A Decade Under The Influence: 2009

Von Lukas am Montag, 28. Dezember 2009 10:09
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me

Dieser Eintrag ist Teil 10 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Das Jahr begann mit Schnee, viel Schnee. Als ich am ersten Montag des Jahres morgens zu meiner Vorlesung aufbrechen wollte, hörte ich in den Nachrichten auf WDR 5, dass der Straßenbahnverkehr in Bochum “so gut wie eingestellt” sei. Da die Straßenbahnen auf dem Weg zur Uni schon an normalen Tagen ein verkehrstechnisches Desaster darstellen,1 entschied ich mich gegen die Bildung und für die Naturgewalt.

Ich hüpfte über den zugeschneiten2 Parkplatz vor dem Wohnheim und ging durch die benachbarten Waldgebiete. Alle Erwachsenen, auf die ich traf, hatten ein ähnlich entrückt-begeistertes Grinsen im Gesicht, wie auch ich es gehabt haben muss. Mir begegneten ganze Kindergartengruppen und jede Menge anderer Kinder mit Schlitten. Fast hätte ich gefragt, ob sie mir ihr Gerät für zwei, drei Abfahrten vermieten, aber ich hatte zu viel Angst.3

Dass ich seit Weihnachten einen iPod touch mein Eigen nannte, hatte meine Hörgewohnheiten noch einmal verändert: Musikdownloads waren plötzlich viel attraktiver als früher, weil ich sie ganz einfach auf meinen MP3-Player übertragen konnte. Entsprechend oft kaufte ich dieses Jahr Musik direkt am Computer, Vorzugsweise abends oder nachts.

Musikalisch los ging es erst mal mit den bisher übersehen Höhepunkten des Vorjahres: “The ‘59 Sound” von The Gaslight Anthem und “For Emma, Forever Ago” von Bon Iver. Während mir ersteres “nur” sehr gut gefiel, war letzteres eine Art Offenbarung. Seit langer Zeit hatte mich Musik nicht mehr so berührt, hatte ich ein Album nicht so oft hintereinander gehört. Die Akustikgitarren, der Falsett-Gesang von Justin Vernon, die Geräusche und Atmer im Hintergrund — näher an der Musik selbst kann man als Hörer einer Aufnahme kaum sein. Auch nach fast einem Jahr des intensiven Hörens sorgt das Album bei mir immer noch regelmäßig für Gänsehaut.

Neue Musik gab es in Form von ungemasterten neuen Kilians-Songs, die ich unter massiven Sicherheitsvorkehrungen überbracht bekam, um auf ihrer Grundlage die Presseinfo zum zweiten Album zu schreiben. Zwei Songs sprangen mich sofort mit der Wucht eines übermütigen jungen Hundes an: “Hometown”, aus naheliegenden Gründen,4 und “Used To Pretend”, einer der klügsten Songs, der in diesem Jahrzehnt über eine nicht funktionierende Beziehung geschrieben wurde.5

In Washington D.C. wurde Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Ich saß vor meinem kleinen Fernseher und filmte die Live-Übertragung mit meiner Digitalkamera mit — ganz so wie mein Großvater 1963 beim Deutschlandbesuch John F. Kennedys die TV-Bilder mit seiner Super-8-Kamera abgefilmt hatte. Große Geschichte als kleiner, privater Besitz. Die medialen Anspielungen auf Obama und seine Wahlkampagnen nahmen derart Überhand, dass ich ein eigenes Blog für das Thema aufmachte.

Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen führte ein lokales Veranstaltungstipp-Blättchen ein Interview mit mir. Das veröffentlichte Ergebnis sorgte dafür, dass ich eine Sekretärin einstellen wollte, deren einzige Aufgabe es sein sollte, sporadisch eintreffende Interview-Anfragen abschlägig zu beantworten. Da seitdem nie mehr Interviewanfragen kamen, bin ich froh, auf die sicherlich teure und arbeitsrechtlich schwer wieder loszuwerdende Bürokraft verzichtet zu haben. Als sogenannter Netzwerker arbeitete ich stattdessen einige Monate für den neuen Internet-Auftritt der Wochenzeitung “Der Freitag” und merkte dabei schnell wieder, dass Politik und die daraus erwachsenen Diskussionen kein Betätigungsfeld darstellten, in dem ich mich länger aufhalten wollte.

Mando Diao hauten mit “Dance With Somebody” einen derart gelungenen Indierockschlager raus, dass es eigentlich auch nicht weiter verwunderlich war, dass der Band nach Jahren – und der Abschreibung durch ihre alte Plattenfirma – dann doch noch der richtig große Mainstream-Durchbruch gelang. Den hatten die Kings Of Leon ja auch irgendwie geschafft, obwohl man sie nicht mehr auf dem Zettel hatte. Franz Ferdinand dagegen … Na ja: Die brachten auch ein neues Album raus, das ich allerdings zu selten gehört habe, um es begründet als doof bezeichnen zu können.

Zum ersten Mal sah ich mir eine komplette Fernsehserie auf DVD an:6 Die erste Folge von “Skins” hatte mich so begeistert, dass ich mir direkt die ersten beiden Staffeln bestellte. Das typische Serienjunkie-Gefühl, das ich bisher nur aus Schilderungen anderer kannte, hatte auch mich ergriffen und so lag ich nachts um drei mit meinem MacBook im Bett und sagte mir: “Ach, komm: Nur eine Folge noch für heute …”

Ende Februar flog ich auf Einladung des norwegischen Staates7 zum by:Larm nach Oslo. Drei Tage Konferenz zum Thema Musik und jeden Abend hunderte Konzerte in allen Clubs der Stadt. Oslo war großartig, die Mitreisenden waren sehr nett und es gab ein paar tolle Konzerte: The Alexandria Quartet, deren Debütalbum für mich in die Top 20 des Jahres gehört, die charmant wahnsinnigen I Was A Teenage Satan Worshipper, die wahnsinnig charmante Annie, der orchestrale Ólafur Arnalds, die klaren Headliner The Whitest Boy Alive8 und die schwedische Nachwuchssensation First Aid Kit. Außerdem hörte ich einen Vortrag des Grafikdesigners Stefan Sagmeister, auf den das oft überstrapazierte Adjektiv “inspirierend” zutraf. Eine Reise, die sich definitiv gelohnt hat.

Beim Rock im Saal in Haldern spielten die Kilians mit Enno Bunger und Gisbert zu Knyphausen, die alle auch sehr gut waren. Die Stimmung bei der anschließenden Party war hehr, obwohl Simon den Hartog und ich beide nüchtern bleiben und fahren mussten.9 Saturn haute im Internet MP3-Alben für 4,99 Euro raus und ich kaufte wie ein Wahnsinniger ein — überwiegend Elektronik: Empire Of The Sun, Röyksopp und Pet Shop Boys. Letzteren war mit “Yes” ein phänomenales Pop-Album gelungen, auf dem kein schlechter Song war, aber ein besonders guter: “Pandemonium”. Da ich für einige Artikel für einen Hamburger Großverlag viel unterwegs war, hatte ich auch viel Zeit, neue Musik zu hören. Einige Wochen lang war ich überzeugt davon, dass “Wake Up To America” von Ben Lee der beste Song des Jahres sein würde.

In Essen besuchte ich mein zweites Barcamp, das die Eindrücke vom Vorjahr festigte: Nette Leute, aber doch sehr speziell. Ich hatte begriffen, dass mir Rockkonzerte mehr geben, und war insofern ganz froh, mich gegen die re:publica und für das Konzert der Kilians auf dem Dinslakener Hans-Böckler-Platz entschieden zu haben.

Jener denkwürdige 3. April begann für mich allerdings an meiner alten Schule: Mein Bruder …

Moment, bevor ich weiter schreibe: Ich habe nicht nur einen Bruder, sondern auch eine Schwester, die in dieser Serie bisher sträflich vernachlässigt wurde. Es gibt dafür keinen speziellen Grund, ich sehe meinen Bruder nur ein bisschen öfter und mache dann mit ihm Blödsinn der Sorte, die Brüder halt so machen. Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich nicht nur einen tollen Bruder, sondern auch eine tolle Schwester habe.

Mein Bruder jedenfalls hatte seinen letzten Schultag und da ich eh in Dinslaken war, dachte ich mir: “Wann, wenn nicht heute, sollte ich noch mal auf mein Gymnasium gehen?” Mein Vater setzte mich um zwanzig vor Acht an der Schule ab, ich traf mich mit meinem Bruder und seinen Mitschülern auf dem nahe gelegenen Spielplatz und zog in einem Pulk von sechs bis acht Jahre jüngeren Menschen in die Schulaula ein. Keinem meiner früheren Lehrer fiel auf, dass ich gar nicht hierhin gehörte.10 Da ich vermutlich als einziger Mensch unter 50 nüchtern in der Aula saß, war ich vermutlich auch der einzige, der die ausführlichen Ausführungen des Schulleiters zu den Zulassungsmodalitäten und der Prüfungsordnung aufmerksam verfolgte. Anschließend ging es in den Stadtpark, um die Zulassung dort zu begießen. Als ich im nahegelegenen Supermarkt einen Kasten Bier erwerben wollte, um ihn den angehenden Abiturienten zu stiften, musste ich meinen Personalausweis vorzeigen. “Geil”, dachte ich, “auf zehn Jahre jünger geschätzt zu werden, grenzt in dem Alter ja schon an eine Ehre.”

Am Abend rockten die Kilians im Sonnenuntergang Dinslakens größten Platz und spielten dabei vor dem größten Konzertpublikum, das die Stadt außerhalb von Stadtfesten je gesehen hatte.11 Auf die Aftershowparty musste ich leider verzichten, weil meine knapp 27-jährige Begleitung ohne ihren Personalausweis nicht in die Dorfdisco kam.12 Die Geschichten, die ich hinterher über jene Party hörte, könnten mehrere Bücher füllen, die ich allerdings nicht schreiben werde.

Über Ostern guckte ich die dritte Staffel “Skins”, die gerade erschienen war, und fing an, Quasi-Vollzeit fürs BILDblog zu arbeiten, das seit 1. April ein Watchblog für alle deutschsprachigen Medien war. Aus diesem Grund war ich auch zu einem Interview in “Eins Live Plan B” zugeschaltet — mein erstes Interview, bei dem ich das Gefühl hatte, dass der Moderator wusste, was er tat. Vielen Dank, Ingo Schmoll!13

In jugendlichem Übermut kaufte ich mir für acht Euro alle Beethoven-Symphonien als MP3 und verbrachte mehrere Tage damit, Klassik zu hören. Das klang schon sehr beeindruckend, aber langfristig brauchte ich dann doch Texte. Gisbert zu Knyphausen oder Tommy Finke hatten welche, weswegen ich ihnen gerne zuhörte.

Anfang Mai war ich in Münster, um beim “Symposium Oeconomicum” zu sprechen.14 Zwar hatte ich um Wirtschaftswissenschaftler seit jeher einen großen Bogen gemacht, aber das war eine Veranstaltung, die mir Spaß machte und von der ich noch heute zehre.15

Obwohl ich mich bis heute als unpolitischen Menschen sehe, hatte es die Bundesregierung geschafft, dass ich mich annähernd politisch engagierte: Nachdem Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen die Unterzeichner einer Petition gegen Internetsperren, zu denen ich gehörte, in die Nähe von Kinderschändern gerückt hatte, war ich bereit, mit Forken und Fackeln gen Berlin zu marschieren und auf den Treppen des Reichstags zu sterben. Letztlich schickte ich dann doch nur eine E-Mail an alle meine Bekannten, in der ich sie aufrief, die Petition ebenfalls zu unterzeichnen und der Politik mal so richtig den Marsch zu blasen. Die Manic Street Preachers lieferten mit “Journal For Plague Lovers” den Soundtrack zu dieser Mini-Revolution und nur sieben Monate später sieht es so aus, als sei das ganze Vorhaben “Internetsperren” ähnlich erfolgreich verlaufen wie alle anderen Vorhaben der damaligen, jetzigen und aller kommenden Bundesregierungen: Geendet im totalen Desaster.

Im Düsseldorfer Zakk sah ich Bon Iver live, eines der beeindruckendsten Konzerte meines Lebens. Teilweise war die Musik so ruhig, dass man das Klicken der Fotoapparate hören (und leise zischelnd verurteilen) konnte. Fast noch beeindruckender war allerdings die Vorband The Acorn aus Kanada. Es passiert nicht oft, dass ich mir bei einem Konzert sofort die CD der Vorgruppe kaufen muss, aber in diesem Fall war es mir ein Bedürfnis. Es hat sich gelohnt.

Ich fuhr mal wieder nach Berlin und erlebte einige wunderbare Tage mit wundervollen Menschen. Irgendwann taumelte ich im Sonnenaufgang zu meiner Unterkunft und musste an “Schwarz zu blau” von Peter Fox denken. Berlin als Wohnort war für mich aber weiterhin undenkbar.

Weil ich immer schon mal wissen wollte, warum ich eigentlich heiße, wie ich heiße, kaufte ich mir “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” von Michael Ende und war begeistert, was für ein spannendes, kluges Buch das eigentlich war. In den USA lief die letzte16 Folge “Scrubs”, die mit einem großartigen Song zu Ende ging: “The Book Of Love” in der Version von Peter Gabriel. Ich brauchte 36 Stunden, bis es die meist gehörte Nummer in meinem iTunes und last.fm war. Meine beste Freundin empfahl mir The Pains Of Being Pure At Heart, die zwar auch sehr gut waren, es aber nicht ansatzweise auf so viele Plays eines einzelnen Titels schafften.

Thees Uhlmann und Simon den Hartog spielten ein gemeinsames Akustik-Konzert in Essen, bei dem sie unter anderem Travis, Glasvegas und The Killers coverten und auf offener Bühne Witze über mich rissen. Die anschließende Party entwickelte sich rasch zu einer der besten Nächte des Jahres.

Um eine alte Familientradition wiederzubeleben, fuhren unsere Eltern mit uns drei Kindern nach Domburg an die Nordsee. Meine Geschwister hatten vorab genaue Pläne aufgestellt, was wir alles tun müssten — statt zwei Wochen wie früher hatten wir diesmal nämlich nur drei Tage Zeit. Und wir haben alles geschafft: Krabbenbrötchen esse, im Meer schwimmen gehen, Radtour, Fritten essen, Kaffee trinken im Strandcafé, Ausflüge nach Middelburg, Vlissingen und Veere, chic Essen gehen, Minigolf spielen … Eigentlich hätte man nach diesem Urlaub erstmal Urlaub gebraucht, aber es war einfach nur wundervoll. Ich stand sogar am Strand und hörte die gleichen Songs, die ich dort vor acht, neun Jahren gehört hatte. Ich war der glücklichste Mensch der Welt.

Vor meinem Kurzurlaub hatte ich meinen Twitter-Account abgeschaltet und ich verspürte nicht das geringste Bedürfnis, ihn wieder einzuschalten. Er fraß zu viel Zeit und ich wollte gar nicht wissen, was irgendein Hinterbänkler in Berlin wieder für einen Unsinn in ein Mikrofon gesagt hatte. Sein Gerede würde keine anderen Folgen haben, außer dass ich mich darüber aufregte. In Holland hatte ich nicht einmal meine E-Mails abgerufen. “Vielleicht”, dachte ich völlig unaufklärerisch, “ist ignorance doch bliss.”

In Köln sah ich die Pet Shop Boys live: Ein unglaubliches Pop-Spektakel, für das sich die 50 Euro Eintritt durchaus gelohnt haben. Als ich zwei Tage später abends noch am Computer saß, kam per ICQ die Nachricht, dass Michael Jackson gestorben sei. Nach einigem Hin und Her auf Nachrichtenwebsites und amerikanischen Fernsehsendern bestätigte sich die Meldung. Ich schaltete das Radio ein, aber auf WDR 2 lief die ARD-Popnacht durch, als sei sie schon vor Monaten aufgezeichnet worden. Bei Eins Live moderierte gerade Jan Delay seine Hip-Hop-Show, die er sichtlich bewegt abbrach, um nur noch Michael-Jackson-Songs zu spielen. Die weltweite Anteilnahme war erstaunlich. Beim Abiball meines Bruders zwei Tage später füllte sich die Tanzfläche sofort, als die ersten zwei Takte von “Beat It” erklangen — nur eine Woche zuvor wäre der Song allenfalls von Hardcore-Jackson-Fans gefeiert worden, jetzt war er eine einzige Gedenk-Demonstration. Ich kaufte mir sogar endlich mal “Thriller” auf CD, hörte in diesen Tagen dann aber doch hauptsächlich “Far” von Regina Spektor.

In Essen fand das Fest van Cleef statt, es spielten Gisbert zu Knyphausen, Muff Potter, Kilians, die fantastischen WHY?, Tomte und Element Of Crime. Nachdem ich mir genug Mut angetrunken hatte, traute ich mich am Ende des Abends endlich, Sven Regener anzusprechen. Nachdem ich einige Interviews mit ihm gelesen hatte, hatte ich einen Heidenrespekt und etwas Angst vor dem Mann, aber er stellte sich als sehr sympathisch und unkompliziert heraus.

Die neue Single der Eels, “That Look You Give That Guy”, kam für mich einigermaßen zur Unzeit, war aber dennoch so gut, dass ich mir zum ersten Mal ein Eels-Album kaufte. Nach vielen Jahren nahm ich mir auch endlich mal meine Ausgabe von Jack Kerouacs “On The Road” vor und war schwer angetan von der Romantik des Unterwegsseins. Weil mein Leben aber kein Roman ist, fing ich doch mal an, nach Wohnungen zu suchen. Ich fand meine absolute Traumwohnung (Altbau, Holzielen, kleiner Erker, …), die natürlich sofort weg war. Aber gut: Wer würde schon in Bochum-Hamme wohnen wollen?

Zum ersten Mal in meinem Leben fuhr ich alleine zum Haldern Pop, wo ich neben dem Auftritt von Bon Iver in der Nachmittagssonne den meisten Spaß bei Fettes Brot und Colin Munroe hatte. In Köln fand mal wieder ein Umsonst-und-Draußen-Festivals statt: Aus Anlass der Computerspielemesse GamesCom spielten Bands wie Rival Schools und Tomte auf dem Kölner Rudolfplatz. Der Soundtrack zu meinem Sommer, ach: meinem Jahr, kam allerdings von The Hold Steady, von denen ich mir inzwischen alle Alben gekauft hatte, und Jack’s Mannequin, deren neues Album „The Glass Passenger“ zu einem treuen Begleiter wurde. Ich hatte neue Leute kennengelernt, neue Freunde ge- und alte wiedergefunden und war jetzt regelmäßig unterwegs. Egal ob mitten in der Nacht oder am nächsten Morgen in irgendwelchen Nahverkehrzügen: Diese beiden Bands waren immer dabei. Selten zuvor hatten Texte – allen voran die von “Boys And Girls In America” von The Hold Steady – besser auf mein Leben gepasst.17

Ich war bei einer Fernsehaufzeichnung zugegen, bei der ich dem SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier die Frage stellte, ob er manchmal noch von Murat Kurnaz träumte. Obwohl es eine quälend langweilige Sendung war, haben das offensichtlich einige Menschen gesehen und erst kürzlich gab mir noch mal jemand die Schuld am späteren Wahlsieg von CDU/CSU und FDP. Noel Gallagher stieg bei Oasis aus und es war mir im Grunde genommen egal.18

Die letzten Sommerwochenenden wurden gebührend gefeiert, zwischen Köln, Dinslaken, Hamburg und Duisburg. Alles war schön und nichts tat weh. In Hamburg interviewte ich James Walsh von Starsailor, der sehr nett, aber auch sehr müde wirkte. Als Vorband beim anschließenden Konzert spielten Oh, Napoleon, deren Debüt-EP mich ein paar Monate später hellauf begeisterte. Eine Woche später sah ich Starsailor in Köln erneut live und feierte anschließend mit einer Handvoll lieber Menschen in meinen Geburtstag hinein. Ich stellte fest: Wenn die Leute stimmen – und man sich in Ehrenfeld bewegt – ist auch Köln gar nicht schlimm. Und Mika fasste das alles wunderbar in einer Aussage zusammen: “We Are Golden”.

Im jugendlichen Überschwang bestellte ich mir das Boxset mit den remasterten Alben von The Beatles und verbrachte einige Tage damit, das Gesamtwerk der mutmaßlich besten Band aller Zeiten durchzuhören. Das kollidierte etwas mit “Immer da wo Du bist bin ich nie”, dem phantastischen neuen Album von Element Of Crime, das auch gebührend gewürdigt werden wollte, und den wunderschönen Folk-Alben von The Low Anthem und Kings Of Convenience.

Nachdem ich lange mit mir gerungen hatte, ob ich in Bochum bleiben oder eine neue Stadt aufsuchen sollte, entschied ich mich – mehr oder weniger aus Faulheit – für Bochum. Ich hatte eine recht okay aussehende Wohnung in einer der urbansten Gegenden der Stadt gefunden. “Forget And Not Slow Down” von Relient K sorgte bei mir mal wieder dafür, dass ich ein Album immer und immer wieder hören musste — und es dann nach zwei Wochen kaum noch auflegte.

In Dinslaken besuchte ich das Konzert von Jacqui Naylor, in Düsseldorf das von John K. Samson. Im Kino liefen die zwei sehr charmanten Liebeskomödien19 “Away We Go” und “(500) Days Of Summer”. Annie und Robbie Williams veröffentlichten ihre neuen Alben am selben Tag und sorgten für eine leicht Pop-Überdosis.20 Jay Farrar & Ben Gibbard hatten “Big Sur” von Jack Kerouac vertont und damit ein wundervolles Album voller Fern- und Heimweh geschaffen.

Stefan Niggemeier bekam in Stuttgart den Hans Bausch Mediapreis verliehen, was mit der ersten okayen Preisverleihung einherging, der ich jemals beigewohnt hatte, und anschließend noch zu einem richtig netten Abend wurde. Auf dem Rückweg nach Bochum verabschiedete sich mein iPod, der schon längst nicht mehr derselbe war, den ich letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hatte, in die ewigen Jagdgründe. Seitdem liegt er bei Apple und ich warte darauf, dass ich vielleicht doch noch irgendwann einen neuen bekomme.

Nachdem mich mein kleiner Bruder sachte in das Gebiet des Hip-Hop eingeführt hatte, hörte ich Jay-Z, k-os und – vor allem – Kid Cudi rauf und runter. Während mich die Rockmusik im Jahr 2009 überwiegend kalt gelassen hatte, entdeckte ich bei Hip-Hop, Folk und Elektropop immer wieder etwas Neues, Spannendes.

Die Kilians bekamen mal wieder nicht die “Eins Live Krone”, aber dass sie eine sensationelle Liveband sind, weiß man auch ohne Auszeichnung. Muff Potter, deren neuestes Album mich nicht sonderlich berührt hatte, gingen auf große Abschiedstour und ihr Konzert in Düsseldorf war eine Wucht. Im Gegensatz zu ihrem müden Auftritt beim Fest van Cleef gaben die vier Münsteraner noch einmal richtig Gas und verschafften sich so einen mehr als würdigen Abgang. In Dortmund sah ich Virginia Jetzt! live und obwohl ich eigentlich nur wegen der Vorband Oh, Napoleon gekommen war, war ich auch von der Hauptband schwer angetan. Leider kam die Spielfreude, die die Band live verbreitete, auf ihrem neuen Album kaum rüber. Auf dem Rückweg von Dortmund nach Bochum musste ich am Samstagabend um kurz vor Mitternacht 50 Minuten auf den Zug warten — plötzlich war ich mir sicher, dass das Ruhrgebiet der falsche Ort zum Leben war.

Mitte Dezember war ich noch einmal in Berlin und der Schnee, der überall lag, und eine Häufung von Zufällen sorgten dafür, dass ich innerhalb von 24 Stunden von “ich würde niemals nach Berlin ziehen” auf “ich könnte mir sehr gut vorstellen, in den nächsten Jahren nach Berlin zu ziehen” umschwenkte. Ich beschloss, keine Stadt mehr kategorisch auszuschließen21 und meine neue Wohnung eher als Zwischenlösung denn als Altersruhesitz zu betrachten. Gemütlich werden soll sie natürlich trotzdem.

Kurz vor Weihnachten sah ich im Kino den tollsten Film, den ich je gesehen habe: “Wo die wilden Kerle wohnen”. Die Weihnachtstage mit diversen Familienfeiern verliefen wunderbar ruhig und überraschend friedlich und jetzt – Achtung: Perspektivwechsel! – sitze ich hier und tippe die letzten Zeilen über ein Jahr, das noch gar nicht ganz zu Ende ist, aber das definitiv zu den Besten meines Lebens gehört. Ich habe viel Zeit mit großartigen Menschen verbracht, mit neuen und alten Freunden.

Es hat großen Spaß gemacht, auf die letzten zehn Jahre zurückzublicken, und wenn ich ein bisschen nach vorne schaue, bin ich mir sicher, dass es spannend und ereignisreich weitergehen wird. So eine Renovierung und ein Umzug wollen ja auch erst mal gemeistert werden und überhaupt gilt, was Dirk von Lowtzow auf dem Soundtrack zu “Absolute Giganten” sang:22 “Man muss immer weiter durchbrechen”.

Fehlt noch was? Ach ja: Der Song des Jahres 2009. Weil es so ein sensationell guter Popsong ist, weil mich Album und Band durch das ganze Jahr begleitet haben, und weil die Zeile “There’s chaos everytime we meet” auch noch eine wunderbare persönliche Bedeutung hat: Pet Shop Boys – Pandemonium

  1. Wer auf coffeeandtv.de alle 42 Stellen findet, an denen die Unfähigkeit Bochumer Studenten zum U-Bahn-Fahren thematisiert wird, der darf sich aufmerksam nennen. []
  2. 17 Centimeter Schneehöhe! Hunde, die bis zur Schnauze in der weißen Pracht versanken! []
  3. Davor, dass die Kinder mich zusammenschlagen. Man hört ja immer wieder … []
  4. An dieser Stelle sei allerdings noch einmal erwähnt, dass der Song nicht explizit von Dinslaken handelt – sonst würden ja auch die Grabenkämpfe zwischen Eppinghoven und Hiesfeld thematisiert -, sondern vom Gefühl einer Heimat an sich. []
  5. Für Komplettisten: Die anderen sind “Will The Violins Be Playing?” von Last Days Of April, “Du erkennst mich nicht wieder” von Wir Sind Helden und “The Ice Is Getting Thinner” von Death Cab For Cutie. Der klügste ever ist übrigens “Smoke” von Ben Folds Five. []
  6. Meine Box mit der ersten Staffel “Dawson’s Creek” war nach zwei Folgen irgendwo im Regal gelandet. []
  7. Oder irgendwie so. []
  8. Die kurz darauf auch ein Spitzenalbum veröffentlichten. []
  9. Intime Szenekenner streichen sich diesen Tag rot im Kalender an. []
  10. Eine sehr interessante Erfahrung für das eigene Ego, wenn man jahrelang dachte, bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, und sich das dann als Irrtum herausstellt. []
  11. Schätzung von mir. Wird aber ehrfahrungsgemäß wahr, wenn man es oft genug wiederholt. []
  12. Wenn die Menschheit also eines aus diesem Tag lernen kann, dann, dass Dinslakener unendlich schlecht im Datieren von Menschen sind. Was wiederum einiges über das Aussehen der anderen Dinslakener aussagen muss. []
  13. Das nächste Radiointerview mit MDR Sputnik über mein Obama-Blog war dann allerdings wieder ein Desaster. []
  14. Gott allein weiß, was mich dafür qualifizieren sollte. []
  15. Aus der Reihe: “Formulierungen, die exakt nichts aussagen und die man trotzdem immer schon mal verwenden wollte”. []
  16. Also: Nicht die letzte, sondern die “letzte”, wie man rückblickend sagen muss. []
  17. Bevor jemand die Texte zu aufmerksam nachliest: Pillen habe ich keine geschmissen. []
  18. Ich war nur froh, dass ich nicht zu Rock am See gefahren war, wo die Band dann kurzfristig durch Deep Purple ersetzt wurde. []
  19. Im weiteren Sinne. []
  20. Wobei ich immer noch rätsel, welches 80er-Jahre-Elektropop-Album besser ist: Das von Annie oder das von La Roux. []
  21. Ausnahmen: Koblenz, Dinslaken, Leverkusen und das gesamte Ruhrgebiet. []
  22. Dieser Soundtrack war – und wenn das keine phantastische Klammer ist, dann weiß ich‘s auch nicht – die erste CD, die ich mir im Januar 2000 gekauft habe. []

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14 Kommentare

  1. 1

    Wow, endlich kenne ich mal einzelne der von Dir vorgestellten Lieder. Und finde sie auch gut.

    PS: Bis zum 31.12. gibt es wieder für 4,99 Euro die MP3-Alben beim Planeten Deines Vertrauens.

  2. 2

    Danke für diesen kleinen privaten Abriss deiner letzten 10 Jahre. Es hat ziemlich viel Spaß gemacht, deinem Leben aus der musikalischen (und manchmal auch aus der nich-ganz-so-musikalischen) Perspektive beizuwohnen. Es tut richtig gut zu wissen, dass es nicht nur bei mir auf und ab geht und man manchmal nicht genau weiß, wohin man eigentlich will und dann doch irgendwo ankommt.
    Und als besonderes Lob: Ich habe die Artikel nach langer Zeit mal wieder gelesen(!) anstatt sie zu überfliegen. Ich neig(t)e dazu längere Artikel nur noch zu überfliegen, deine Texte und deine lockere und irgendwie private Schreibe, haben mich hier wirklich umdenken lassen und ich lese nun auch auf anderen Seiten wieder längere Artikel. Danke dafür. ;)

    Martin

  3. 3

    seit Anfang 2009 lese ich hier mit:
    in der TV Spielfilm las ich damals eine Empfehlung über ein Popmusik-Blog in welchem neue CDs und Konzerte besprochen würden; ich konnte mir erst den Namen nicht merken, notierte ihn mir, ging auf die Seite, las zunächst etwas verwirrt das Oslog und bin seitdem hier dabei

  4. 4

    Jetzt heißt es 10 Jahre warten auf “A Decade Under The Influence 2.0 : 2010-2019″ inkl. heiraten, Kinderkriegen, ca. 5 Oasis-Reunions und die Aufnahme einer gewissen Band mit K in die Rockn’roll Hall of Fame. ;)

    im Ernst: dankesehr für einen amüsanten Blog voller amüsanter popmusik.

    es grüßt,

    das Holz

  5. 5

    Ja, ich freu mich auch schon auf Ende Oktober 2019!

    In diesem Sinne: Danke für diese wahnsinnig tolle Serie und auch insgesamt für diesen Blog. Wenn man mal die Spitzen gegen Köln ignoriert, dann ist das hier schon verdammt dufte! Danke.

  6. 6

    *heul* .. und vorbei die großartige Serie!

    Dekaden haben im Übrigen auch eine Mitte! Habe da eine gewisse Hoffnung.

    Merci vielmals und auf viele neue musikalischen Eindrücke im Jahr 2010 – die nächste Listenpanik kommt bestimmt.

  7. 7

    Herzlichen Dank für diese wunderbare Serie. Man kann seine eigenen Wege zu den Zeiten so wunderbar parallel setzen – Popsongs sind wohl wirklich eine der besten Möglichkeiten auf die innere Uhr zurückzugreifen..

    Schmerzlich vermisst hab ich in der ganzen Serie nur die Ärzte Alben (wenigstens ‘Geräusch’) sowie die Farin Urlaub Alben. ‘Am Ende der Sonne’ fand ich bis auf ‘Dusche’ ein extrem gelungenes Album.

  8. 8

    Komisch, ich war zur gleichen Zeit in Berlin, habe viele nette Menschen kennen gelernt, auch ein wenig Dich (obwohl ich Dich nach dekadenlangem Lesen sowieso schon zu kennen glaube) und für mich hat sich wieder verfestigt, nie nach Berlin ziehen zu wollen. Nie. Vielleicht liegt es einfach daran, dass alle, die ich da kennen lernen durfte, so furchtbar begabt sind. Oder wenigstens wichtig. Und ich nicht soooo sehr.

    Hamburg. Falls ich mal aus Frankfurt weg möchte, dann wahrscheinlich nach Hamburg.

    Danke für die schönen Serie.

  9. 9

    Habe deine Serie auch mit Begeisterung gelesen!

    Eine kleine Anmerkung hab ich dann aber doch noch, zu Michael Jackson:
    In der Nacht (Donnerstag auf Freitag) wurde die ARD-Popnacht von Bayern 3 mit Moderator Jürgen Törkott ausgestrahlt, der später dieses(http://www.klamm.de/partner/unter_news.php?l_id=6&news_id=35816) Interview gab. Er hatte seine Sendung auch entsprechend angepasst und da WDR2 seit Anfang des Jahres die ARD-Popnacht (mit Ausnahme von Mo und Mi) übernimmt und sein eigenes Nachtprogramm (mit Außnahme dieser zwei Tage) eingestellt hat, müsste also an diesem Tag auf den WDR2-Frequenzen die ARD-Popnacht von Bayern 3 gelaufen sein. Es kann natürlich sein, dass du früher eingeschaltet hattest und zu dieser Zeit die Sendung noch “normal” lief.
    Aber das ist nur ein Detail und im Prinzip nicht so wichtig, ich wollte nur darauf hinweisen, dass Bayern 3 da dem Anlass entsprechend eine ziemlich gute Sendung gemacht hatte…

  10. 10

    Einen herzlichen Dank an Dich.

    Ich habe die Serie (auch) mit riesiger Freude gelesen und viele neue Bands kennen gelernt.
    Danke dafür.

    Ich freu mich schon auf die nächsten empfohlenen Bands und Lieder.

  11. 11

    Schöne Gesamtschau, man erfährt so einiges, was zwischendurch untergegangen ist. Ach ja: Leverkusen ist so häßlich gar nicht, weil es klugerweise mit Schlebusch und Opladen zwei angenehm bergisch-ländliche Alternativen zu Bayer^WLanxess^WWiesdorf (AKA Leverkusen-Zentrum).

  12. 12

    Von hier aus auch vielen Dank für diese Serie.
    Toll, wie du deine persönliche Biographie und Popkultur verwoben hast, habe viel neue Musik aus den Artikeln mitgenommen.

  13. 13

    [...] aber darum geht es hier nicht. Es war ein schöner Film, wenn auch nicht so fantastisch, wie Lukas Heinser offenbar fand, aber auch darum geht es hier [...]

  14. 14

    [...] den Songs nun die Alben des Jahres. Wobei ich einen Satz vorwegschicken möchte, den Lukas die Tage geschrieben hat und der mir aus dem Herz spricht: “Während mich die Rockmusik [...]

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