Die Arroganz der Jungen, die Ignoranz der Alten

Von Lukas Heinser, 9. Februar 2010 13:47

Wir müssen dann leider noch mal auf „Axolotl Roadkill“ zurückkommen, das literarische Hype-Thema der Stunde. Nicht, dass ich das Buch inzwischen gelesen hätte, aber: Das von der Literaturkritik auf Lautstärke 11 gefeierte Werk von Helene Hegemann (17) weist in etlichen Passagen erstaunliche Ähnlichkeit mit einem anderen Buch auf.

Deef Pirmasens hat in seinem Blog Die Gefühlskonserve eine Gegenüberstellung von Textstellen aus „Axolotl Roadkill“ und aus dem Buch „Strobo“ des Berliner Bloggers Airen veröffentlicht, das im vergangenen Jahr erschienen war. Um es vorsichtig auszudrücken: Da kommt schon Einiges an Auffällig- und Ähnlichkeiten zusammen.

Als gelernter Literaturwissenschaftler stehe ich diesen Enthüllungen etwas schulterzuckend gegenüber: Montagen und Intertextualität gibt es seit kurz nach Erfindung der Schriftsprache — Georg Büchners Novelle „Lenz“ ist knapp zur Hälfte aus Aufzeichnungen des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin übernommen, Johann Wolfgang von Goethe hat sich mehr als einmal massiv von anderen Texten inspirieren lassen. Auf den Platz in der Literaturgeschichte hatte das für die beiden Herren keine Auswirkungen, aber über den entscheidet naheliegenderweise die Nachwelt und nicht der Zeitgenosse. Überhaupt gilt ja, was Oscar Wilde zugeschrieben wird, der gemeine Pop-Konsument (also ich) aber erst seit Tocotronic weiß: „Talent borrows, genius steals“.

Als jemand, der mit dem Schreiben von Texten seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften versucht, sehe ich es naturgemäß kritischer, wenn jemand (mutmaßlich) gutes Geld mit Inhalten verdient, die zumindest zu einem nicht ganz unerheblichen Teil aus dem Werk eines Anderen stammen.

Die Grenzen zwischen Zitat und Diebstahl geistigen Eigentums sind fließend — der Unterschied zwischen den Groß-Zitierern Quentin Tarantino und Dieter Wedel besteht letztlich auch nur darin, dass Tarantinos Filme cool sind und Wedels spießig. Und dass die Übernahme bestimmter Worte oder ganzer Textpassagen noch mal ein bisschen was anderes ist als das zufällige Wieder-Erstellen einer bereits komponierten Melodie (man erinnere sich nur an die rund tausend Songs, von denen Coldplay ihr „Viva La Vida“ samt und sonders abgepinnt haben sollen), lässt sich einerseits mit den unterschiedlichen Materiallagen (zehntausende Wörter vs. zwölf Töne) erklären, ist aber andererseits auch nur Geschmacks- und Definitionssache.

Man könnte also Helene Hegemann und Dieter Wedel zu Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski ins „Philosophische Quartett“ setzen und eine Stunde lang über Blues-Motive und Bastardpop, Williams Shakespeare und Heiner Müller diskutieren lassen und hätte am Ende vielleicht ein bisschen Erkenntnisgewinn oder wenigstens was zum drüber aufregen. Man würde sich womöglich darauf einigen, dass Zitate, Remixe und Mashups Teil unserer (Pop-)Kultur sind, es aber nur höflich wäre, wenigstens seine Quellen zu benennen und nicht Andererleuts Gedanken als eigene auszugeben.

Aber das sind philosophische und kulturwissenschaftliche Gedanken allgemeiner Art. Der „Fall Hegemann“ dagegen ist leider der Super-GAU der öffentlichen Auseinandersetzung, weil er sich genau an der (leider immer noch von vielen Menschen auf beiden Seiten imaginierten) Verwerfung zwischen analoger und digitaler Welt ereignet hat: Da hat also so eine Berliner Künstlertochter abgeschrieben — und zwar bei einem Blogger! Hurra, der Klassenkampf beginnt erneut, auf die Barrikaden!

Jetzt kriegen die Literaturkritiker, denen man sicher vieles vorwerfen kann, ernsthaft um die Ohren gehauen, sie hätten ja mal Googeln können.

Googeln. Einen Roman! Dabei erzählt Deef Pirmasens, dem die ganzen textlichen Parallelen als Erstem aufgefallen waren, im Interview mit sueddeutsche.de, dass ihm bei der Lektüre von „Axolotl Roadkill“ bestimmte Worte bekannt vorgekommen seien — weil er „Strobo“ gelesen hatte. Beim Erkennen von ungenannten Querverweisen hilft es also offenbar immer noch, das Original zu kennen. Dass lange Zeit niemandem aufgefallen ist, dass eine andere Textstelle aus dem Song „Fuck U“ von Archive übernommen wurde, spricht dann eben leider nicht für die Popularität der Band.

Der Kampf der Welten endet in Sätzen wie diesen:

In Wirklichkeit scheint sich als Abwehrhaltung des Feuilletons herauszukristallisieren: Es ist nicht so schlimm, von einem weitgehend unbekannten Medium aus dem Web geklaut zu haben – Hegemann kann zur Not noch als Transkribistin vom Internet ins Buch gefeiert werden.

Es ist jener passiv-aggressive Ton, gepaart mit dem Hinweis, dass das Internet immer noch etwas anderes sein soll als der Rest der Welt, der den genauso verbohrten Menschen im Kulturbetrieb dann wieder als Vorlage dient, wenn es darum geht, über die Meckereien und das merkwürdige Selbstbewusstsein (bzw. offensichtlich dessen Fehlen) der Blogger zu lästern. Ich frage mich, ob die Geschichte in der deutschsprachigen Netzwelt genauso hohe Wellen geschlagen hätte, wenn der „beraubte“ Autor nicht gleichzeitig Blogger wäre, und liefere mir die Antwort gleich selbst: „Vermutlich nicht“. Statt sich also auf den konkreten Vorgang zu konzentrieren, wird mal wieder das übel riechende Fass „wir Blogger gegen die Nichtsblicker bei den Totholzmedien“ aufgemacht und es grenzt an ein Wunder, dass sich die „#fail“s bei Twitter bisher in Grenzen halten.

Der Verleger von „Strobo“ klingt da im Gespräch mit Spreeblick wesentlich entspannter. Der gleiche Verleger übrigens, der munter erzählt, wann Vater Hegemann das Buch für seine Tochter gekauft hat:

Während Hegemann sagt, dass sie das Buch nicht kenne, kann der Verlag SuKuLTur einen Beleg vorweisen, aus dem hervorgeht, dass Carl Hegemann den Roman Airens am 28. August 2009 über Amazon Marketplace bestellt und an seine Tochter Helene hat liefern lassen.

[via otterstedt.de]

Wenn’s um die gute eigene Sache geht, ist das mit dem Datenschutz – sonst die Domäne der Netzgemeinde – offenbar auch nicht mehr ganz so wichtig.

Die Überschrift dieses Eintrags, übrigens, die stammt von Virginia Jetzt!

57 Kommentare

  1. Gregor Keuschnig
    9. Februar 2010, 14:13

    Es gibt auch offensichtlich eine Ignoranz der Jungen. Ich habe nicht geschrieben, dass man einen ROman googlen soll, sondern dass es Hinweise gibt, nach denen man ein bisschen besser hätte recherchieren können, ja müssen.

    Ich zitiere mich jetzt in der Antwort auf Ihren Kommentar selber (das kann als Arroganz ausgelegt werden): Hegemann verweist in ihrem Roman wohl auf das Berghain, einen angesagten Szeneschuppen. Wenn man die Authentizität so hoch hält, wie sie die Kritik nun postuliert, hätte man sehr schnell mittels Google recherchieren können, dass 16 oder 17jährige in diesen Laden nicht hineinkommen und wäre ziemlich schnell auf „Strabo“ gekommen. Der Rest wäre – pardon – der Job des Rezensenten gewesen (nicht umsonst rühmen sich doch die Qualitätsmedien ihrer Redaktionen, oder?)

    Oder man hätte zum Beispiel „Vaselintitten“ einfach mal gegooglet. (Ich sag‘ damit nicht, dass ich das gemacht hätte, aber ich sitz‘ auch nicht im Fernsehen und halte das Buch als literarische Sensation wie ein Aalhändler auf dem Hamburger Fischmarkt vor das Publikum).

    Im übrigen finde ich Ihre Unterstellungsrhetorik ein bisschen daneben. Und das Wort „Holzemedien“ gehört tatsächlich nicht zu meinem Umgangsvokabular.

  2. Torsten
    9. Februar 2010, 14:33

    Danke, jetzt hab ich mir viel Text gespart. Dieser merkwürdige Anwurf, dass die Literaturkritiker nicht gegoogelt hätten, fand ich schon extrem vernagelt, borniert, selbstentlarvend.

  3. Torsten
    9. Februar 2010, 14:39

    Gregor Keuschnig: Nein, der Literaturkritiker muss keine Szeneschuppen nachgooglen. Selbst wenn denn irgendwo steht, dass da keine 16jährigen reinkommen – was sollte dies aussagen? Dass ein Roman Fiktion enthält? Dass der Jugendschutz nicht immer funktioniert wie gedruckt?

    Der alte Klugsch*ßer-Reflex, dass der andere doch hätte googlen können/müssen, ist peinlich.

  4. Gregor Keuschnig
    9. Februar 2010, 15:04

    @Torsten
    Naja, Ihre Vehemenz entlarvt Sie schon ein bisschen. Was ist die Aufgabe von Literaturkritik? Affirmation? Buch hochhalten und „Wunderkind“ rufen – ohne auch nur eine Sekunde einmal hinter die Kulissen geschaut zu haben? Wir haben vermutlich eine andere Vorstellung davon; Ihr Ton ist allerdings vollkommen neben der Spur. Macht aber nix. Man weiss jetzt, woran man ist.

  5. Torsten
    9. Februar 2010, 15:22

    Gregor: Meine Vehemenz entlarvt mich als was?

  6. cosmo
    9. Februar 2010, 15:30

    Lukas, ich weiß nicht, ob du verfolgt hast, wer den „Klassenkampf“ da jetzt wiedereröffnet hat und von wem er mit welchem Waffen geführt wird.

    Dass dir in einer Debatte, in der solche Beiträge in den Publikationen der traditionellen Presse erscheinen, vor Allem auffällt, dass „mal wieder das übel riechende Fass ‚wir Blogger gegen die Nichtsblicker bei den Totholzmedien‘ aufgemacht“ wird, sieht aber etwas… unausgewogen aus.

  7. Lukas
    9. Februar 2010, 15:33

    @cosmo: Die „traditionelle Presse“ führt (soweit ich das überblicke) genau die philosophische, kulturtheoretische Debatte, die ich oben anspreche. Ein „Es ist ja nur von einem Blogger abgeschrieben“ habe ich da nirgends entdecken können.

  8. Internetausdrucker
    9. Februar 2010, 15:37

    Lieber Lukas,

    einiges an Deiner Kritik an „Begleitschreiben“ finde ich nicht stimmig.

    Intertextualität als Stilmittel ist meines Erachtens nur dann spannend, wenn der Leser die Versatzstücke auch erkennen kann. Siehe Umberto Eco. Erst dann bekommt das einen eigenen ästhetischen Wert.

    Es gibt für mich daher auch einen Unterschied zwischen Intertextualität und Plagiat. Einfach ohne Hinweis auf die Quelle abschreiben ist ein Plagiat, man schmückt sich mit fremden Federn.

    Zweitens finde ich den Vorwurf des Klassenkampfes Blogger gegen Holzmedien falsch: „Begleitschreiben“ beschäftigt sich nahezu ausschließlich mit Holzmedien, nämlich Büchern. Der Betreiber ist kein klassischer Blogger mit Bloggeridentität, sondern eher Bildungsbürger und Bücherwurm (nach meinem Eindruck). Er gehört also der Sphäre an, die er vorgeblich bekämpft.

    Aber im Grunde zeigt das nur, dass Du ja auch nicht unrecht hast: Die Trennung zwischen Holzmedien und Blogs ist unsinnig. Schon allein deswegen, weil mich Blogger mit ihrer Textlastigkeit an alteuropäische Gelehrte erinnern, die ihre Gedanken in endlose Texte fließen ließen.

  9. Georg Büchner
    9. Februar 2010, 15:41

    Gar nichts übrig habe ich für Schriftsteller, die Zensur rechtfertigen oder die Geschichten anderer stehlen, die aus Rache über andere schreiben oder in ihren Romanen lediglich die Realität kopieren, und das oft nur schlecht, statt die eigenen Vorstellungskraft zu gebrauchen. Diese Art Autor nimmt nur auf, aber er gibt nichts, und davor habe ich nur wenig Respekt.

    (A.L. Kennedy…)

    und von hier hab ich das
    http://www.autorinnen.de/2010/.....-kollegen/

  10. Georg Büchner
    9. Februar 2010, 15:48

    Ich finde die Menschen im Internet, zumal wenn sie sich als Kenner kennzeichnen noch um vielfaches verbohrter als die Anderen und die sind schon so verbohrt, dass man sie eigentlich für Zahnärzte halten könnte.
    Ich hatte mal eine Diskussion über „magischen Realismus“. Da waren drei Superliteraraten die ernsthaften behaupteten ein Herr Cortazar sei nicht politisch und es endete glaub ich damit, dass einer dieser Helden auf meinem Blog schrieb, ich werde schon sehen was ich davon habe. na ja, ich bin immer noch am Leben.

  11. finzent
    9. Februar 2010, 15:55

    @Gregor Keuschnig:

    Also Literaturkritiker sollen überprüfen ob die Schauplätze im rezensierten Roman tatsächlich so sind wie beschrieben? Und nachschauen, ob schöne Wortschöpfungen schon mal jemand anderes verwendet hat? Das scheint mir eine seltsam journalistische Art zu sein, den Kritikerberuf aufzufassen.

    Ich dachte immer die sollen einem sagen ob das ein gutes Buch ist und warum.

  12. Patrick
    9. Februar 2010, 16:00

    »und es grenzt an ein Wunder, dass sich die “#fail”s bei Twitter bisher in Grenzen halten.«
    Klingt da ein wenig Frust durch, dass du nicht das vorgefunden hast, was du dir für ein stimmiges Gesamtbild gewünscht hättest?

  13. Lukas
    9. Februar 2010, 16:06

    @Patrick: „Frust“ ist mir zu hoch gegriffen. Aber ein wenig überrascht bis enttäuscht war ich natürlich schon. Vielleicht arbeitet man zur Zeit noch an einem lustigen Namenswitz mit „Helene“.

  14. malte
    9. Februar 2010, 16:07

    Es freut mich, dass du auf den Datenschutz hinweist.
    SuKuLTur hat da einen ganz schönen Bock geschossen.

  15. Torsten
    9. Februar 2010, 16:11

    Ist es wirklich ein Datenschutz-Verstoß?

    Verlag und und Vater sind einen Vertrag eingegangen, der keine Verschwiegensheitpflichten umfasste. Wenn jemand etwas leugnet und ich habe den Beweis des Gegenteils auf meiner Festplatte – bin ich da zu Stillschweigen verpflichtet, weil die Information digital vorliegt?

  16. Patrick
    9. Februar 2010, 16:16

    @Lukas: Vielleicht ist die ganze Chose ja auch einfach kein guter Nährboden für den klischeehaften Fail-Sayer. Wie man so hört, soll Twitter ja durchaus heleneterogene Ansätze haben.

  17. Sven E.
    9. Februar 2010, 16:24

    „Wenn man die Authentizität so hoch hält, wie sie die Kritik nun postuliert, hätte man sehr schnell mittels Google recherchieren können, dass 16 oder 17jährige in diesen Laden nicht hineinkommen […].“

    Nur etwas Prinzipielles: Axolotl Roadkill kann durchaus authentisch sein, ohne das Hegemann je einen Club wie das Berghain besucht hätte. Karl Mays Bücher waren zu einem gewissen Grad auch authentisch, ebenso gibt es authentische SciFi-Romane.

  18. cosmo
    9. Februar 2010, 16:38

    @Lukas
    @Lukas
    Ich entdecke da eine stark überhebliche Haltung, mit der die Presse Hegemann automatistisch in Schutz nimmt und den Urheber der übernommenen Passagen kleinredet.

    Zum Beispiel im Kommentar von Haas:
    „Die Plagiatsdebatte um ihren Roman ‚Axolotl Roadkill‘ ist naiv: Publikum und Kritiker wollen hinter die Errungenschaften der Moderne zurück.“
    Da werden eine Namensnennung und vielleicht ein vorheriges Absprechen mit dem Urheber des Übernommenen gefordert – und bei SpOn spricht man von einem Zurück hinter die Errungenschaften der Moderne? Die Errungenschaften der Moderne sind, dass man die Autoren, von denen man kopiert, nicht mehr nennen, geschweige denn fragen muss? Warum hat Haas das nicht zu Eva Schweizer gesagt, als die Rollen „Totholzmedium“/Blogger andersrum verteilt waren?
    Dann setzt er für Frau Hegemann Burroughs ein. Und Thomas Pynchon. Ihr Roman „Axolotl Roadkill“ ist wie Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ oder John Dos Passos‘ „Manhattan Transfer“. Und ein bisschen wie Thomas Manns „Dr. Faustus“.
    Airen hingegen ist wie… oh. Warte. Der Autor des plagiierten Romans kommt in Haas‘ Text ja gar nicht vor! Hoppla! Dabei nennt er Hegemanns Namen gleich sieben mal.
    Na gut, der ist ja auch keine „Bestseller-Autorin“ und kein „Shootingstar“…

    Desgleichen der Artikel im Tagesanzeiger:
    Hegemann wird fünf mal genannt. Ihr Roman wird selbstverständlich nochmal kurz vorgestellt. „Strobo“ darf einmal kurz erwähnt werden, sein Autor hingegen: Gar nicht.

    Surpreme-Beispiel ist der FAZ-Artikel „Originalität gibt es nicht – nur Echtheit“:
    „Strobo“ ist da nur ein Roman, „von dem in den Redaktionen kaum jemand gehört hat“. Von der Präsentation nimmt „nur der (sic!) einschlägige Szene Notiz“ und „außer einigen versprengten Hinweisen im Internet bleiben auch Rezensionen aus.“ Ihn „in einer herkömmlichen deutschen Buchhandlung zu bekommen, dürfte schwierig sein; selbst Amazon hat das Werk nicht vorrätig, doch kann man es dort über die Marketplace-Funktion direkt beim Berliner Verlag SuKuLTur bestellen.“
    Während Hegemann für die FAZ eine Ausnahmeautorin ist, ist Airens Geschichte eine „alltägliche Geschichte“ mit „einem entlegenen Berliner Verlag“.
    Der Plagiatsvorwurf auf „einen ungewöhnlichen Bucherfolg“ ist so zuverlässig“ wie „fast nichts“, „wobei das heute nicht mehr Plagiat oder Abschreiben, sondern vorgangsgetreu ‚Copy-Paste-Verfahren‘ oder auch Remix genannt wird.“
    Abgesehen davon, dass die FAZ Plagiat, Abschreiben, Copy&Paste und Remix nicht auseinanderhalten kann, sondern alles für dasselbe hält: Das liest sich nicht ein kleines bisschen, als ob Airen, den man nun wirklich nicht kennen muss, aus purem Neid auf Hegemanns verdienten Riesenerfolg eine vorhersehbare Kampagne um das Plagiat laciert hat?

    Man muss ja nicht „die Nichtsblicker bei den Totholzmedien“ für den Verlauf dieser Debatte verachten. Aber wie gesagt: Dieser „Klassenkampf“ wird nicht nur von einer Seite geführt.

  19. SvenR
    9. Februar 2010, 17:02

    Lukas, so kenne ich Dich gar nicht. Der Reichtum der »Amerikaner« rührt daher, dass sie Land gestohlen und die Bevölkerung nahezu ausgerottet haben, Sklaven von einem anderen Kontinent raubten, die die Drecksarbeit erledigten. Dieser Satz ist ungefähr so hilfreich wie Deine Verweise auf Büchner und Goethe. Beides soll doch kein Modell für die Zukunft sein.

    Was mich am traurigsten stimmt, ist meine Vermutung, dass das Buch genauso gehypt worden wäre, wenn die Zitate als solche kenntlich gemacht worden wären.

  20. Lukas
    9. Februar 2010, 18:01

    @SvenR: Das ist jetzt aber auch ein merkwürdiger Vergleich. Kultur braucht Vorgeschichte und Material als Antrieb, um weiterzukommen. Länder sollen angeblich auch ohne Ausbeutung funktionieren.

  21. Wallraff
    9. Februar 2010, 19:40

    Statt Scheinargumentation hier ein kluger Text dazu: http://netzwertig.com/2010/02/.....ssem-stil/

  22. Copyright Overkill « Zivilschein
    10. Februar 2010, 6:38

    […] Coffee And TV diesen Spannungen nicht zum ersten Mal widmet, hat über die aktuelle Debatte nun einen schlechtgelaunten Text verfasst, in dem er vor Allem die “Blogger” dafür angreift, reflexartig auf die […]

  23. _Flin_
    10. Februar 2010, 10:57

    Wieso der Super-GAU der Auseinandersetzung? Die ganze Geschichte ist doch ein Mash-Up der Realität.

    Auf der einen Seiten die Qualitätsjournalisten und Feuilletonisten, die nicht müde werden, einerseits zu behaupten, dass das ganze Internet- und Blog-Zeug ja nichts wertvolles ist und sowieso nur klaut und sinnlose Meinungen ohne Substanz hervorbringt. Von dieser Seite wird gleichzeitig massiv für so Themen wie das Leistungsschutzrecht vorgegangen.

    Auf der anderen Seite die Digital Natives, die sagen, dass Bloggen super ist und Internet toll und dass die schöne neue Welt eigentlich schon da ist und man sie nur entfalten muss.

    Auftritt Hegemann: Ganz Kind des ReMix- und Verwurste Internets, bedient sie sich bei zahlreichen mehr oder minder obskuren Quellen und wird von den Vertretern der „Holzmedien“ als die tollste weibliche Literatin seit den Bronte-Schwestern gefeiert.

    Wer erkennt als erster, dass Teile des Buchs ziemlich eindeutig herbeizitiert wurden? Genau. Ein Blogger. Einer von denen, über die ja sonst immer so verächtlich hergezogen wird, weil sie ja nichts Neues produzieren.

    Wer eignet sich nun flugs die Position der Gegenseite an, dass ja Remixes und Mash-Ups eigentlich das Ding der Nuller Jahre sind, um nur ja seine euphorischen Hymnen nicht widerrufen zu müssen? Genau, die Feuilletonisten. Die mit dem Leistungsschutzrecht und dem Qualitätsjournalismus.

    Und diese Vermischung aus Urheberrecht, Aufklärung, Zitat, dem Versuch des flapsigen Beiseitewischens von Vorwürfen, der Äquivalenz der eigenen Haltungen, der Wandelbarkeit und des Remixes seiner eigenen Meinungen mit denen der Gegenüber… das ganze an sich ist doch die Parabel des Kulturwesens der Nullerjahre und dadurch unheimlich spannend und interessant.

    Ach ja und nochwas:
    @Qualitätsjournalismus: #fail

  24. Lukas
    10. Februar 2010, 11:17

    @_Flin_: So, wie Du es jetzt aufgeschrieben hast, ist es in der Tat auf beeindruckende Weise schlüssig und passt sich wunderbar ins Gesamtbild des Gesamtkunstwerks „Helene Hegemann“ ein.

    Super-GAU aber insofern, als sich in die Diskussion über den konkreten Fall (bei dem man sich ja auch immer entscheiden muss, ob man sich ihm unter literaturwisenschaftlichen oder juristischen Aspekten nähert) schnell auch immer die Auseinandersetzung „Journalismus vs. Blogs“ reinspielt. Und es hilft meines Erachtens wenig, wenn da eine ernsthafte Diskussion („Was ist ein literarisches Werk?“) und eine Scheindebatte gleichzeitig geführt werden.

  25. TravellingStar
    10. Februar 2010, 11:25

    Torsten hat in Kommentar 15 natürlich recht: Hier liegt keinerlei Datenschutz-Verstoß vor. Es ist weder illegal, einen Kaufbeleg archiviert zu haben (im Gegenteil schreiben das die kaufmännischen Aufbewahrungspflichten lt. HGB sogar vor), noch zu bestätigen, dass man ihn hat.

    In Sachen Intertextualität empfehle ich gern auch mal das Sprachlog von Herrn Stefanowitsch: http://www.wissenslogs.de/wblo.....illusionen – da kann man dann auch als „gelernter Literaturwissenschaftler“ noch ein bisschen an seinen Skills arbeiten…

  26. Lukas
    10. Februar 2010, 11:43

    @TravellingStar: Aber öffentlich zu sagen, wann wer ein Buch bestellt hat, halte ich zumindest im Hinblick auf das Vertrauensverhältnis zwischen Kunde und Verlag für mindestens unklug.

    Den Text von Anatol Stefanowitsch finde ich auch gut, auch wenn ich seine Meinung nicht ganz teile. (Er ist allerdings Linguist und nicht Literaturwissenschaftler, was auch noch mal zwei Baustellen sind.)

  27. TravellingStar
    10. Februar 2010, 12:24

    Lukas, ich sehe hier das Vertrauensverhältnis zwischen Kunde und Verlag nicht belastet. Es geht ja keinesfalls um sensible Daten wie z.B. Zahlungsmodalitäten oder Solvenz eines Kunden es wären. Hier wurde nur auf die freche, öffentliche Behauptung der Autorin das Buch, aus dem sie sich so freizügig bedient haben soll, nicht zu kennen,ein sehr fundiertes Gegenargument gesetzt. Durchaus legitim, IMHO.

    Der Graben zwischen Linguisten und Lieraturwissenschaftlern ist mir übrigens durchaus bekannt. Ich kann mich tatsächlich an mein Studium, wenn auch nur nebulös, erinnern… Die Feinheiten bei der offensichtlich unterschiedlichen Zitatpflich sind mir aber wohl denn doch entfallen. ;-)

  28. cosmo
    10. Februar 2010, 12:32

    Nee. Am Kaufvertrag Unbeteiligten zu verraten, wer wann was gekauft hat, geht gar nicht. Das ist nach meinem Erachten (IANAL) sowohl illegal als auch ethisch falsch.
    Klares Foul des SuKuLTur-Verlags, das ist in meinen Augen nicht zu entschuldigen.

    (Andererseits verstehe ich ohnehin nicht, was der Kaufbeleg in der Diskussion zu suchen hat – ob Helene Hegemann das ganze Buch hätte lesen können oder nicht, ist doch für ihr Autorenverhalten völlig irrelevant.)

  29. Lukas
    10. Februar 2010, 12:41

    @TravellingStar: Von juristischen und moralischen Einschränkungen abgekoppelt (wobei auch da die Frage ist, ob man Kunst einfach davon abkoppeln kann), wäre mir eine „Zitatpflicht“ in der Literatur in der Tat neu. (Wer sollte die auch fordern? Es gibt ja keine Literaturgesetzgebung.)

    Mit anderen Worten: Es könnte immer noch große Kunst sein, wenn man den Roman eines anderen Autors wortwörtlich unter seinem eigenen Namen veröffentlicht — als Readymade sozusagen. Das könnte vor Gericht zweifelsohne unangenehm enden …

    Aber das ist natürlich wieder was für ein paar ruhige Stunden im Elfenbeinturm. ;-)

    @cosmo: Was meinst Du mit „Autorenverhalten“?

  30. Internetausdrucker
    10. Februar 2010, 13:02

    Anatol Stefanowitsch:
    „Oder man fasst den Begriff etwas enger und versteht Intertextualität als bewusst eingesetzte literarische Technik, dann umfasst er Anspielungen und Zitate, die — gekennzeichnet oder nicht — für die Leser/innen als solche identifizierbar sind und sie dazu anregen, Bezüge zwischen den Texten herzustellen. Das geht nur dort, wo Autor/innen voraussetzen können, dass die Texte auf die sie Bezug nehmen, den Leser/innen bekannt sind.“

    Genau das, was ich gestern schrieb.

    Dass man natürlich laufend und unbewusst zitiert und nie so originell ist, wie man gerne von sich glaubt, ist da eine andere Geschichte. Insofern gibt es eine faktische Intertextualität, jenseits aller Nutzung als Stilmittel.Auch Literaten zitieren unbewusst: Topoi, typische Handlungsmuster und Erzählstrukturen.Nicht zuletzt zitieren sie alle möglichen Geschichten, die sie vom Hörensagen kennen. Schließlich können sie nicht alles allein erlebt und erdacht haben. Alles unbenommen. Aber direkt wortwörtlich abschreiben ist mit einer solchen Fassung von Intertextualität sicher nicht gemeint.

  31. Torsten
    10. Februar 2010, 13:08

    Lukas: Die „Literaturgesetzgebung“ ist unter dem Namen „Urheberrecht“ bekannt. Dort sind auch Zitate und Verwertungsrechte behandelt.

    Und zum Thema Datenschutz: wenn jemand mit mir einen Vertrag abschließt und dann öffentlich dreist das Gegenteil behauptet, dann muss ich das Recht auf Widerspruch haben – es sei denn es steht dem explizit etwas Substantielles entgegen.

  32. purzelschmidt
    10. Februar 2010, 13:26

    Immer wenn ich in dem Buchladen meines Vertrauens hineingehe stolpere ich über solche Langweiler wie Grenzland und alle anderen grausamen deutschen Neuerscheinungen und dieser Roman ist so ziemlich der Einzige deutsche Roman (ich rede von Neuerscheinungen) der mir gefällt, er gefällt trotz dieser Geschichte, das belastet das Buch überhaupt nicht, dennn das ist das Seltsame und aussergewöhnliche, was am Ende bleibt ist das was geschrieben steht.

  33. Lukas
    10. Februar 2010, 13:29

    Aber das Urheberrecht gilt ja nur für die „wirkliche Welt“, also den Lebensraum des Autors oder das Verbreitungsgebiet des Werks, nicht innerhalb der Literatur.

    Anderes Beispiel: Maxim Billers „Esra“ existiert ja weiterhin und ist immer noch Literatur, auch wenn gerichtlich dagegen vorgegangen wird.

    Wie gesagt: Ob man die Kunst aus der Wirklichkeit entkoppeln kann/darf, ist fraglich. Aber Kunst bleibt kann Kunst bleiben, auch wenn ihr Erschaffer gegen Gesetze verstößt.

  34. cosmo
    10. Februar 2010, 13:33

    @Torsten
    Widersprechen? Aber immer!
    Mit Vertragsdetails hausieren gehen und mit dem Kaufbeleg herumwedeln? No-Go!

    @Lukas
    Mit „Autorenverhalten“ (also das, wofür der Kaufbeleg mMn irrelevant ist) meinte ich Helene Hegemanns Vorgehen beim Schreiben des Buchs: Übernehmen von Formulierungen, Handlungsmotiven und Textpassagen, ohne das erkennbar zu machen.

    (Über ihr Verhalten gegenüber der Presse könnte man diskutieren, aber da sind wir schon sehr meta und ab vom Thema „Plagiat vs. Remix“. Deshalb meinte ich das mit „Autorenverhalten“ ausdrücklich nicht.)

  35. Lukas
    10. Februar 2010, 13:48

    @cosmo: Ah. Also das, was ich „Arbeitsweise“ nennen würde. ;-)

    Na ja, sich bedienen kann sie ja nur bei den Quellen, die sie auch kennt. Aber wenn sie sich tatsächlich bei so vielen Quellen bedient, wie dieser Artikel (der übrigens auch sehr klug im Hinblick auf die Verantwortung argumentiert) nahe legt, dann wird es in der Tat zunehmend unwichtig, was genau ihre Quellen waren — wichtiger wird dann die Montage an sich. Und die rechtlich schwerwiegend und ethisch heikle Nicht-Kennzeichnung derselben.

  36. cosmo
    10. Februar 2010, 14:03

    @Lukas
    Bonus-Aber: So wie ich Deef verstehe, sind die Textteile von Airen, die sich in „Axolotl Roadkill“ wiederfinden, sowieso durch die Bank online.
    Wenn ich das richtig verstehe, dann sagt der Kaufbeleg darüber, ob sie alle diese Textstellen gekannt haben kann, genau gar nichts neues.

    (Und ja, „Arbeitsweise“ ist das richtige Wort.)

  37. Torsten
    10. Februar 2010, 14:10

    Cosmo: Ich hab ihn nicht wedeln gesehen, er hat lediglich die zum Verständnis notwendigsten Informationen genannt.

    Dass sie die Textstellen gekannt hat, steht in meinen Augen kaum zur Debatte – zu offensichtlich sind die Ähnlichkeiten, der Buchkauf ist aber ein starkes Indiz, das selbst geringe Zweifel ausschließt.

  38. cosmo
    10. Februar 2010, 14:20

    @Torsten

    Während Hegemann sagt, dass sie das Buch nicht kenne, kann der Verlag SuKuLTur einen Beleg vorweisen

    Mmmh…
    Noch, zugegeben, noch wurde der Beleg nirgens frei verfügbar hochgeladen. Viel krasser wäre das jetzt aber nicht mehr, oder?

  39. Lukas
    10. Februar 2010, 14:27

    Zu sagen „Wir könnten das notfalls vor Gericht beweisen“ halte ich für legitim. Im Interview Kaufdatum und Käufer anzugeben halte ich für übertrieben.

  40. Torsten
    10. Februar 2010, 14:39

    Lukas: Käufer und Zeitpunkt sind IMHO wesentlich für das Verständnis des Vorgangs. Leute wie cosmo hätten wohl ohne das wohl genau diese Angaben eingefordert – schließlich könnte der Kauf ja viel zu spät erfolgt sein oder der Vater hätte es für sich kaufen können ohne es der Tochter je zu zeigen.

    Das genaue Datum ist dabei sicher eine Botschaft in der Verhandlung um die Umsatzanteile, die für die außergerichtliche Einigung fällig sind. Aber das ist kein Datenschutz-Anliegen. Denn außerhalb dieser Verhandlung hat das genaue Datum keinerlei Belang, verletzt keine Intimsphäre und kann auch nicht auf andere Weise missbraucht werden.

  41. SvenR
    10. Februar 2010, 17:53

    @Lukas: Da sind wir uns doch einig, ich finde mein eigenes Beispiel genauso blöd, wie Du. und wie ich ich Deines finde.

    Meine Kernaussage bleibt: Sie hätte das gleiche Buch veröffentlichen, den gleichen Erfolg beim Feuilleton haben können ohne Rechte anderer so grob zu verletzen.

  42. Dave
    11. Februar 2010, 11:13

    Ausrufezeichen Deluxe:

    http://glamourdick.twoday.net/stories/6182385/

  43. Linus
    11. Februar 2010, 13:57

    Von wegen „Blogger vs. Holzmedien“: Sind nicht diejenigen, die jetzt am lautesten darüber sinnieren, dass das eigentlich alles völlig ok ist, was die gute Helene da treibt, sonst die Lordsiegelbewahrer des Urheberrechts? Die für Artikel, die nichts anderes sind als übernommene Agenturmeldungen, allen ernstes Gebühren verlangen wollen?

  44. Rese
    12. Februar 2010, 18:16

    In der lieben Dorfpresse ist das Thema Hegemann auch endlich einmal angekommen.
    Und das sie nichtsdestotrotz für die Leipziger Buchmesse nominiert ist, finde ich Teils unverschämt. Das Fräulein hätte einfach von Beginn an ihre Quelle angeben sollen und dann könnte man sie auch ernster nehmen.
    Aber ihre Aussage: „Da wird eine jahrhundertealte Debatte auf meinem Rücken ausgetragen. Wenn wir so anfangen, können wir den ganzen Literaturbetrieb gleich dichtmachen.“
    Sehe ich keines Weges berechtigt, denn wenn man seine Quellen gleich angibt hat man keine Scherereien und es gibt genügend Autoren die ihre Quellen angeben.

  45. Kunar
    12. Februar 2010, 19:35

    Überhaupt gilt ja, was Oscar Wilde zugeschrieben wird, der gemeine Pop-Konsument (also ich) aber erst seit Tocotronic weiß: “Talent borrows, genius steals”.

    Siehe auch:
    The bad artists imitate, the great artists steal.“ Pablo Picasso Banksy

  46. Lukas
    12. Februar 2010, 21:32

    @Rese: Warum unverschämt? Die Jury weiß jetzt, dass das Buch unter … äh: ungewöhnlichen Umständen entstanden ist. Wenn sie vor diesem Hintergrund immer noch der Meinung sind, dass das Buch (das Buch — nicht die Autorin und ihr Verhalten) auszeichnenswert ist, halte ich das für völlig legitim.

    @Kunar: An Banksy habe ich in diesem Kontext öfter denken müssen. Bei dem ist natürlich klar, dass er auf bestehendes Material zurückgreift.

  47. Stefan W.
    14. Februar 2010, 0:05

    Datenschutz: „Es geht ja keinesfalls um sensible Daten“ – haha, der war gut. :) Sensiblere Daten hätte ein Romanautor kaum konstruieren können.

    Lest mal das BDSG http://dejure.org/gesetze/BDSG . Daten dürfen nur für die Zwecke verwendet werden, zu denen sie erhoben wurden, um nur den einschlägigsten Punkt zu nennen.

    Jetzt aber mit „unentschuldbar“ einen neuen Hauptskandal ausrufen will ich darob nicht – mich stört nur mit wieviel Inbrunst die eigene Ahnungslosigkeit manifestiert wird.

    Remixen fände ich völlig in Ordnung, wenn eine Person sich in einem Szenejargon bedient, und von 50 Quellen jeweils eine Kirsche pflückt, und das zusammenmixt, fremde Wortschöpfungen in eigenen Sätzen und Handlungen.

    Was auch geht, das sind fremde Handlungen komplett in eigener Sprache neu erzählt. Wie oft wird der Ödipusmythos neu verwurstet? Ständig. Oder die neuen Leiden des jungen Werther.

    Aber wenn großflächig nur eine Quelle geplündert wird? Wenn die Autorin für Formulierungen gelobt wird, die alle nicht von ihr stammen – was bleibt als ihre eigene Leistung übrig? Nix, wie mir scheint.

  48. Torsten
    14. Februar 2010, 6:14

    Stefan W.: Stell Dir einfach vor: das Geschäft sei offline vonstatten gegangen. Der Vater kommt zum Verleger, damit der das Buch direkt an die Tochter schickt. Später leugnet die Tochter das Buch zu kennen.

    Aus dem BDSG ein absolutes Schweigegebot zu konstruieren, ist kaum mit Grundsätzen der Meinungsfreiheit zu vereinbaren. Im übrigen findet es hier wohl eher nur Anwendung bei der Übermittlung der Daten von Amazon an den Verlag, die absolut legal und unvermeidbar war.

    Falls Du explizit anderer Meinung bist, leg doch Beschwerde beim Datenschutzbeauftragten ein, der Dir sicher die genaueren Aspekte des BDSG erläutern kann.

  49. Stefan W.
    14. Februar 2010, 6:41

    @Torsten: Stelle ich mir vor – und? Was soll sich dadurch ändern? Daß der Verleger jetzt das Kaufdatum plötzlich im Kopf hat, und das BDSG keine Informationen die man im Kopf hat regelt? Das sehe ich aber nicht. Ein Kaufmann hat auch ohne Onlineshop eine elektr. Buchhaltung, in der er die Informationen speichert.

    Wer konstruiert denn ein absolutes Schweigegebot? Tut das wer?

    Und was hat die Meinungsfreiheit uns hier zu interessieren? Es geht ja um eine Tatsachenbehauptung, nicht um eine Meinung, oder?

    Vielleicht auch mal einen Blick auf § 4a BDSG, Einwilligung, werfen:

    (1) Die Einwilligung ist nur wirksam, wenn sie auf der freien Entscheidung des Betroffenen beruht. Er ist auf den vorgesehenen Zweck der Erhebung, Verarbeitung oder Nutzung sowie, soweit nach den Umständen des Einzelfalles erforderlich oder auf Verlangen, auf die Folgen der Verweigerung der Einwilligung hinzuweisen. Die Einwilligung bedarf der Schriftform, soweit nicht wegen besonderer Umstände eine andere Form angemessen ist. Soll die Einwilligung zusammen mit anderen Erklärungen schriftlich erteilt werden, ist sie besonders hervorzuheben.

    Insbesondere auf „des Betroffenen“ möchte ich hinweisen; im vorliegenden Fall ja nicht eine Vertragspartei.

    Da ich aber nicht geschädigt bin werde ich einen Teufel tun, und Beschwerde einlegen.

  50. Torsten
    14. Februar 2010, 6:54

    Stefan W: Wie gesagt: diese Einwilligung hat der Vater an Amazon gegeben.

    Du kannst jetzt beliebige Vorschriften aus dem Zusammenhang reißen oder Du fragst einfach den Datenschutzbeauftragten oder einen anderen Juristen mit Fachausbildung. Ich bin keiner, aber wenn das BDSG verbieten würde, dass ich über Geschäfte rede, die direkt mit mir getätigt wurden, dann wäre es schlichtweg verfassungswidrig.

    So verstörend Du das genaue Kaufdatum finden magst, es ist keine personenbezogene Angabe, die in irgendeinem anderem Zusammenhang missbraucht werden könnte. Datenschutz ist kein Selbstzweck, sondern soll Schaden abwenden.

  51. Stefan W.
    14. Februar 2010, 12:20

    Welche „diese Einwilligung“ soll der Vater abgegeben haben? Die Daten sachfremd zu verwenden?

    Das hat bisher niemand gesagt. Es scheint mir auch abenteuerlich.

    Noch abenteuerlicher ist es, wie hier mit aller Gewalt die Augen geschlossen werden, um zu behaupten die Daten könnten nicht in einem anderen Zusammenhang mißbraucht werden. Der vorliegende Fall ist doch ein Musterbeispiel eines Misbrauchs.

    Der ordentliche Gebrauch der Lieferadresse ist es diese zu benutzen, um das Produkt auszuliefern – nicht den Nachweis zu führen, wer wann wo abgeschrieben hat. Dafür wurden die Daten nicht erhoben, und dürfen dafür dann auch nicht verwendet werden.

    Außerdem ist die belieferte Person auch nicht die gewesen, die ihre Daten bekanntgegeben hat. Man könnte also auch deren Einverständnis nicht annehmen, wenn die AGB weitreichende Nutzungsmöglichkeiten einräumten.

    Welches Verfassungsgut soll denn betroffen sein, nachdem es die Meinungsfreiheit nicht ist?

    Die meisten Datensammlungen sind Geschäftsdaten – man soll also den Datenschutz im Geschäftsleben überhaupt abschaffen?

  52. Torsten
    14. Februar 2010, 17:25

    Stefan W. Wie schon zwei Mal geschrieben: frag einen Fachjuristen oder melde den Datenschutzverstoß amtlich. Die Leute erklären es Dir dann vielleicht besser als ich es konnte.

  53. Stefan W.
    14. Februar 2010, 18:25

    Vielen Dank, lieber Torsten. Ich brauch keinen Anwalt, ich kann ja lesen. Vielleicht willst Du …?

  54. personaldebatte
    14. Februar 2010, 18:28

    Torsten, ich bewundere Ihre schier unmenschliche Geduld inmitten dieses Trollsturmes. Sie argumentieren gekonnt. Dass das nicht hinreicht, liegt in der Natur der Fabelwesen.

  55. Axel Otte Bootgrill | Die Saugpappe
    16. Februar 2010, 20:08

    […] laut Harald Schmidt, “Airen” laut Subkutanverlag), von dem die Jungautorin Hegemann abgeschrieben haben soll. Nachdem andere “Medien” um dieses Werk viel Falsches dahingerotzt haben, bekommen Sie […]

  56. Rese
    16. Februar 2010, 20:21

    @Lukas: Ich finde es unverschämt, denn ich könnte ja auch ein Buch so, sagen wir mal, abtippen und ob ich dann auch so „gehypte“ werde ist auch eine Frage.
    Ich finde einfach, falls die Juroren den Inhalt oder die Schreibweise so super finden, sollten sie gefälligst das „Orginal“ nominieren und nicht das Abgetippte. Denn jeder kann den Inhalt eines Buches umschreiben und als sein Eigen verkaufen.

  57. MainPlog » [Kein Titel]
    25. Juli 2010, 18:46

    […] grundsätzlichen Verdammung einer Sache, weil man selbst an ihr gescheitert ist. Im Februar schon schrieb Lukas über ein anderes Thema: »es grenzt an ein Wunder, dass sich die ›#fail‹s bei Twitter bisher in Grenzen halten.« Auch […]

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