A Decade Under The Influence: 2008
Von Lukas am Montag, 21. Dezember 2009 10:08
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me
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Ich begann das Jahr mit der Auswertung der Leserwahl unseres Blogs und war froh, dass mich mein früherer Mathelehrer bei dieser Arbeit nicht beobachten konnte. Weil Roland Koch das Thema Jugendgewalt zum Wahlkampfthema erkoren hatte, überschlugen sich die Medien in ihrer Berichterstattung. Für BILDblog interviewte ich deshalb den Kriminologen Christian Pfeiffer und war damit vermutlich der letzte Medienvertreter, mit dem er in diesen Tagen noch nicht gesprochen hatte..
Bei ProSieben ging Stefan Raabs Castingshow mit dem unmerkbaren Namen zu Ende: Zweiter wurde Gregor Meyle, Siegerin Stefanie Heinzmann, die zwar sympathisch war und eine tolle Stimmt hatte, deren Songs aber leider im Wesentlichen egal waren. Slut veröffentlichten mit “StillNo1″ ein Album, das es in Sachen Komplexität mit “Lookbook” aufnehmen konnte, Nada Surf machten mit “Lucky” da weiter, wo sie auf “The Weight Is A Gift” aufgehört hatten. Ich hörte allerdings hauptsächlich zwei Folk-Alben aus den Vorjahren, die ich gerade für mich entdeckt hatte: “Funnel Cloud” von Hem und “Ongiara” von den Great Lake Swimmers. Auf letztere war ich über “All Songs Considered” gestoßen, den Musik-Podcast von NPR, den ich jetzt jede Woche hörte.
Goldfrapp hatten ein neues Album veröffentlicht, das mich völlig in seinen Bann zog. Immer und immer wieder hörte ich mir “A&E” an, die hypnotische Single über Überdosierung berauschender Substanzen. Das neue Album von Danko Jones, das ich gleichzeitig erstanden hatte, konnte mich dagegen nicht so richtig kicken.
Bei einem Konzert in Oberhausen spielten die Kilians neue Songs, die damals noch Arbeitstitel wie “Ficken”, “Bumsen” und “Tackern” hatten.1 Ein paar Wochen später wurde ich als “Überraschungsgast” in ein Radiointerview mit den Jungs auf YouFM geschaltet. Die Nummer war ein Desaster auf ganzer Linie2 und ich nehme stark an, dass die Aufzeichnung nie gesendet wurde. Zumindest hätte ich so etwas zu Campusradio-Zeiten nie on air gelassen. Zum ersten Mal nach mehr als sechs Jahren sah ich die Stereophonics live und war hin und her gerissen: Irgendwie war es schön, die alten Hits noch einmal im Konzert zu erleben, andererseits zerfielen die Songs der Band teilweise unter den Händen. Die Nummern, die rockten, rockten dafür auf den Punkt.
In Essen fand ein BarCamp statt, ein Treffen für Leute, die was mit dem Internet zu tun haben. Es waren einige sehr nette Leute (und einige sehr seltsame), aber insgesamt kam ich mit dem offenen Konzept und dem betont lockeren Umgang nicht zurecht. Ähnlich ging es mir ein paar Wochen später bei der re:publica in Berlin: Einige sehr nette Momente, aber insgesamt zu viel Tamtam und zu viele Wichtigtuer. Trotzdem dachte ich eine zeitlang, ich müsste diesen Mediencircus mitmachen und bei solchen Veranstaltungen dabei sein. Aus Berlin nahm ich dann aber vor allem eine CD mit, die ich mir dort gekauft hatte: “Falling Off The Lavender Bridge” von Lightspeed Champion.
Fettes Brot brachten “Strom und Drang” raus, dessen Opener “Lieber Verbrennen als Erfrieren” bei mir aus dem Stand heraus zu einem der Songs des Jahres wurde. R.E.M. schalteten mal wieder ein paar Gänge hoch und klangen auf “Accelerate” so jung und schwungvoll wie lange nicht mehr. Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich ganz alleine in einer Kinovorstellung. “Juno” war eindeutig der Film des Jahres3 und ich wollte Ellen Page sofort heiraten. Bis wir uns irgendwann mal treffen, hörte ich als Ersatz erst mal den Soundtrack rauf und runter, der sich mit einem der übersehensten Alben des Jahres abwechselte: “Battle” von Sir Simon Battle.
In Köln besuchte ich ein Medienjournalismus-Seminar des Adolf-Grimme-Instituts. Vor einer kleinen Gruppe Seminarteilnehmer berichteten Medienprofis von ihrer Arbeit, was mal hochinteressant, mal deprimierend langweilig klang. Die Abende verbrachten wir gesellig in den örtlichen Kneipen und taten uns an dem gütlich, was man in Köln anstelle von Bier ausschenkt. Bemerkenswert war auch die schon an Unterwürfigkeit grenzende Verehrung, mit der hochrangige Mitarbeiter des Deutschlandfunks, in dessen Räumlichkeiten das Seminar stattfand, dem Enthüllungsjournalisten Hans Leyendecker begegneten. “Aha”, dachte ich, “Fandom gibt es also nicht nur in der Popkultur und im Fußball …”
Sonst passierte in meinem Leben nicht viel: Ich schrieb die verschiedenen Blogs voll, ging hin und wieder noch zur Uni, um Veranstaltungen zu besuchen, die mich interessierten, und kaufte wie ein Wahnsinniger CDs. Zum Beispiel “Sylt”, das dritte Album von kettcar, bei dem ich mir bis heute nicht ganz sicher bin, was ich davon halten soll. Musikalisch sicher sehr gut, aber textlich ließ mich vieles kalt — wenn es mich allerdings packte, so wie bei “Würde”, dann richtig.
Ich kaufte mir eine Strandmatte, mit der ich mich auf die Wiese neben dem Wohnheim zu legen gedachte. Ich verbrachte ja viel zu viel Zeit in meinem Zimmer und vor dem Computer, da musste ich dringend mal raus. 2008 habe ich diese Strandmatte genau einmal ausgerollt, 2009 immerhin zwei Mal. Hätte ich mehr Zeit in der Sonne verbracht, hätte ich wahrscheinlich noch mehr Jason Mraz gehört, denn dessen neues Album klang so wunderschön entspannt wie vier Wochen Sommerferien.
Mit Stefan Niggemeier machte ich mich wieder an die Besprechung sämtlicher Grand-Prix-Beiträge, die wieder zum größten Teil nicht sehr gut waren.4 Innerhalb weniger Wochen produzierte ich einige Videos für Youtube, darunter ein Interview mit dem schon erwähnten Gregor Meyle, dessen Debütalbum ganz erstaunlich geworden war, eine Norbert-Körzdörfer-Parodie fürs BILDblog und einen Film über Biber.
Borussia Mönchengladbach war der ungefährdete und sofortige Wiederaufstieg in die erste Liga gelungen, und weil der MSV Duisburg ebenso konsequent in die zweite Liga zurückkehrte, war am Niederrhein (und vor allem für mich) die Ordnung wiederhergestellt. Aus einer Mischung aus persönlichem Interesse, journalistischem Eifer und wissenschaftlichem Tatendrang begann ich in der Uni-Bibliothek mit Recherchen zu einem Projekt, dessen Notizen seitdem unberührt unter meinem Schreibtisch verstauben.5 In unserer WG wurde mal wieder ein Zimmer frei und ich begann mit meinem verbliebenen Mitbewohner ein munteres Casting. Der Bewerber, für den wir uns recht schnell entschieden hatten, meldete sich daraufhin nicht mehr und auch sonst blieben die Interessenten mitten im Semester aus.
Death Cab For Cutie klangen auf „Narrow Stairs“ ein ganzes Stück komplexer als drei Jahre zuvor auf “Plans”. Als ich zum ersten Mal “The Ice Is Getting Thinner” hörte, bekam ich eine Gänsehaut: So nah an meinem Leben war seit längerem kein Song mehr gewesen. Auch Coldplay hatten ein Album aufgenommen, das eigentlich viel zu komplex klang, um ein kommerzieller Großerfolg zu werden. Aber “Viva La Vida” wurde für die Band ein Triumphzug sonder gleichen und auch mir gefiel zum ersten Mal seit dem Debüt ein Coldplay-Album rundherum. Und dass der Titelsong zum Größten gehört, was in dieser Dekade so an Pop erschienen ist, daran kann es keinen Zweifel geben.
In Österreich und der Schweiz begann die Fußball-EM, für die ich mir sogar eine Schweden-Fahne gekauft hatte, die von meinem Balkon herunterwehte. Ich konnte sie nach drei Spielen wieder einpacken. In Köln wurde der Grimme Online Award verliehen, was sich als nette, aber spannungsarme Veranstaltung herausstellte.6 Dafür kam ich in den Genuss, von dem Comedian Hennes Bender nach hause gefahren zu werden, was eine sehr sympathische und unterhaltsame Erfahrung war.
Ein Mal noch schrieb ich einen Bewerbungstext für eine Journalistenschule, war dabei aber nicht sehr engagiert bei der Sache — ich hatte in den letzten Monaten einfach zu viele Journalisten live erlebt, als dass ich selber gerne noch einer geworden wäre. Dabei hatte ich mir gerade so einen stylischen Laptop bestellt, mit dem ich in den Szenecafés dieser Welt hätte sitzen können, wenn ich denn gewollt hätte. Nach drei Tagen des Wartens auf den Paketdienst kam dieser Computer sogar irgendwann an und begeisterte mich – das muss ich schon zugeben – auf Anhieb. Deutschland verlor das EM-Finale gegen Spanien.
Ben Folds war mal wieder in Deutschland — und er spielte nicht irgendwo, sondern in Bochum. Nachdem SonyBMG in München das angefragte Interview abgesagt und SonyBMG in New York es wieder zugesagt hatte, 7 traf ich Folds in der Lobby des Hotels am Ruhrstadion. Zwar hatte meine Verehrung für den Mann und seine Musik in den letzten Jahren ein wenig nachgelassen, aber er war natürlich immer noch ein Held meiner Adoleszenz. Entsprechend war ich zum ersten Mal seit ganz langer Zeit vor einem Interview aufgeregt. Nachher war ich eher enttäuscht von meinen Fragen, die mir in dem Moment, da ich sie ausgesprochen hatte, allesamt doof erschienen. Das Konzert war dennoch wieder ein Fest.
The Ting Tings und MGMT liefen sicher in jeder Indiedisco rauf und runter, aber ich ging nie in eine. Die Musik gefiel mir auch zuhause. Dort konnte ich auch ganz entspannt She & Him und die neue Platte von Sigur Rós hören — die erste der Band, die ich nicht nur theoretisch gut fand, sondern auch ganz praktisch immer wieder hörte. Ich entdeckte – besser spät als nie – The Hold Steady, deren “Stay Positive” mir sehr, sehr gut gefiel, mich aber persönlich noch nicht so ganz packen konnte. Das würde noch einige Monate dauern.
Weil meine Geschwister keine Lust gehabt hatten, nahmen meine Eltern mich auf einen dreitägigen Amsterdam-Besuch mit. Ich konnte mich die ganze Zeit nicht entscheiden, ob ich die Stadt großartig oder schrecklich finden sollte — die Grachten waren toll, keine Frage, aber die vielen Fahrradfahrer machten mir Angst. Außerdem hinterließ es mich ziemlich unbefriedigt, dass ich riesige, tolle Plattenläden durchstöbert und eine einzige CD8 gekauft hatte.
Das Haldern Pop begann für mich mit einer Band, deren sensationelles Debütalbum gerade erschienen war: Fleet Foxes spielten im Spiegelzelt und obwohl sie hinterher auf anderen Festivals berichteten, wie schrecklich ihr Auftritt dort gewesen war, war ich schwer beeindruckt. Passend zum 25. Geburtstag des Festivals begingen die Flaming Lips einen Kindergeburtstag, wie ich ihn noch nie bei einem Konzert erlebt hatte. Im Zelt spielten Fettes Brot einen Überraschungsgig, den ich nur von Draußen verfolgen konnte. Am Samstag spielten die Kilians als erste Band auf dem Platz (der laut Veranstalter noch nie so früh so voll gewesen war) und hatten dabei wieder einmal das Wetter auf ihrer Seite: Vorher Regen, hinterher Regen, währenddessen strahlender Sonnenschein. Es haben bestimmt noch andere gute Bands gespielt, in Erinnerung blieb mir dann aber nur noch der würdige Abschluss mit Maxïmo Park.
In Peking fanden die Olympischen Sommerspiele statt, von denen ich als fanatischer TV-Sport-Junkie natürlich so wenig wie möglich verpassen durfte. Moralische Bedenken sind mir in diesem Fall leider fremd, ich hatte ja auch schon die gesamte Tour de France geguckt, immer in dem Wissen, dass ich dort die ganze Zeit verarscht werden könnte.
Darren Jessee war so freundlich, mir das neue Album von Hotel Lights zu schicken. Darauf enthalten war auch endlich der Song, den ich liebte, seit ich ihn acht Jahre zuvor – damals noch in der Live-Version von Ben Folds Five – gehört hatte: “Amelia Bright”. Ben Folds Five wiederum kündigten eine einmalige Reunion-Show in ihrer Heimatstadt Chapel Hill an: Für MySpace würden sie “The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner” von vorne bis hinten durchspielen. Meine Lieblingsband. Mein Lieblingsalbum. In den USA. Mehrere Tage überlegte ich ernsthaft, wie ich das alles organisieren und vor allem finanzieren sollte. Dann gab ich auf.
Stattdessen fuhr ich nach Berlin, um mal eine Woche Alltagsluft im BILDblog-Büro zu schnuppern. Es tat gut, nicht den ganzen Tag alleine am Schreibtisch zu hocken, sondern beim Arbeiten mal wieder Menschen um sich herum zu haben, mit denen man zum Beispiel einen Wettbewerb starten kann, wenn bei YouTube den schlimmeren Ohrwurmgaranten findet.9 Es war eine schöne Woche und ich war im weiteren Verlauf des Jahres noch einige weitere Male in Berlin, aber ich war mir auch schnell sicher, dass Berlin niemals mein Wohnort werden würde.
In Düsseldorf besuchte ich eine Messe namens OMD.10 Nachdem ich Kai Diekmann begegnet war, sah ich mich noch ein wenig auf der Messe um und merkte dort schnell, dass ich mit körperlichen Abwehrreaktionen auf die ganzen Werber, Berater und PR-Torten reagierte.11 Ich verschwand lieber, bevor ich noch auf den Fußboden kotzen konnte. Als ich wieder zuhause war, lag da das neue Ben-Folds-Album. Leider war es auch nicht so richtig toll.
Zeitgleich mit Folds erschien auch “Ode To J. Smith” von Travis. Die klangen plötzlich wieder so ruppig wie ganz zu Beginn ihrer Karriere, verzauberten mich aber am stärksten mit dem eher ruhigen “Before You Were Young”. Ich feierte meinen Geburtstag in Bochum und hatte mich erstmals ganz alleine um die Zubereitung der Speisen gekümmert. Trotzdem haben alle Gäste überlebt. Am nächsten Tag kam meine ganze Familie12 und es war auf eine sehr entrückte Art sehr festlich, all diese Menschen in meinem kleinen Studentenzimmer um mich zu haben.
Zu Beginn des Wintersemesters war das leerstehende WG-Zimmer endlich wieder besetzt. Ich ging zur Uni, um dort ein dreiteiliges Porträt über meine Uni zu drehen. Nach fünf Jahren in Bochum erkannte ich auch endlich, dass es hier eine lokale Kulturszene gab, und sah mir Konzerte von Tommy Finke und die Scudetto-Abende von Ben Redelings an. Ich ging sogar zum ersten Mal ins Ruhrstadtion — natürlich in die Gästekurve beim Auswärtsspiel der Gladbacher. Als meine Fohlen, die sich nur Tage zuvor mal wieder von einem Trainer getrennt hatten,13 mit 1:0 in Führung gingen, schrie ich mir die Kehle blutig. Das Spiel endete 2:2, nachdem Gladbach längere Zeit 1:2 hinten gelegen hatte. Ich merkte mal wieder: Stadion ist super, aber schlecht für die eigene Gesundheit.
Das neue Album von Tomte hörte ich zum ersten Mal, als ich in Dinslaken war und schlecht gelaunt durch die Landschaft stapfte. Das mit der schlechten Laune hielt sich allerdings nicht sehr lange. Da eh klar war, dass nie wieder ein Album für mich so eine große persönliche Bedeutung haben würde wie “Buchstaben über der Stadt”, ging ich ganz entspannt an “Heureka” heran. Und natürlich waren wieder jede Menge großartige Songs enthalten, fein säuberlich gruppiert um die zentrale Textstelle “Du nennst es Pathos, ich nenn’ es Leben”. Kurz darauf hörte ich erstmals die neue Single von The Killers und dachte erst: “Na, wenn sie da mal nicht vom Wendler verklagt werden …” und dann: “Geil”. Anhand von “Human” testete ich, wie oft mein Gehirn den gleichen Song hintereinander erträgt. Sehr oft.
Oasis hatten übrigens auch ein neues Album veröffentlicht. Es war nicht einmal schlecht, nur halt leider auch irgendwie überflüssig, wie fast alles, was die Band nach 1996 veröffentlicht hatte.
In den USA fand eine Präsidentschaftswahl statt. Nachdem ich mir schon für die Vorwahlen halbe Nächte um die Ohren geschlagen hatte, musste ich die Nacht der Nächte natürlich durchmachen. Barack Obama wurde zum Präsidenten gewählt und ich hatte das unbeschreibliche Gefühl, Geschichte beim Stattfinden zusehen zu können.14 Auf Einladung der Grünen fuhr ich zum Bundesparteitag der Partei in Erfurt, was auch eine Erfahrung für die Box mit der Aufschrift “Erfahrungen” war. Politik und ich, das dämmerte mir schnell, das würde nie etwas geben — schon gar nicht in Form von Basisdemokratie und Diskussionen. In solchen Momenten bekomme ich immer ein schlechtes Gewissen, weil die Weltverbesserung ohne mich stattfinden muss, aber für mich waren ja schon die Diskussionen in den Bands und Redaktionen, in denen ich tätig war, oft eine Herausforderung. Mehr ginge wirklich nicht.
Nachdem ich “The Ice Is Getting Thinner” oft genug gehört hatte,15 fragte ich meine Freundin irgendwann abends beim gemeinsamen Kochen, ob wir eigentlich noch zusammen wären. So richtig nicht, stellten wir fest und beschlossen, dass es vielleicht das Beste wäre, uns einfach als “getrennt” anzusehen. Dann aßen wir das Essen, das wir vorher in den Ofen geschoben hatten. Im Radio sang Kate Nash “My finger tips are holding onto the cracks in our foundation” und ich dachte für einen winzigen Moment, dass es doch eigentlich auch mal ganz nett wäre, wenn mein Leben nicht permanent popkulturell kommentiert würde.
In der Essener Grugahalle, die ich spontan zum schlimmsten Ort ernannt hatte, an dem man Rockkonzerte ausrichten konnte — Beatles hin oder her, fand die Rocknacht des WDR-”Rockpalast” statt, die Jahre zuvor als “Osterrocknacht” irgendwann eingeschlafen war. Neben den Fleet Foxes waren es vor allem zwei Acts, die ich seit neun Jahren immer mal gemeinsam an einem Abend hatte sehen wollen: Ben Folds und Travis. Beide sah ich an jenem Abend zum fünften Mal live, aber Travis gefielen mir sehr viel besser. Nach den Konzerten hatte ich sogar endlich mal wieder einen “Almost Famous”-mäßigen Fan-Moment, als ich Travis am Bandbus abfangen und um Autogramme bitten konnte.
Das beeindruckendste Konzert des Jahres (und auch ansonsten: seit langem) erlebte ich Anfang Dezember in Köln, als ich das britische Duo Nizlopi live sah. Was diese beiden Männer da mit Akustikgitarre, Kontrabass, Human Beatbox und Stimmen auf die Bühne brachten, hatte ich in dieser Form noch nie erlebt. Bei so viel Begeisterung konnte ich sogar darüber hinwegsehen, dass die Kernzielgruppe der Band offenbar Menschen mit Wursthaaren waren.16
Im Radio hörte ich “Old White Lincoln” von The Gaslight Anthem und musste es sofort danach bei iTunes kaufen. Den “Human”-Rekord des meist gehörten Songs des Jahres konnte ich drei Wochen vor Jahresende nicht mehr aufholen und auch das Album habe ich mir leider erst im Januar 2009 gekauft (und erst noch ein bisschen später wirklich zu lieben gelernt), aber das war schon ein Riesen-Song.
Weil wir seit April nicht geprobt hatten, wurde der traditionelle Occident-Auftritt beim School’s Out in Dinslaken zum Solo-Auftritt umgewidmet, erst den letzten Song spielten wir mit der ganzen Band (und mal wieder einem Leih-Gitarristen). Zwar war es längst nicht so voll wie in den Vorjahren,17 aber uns war egal, ob da dreißig Leute standen oder dreihundert. In den einen Song legten wir alle unsere Energie und Leidenschaft und für dreieinhalb Minuten fühlte es sich an wie auf der Bühne des Wembley-Stadions.18 Dass ich hinterher meinte, dieser eine Song sei das Highlight des Jahres gewesen, spricht entweder für meine Band oder gegen das Jahr.
Mit meiner Ex-Freundin verstand ich mich nach wie vor gut. Zu Weihnachten nahm ich ihr ein Mixtape mit den wichtigsten Songs der gemeinsamen fünf Jahre auf — von “Hurricane” über “Half Light” bis zu “Foundations”. Den Abschluss bildeten Muff Potter, die auf „Die Guten“ alles gesagt hatten, was es zu sagen gab: “Es hat mit uns nicht funktioniert / Wir haben es akzeptiert und abgegeben.” Und natürlich: “Und weil ich mich nur selten irr mit Menschen, Mädchen sag ich dir: Wir beide sind die Guten.”
Vor dieser Erkenntnis hatte ein anderes Lied gestanden und es ist deshalb Song des Jahres: Death Cab For Cutie – The Ice Is Getting Thinner
- Aufmerksame Beobachter wissen: Einer dieser Songs sollte auch später auf dem Album noch so heißen. [↩]
- Das lag allerdings nur zu 15% an uns und zu 85% am Moderator. [↩]
- Ja, trotz “The Dark Knight”! [↩]
- Den Schweizer Song habe ich mir allerdings anschließend als Download gekauft — er schied natürlich bereits im Halbfinale aus. [↩]
- Unter Schreibtischen gelagerte Notizen tragen erfahrungsgemäß wenig zur Verbesserung von Einkommenssituation und Chancen auf den Pulitzer-Preis bei. [↩]
- Ich habe einige Preisverleihungen in echt und im Fernsehen verfolgt und bin zu dem Schluss gekommen, dass es außerhalb der Oscar-Verleihung keinen Grund gibt, Preise bei wie auch immer gearteten Zeremonien wegzugeben. Selbst bei den Oscars gibt es oft genug keinen Grund dafür. [↩]
- Ich telefoniere ja öfter mit den USA, aber gerade irgendwo unterwegs zu sein und dann auf dem Handy aus New York angerufen zu werden, das hat schon eine gewisse Lässigkeit. [↩]
- Mylo – Destroy Rock‘n‘Roll, gebraucht für 5 Euro. [↩]
- Es führt eigentlich kein Weg an “We Built This City” von Starship vorbei. [↩]
- “Enola Gay” ist übrigens auch ein verdammter Ohrwurm-Garant, wenn man es sich recht überlegt. [↩]
- Sind bestimmt privat alles total dufte Menschen, dürfen mich im Gegenzug gerne auch doof finden, aber: Nee. [↩]
- Also: Nicht meine ganze Familie, dafür hätte ich in die Jahrhunderthalle laden müssen. Geschwister, Eltern und Großeltern halt. [↩]
- Den Namen jetzt nachzuschlagen wäre bei dem Verein wirklich zu viel verlangt. [↩]
- Ein Jahr später hat sich die Obama-Begeisterung in der ganzen Welt ja schon wieder weitgehend relativiert — mit Ausnahme des Friedensnobelkomitees, aber das sind alte Männer, die manchmal etwas länger brauchen. [↩]
- “Then it saddens me to say / What we both knew was true / That the ice was getting thinner / Under me and you”. [↩]
- Zugegeben: So ein bisschen nach Kiffermusik klingen Nizlopi auch. Egal. [↩]
- Gleichzeitig stattfindende Weihnachtskonzerte einer bekannten Dinslakener Indie-Band in Köln mögen da einen gewissen Einfluss gehabt haben. [↩]
- Ein Vergleich, der zum großen Teil auf Mutmaßungen basiert und nur wenig auf eigenen Erfahrungen. [↩]
Montag, 21. Dezember 2009 17:04
Zeit wirds, das mal zu sagen: Großartige Artikelserie!
Passen Musik aus dem Radio und Lebensstiuationen wirklich immer so perfekt zusammen? (z.B. Foundations) Unglaublich ;-)
Montag, 21. Dezember 2009 19:09
vorbei :(
hab sie allesamt gern gelesen.
Respekt davor, so persönlich 9 Jahre seines Lebens nochmal durchzukauen und preiszugeben.
Könnte nicht jeder. Ich z.b. nicht.
Montag, 21. Dezember 2009 20:18
Auch von mir Respekt (und Dank) für die wirklich schön zu lesende Artikelserie. Da werden viele Erinnerungen jeglicher Art wach.
Aber: “Human” nicht nur ertragen, sondern gut finden zu können und gleichzeitig mit das beste Oasis-Album seit 97 überflüssig zu finden – das passt doch nicht zusammen!
Montag, 21. Dezember 2009 21:31
Merci für den indirekten Typ mit Musik-Podcast von NPR – kannte ich bisher nicht. Was vielleicht aber auch daran liegt, dass ich bisher noch überhaupt keinen Podcast abboniert hatte.
Aber seit eben läuft der Holiday Mix 2009 und ich bin mal auf Listener Picks: The Year´s Best Music gespannt .. kommt danach ..
Ansonsten: Merci vielmals für die vielen Stunden des nachdenkens, schreibens, änderns und einstellens von sehr interessanten Geschichten rund um deine Biographie. Tolle Sache.
Ich kann vieles nachvollziehen und habe sogar dadurch den ein oder anderen musikalischen Tipp erhalten. Nur diese “Beziehung” zu den Ostholländer – die will nicht in meinen Kopf!
;o)
Aber es reicht ja auch, wenn sie in deinem bleibt.
In diesem Sinne ..
EINMAL FC – IMMER FC
jecke Grüße
Tobias
Montag, 21. Dezember 2009 22:15
Ohne nachgeschlagen zu haben: Ich würde auf Jos Luhukay (oder so ähnlich – mein Nachname wird ja auch immer falsch geschrieben…) tippen, einer der Menschen, der die Haare am Kopf teilweise so trägt, wie man es meiner Meinung nach seit knapp 65 Jahren eigentlich nicht mehr machen sollte.
Montag, 21. Dezember 2009 23:09
Danke für diese wirklich tolle, teils berührende und mit Musiktipps, die ich jetzt nach und nach abarbeiten muss, gespickte Artikelreihe. Schade dass sie zu Ende ist, hat mir in den letzten Wochen immer sehr den Montag Vormittag verschönert. Sollte ich dich jemals auf dem Haldern Pop sehen werde ich dich an den dortigen Weinstand zerren, um die ganze Reihe vom Autor vorgelesen zu bekommen.
Live forever!
Montag, 21. Dezember 2009 23:24
Wie kommt Ihr denn alle darauf, dass die Reihe, die “A Decade Under The Influence” heißt, nach neun Teilen zu ende ist? Ich hab doch dieses Jahr auch noch gelebt, obwohl ich da schon 26 geworden bin!
Dienstag, 22. Dezember 2009 0:38
@Lukas: mir war schon klar, dass da noch was kommt, aber ein wenig Wehmut kommt schon auf, wenn ich dran denke, dass deine phantastische Serie dem Ende nah ist
Dienstag, 22. Dezember 2009 8:46
Ich wollte mich nochmal “bedanken” für den Hinweis auf den Podcast von NPR … ich habe bis gestern 2 Uhr Nachts am PC gesessen und die letzten Podcast genossen … und einige der Hits der 25 Alben der Listener Picks musste ich mir dann auch noch bei iTunes herunterladen – u.a. Sick Muse oder auch Neko Case.
Heute abend nehme ich mir mal die 50 einflussreichsten Hits der letzten Decade vor .. ich erwarte “Schlimmes” … vor allem wenig Schlaf!
Dieser Blog bräuchte eigentlich eine entsprechende Packungsbeilage und Hinweise auf eine potentiell schlafrhythmusverändernde Wirkung der Beiträge … ich bitte das Impressum dementsprechend anzupassen.
;o)
NPR ist mal wirklich urst fett was interessante Musik angeht .. tolles Webangebot.
Merci vielmals
Dienstag, 22. Dezember 2009 9:57
Jaja, mit 26, da habe ich es auch noch “Leben” genannt… #scnr
Freitag, 25. Dezember 2009 19:03
Hihi, auf dem Medienjournalismus-Seminar vom Grimme-Institut war ich ein Jahr später dann auch. Die Leyendecker-Verehrung hat sich seitdem nicht geändert.
Vielen Dank für deine Dekade unter Einfluss. Hat Spaß gemacht, sie zu lesen bisher!