Beiträge vom Februar, 2010

Bitte meditieren Sie

Von Lukas am Mittwoch, 24. Februar 2010 16:27

Ihr Tag ist schlecht gelaufen, Sie entsprechend gelaunt?

Bitte entspannen Sie — Jetzt!

Kategorie: My Shared Folder | Kommentare (9)

Die, die mit den Wörtern tanzt

Von Annika am Dienstag, 23. Februar 2010 16:02

Mit neuen Büchern ist es ja immer ein wenig so: Man meint, man müsse ganz vorsichtig sein, um keiner Seite ein Eselsohr zu verpassen oder einen Buchstaben umzuknicken — wehe wenn! Jedoch, um einem Buch Charakter zu verleihen sollte man es auch knicken, den Buchrücken aufklappen und es lesen. Es ablesen, ablieben. Von was ich spreche?

Das allererste Buch einer jungen Frau, Lisa Rank. Aus Berlin, jetzt Hamburg.
Schreibt, atmet, komponiert, tanzt, träumt und erfindet Wortwelten. Entdeckt sie hinter Müslischachteln oder unterm Bett. Begegnet ihnen an Häuserecken, in der Nacht oder weil sie ganz genau hinhört.
Weil sie schreibt, was vorher noch nicht da war. Ihr Talent, ihre eigene Stimme und die Gabe, Gefühle so einzufangen, dass man genau spürt, was in den Charakteren vorgeht. Man kann mitfühlen, mitweinen, miterleben, man ist bei allem dabei.
Weil die Autorin es zulässt, aber – und das finde ich auch sehr wichtig – man wird beim Lesen davor beschützt, dass die Trauer einen erdrückt.
Im Gegenteil: Man wird mitgenommen und man bekommt es gezeigt und erlebt, denn im Zweifel, wenn alles keinen Sinn mehr macht, macht man solche Reisen auch immer ein Stückchen für sich selbst!

Von was ich hier erzähle?

Von Lisa Ranks ersten Roman “Und im Zweifel für dich selbst”.
Ein Buch, in dem zwei Freundinnen, Lene und Tonia, den Tod eines geliebten Menschen erleben und sich und die Welt nicht mehr verstehen. Das Leben, das sie bisher hatten, gibt es so nicht mehr. Weil jetzt jemand fehlt, der bisher immer da war. Sie machen sich auf eine Reise. Ein Roadmovie-Roman, der so viel Wahrheit zwischen den Zeilen versteckt hält und so eigensinnig auf dem Blatt steht. Oder der so viel über die Dinge erzählt, wie sie passieren und was man dann macht, dass es eigentlich nur Sinn macht zu sagen: Kaufen, lesen und selber entdecken!

Ich hab es fast zu Ende. Ein bisschen hab ich mir noch aufgehoben zum Schluss.
Wie es also ausgeht weiß ich nicht und würde es auch nicht verraten. Macht man nicht. Was man aber tun sollte: Selber entdecken!

Elisabeth Rank – Und im Zweifel für dich selbst
Suhrkamp, 200 Seiten
12,90 Euro

Lisa Rank im Internet

Kategorie: Mr. Writer | Kommentare (10)

Gesammelte Platten Januar 2010

Von Coffee And TV am Sonntag, 21. Februar 2010 18:00

Dieser Eintrag ist Teil 1 von bisher 1 in der Serie Gesammelte Platten

Nach gut drei Jahren Coffee And TV dachten wir, es sei mal an der Zeit, irgendwas anders zu machen. Nachdem die Kategorie “Listenpanik” (deren Titel sich übrigens exakt niemand mehr erklären kann) im vergangenen Jahr von ihrer Ranglistenhaftigkeit befreit worden war, haben wir sie jetzt endgültig in die Tonne getreten. Und durch etwas – wie wir finden – viel Besseres ersetzt:

Ab jetzt wird nicht mehr Herr Heinser alleine erzählen, welche neuen Platten seinen “schon arg mainstreamigen Geschmack” (O-Ton gute Freundin) getroffen haben — Nein: Das ganze Team darf ran.

Es wird weiterhin grob nach Veröffentlichungsterminen gestaffelt (weswegen wir überraschenderweise mit den empfehlenswerten Veröffentlichungen des Monats Januar beginnen) und dann einfach alphabetisch sortiert.

Beach House – Teen Dream
Beach House sind angeblich Dream Pop, was auch immer das sein mag. Ihre letzte Platte “Devotion” kannte ich nur, weil ich mich nach ihrem Erscheinen ein paarmal dazu gezwungen hatte, sie nebenher laufen zu lassen, wenn ich gerade den Abwasch machte oder staubsaugte. Irgendwann muss sie dann aber doch hängengeblieben sein, denn als ich davon hörte, dass es einen Nachfolger geben würde, stiegen ungekannte Affektationen für diese Band in mir herauf, und seither freue ich mich über diese Platte wie ein kleines Kind, das sich wahrscheinlich über etwas anderes freut als eine Platte. Verträumt ist sie ja nun auch schon, aber das als konstituierendes Merkmal zu bezeichnen, würde ich vielleicht unterlassen angesichts der durchaus auch tonal innovativen Songs, die sich nur auf den ersten Blick wie Schablonenpop zeigen. (MS)

Eels – End Times
Das letzte Eels-Album “Hombre Lobo” ist gerade ein halbes Jahr alt, da kommt auch schon der Nachfolger. Die richtig rumpelnden Songs sind diesmal nicht dabei, E hat mindestens einen Gang zurückgeschaltet, so ungefähr “Daisies Of The Galaxy” mit weniger Zuckerguss. “End Times” erinnert mal wieder an eine Therapiesitzung, Dramatik und Humor prügeln sich um die Vorherrschaft und am Ende sagt die erste Strophe von “A Line In The Dirt” wahrscheinlich alles: “She locked herself in the bathroom again / So I am pissing in the yard / I have to laugh when I think how far it’s gone / But things aren’t funny any more”. Man möchte Mark Oliver Everett am liebsten in den Arm nehmen — um ihn zu trösten und sich zu bedanken. (LH)

Tommy Finke – Poet der Affen/Poet Of The Apes
Natürlich kann man es etwas überambitioniert finden, ein Doppelalbum zu veröffentlichen, bei dem jeder Song einmal auf Deutsch und einmal auf Englisch enthalten sind. Und tatsächlich wäre “Poet der Affen” ohne englische Zugabe schon eine runde Sache gewesen — aber man muss ja nicht beide Seiten hören. Aber zwei CDs zum Preis von einer sind erstens was nettes (Nicht wahr, Axl Rose und Connor Oberst?) und zweitens entwickeln Songs wie das famose “Borderline Betty”, die wunderbare Single “Halt’ alle Uhren an” (die irritierenderweise jetzt in beiden Versionen “Stop The Clocks” heißt) oder das schwer traurige “Die Tiere suchen Futter” noch einmal eine ganz andere Bedeutung, wenn man auch ihre englischsprachigen Geschwister hinzuzieht. “Poet der Affen” hat das an Gefühl, was dem letzten kettcar-Album fehlte. (LH, Rezensionsexemplar)

First Aid Kit – The Big Black And The Blue
Es war mit Sicherheit eines der außergewöhnlichsten Konzerte des Jahres, als diese zwei jungen schwedischen Schwestern da letztes Jahr am hellichten Tag in einem Zelt auf einem zentralen Osloer Platz spielten und die Kiefer der Zuschauer reihenweise runterklappten: First Aid Kit hatten das by:larm im Sturm erobert. Jetzt ist ihr Debütalbum erschienen, das ohne Fleet-Foxes-Coverversionen auskommen muss, aber trotzdem wundervoll geworden ist. Klara und Johanna Söderberg singen immer noch über Themen, von denen sie altersbedingt eigentlich gar keine Ahnung haben dürften, und sie tun das nach wie vor gerne zweistimmig und Gänsehaut verursachend. Den sparsamen Folk-Arrangements amerikanischer Prägung merkt man nicht an, dass sie in Europas Pop-Nation Nummer 2 entstanden sind — das klingt schon sehr nach weiter Prärie und schneebedeckten Bergen. Aber letztere hat man ja im Moment sowieso überall. (LH)

Owen Pallett – Heartland
Warum Owen Pallett nun auch offiziell Owen Pallett heißt und nicht mehr Final Fantasy, könnte vielerlei Gründe haben. Gehen wir davon aus, dass man als erwachsener Mann nicht mit einer eher mittelmäßigen Videospielreihe verwechselt werden will, darauf immerhin können wir uns sicher einigen, alles andere wäre auch Spekulation und außerdem der klaren Sicht auf das Hörergebnis völlig im Weg. Das ist nämlich ziemlich schön, meines Erachtens im Gegensatz zu älteren Final-Fantasy-Produkten, bei denen ich mich meistens nach der Hälfte nur noch beim unwillkürlichen Durchskippen erwischte. Hier allerdings wurde gut gespielt, gut arrangiert und mit Spannung gearbeitet. Das Durchhören eines Albums, ohne wegschalten zu müssen, ist zwar im Normalfall kein hochgradig qualitatives Merkmal, aber weil mir das bei dem jungen Mann hier zum ersten Mal passiert, lassen Sie mir doch bitte die Freude das abzufeiern und Herrn Pallett schulterklopfend gratulieren zu wollen. (MS)

Surfer Blood – Astro Coast
Hervorragendes Album, dem man es (natürlich auf Autosuggestion begründet) durchaus anhören kann, dass es nicht in einem Studio, sondern komplett in einem Stockbettschlafzimmer aufgenommen worden ist. Dass verstärkte Gitarren und ein echtes Schlagzeug involviert waren, mindert den meterhohen Stoß Ruhestörungsbeschwerden der Nachbarn an den zuständigen Universitätsdekan sicherlich nicht. Verhaltenheit und schlechtes Gewissen hört man hier aber trotzdem äußerst selten. (MS)

Tocotronic – Schall & Wahn
Um Tocotronic zu verstehen sind mutmaßlich bedeutend mehr Semester Germanistik vonnöten, als ich jemals ausgehalten hätte. So kann ich sie also nur hören, was aber auch wie üblich ein Erlebnis ist: So laut und gitarrenbetont klang schon lange kein Tocotronic-Album mehr. So düster allerdings auch nicht — bei den ersten vier Songs deuten schon die Titel an, wohin die Reise geht: “Eure Liebe tötet mich”, “Ein leiser Hauch von Terror”, “Die Folter endet nie”, “Das Blut an meinen Händen”. Aber spätestens wenn Graf Macbeth zur Halbzeit mit “Bitte oszillieren Sie” den größten Toco-Unterhaltungsschlager seit ungefähr “Die Welt kann mich nicht mehr verstehen” anstimmt und Journalisten den Text im Interview sehr ernsthaft zu entschlüsseln versuchen, klopft die Frage an, wie viel die Band eigentlich noch ernst meint und wie viel Spaß am Vorführen von Feuilletonisten dabei ist. Die Antwort könnte allerdings auch total egal sein, denn man kann Tocotronic ja auch ganz wunderbar hören ohne sie verstehen zu wollen. (LH)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
LH: Lukas Heinser
MS: Markus Steidl

Kategorie: Rock'n'Roll High School | Kommentare (6)

Bitte keine Heiterkeitsausbrüche!

Von Lukas am Samstag, 20. Februar 2010 15:29

Während sich der deutsche Literaturbetrieb gerade ungefähr in der selben Kater-Stimmung befindet wie der “Stern” im Sommer 1983, diskutieren die Österreicher dieser Tage über ein Buch, das es immerhin vor Gericht geschafft hat.

Das Wiener Landesgericht musste gestern darüber entscheiden, ob der Roman “Weiße Nacht” von David Schalko den höchstpersönlichen Lebensbereich des Politikers Stefan Petzner, “Lebensmensch” des verstorbenen Rechtspopulisten Jörg Haider, verletzt. Petzner sah seine Menschenwürde verletzt und wollte außerdem finanziell am Erfolg des Romans teilhaben — ein Erfolg, der freilich erst einer wurde, nachdem Petzner öffentlichkeitswirksam gegen das Buch vorgegangen war. Schalko hat seine Sicht der Dinge vor einigen Wochen wortgewaltig für die “Welt am Sonntag” zusammengefasst.

Obwohl Petzner gefordert hatte, das gesamte Buch im Gerichtssaal vorzulesen, wurde darauf offenbar verzichtet, denn das Urteil war schnell gesprochen: Petzner unterlag, kündigte Berufung an und rief seinem Prozessgegner zu, der solle sich was schämen.

Von besonderer Qualität ist die Urteilsbegründung der Richterin, in der diese die Handlung des Romans noch einmal kurz zusammenfasst — und gleichzeitig versucht, die Würde des Ortes zu bewahren:

[via Facebook]

Kategorie: Mr. Writer | Kommentare (7)

Creative, common

Von Lukas am Mittwoch, 17. Februar 2010 14:45

Aus Gründen, die heute vermutlich niemand mehr kennt, sehen die Veranstalter der Echo-Verleihung ihren Preis noch immer in einer Reihe mit Grammy und Brit Award stehen. (Fairerweise muss man bemerken, dass “in einer Reihe” nicht “in einer Liga” bedeutet.)

Am 4. März wird der Echo mal wieder verliehen und Prof. Dieter Gorny, Insolvenzverwalter der deutschen Tonträgerindustrie, lässt sich anlässlich der Auszeichnung der kommerziell erfolgreichsten Musiker mit den Worten zitieren:

"Hier geht es um Kreativität, um Kultur und um Kunst", Prof. Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Musikindustrie e.V.

“Vorhersehbarkeit, Verkaufszahlen und Verzweiflung” wären als Beschreibung des zu erwartenden Abends zwar passender, aber natürlich längst nicht so … kreativ.

Alles, was es sonst noch zu sagen gäbe, hat Tim Renner schon gesagt.

Kategorie: Rock'n'Roll High School | Kommentare (3)

Schwanzvergleich des Tages

Von Kathrin am Sonntag, 14. Februar 2010 13:46

Abends an der Theke. Als Rückgeld für das bezahlte Bier gab es unter anderem ein uns völlig unbekanntes 2-Euro-Stück. Wir scherzen. “Haha, das Bild auf der Rückseite sieht ja aus wie ein… Penis.” Großes Gelächter, wir einigen uns darauf, dass dem so sei.

2-Euro-Münze mit Motiv "Idol von Pornos"

Einen Tag später. Aus reiner Neugierde, woher die Münze stammt, einfach mal die allwissende Internetsuchmaschine angeworfen und bei Wikipedia gelandet. Und mit großen Augen und heruntergeklappter Kinnlade auf die Beschreibung starrend. Wie beunruhigend gut diese auf unsere Scherze passte: Die (übrigens zypriotische) Euro-Münze zeigt das sogenannte “Idol von Pornos“…

oder auch nicht. Es ist aber auch hundsgemein, dass die Buchstabenkombination “rn” dem “m” so ähnlich ist…

Kategorie: My Culture, Somebody Told Me | Kommentare (9)

Songs For The Dumped

Von Lukas am Sonntag, 14. Februar 2010 2:42

Aus Anlass des heutigen Valentinstags haben sich die Macher der besten Musikshow der Welt, “All Songs Considered”, mal was besonderes einfallen lassen: Nachdem es im letzten Jahre ein paar weniger bekannte Liebeslieder gab, geht es diesmal um breakup songs, also Lieder rund um Beziehungsenden.

Sympathischerweise ist es wieder einmal eine Show in großer Runde, das heißt neben Standard-Moderator Bob Boilen sind auch Produzent Robin Hilton, sowie die Redaktionskollegen Stephen Thompson und Carrie Brownstein mit dabei. Wie immer, wenn die Vier gemeinsam eine Sendung schmeißen, sind die Dialoge und die zwischenmenschlichen Neckereien fast genauso schön wie die Musik.

Die Songauswahl schwankt zwischen naheliegend und abwegig. Die ganzen wütenden Abrechnungen (s. Überschrift) wurden weggelassen, dafür gibt es viel Herzschmerz — und eine musikalische Bandbreite, die von den Ramones zu Justin Timberlake, von Stars zu Vic Chesnutt reicht. Dazwischen: Beck und The Replacements.

Ein bisschen positiver geht es dagegen beim Valentins-Geschenk von Enno Bunger weiter: Deren schmucke Single “Herzschlag” kann man heute (ganz ohne Anmeldung) kostenlos herunterladen.

Kategorie: Digital Ist Besser, Rock'n'Roll High School | Kommentare (2)

Möbeltransport im ÖPNV – Eine Fallstudie

Von Lukas am Donnerstag, 11. Februar 2010 1:26

Menschen mit entsprechenden Erfahrungen erklären gerne, ein Kind zu bekommen würde die Sichtweise auf die Welt völlig verändern. Ich bin weit davon entfernt, dem widersprechen zu wollen (oder zu können), aber ich kann diesen Menschen zurufen: “Für einen Perspektivwechsel braucht’s keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr. Es reicht auch, mit vier Aluminiumstühlen unterm Arm U-Bahn zu fahren.”

Und das kam so:

Ich hatte kurz vor meinem Umzug in einem Geschäft in der Bochumer Innenstadt meine Traumsitzmöbel entdeckt: Nachbauten des Designklassikers “Navy Chair”, herabgesetzt auf einen Preis, der nahezu unanständig niedrig war. Als mein Vater meiner neuen Einrichtungsgegenstände ansichtig wurde (und den dazugehörigen Preis erfuhr), rief er aus: “Sohn, gehe hin und hole mir davon, so viel Du tragen kannst!”

Das ganze Prozedere dauerte etwas länger, die Stühle mussten erst bestellt werden, aber dann waren sie da: Schön, stabil, leicht und unfassbar billig. Problem: Meine Fuhre hatte ich bequem mit einem Auto abholen können, das zum Zwecke der Umzugsvorbereitungen gerade bei mir auf dem Parkplatz rumgestanden hatte. Aber das war jetzt weg.

Da zu den oben aufgeführten hervorstechenden Eigenschaften der Möbel auch das geringe Gewicht zählt, war ich aber unbesorgt, die Situation trotzdem meistern zu können. Kurz bevor Bochum zum siebenundneunzigsten Mal in dieser Saison unter einer geschlossenen Schneedecke versank, machte ich mich also auf den Weg, kaufte die bestellten Stühle und klemmte sie mir unter dem angsterfüllten Blick der Mitarbeiter unter den Arm. Würde ich es schaffen, das Geschäft zu verlassen, ohne andere Teile der Produktpalette in Mitleidenschaft zu ziehen? Ich schaffte es. Eine freundliche Kundin hielt mir sogar die Tür auf.

Der Weg hinab in die U-Bahn-Station war kurz und soweit kein Problem. Zwar nahm ich auf der Rolltreppe einigen Platz ein, aber die wenigen Menschen, die vorbei wollten, beschieden mir geradezu ausufernd, dass das schon passe.

Die U35 stellte kein Problem dar: Die Wagen sind groß und geräumig, und da ich eh nur eine Haltestelle fahren und auf der gegenüberliegenden Seite aussteigen musste, konnte ich mich direkt vor die Tür stellen. Heikel wurde es, als sich eine Kontrolleurin näherte und die Fahrausweise sehen wollte. Auf keinen Fall wollte ich die genau ausbalancierten Sitzelemente abstellen müssen, um mein Portemonnaie zu zücken. Es war wie bei Hitchcock: Sie kam immer näher, während die Bahn schon für den Halt am Hauptbahnhof abbremste. Glücklicherweise schaffte ich es, den Zug zu verlassen, bevor ich mein Ticket vorzeigen musste.

Im Bahnhof kämpfte ich mich – etwas in Wendigkeit und Tempo gehemmt – zur unterirdischen Straßenbahnhaltestelle vor. Dort traf mich die Erkenntnis mit der Wucht einer auf dem Bühnenboden des New Yorker Palladiums zertrümmerten Bassgitarre: Die Rush Hour ist nicht der ideale Zeitpunkt, um den öffentlichen Personennahverkehr als Möbeltransporter zu missbrauchen.

Mehrere Hunderttausend Menschen (Schätzung von mir) standen am Gleis und scharrten mit den Füßen, auf dass sie sich in eben jene Straßenbahn des Todes zwängen können würden, um möglichst schnell bei Familie, Abendbrot und/oder TV-Unterhaltung zu sein. Das würde ein harter, brutaler Kampf werden.

Innerlich bereitete ich mich schon darauf vor, Galle geifernde Texte über zu kleine Verkehrsmittel, dumm glotzende Mitmenschen und die generelle Schlechtigkeit der Welt ins Internet zu kotzen. Dann kam die Bahn, eine stark gegen unendlich tendierende Anzahl Menschen stieg aus und eine ebensolche ein. Ich auch.

Es war mir etwas unangenehm und ich hatte auch Angst, Menschen mit den Leichtmetallmöbeln zu verletzen. Aber zum Glück ist ja immer noch Polarwinter und alle Menschen sind gut verpackt. Entschuldigend murmelte ich in die Runde, ich hätte halt kein Auto und die Stoßzeiten außer acht gelassen. “Ach, Sie haben sich dazu entschieden, jetzt und hier mit der Bahn zu fahren und damit ist es gut”, erklärte mir eine Frau mittleren Alters zu meiner eigenen Verwunderung meine momentane Situation.

Erstaunlicherweise waren alle Menschen in einem Maße hilfsbereit, dass mich sofort das schlechte Gewissen überkam, vorher jemals etwas anderes erwartet zu haben: Soll ich Ihnen das mal abnehmen? Wo müssen Sie denn raus? Wissen Sie, auf welcher Seite der Ausstieg ist?

An meiner Haltestelle trug mir ein junger Mann zwei zwischenzeitlich doch mal abgestellte Stühle auf den Bahnsteig und fragte, ob er mir tragen helfen solle, er wohne hier ja auch in der Gegend. Vielen Dank, sagte ich, geht schon.

Auf der Rolltreppe nach oben starrte mich eine junge Frau mit einer Mischung aus Mitleid und Entsetzen an und fragte, ob ich Hilfe brauche. Nein, sagt ich, kein Problem, wiegt ja nix.

Drei Minuten später war ich zuhause. Ich hatte nicht nur meine Heimatstadt mit ganz neuen Augen gesehen, sondern auch die Menschen dort.

Nächste Woche bringe ich meine alte Ledercouch mit der Bahn von Dinslaken nach Bochum.

Kategorie: Social Distortion, Somebody Told Me | Kommentare (21)

Die Arroganz der Jungen, die Ignoranz der Alten

Von Lukas am Dienstag, 9. Februar 2010 13:47

Wir müssen dann leider noch mal auf “Axolotl Roadkill” zurückkommen, das literarische Hype-Thema der Stunde. Nicht, dass ich das Buch inzwischen gelesen hätte, aber: Das von der Literaturkritik auf Lautstärke 11 gefeierte Werk von Helene Hegemann (17) weist in etlichen Passagen erstaunliche Ähnlichkeit mit einem anderen Buch auf.

Deef Pirmasens hat in seinem Blog Die Gefühlskonserve eine Gegenüberstellung von Textstellen aus “Axolotl Roadkill” und aus dem Buch “Strobo” des Berliner Bloggers Airen veröffentlicht, das im vergangenen Jahr erschienen war. Um es vorsichtig auszudrücken: Da kommt schon Einiges an Auffällig- und Ähnlichkeiten zusammen.

Als gelernter Literaturwissenschaftler stehe ich diesen Enthüllungen etwas schulterzuckend gegenüber: Montagen und Intertextualität gibt es seit kurz nach Erfindung der Schriftsprache — Georg Büchners Novelle “Lenz” ist knapp zur Hälfte aus Aufzeichnungen des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin übernommen, Johann Wolfgang von Goethe hat sich mehr als einmal massiv von anderen Texten inspirieren lassen. Auf den Platz in der Literaturgeschichte hatte das für die beiden Herren keine Auswirkungen, aber über den entscheidet naheliegenderweise die Nachwelt und nicht der Zeitgenosse. Überhaupt gilt ja, was Oscar Wilde zugeschrieben wird, der gemeine Pop-Konsument (also ich) aber erst seit Tocotronic weiß: “Talent borrows, genius steals”.

Als jemand, der mit dem Schreiben von Texten seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften versucht, sehe ich es naturgemäß kritischer, wenn jemand (mutmaßlich) gutes Geld mit Inhalten verdient, die zumindest zu einem nicht ganz unerheblichen Teil aus dem Werk eines Anderen stammen.

Die Grenzen zwischen Zitat und Diebstahl geistigen Eigentums sind fließend — der Unterschied zwischen den Groß-Zitierern Quentin Tarantino und Dieter Wedel besteht letztlich auch nur darin, dass Tarantinos Filme cool sind und Wedels spießig. Und dass die Übernahme bestimmter Worte oder ganzer Textpassagen noch mal ein bisschen was anderes ist als das zufällige Wieder-Erstellen einer bereits komponierten Melodie (man erinnere sich nur an die rund tausend Songs, von denen Coldplay ihr “Viva La Vida” samt und sonders abgepinnt haben sollen), lässt sich einerseits mit den unterschiedlichen Materiallagen (zehntausende Wörter vs. zwölf Töne) erklären, ist aber andererseits auch nur Geschmacks- und Definitionssache.

Man könnte also Helene Hegemann und Dieter Wedel zu Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski ins “Philosophische Quartett” setzen und eine Stunde lang über Blues-Motive und Bastardpop, Williams Shakespeare und Heiner Müller diskutieren lassen und hätte am Ende vielleicht ein bisschen Erkenntnisgewinn oder wenigstens was zum drüber aufregen. Man würde sich womöglich darauf einigen, dass Zitate, Remixe und Mashups Teil unserer (Pop-)Kultur sind, es aber nur höflich wäre, wenigstens seine Quellen zu benennen und nicht Andererleuts Gedanken als eigene auszugeben.

Aber das sind philosophische und kulturwissenschaftliche Gedanken allgemeiner Art. Der “Fall Hegemann” dagegen ist leider der Super-GAU der öffentlichen Auseinandersetzung, weil er sich genau an der (leider immer noch von vielen Menschen auf beiden Seiten imaginierten) Verwerfung zwischen analoger und digitaler Welt ereignet hat: Da hat also so eine Berliner Künstlertochter abgeschrieben — und zwar bei einem Blogger! Hurra, der Klassenkampf beginnt erneut, auf die Barrikaden!

Jetzt kriegen die Literaturkritiker, denen man sicher vieles vorwerfen kann, ernsthaft um die Ohren gehauen, sie hätten ja mal Googeln können.

Googeln. Einen Roman! Dabei erzählt Deef Pirmasens, dem die ganzen textlichen Parallelen als Erstem aufgefallen waren, im Interview mit sueddeutsche.de, dass ihm bei der Lektüre von “Axolotl Roadkill” bestimmte Worte bekannt vorgekommen seien — weil er “Strobo” gelesen hatte. Beim Erkennen von ungenannten Querverweisen hilft es also offenbar immer noch, das Original zu kennen. Dass lange Zeit niemandem aufgefallen ist, dass eine andere Textstelle aus dem Song “Fuck U” von Archive übernommen wurde, spricht dann eben leider nicht für die Popularität der Band.

Der Kampf der Welten endet in Sätzen wie diesen:

In Wirklichkeit scheint sich als Abwehrhaltung des Feuilletons herauszukristallisieren: Es ist nicht so schlimm, von einem weitgehend unbekannten Medium aus dem Web geklaut zu haben – Hegemann kann zur Not noch als Transkribistin vom Internet ins Buch gefeiert werden.

Es ist jener passiv-aggressive Ton, gepaart mit dem Hinweis, dass das Internet immer noch etwas anderes sein soll als der Rest der Welt, der den genauso verbohrten Menschen im Kulturbetrieb dann wieder als Vorlage dient, wenn es darum geht, über die Meckereien und das merkwürdige Selbstbewusstsein (bzw. offensichtlich dessen Fehlen) der Blogger zu lästern. Ich frage mich, ob die Geschichte in der deutschsprachigen Netzwelt genauso hohe Wellen geschlagen hätte, wenn der “beraubte” Autor nicht gleichzeitig Blogger wäre, und liefere mir die Antwort gleich selbst: “Vermutlich nicht”. Statt sich also auf den konkreten Vorgang zu konzentrieren, wird mal wieder das übel riechende Fass “wir Blogger gegen die Nichtsblicker bei den Totholzmedien” aufgemacht und es grenzt an ein Wunder, dass sich die “#fail”s bei Twitter bisher in Grenzen halten.

Der Verleger von “Strobo” klingt da im Gespräch mit Spreeblick wesentlich entspannter. Der gleiche Verleger übrigens, der munter erzählt, wann Vater Hegemann das Buch für seine Tochter gekauft hat:

Während Hegemann sagt, dass sie das Buch nicht kenne, kann der Verlag SuKuLTur einen Beleg vorweisen, aus dem hervorgeht, dass Carl Hegemann den Roman Airens am 28. August 2009 über Amazon Marketplace bestellt und an seine Tochter Helene hat liefern lassen.

[via otterstedt.de]

Wenn’s um die gute eigene Sache geht, ist das mit dem Datenschutz – sonst die Domäne der Netzgemeinde – offenbar auch nicht mehr ganz so wichtig.

Die Überschrift dieses Eintrags, übrigens, die stammt von Virginia Jetzt!

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“Das ist keine Reisegruppe”
Ein Interview mit Sven Regener

Von Lukas am Freitag, 5. Februar 2010 0:20

Musikjournalisten erzählen häufiger, dass sie relativ wenig Ambitionen hätten, ihre persönlichen Helden zu treffen. Zu groß ist die Angst, dass sich der über lange Jahre Bewunderte als langweilig oder – schlimmer noch – unsympathisch herausstellt, dass einem keine guten Fragen einfallen oder man versehentlich die eigenen Freunde mit reinzieht.

Vor Sven Regener habe ich einen Heidenrespekt: Die Musik seiner Band Element Of Crime begleitet mich schon länger, die letzten beiden Alben habe ich rauf und runter gehört und seine Romantrilogie über Frank Lehmann habe ich mit großem Gewinn gelesen. Außerdem muss ich immer an jenes legendäre Interview mit der (inzwischen fast schon wieder völlig vergessenen) “Netzeitung” denken.

Es hätte also gute Gründe gegeben, sich nicht um ein Interview mit dem Mann zu bemühen, obwohl er mit Element Of Crime in Bochum war. Aber ein kurze Begegnung beim letztjährigen Fest van Cleef hatte mich so weit beruhigt, dass ich gewillt war, mich auf das Experiment einzulassen.

Element Of Crime (Archivfoto vom Fest van Cleef 2009)

Kurz bevor es losging sagte er: “So, wir duzen uns. Ich bin Sven.” Gut, dass das vorab geklärt ist, Respektspersonen würde man ja sonst auch siezen.

Wie das Gespräch dann lief, können Sie jetzt selber hören und beurteilen. Zu den Themen zählen Sven Regeners Tourblog, kleinere Städte, “Romeo und Julia”, Coverversionen und Vorbands.

 

Interview mit Sven Regener
(Zum Herunterladen rechts klicken und “Ziel speichern unter …” wählen.)

Kategorie: Mr. Writer, My Shared Folder, Rock'n'Roll High School | Kommentare (6)

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