Aber immer mitten ins Herz oder ins Ohr. Ihr wisst schon, das Organ, das Musik als erstes fühlt. Schon ihr Debütalbum “Monday Ghost” war verzaubernd. Zumindest bin ich dem Zauber der Sophie Hunger erlegen gewesen und bin es immer noch.
Vielleicht passt Zauber sehr gut zu diesem Album. Ein wenig exzentrisch, ein wenig eigenwillig aber eben Sophie Hunger pur.
Highlights: “Leave Me With The Monkeys”, “Your Personal Religion” und “Invincible”: “Somewhere in the Hindukush / Lives the greatest poet / Scribbling sings into the dust / And we will never know it”. (AK)

Jónsi – Go
Noch so ein Bandleader mit Soloalbum: Während Sigur Rós gerne mal etwas länger brauchen, nutzt deren Sänger die aktuelle Kreativ- und Babypause, um ein Album nach dem anderen rauszuhauen. Letztes Jahr das Projekt “Riceboy Sleeps”, jetzt also ein offizielles Soloalbum. Schon wegen Jón Þór Birgissons charakteristischer Stimme erinnert das natürlich immer wieder an die Hauptband, aber dann klingt es doch wieder ganz anders. Songs wie “Animal Arithmetic” oder “Boy Lilikoi” sind zu Musik geronnene Euphorie, aber auch Melancholiker bekommen genug Stoff. Der Spannungsbogen fällt nach den … äh: Partysongs (auf solche Parties würde ich wirklich, wirklich gerne mal eingeladen werden) am Anfang kontinuierlich ab, bis man am Ende bei “Hengilás” die Sterne aufgehen sieht. Ach ja: Das Wort “Schwerelosigkeit” sollte auch noch in dieser Rezension stehen. Tut’s ja jetzt. Toll! (LH)

The Radio Dept. – Clinging To A Scheme
Wir befinden uns in einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung im Süden des Landes lebt, Integration eigentlich Standard ist und seit Jahren Musik in die Welt katapultiert, das man allein beim Wortassoziationsspiel jedes Stadt-Land-Fluss-Spiel gewinnen könnte. Hier Euer 10-Punkte-Bonus für R — The Radio Dept.
Die Herren Radio Dept. kommen aus Lund, bestehen aus drei Mitgliedern, haben seit Gründung 1995 ihre Besetzung ein paar mal gewechselt und schwimmen zwischen Dream Pop, Showgaze und dem Indieozan hin und her. Ich kannte die Herren nicht, bin durch glücklichen Recherchezufall drüber gestolpert und beim Hören hängen geblieben.
Eigenwillig ist ja immer gut. Eigenwilligkeit überschreitet Genregrenzen. The Radio Dept. haben auf ihrem dritten Album für mich als Ersthörling alles richtig gemacht. Schlaue Melodien, ein wenig schwedische Melancholie und Talent für Komposition. An den richtigen Ecken bleibt man hängen und auch sonst haben sie ihr Ziel für meinen Geheimtipp erreicht.
Highlights in no particular order: “You Stopped Making Sense”, “Never Follow Suit” und “Heaven’s On Fire”. (AK)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
AK: Annika Krüger
LH: Lukas Heinser

Das Gegenteil von Stadion

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 20. Mai 2010 0:43
Kategorie: My Shared Folder, Rock'n'Roll High School

Vergangene Woche hat das sehr empfehlenswerte Internetmusikmagazin getaddicted.org im mindestens ebenso empfehlenswerten Freibeuter einen Akustik-Cover-Abend veranstaltet. Es spielten und sangen Nicholas Müller von Jupiter Jones, die mir bisher unbekannte Band Tengo Hambre Pero No Tengo Dinero und mein Kumpel Tommy Finke, der Laden war voll und die Stimmung hehr.

Tommy Finke im Freibeuter

Die Auswahl der gecoverten Songs war mindestens eklektisch zu nennen und beinhaltete Leonard Cohens “Hallelujah” ebenso wie “Can You Feel The Love Tonight” von Elton John, Ingrid Michaelsons “Be Ok” ebenso wie “With Or Without You” von U2.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Die netten Menschen von getaddicted.org haben angefangen, Videos von dem Abend online zu stellen. Und so können Sie jetzt noch einmal miterleben, wie Nicholas Müller “Timshel” von Mumford & Sons singt, oder Tommy Finke mit “Wonderwall” (Originalinterpret bekannt) den ganzen Laden zum Mitsingen bringt.

Mein persönliches Highlight aber … Ach, sehen Sie selbst!

(Weil die Videos automatisch starten, hab ich sie hier nicht eingebaut.)

Das dürfte ja wohl eine der cleversten Riff-Amputationen in einem Coversong seit Cat Powers “Satisfaction” sein!

Auswärtsspiel: oslog.tv

Von Lukas Heinser am Sonntag, 16. Mai 2010 20:01
Kategorie: Digital Ist Besser, My Shared Folder, Rock'n'Roll High School

Statler & Waldorf, Abbott & Costello, Simon & Garfunkel — die Liste glorreicher Duos ist lang.

Und damit zu etwas völlig Anderem: In knapp zwei Wochen findet in Oslo der Eurovision Song Contest statt. Auf den Schultern von Lena Meyer-Landrut lastet eine höhere Erwartungshaltung als auf denen von Jogi Löw, denn es geht darum, nach 28 Jahren endlich wieder Weltmeister Papst Meistersänger zu werden.

Aus Gründen, die uns selbst nicht ganz klar sind und die wir noch nicht einmal mit “Alkohol” angeben können, fahren Stefan Niggemeier und ich nach Oslo, um uns den ganzen Irrsinn aus der Nähe anzuschauen und kleine Filme darüber ins Internet zu stellen.

Die Pilotfolge sehen Sie hier:

Alles weitere finden Sie dann auf oslog.tv.

Putting Dinslaken on the map (once more)

Von Lukas Heinser am Samstag, 15. Mai 2010 20:17
Kategorie: TV On The Radio

Stop the press!

Obwohl das Thema “Wetter” im Moment nicht gerade zu den erfreulichsten zählt, gibt es sensationelle Nachrichten von der Waterkant Wetterkarte:

Niemandsland verschwunden

Dinslaken. Viele größere Städte, schimpften Bürger in Zuschriften an die Stadt, seien auf der Wetterkarte des WDR in der “Lokalzeit Duisburg” abgebildet, nur Dinslaken nicht. Ein kritischer Bewohner erklärte, ein Kontakt in dieser Sache mit dem WDR sei erfolglos geblieben. Das ließ die städtische Pressestelle nicht ruhen. Eine Mail und ein Telefongespräch, vielleicht auch die kollegialen Kontakte zu Studioleiter Klaus Beck, führten zum Ziel. Auf der regionalen Wetterkarte des Lokalzeit ist Dinslaken jetzt gut leserlich vertreten.

Soweit die Pressestelle der Stadt.

Wetterkarte der Lokalzeit "Duisburg"

Die Pressestelle des Westdeutschen Rundfunks wollte dieses Großereignis indes nicht mit einer eigenen Verlautbarung würdigen.

It’s in my honey, it’s in my milk.

Von Markus Steidl am Freitag, 14. Mai 2010 17:49
Kategorie: Rock'n'Roll High School

The National - High Violet (Albumcover)

Eigentlich wollte ich keinesfalls so beginnen, um nicht später der Stringenz und Logik meiner Erzählung und der damit verbundenen Zeitleiste wegen in die Pflicht genommen zu werden, aber: Mein erstes Konzert der Band The National war, wenn ich recht erinnere, am 1. Dezember 2005. Ihr drittes Album “Alligator” war gerade im Mai erschienen. Der einzige Grund, warum ich es besaß, war der, dass ich eigentlich nach der damaligen im Nachhinein betrachtet überaus drögen Platte von Grand National Ausschau gehalten hatte und mich aber an den Namen der Band nicht mehr so ganz richtig erinnern konnte. Ein halbes Jahr später erklärte man “Alligator” und den Vorgänger “Sad Songs For Dirty Lovers” in mehreren Vollversammlungen meiner damaligen Peer Group zum Besten, was man jemals gehört hatte.

Ich war gerade im Oktober nach Berlin umgezogen, wo meine einzige Außer-Haus-Beschäftigung für zwei Monate darin bestand, aus einem Call-Center dem gesamtdeutschen Branchenbuch teure Drucker und Kopierer aufzunötigen (wofür ich mich sicherlich dereinst vor irgendeiner moralischen Höchstinstanz zu rechtfertigen haben werde). In meinem etwas unterkühlten Zwischen- bzw. Untermietverhältnis beschäftigte ich mich indes mangels sozialer Kontakte ausschließlich mit dem Hören von Feists “Let It Die” (wegen des überraschend zur Gesamtsituation passenden Titeltracks) und den beiden oben erwähnten Alben von The National. Nach einiger Zeit konnte ich alles fast so gut auswendig wie einige ältere Semester alle Dialoge der originalen Star-Wars-Trilogie herunter zu beten imstande sind. Das half natürlich meiner realen Lebenssituation nur bedingt und würde vermutlich auch keinen Studienplatz aus dem blauen Himmel auf mich hernieder fallen lassen, und so musste ich doch irgendwann, allen Stolzes beraubt und mit einigermaßen tief hängendem Kopf, den vorzeitigen Rückzug antreten und in meine Heimatstadt zurückgekrochen kommen. Nach einem halb gefüllten Konzert im Berliner Magnet-Club, das eine erstaunlich wohltuende und unaufregende Wirkung hatte, schlief ich drei Stunden und machte mich am am Morgen des 2. Dezember 2005 alleine mit einem viel zu kleinen Mietwagen auf den Weg. Dank meiner überstürzten Packtechnik, aufgrund derer alle meine CDs am hinteren unteren Ende des Wagens unter Büchern und einem Regal eingeklemmt waren, war ich gezwungen, die gesamte Fahrt über etwa neun Mal The Nationals am Vorabend erstandenes selbstbetiteltes Debut-Album durchlaufen zu lassen.

Mittlerweile ist das natürlich alles vergessen und die schlechten Erfahrungen vollkommen obsolet. Was ich aber damit sagen möchte: So etwas schweißt einen natürlich unwiderbringlich an so eine Band. Deswegen werde ich nicht einmal versuchen, Objektives über “High Violet”, das soeben erschienene fünfte Album der Band, abzugeben. Bitte verzeihen Sie mir!

Im Großen und Ganzen verläuft das Hören der knapp 50 Minuten genauso wie immer, wenn man große Angst hat, dass dies nun endlich diese Sell-Out-Enttäuschung ist, auf die man immer gewartet hat: Man zwingt sich, übermäßig kritisch an das Ganze heranzugehen und hört natürlich an jeder Ecke Dinge, die es so vorher nicht gab und mit denen sich zunächst angefreundet werden muss, und erwischt sich dann doch dabei, auf eine mittelmäßig schizophrene Art eine Verteidigungshaltung einzunehmen. Unterhaltsam ist das möglicherweise für den imaginären Beobachter. Die Wahrheit ist: Geigen, Posaunen, Trompeten und Klavier kannte man bereits aus dem 2007 erschienenen “Boxer”, und obwohl dies durchaus Instrumente sind, die aufgrund von übermäßiger Verwendung einen Kitsch-Effekt auslösen können, der seinesgleichen sucht, war vorher schon klar, dass sich hier nichts davon übel in den Vordergrund spielen würde. Weil das nunmal einfach nicht so The Nationals Art ist, überhaupt einen Vordergrund zu haben. Vielmehr präsentiert sich einem hier ein verschwommenes Bild aus verschiedensten Melodien, die im Zusammenspiel einen Teppich ergeben. Viel mehr als Akkordwechsel können dann gar nicht mehr vernommen werden, allenfalls ruft das schnörkelfreie, repetitive Schlagzeug Unterbrechungen und Akzentuierungen hervor. Wenn das mal nicht ein Idealziel in einer Band mit zuweilen drei Gitarren sein sollte: Über weiteste Strecken selbstlose Songdienlichkeit, frei von breitbeinigem Muckertum und Sportgitarrensolos.

Was aber außergewöhnlich ist: Vieles ist hier plötzlich heiter oder sogar lustig. Irgendwo habe ich neulich gelesen, dass der Sänger der Band, Matt Berninger, mit einem permanenten Marker das Wort “Happiness” an eine Wand in seiner Wohnung geschrieben haben soll, da der Plan war, ein fröhliches Album aufzunehmen. Das ist nun musikalisch gründlich in die Hose gegangen, und auch an Textzeilen wie “Sorrow found me when I was young. Sorrow waited, sorrow won.” ist so wahnsinnig viel rheinischer Witz nicht zu sehen. Dennoch gibt es wie auch in dieser Zeile Punkte, an denen augenscheinlich eine ironische Brechung vorgenommen werden musste, weil man die ganze Trauer sonst einfach nicht ausgehalten hätte. Der Song “Lemonworld” sagt im Refrain “You and your sister live in a lemonworld, I want to sit in and die.” und wer hier unbedingt an das plumpe, bodenlose Selbstmitleid glauben will, dem sei das erlaubt. Weil man solche Augenscheinlichkeit nicht von The National gewöhnt ist, darf schätzungsweise auch davon ausgegangen werden, dass hier ein Protagonist genug hat vom ständigen Verarbeiten und sich auch gerne ein wenig darüber lustig machen möchte. In “Conversation 16″, einem Song, den Berninger auf dem Konzert letzten Samstag im Berliner ‘Huxley’s’ mit den Worten “This is a love song. About cannibalism.” ankündigte, heißt es: “I was afraid that I’d eat your brains cause I’m evil”. Trauer setzt ja nun doch einiges an Ernst voraus. Was jedoch an dieser Zeile ernstzunehmen ist, kann ich mir beim besten Willen nicht anmaßen zu behaupten.

Letztlich sprießen diese Songs ja dann doch tendenziell vor “Es wird wieder!”-Schulterklopfern, und wann hat man denn so eine simple Botschaft zuletzt in Popmusik gut gefunden? Abgesehen davon, dass mir diese Gruppe nun sowieso nichts mehr vergällen kann, nachdem auch die fünfte Platte sich als etwas herausgestellt hat, das ich innerhalb von drei Tagen locker 15 Mal ohne jede Langeweile oder Lust auf etwas anderes durchhören kann, ist zumindest eine objektive Erkenntnis, die ich Ihnen anbieten kann, die eben erkannte: Es wird wieder! Wenn der Berninger das schafft, dann schaffen wir das auch. Ob es natürlich gesund ist oder gut für mein anderweitiges musikalisches Interesse, dass ich seit dem Erscheinen von High Violet vielleicht zwei andere Bands gehört habe, steht jetzt natürlich nicht auf diesem Blatt. Darüber reden wir dann in ein paar Monaten!

Zum Abschied gibt es hier übrigens noch das aktuelle Video der Auskopplung “Bloodbuzz Ohio” zu sehen. Vielleicht lachen wir ja auch ein Bisschen.

The National – “Bloodbuzz Ohio” (official video) from The National on Vimeo.

Fähnchen im Wind

Von Lukas Heinser am Dienstag, 11. Mai 2010 19:21
Kategorie: My Favourite Game, Rock'n'Roll High School

Eines der besten Alben des vergangenen Jahres ist ganz klar “Troubadour” von K’naan. Dieses phänomenale Hip-Hop-Album des gebürtigen Somaliers hat es hier im Blog auf keine Liste geschafft, weil ich es (wie üblich) zu spät entdeckt habe — seine Tauglichkeit als Renovierungs- und Umzugssoundtrack hat es im Januar dann aber voll unter Beweis gestellt.

Zu den besten Songs des Albums zählt dieser hier, “Wavin’ Flag”:

Als ich hörte, dass “Wavin’ Flag” die Hymne der Fußball-WM werden soll, dachte ich: “Geil. Endlich mal nicht so ein aufgedrückter Mist wie Anastacia (2002) oder so ein halbgares Amalgam wie bei Herbert Grönemeyer (2006), sondern ein junger, aufstrebender Künstler mit einer Botschaft!”, und ich sah die Menschen schon in den Straßen ihre Fahnen schwenken.

Nun ja: “Wavin’ Flag” ist der Werbesong eines Limonadenherstellers, der weder mit Afrika noch mit Fußball sonderlich viel am Hut hat, aber langjähriger Partner des Fußballweltverbands FIFA ist. Der Song bekam ein, zwei Makeovers verpasst, bis zum Beispiel das hier passierte:

Aus dem Text wurden die allermeisten Verweise auf Armut, Hunger und Krieg getilgt, jetzt wird nur noch lustig gefeiert — das Spannungsfeld, das den Song mal ausgemacht hat, ist kaputt, dafür gibt es Nachschub für die Stadion-Mitgröl-Chöre. Das alles ist immer noch okay und besser als die Beiträge von Anastacia und – bei allem Respekt – Herbert Grönemeyer, nur irgendwie ist es auch ziemlich weichgespült, um auch ja in jedem Winkel der Welt gut rüberzukommen.

Wesentlich spannender ist da das Mixtape “The Messengers”, das K’naan gemeinsam mit J.Period zusammengestellt hat: Nacheinander werden Fela Kuti, Bob Marley und Bob Dylan gewürdigt, was – vor allem bei Dylan, der auf den ersten Blick nicht so ganz in die musikalische Linie passen will – großartig funktioniert.

Eine neue Liga ist wie ein neues Leben

Von Lukas Heinser am Dienstag, 11. Mai 2010 14:57
Kategorie: My Favourite Game, My Shared Folder

Das war nicht schön, am Samstag in der Stammkneipe zu stehen und den VfL Bochum mit hängenden Fahnen untergehen zu sehen. Als Fan von Borussia Mönchengladbach ist man zwar Kummer gewohnt (und nach dem 1:6 in Hannover, das die Bochumer in die unglückliche Ausgangslage vor dem letzten Spieltag brachte, auch nicht frei von schlechtem Gewissen), aber dieses kampf- und lieblose Gekicke da tat schon weh.

Noch während sich die Stadt von diesem Tiefschlag zu erholen versuchte (was bei diesem grauen Wetter noch ein wenig länger dauert), hat Frank Goosen, Kabarettist, Schriftsteller und treuer VfL-Fan eine Brandrede … äh: geschrieben, die “Der Westen” gestern veröffentlicht hat.

Es ist eine bittere Abrechnung, die den Tausenden Fans aus der Seele sprechen dürfte, die immer zu ihrem Verein gehalten haben, nur um irgendwann festzustellen, dass ihr Verein einige strukturelle Probleme hat:

Dieser Verein ist mittlerweile durchsuppt von einem Gestus der Mittelmäßigkeit, einer Haltung, die kein Ziel, keine Vision kennt, nur Langeweile. Wer einmal das Glück hatte, den Aufsichtsratsvorsitzenden auf einer Saisonabschlussfeier sprechen zu hören, weiß, wo das herkommt: Nicht der VfL Wolfsburg sei deutscher Meister geworden, hieß es da, sondern VW. Auf dem zweiten Platz seien Allianz und Telekom gelandet. Und so weiter. So richtet man sich in einer Opferrolle ein, die im wahrsten Sinne des Wortes un-sportlich ist. Kein Rhönradfahrer kann seinen Sport mit diesem Habitus betreiben

Trotz all der (sicherlich berechtigten) Vorhaltungen ist Goosens Text nicht durchweg negativ. Er zeigt sogar neue Möglichkeiten auf:

Wie gesagt, der Verein braucht eine Identität und eine Idee von sich selbst. Er braucht auf allen Ebenen Personal, das diese Idee verkörpert und dafür kämpft. Wir wollen wieder Lust auf unseren Verein haben. Wenn es dafür nötig ist, ihn umzubauen, sollten wir sofort damit anfangen

Für mich klingt das, als habe da jemand seinen Hut in den Ring geworfen.

“Gebt uns unseren Verein zurück” bei “Der Westen”

Hä? (2)

Von Lukas Heinser am Sonntag, 9. Mai 2010 17:26
Kategorie: Living In A Magazine

Hans Leyendecker hat für die gestrige Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” ein großes Porträt über die Menschen im Vielvölkerbundesland Nordrhein-Westfalen geschrieben — natürlich vor dem Hintergrund der heutigen Landtagswahl:

In den Rau-Wahlkämpfen klebten die Sozialdemokraten Plakate mit dem Spruch “Wir in Nordrhein-Westfalen und unser Ministerpräsident”. Rau gelang es, die Identifikation der Bürger mit dem künstlich zustande gekommenen Land zu steigern. Im Landtagswahlkampf 2010 klebt die CDU Plakate mit dem Konterfei von Rüttgers und dem Slogan “Wir in Nordrhein-Westfalen”. Manchmal findet sich auch der Zusatz: “Unser Ministerpräsident”. Lediglich auf das “und” hat die CDU bei der Kopie verzichtet.

Das ist jetzt so ein Absatz, der für die meisten Menschen, die nicht gerade als Wahlplakathistoriker arbeiten, von eher minderem Interesse ist. Wen interessiert schon, ob da jetzt ein “und” mehr oder weniger auf dem Plakat ist?

Es wäre weitgehend egal — wenn sueddeutsche.de die Onlineversion des Artikels nicht ausgerechnet mit diesem Foto bebildert hätte:

Wir in Nordrhein-Westfalen und unser Ministerpräsident

Mit Dank an Felix.

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