Klickbefehl (25)

Von Lukas Heinser am Sonntag, 7. März 2010 22:55
Kategorie: Digital Ist Besser, Living In A Magazine

[…] Ich bin der Sohn eines Griechen, der während der Militärdiktatur nach Deutschland emigriert ist, und nach dem Ende der Junta in den griechischen Staatsdienst gegangen ist, weil er gelernt hat, dass Demokratie etwas ist, das man sich jeden Tag erarbeiten muss. Und ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Menschen getroffen, der auch nur annähernd so viel arbeitet wie mein Vater. Heute liest er offene Briefe in der Bild-Zeitung, im Stern und wo nicht noch alles, in denen Journalisten Deutschland zur reichen Tante fantasieren, die jetzt aber streng mit ihrem frechen Neffen sein muss, weil der so unverantwortlich mit ihrem Geld herumwirft. Ich bin selbst Journalist und ich schäme mich, wenn ich daran denke, dass mein Vater das liest. […]

Ich kann die Verachtung nicht in Worte fassen, die ich für die Kollegen mit ihren offenen Briefen empfinde, die sich ohne jede Recherche einen demütigenden Witz nach dem anderen aus den Fingern gesaugt haben, die sehenden Auges Vorurteile bis hin zum rassistischen Hass geschürt haben und die dabei nichts erreicht haben als den Zockern in den entsprechenden Investmentbanken noch ein bisschen in die Hände zu spielen. […]

Michalis Pantelouris, Hamburger Journalist mit griechischen Vorfahren, schreibt in seinem Blog Print Würgt über die mediale Hetze von “Bild” und Konsorten.

5 Kommentare

  1. 1

    Darf ich mich anschließen? Mein Brief an deutsche Medien:

    Ich schäme mich und zwar doppelt.

    Ich schäme mich als in Deutschland geborener Grieche für das, was zurzeit in meiner zweiten Heimat los ist. Ich schäme mich dafür, dass in Griechenland Steuerzahlen nur eine Angelegenheit für diejenigen ist, die eh nicht viel haben – weder an Geld noch an Vitamin B. Ich schäme mich in Griechenland jedes Mal dafür, wenn ich an der Kasse nur auf Nachfrage eine Quittung bekommen. Ich schäme mich dafür, dass Griechenland am Rande der Staatspleite steht.

    Als eingebürgerter Deutscher griechischer Herkunft schäme ich mich aber inzwischen mindestens genauso für das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Genauer gesagt, schäme ich mich für die deutschen Medien, für die tägliche Berichterstattung – nennen wir es mal so – in deutschen Zeitungen, im Radio und im Fernsehen. Und ich schäme mich nicht nur, sondern ich entwickle allmählich eine regelrechte Wut, wenn ich morgens nur die Zeitung aufschlage.

    Anfangs, als der griechische Staatsbankrott gerade bekannt geworden war, war die Berichterstattung vor allem von Versuchen geprägt, die Lage zu verstehen. Was ist da los in Griechenland? Wie konnten die sich in so eine Lage manövrieren? Was gilt es nun zu tun? Was vor allem müssen die Griechen tun, um aus der selbstverschuldeten Krise wieder herauszukommen? Zu der Zeit konnte ich den Hohn und Spott von Freunden und Kollegen noch gut vertragen: Hey Grieche, was kostet eine Insel gerade bei Euch? Gibt’s doch jetzt im Sonderangebot! Haha, ganz lustig war das noch – anfangs.

    Aus dieser netten Fopperei ist inzwischen erschreckender Ernst geworden. Deutsche Politiker und Zeitungen fordern unisono Griechenland auf, seine Inseln gegen Bares zu verkaufen. Von den Einnahmen sollen die Schulden abbezahlt werden. Willst Du Kohle, gib mir Korfu, kreischt die Bild-Zeitung heute.

    Und da wundert man sich hier, wenn den Griechen in Griechenland so etwas übel aufstößt? Viele denken bei solchen und ähnlichen deutschen Plünderphantasien: Was ihr im Zweiten Weltkrieg nicht geschafft habt, holt ihr Euch jetzt auf diese Art. Ja, diese Gedanken kommen vielen Griechen unweigerlich in den Sinn, wenn die Deutschen ihnen mal wieder befehlen, wo es lang geht. Wenn die Deutschen vor Überheblichkeit, Besserwisserei und Selbstgerechtigkeit mal wieder aus allen Nähten platzen.

    Tut mir leid, aber für solche Assoziationen habe ich diesmal sogar Verständnis. Zumal die Berichterstattung in den meisten Zeitungen – unabhängig von dem kübelweise ausgeschütteten Hohn und Spott – einseitig und oft sogar schlichtweg falsch ist. Man muss schon suchen, um auch andere Einschätzungen der Lage zu erhalten.

    Ein Beispiel aus einem Proseminar in Politikwissenschaft vor mehreren Jahren: Griechenland ist 1981 in die EG im Rahmen der Süderweiterung gemeinsam mit Spanien und Portugal aufgenommen worden. Ziel war es, die jungen Demokratien politisch zu stabilisieren. Die wirtschaftliche Schwäche der Südländer wurde damals billigend in Kauf genommen.

    Ein Effekt der ökonomisch ungleichen Mitgliedschaft: Griechenland wird bis heute mit Waren aus Deutschland überschwemmt. Das Außenhandelsdefizit gegenüber Deutschland liegt Jahr für Jahr im zweistelligen Milliardenbereich. Deutschland verdient also ganz gut daran, dass Länder wie Griechenland wirtschaftlich schwächer sind und keine Zölle erheben.

    Die Folgen: Viele Betriebe in Griechenland konnten nicht mit den deutschen Unternehmen konkurrieren, sie wurden vom Markt gefegt, Hunderttausende wurden arbeitslos. Als Ausgleich gab es Milliarden aus europäischen Strukturfonds. Das Geld wurde nicht selten veruntreut, ja regelrecht verschwendet. Das ist wahr. Aber ein Großteil wurde in Straßen, Flughäfen und in den Tourismus investiert. Letztlich auch zum Wohl deutscher Urlauber.

    Apropos Urlaub: Ihr Deutschen kommt doch immer so gerne nach Griechenland, Sonne tanken, Souvlaki essen und Sirtaki tanzen. Ich dachte immer, Ihr mögt meine zweite Heimat. Umso weniger verstehe ich, woher auf einmal dieser Zynismus, dieser Hohn und Spott, ja sogar diese Schadenfreude herrühren.

  2. 2

    @ Georgios:
    Kleine Korrektur: Griechenland ist in der Tat 1981 in die EG aufgenommen worden, aber Spanien und Portugal kamen erst 1986 in die EG.

  3. 3

    Es wird allmählich bemühend, dass sich bei Niggemeier, Bildblog und coffeeandtv.de dieselben Lesetipps finden. (Nicht immer, aber immer öfter. Wenn es nicht für mehr reicht: Macht doch einfach gemeinsam ein einziges Blog.)

  4. 4

    Was bedeutet »bemühend« in diesem Zusammenhang?

    Ich finde es aber echt sowas von total unknorke, dass der Lukas immer nur die selben 26 bis 30 Buchstaben verwendet. Ein bisschen mehr Abwechslung würde da echt auch nicht schaden.

  5. 5

    @ Patrick:
    Völlig korrekter Einwand. Danke!

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