A Decade Under The Influence: 2007

Von Lukas am Montag, 14. Dezember 2009 10:07
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me

Dieser Eintrag ist Teil 8 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Ein paar Tage, nachdem ich das Neue Jahr mit french toast begonnen hatte, kam mir die Idee, ich könne doch mal langsam mit den Vorbereitungen auf meine mündlichen Bachelor-Prüfungen Ende Januar beginnen.1 Ich ging also in die Uni-Bibliothek, um mich mit einer beeindruckenden Menge Bücher zu meinen Prüfungsthemen2 einzudecken. Obwohl sie laut OPAC hätten ausleihbar sein müssen, war kein einziges der von mir gesuchten Bücher auffindbar. Ich suchte nach anderen Quellen, schrieb mir die Signaturen auf, rannte zum Regal — und wieder fehlten genau die Bücher, die ich haben wollte. Als aus einem achtbändigen Werk über die englische Literaturgeschichte exakt der Teil fehlte, der sich mit der Schauerromantik befasst, war mir klar, dass es sich hierbei nur noch um eine direkte Verschwörung gegen mich handeln konnte. Die Idee, dass sich jemand die Mühe machte, mir die Bücher vor der Nase wegzuschnappen (und teilweise noch gut sichtbare Lücken zu hinterlassen, in die die nebenstehenden Bücher erst reinkippten, wenn ich davor stand), fand ich extrem erheiternd.

Die Art, wie ich Musik hörte, hatte sich grundlegend geändert: Weil er jetzt einen iPod hatte, überließ mir mein Bruder den alten MP3-Stick, den er ein Jahr zuvor nach einem Muff-Potter-Konzert auf dem Boden gefunden hatte. Ich musste – außer bei längeren Reisen – keinen Discman mehr mitschleppen und keine CDs aus ihren Hüllen nehmen und in ein kleines Schaumstoff-Mäppchen einsortieren. Gleichzeitig hatte ich mich bei last.fm angemeldet, was zur Folge hatte, dass ich sehr viel genauer darauf achtete, was ich eigentlich hörte und wie oft. Moderne Technik, die einem eigentlich das Leben erleichtern soll, führt so ganz subtil zur Selbstzensur.

Irgendwie hatte ich es doch noch geschafft, ein paar Bücher zu finden, mit deren Hilfe – sowie mit der Unterstützung von Freunden – ich mich auf die Prüfungen vorbereiten konnte. Meine Anglistik-Professorin eröffnete das Gespräch über Gedichte mit der Frage, warum ich mir ausgerechnet dieses Thema ausgesucht hätte. Ohne dass ich es groß gemerkt hätte, waren wir so vom Small Talk direkt in die Prüfung übergegangen und ich hatte gar keine Gelegenheit mehr gehabt, aufgeregt zu sein. Entsprechend entspannt verlief der Rest der Prüfung, die nach dreißig Minuten erstaunlich schnell vorbei war. Mit dem Ergebnis und der Note war ich mehr als zufrieden — ganz im Gegensatz zu meiner Germanistikprüfung eine Woche später.

Ben Folds war mal wieder in Deutschland, aber diesmal war ich nur bei seinem Kölner Konzert zugegen. Unser geplantes Interview war kurzfristig abgesagt worden, weil Folds krank war, aber bei der mehr als zweistündigen Liveshow wirkte er wieder topfit. Im Hustentropfen-Rausch improvisierte er einen Song, der anderthalb Jahre später unter dem Titel “Cologne” auf seinem nächsten Album erscheinen sollte. Ansonsten hörte ich die ganze Zeit das zweite Album von Bloc Party. “A Weekend In The City” war düster und traurig, verfügte aber auch über eingängige Gitarrenriffs wie bei “I Still Remember”.

Gemeinsam mit einigen Freunden und Bekannten, die ich aus verschiedenen Medien kannte, war ich auf die Idee gekommen, auch mal ein sogenanntes Blog zu starten. Die einzigen Vorgaben waren: “Popkultur im weitesten Sinne” und “Texte, die wir selbst gerne lesen würden”. In den ersten Tagen gingen wir emsig zu Werke und hauten zahlreiche Texte raus. Hier zeigten sich auch schnell die Vorteile eines Gruppenblogs: Wer zu neunt ist, hat automatisch acht Leser. Viel mehr waren es anfangs auch nicht. Je mehr Leser dann dazukamen, desto weniger Autoren hatten wir allerdings auch.

Der deutsche Zeitschriftenmarkt erlebte seinen vermutlich letzten großen Neustart: Mit einem Gesamtbudget von rund 42 amerikanischen Verteidigungshaushalten3 drängte die deutsche Ausgabe von „Vanity Fair“ auf den Markt. Aber weil kaum jemand außerhalb der Medienbranche das Magazin kaufte (und noch weniger es gut fanden), sah es von Anfang an nicht gut aus für das Blatt. Ich mochte die Zerstreuung, die mir “Vanity Fair” auf Zugfahrten bot, kann mich aber auch nicht an viel mehr erinnern, als an die Serie “Friedman bei den Nazis” und die Sudokus. Für letztere hatte ich gerade erst meine Leidenschaft entdeckt und löste sie die ganze Zeit.

Ich hatte eine Excel-Tabelle angelegt, um mir die komplexe Berechnung4 meiner möglichen Endnote zu erleichtern. Erstaunt stellte ich fest, dass ich mit der Note “gut” abschließen würde — egal, wie die Abschlussarbeit ausfallen sollte. Obwohl es also eigentlich nur noch um Nachkommastellen ging, verspürte ich immer noch einen Hauch von Motivation.

Als Gegenstand für meine BA-Arbeit hatte ich mir deutschsprachige Zeitungen im Ausland ausgesucht und schon diverse Ansichts-Exemplare bestellt und geliefert bekommen. Doch mein Professor war skeptisch: “Wenn Sie da keine präzise Fragestellung haben, artet das doch völlig aus! Was wäre denn Ihr Alternativvorschlag?” “Alternativvorschlag?!”, brüllte ich — nicht. Stattdessen deutete ich mit meiner rechten Hand bedeutungsschwer in Richtung seiner Bücherregale und hörte mich sagen: “Ich könnte mir auch vorstellen, noch mal was über Internetsprache zu machen …”

Mit einem Engagement, das mich selbst am meisten überraschte, ging ich zu Werke und verbrachte ganze Tage in der Institutsbibliothek und vor meinem Computer, der in diesem Fall nicht nur Werkzeug, sondern auch selbst irgendwie Thema der Arbeit war. Nebenher schrieb ich mein eigenes Blog voll und las mich in anderen fest. Der Übergang zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und Zerstreuung war fließend. Erstaunlicherweise kam ich trotzdem gut voran. Vermutlich habe ich in dieser Zeit auch viel Musik gehört, aber außer an “Life In Cartoon Motion” von Mika, “Lie Lover Lie” von The Blood Arm und den Song “European Lover” von Little Man Tate kann ich mich an nichts mehr erinnern.

Die vermutlich nicht ganz nüchtern geäußerte Idee, sich trotz aller Abneigung doch ein einziges Mal für einen Bandwettbewerb zu bewerben, rächte sich, als Occident ernsthaft zum “Best of Unsigned” nach Oberhausen eingeladen wurden — jenem Newcomer-Festival, bei dem die Kilians im Vorjahr schon so grandios in der Vorrunde gescheitert waren. Wir probten sogar mal wieder richtig intensiv, übten neue Stücke ein und holten uns Unterstützung in Form eines zweiten Gitarristen und Backgroundsängers, dessen Namen ich aus vertraglichen Gründen nicht nennen darf. Der Auftritt machte großen Spaß und es freute mich besonders, einmal auf den selben Bühnenbrettern zu stehen, auf denen ich vier Jahre zuvor Wir Sind Helden hatte spielen sehen. Wie schon die Kilians wurden auch wir vierte von fünf Bands — was aber nicht als Omen für den weiteren Karriereverlauf taugte. Unser Schlagzeuger dagegen zog ins Finale ein, denn er trommelte auch bei The Rumours, die weitergekommen waren.

Irgendwann war meine BA-Arbeit tatsächlich fertig. Ich ließ sie einige Male gegenlesen,5 dann in dreifacher Ausfertigung drucken und mit Thermobindung versehen. Weil ich so kurzfristig keine Marschkapelle mehr hatte auftreiben können, ging ich ganz allein zum Prüfungsamt und reichte meine Arbeit ein. Als Fan von Pathos und großen Momenten war ich definitiv enttäuscht. Und dann musste ich auch noch mal zurückkommen, weil ich eine aktuelle Studienbescheinigung vergessen hatte. Fünf Tage später ging begann das neue Semester und ich saß zum ersten Mal seit neun Monaten wieder in einem Seminarraum — einerseits fertig, andererseits wieder ganz normaler Student.

Ende April spielten wir mit Occident unser erstes Konzert in Dinslaken seit fast anderthalb Jahren (und unser Drittes in diesem Zeitraum insgesamt). In der Bahnhofskneipe “Lukkas” war es angenehm heiß, laut und voll und wir spielten zwischen Cama Maya und den Rumours. Wir hatten uns mal wieder einen Leih-Gitarristen besorgt und pflügten6 uns beherzt durch ein Set, das auch den ältesten jemals aufgenommenen Occident-Song aus dem Jahr 2001 enthielt.

Zwei meiner Lieblingsbands veröffentlichten ihre neuen Alben am selben Tag: Travis und die Manic Street Preachers machten mit “The Boy With No Name” bzw. “Send Away The Tigers” endlich die schwachen Vorgängeralben vergessen.

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier, der durch die altklugen Kommentare, die ich in seinem Blog hinterlassen hatte, auf meine Texte aufmerksam geworden war, fragte mich, ob ich mit ihm gemeinsam über alle Beiträge zum Schlager-Grand-Prix schreiben wolle. In einer konzertierten Aktion kämpften wir uns durch mehr als 40 Songs, von denen die meisten nicht sehr gut waren, und dachten uns Einschätzungen aus, die zumindest wir ganz lustig fanden. Es sollte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

Borussia Mönchengladbach hatte sich nach einem schönen Saisonstart, den ich noch von den USA aus verfolgt hatte, im Tabellenkeller eingenistet und stieg zum zweiten Mal innerhalb von acht Jahren ab. Mein Schmerz wurde noch größer, als ausgerechnet der MSV Duisburg in die erste Liga aufstieg.

Als ich eines Morgens in den WG-Flur trat, lag vor meiner Tür ein Großbrief von meiner Uni. Darin: Eine benotete Version meiner Abschlussarbeit und der Hinweis, dass ich von nun an die Buchstaben “BA” hinter meinen Namen stellen dürfe. “‘Heinserba’ klingt aber komisch”, dachte ich und ging ins Bad.7 Meine Familie, Freunde und Bekannte gratulierten mir, ohne dass ich genau gewusst hätte, warum. Auf die Frage “Und was machst Du jetzt?” antwortete ich stets doppelt. Eine Replik lautete: “Taxi fahren, natürlich!”, die andere: “So lange weiter studieren, bis ich irgendwas finde, was mit einem Beruf vergleichbar wäre …” Eins von beidem war ernst gemeint.

Entgegen langjähriger Angewohnheiten verbrachte ich wieder viel Zeit vor dem Fernseher und schaute mit großer Begeisterung Arztserien: “Emergency Room”, “Grey‘s Anatomy” und natürlich “Dr. House”. Monatelang fragte ich mich, warum Gregory House in Artikeln über die Serie eigentlich immer als “Arschloch” beschrieben wurde, obwohl ich ihn ganz sympathisch fand — dann dämmerte mir, dass die Frage einiges über mich selbst aussagte. Nicht in einem Krankenhaus spielte “Weeds”, aber ich mochte die Serie trotzdem. Übers Internet verfolgte ich die “Daily Show” und “Scrubs”. Von letzterer Serie – schon wieder über Ärzte – war ich spätestens Fan, seit wir sie im Jahr zuvor im Kilians-Tourbus rauf und runter geguckt hatten.

Muff Potter hatten mal wieder ein neues Album veröffentlicht, aber irgendwie wurde ich mit “Steady Fremdkörper” – bis auf einige Ausnahmen – nicht so richtig warm. Dafür hatten Wir Sind Helden auf “Soundso” mal wieder alles richtig gemacht — und mit “The Geek (Shall Inherit)” die Geek-Hymne geschrieben, die ich in meiner Schulzeit immer gebraucht hätte.

In Bochum fand erstmalig eine sogenannte “pl0gbar” statt, eine Art Stammtisch für Internet-Nerds. Trotz anfänglicher Skepsis8 ging ich hin, um mir diese komischen Menschen mal anzusehen. Es stellte sich heraus, dass die anderen auch nicht seltsamer waren als ich selbst und dass man nicht ausschließlich über Computerthemen sprechen musste. In der Folge entwickelten sich aus diesen Treffen Freundschaften und Geschäftsbeziehungen.

Im Kino sah ich mir “Zodiac” an. Wie nicht anders zu erwarten, wenn sich einer meiner Lieblingsregisseure (David Fincher) mit einem meiner Lieblingsschauspieler (Jake Gyllenhaal) in meiner Lieblingsstadt (San Francisco) einem meiner Lieblingsthemen (Serienkiller, besonders der Zodiac-Killer) widmet, fand ich den Film sehr, sehr gut. Auf dem Heimweg, besonders auf den dunklen letzten Metern, war mir trotzdem etwas mulmig. Ich schrieb meine ersten Texte fürs BILDblog, zu dem mich Stefan Niggemeier geholt hatte. Schon in meinem ersten Eintrag durfte ich mich an Franz-Josef Wagner abarbeiten.

Innerhalb von 24 Stunden sah ich die Kilians zwei Mal live in meinen beiden Heimatstädten: Erst beim Fantastival im Dinslakener Burgtheater, dann beim Bochum Total. In Sachen Wetter lag Dinslaken vorne,9 in Sachen Publikum Bochum. Mehr Verletzte (einen) gab es allerdings wiederum am Niederrhein, aber wer führt schon Hooligan-Statistiken? Beim Bochum Total spielten außerdem noch Karpatenhund, Jupiter Jones, Virginia Jetzt!, Sugarplum Fairy und Tocotronic, was dann in der Summe das beste Line-Up ergab, seit ich in dieser Stadt wohnte.

Crowded House veröffentlichten ein neues Album und weil ich spätestens seit Neil Finns Auftritt beim Haldern 2001 großer Fan von allem bin, was er so macht,10 war ich auch vom entspannten Ältere-Herren-Pop auf “Time On Earth” sehr angetan. Auch die Smashing Pumpkins brachten ein Comeback-Album heraus, das für sich genommen gar nicht mal so schlecht war,11 aber dem Schaffen der Band – die ja gar nicht mehr die Band war, die sich sieben Jahre zuvor aufgelöst hatte – nichts Neues hinzufügte.

Beide Bands spielten auch bei “Live Earth”, einem großen Rock-Awareness-Event, über das ich – wiederum mit Stefan Niggemeier – einen Text schreiben sollte. Als mein Name am nächsten Tag in der Autorenzeile der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” stand, wussten meine Eltern endlich, wofür sie mir mein ganzes Studium finanziert hatten. Ich vermute, meine Mutter hat alle in Dinslaken verfügbaren Ausgaben der Zeitung aufgekauft und am nächsten Markttag an Freunde und Bekannte verteilt. Sogar meine Großeltern riefen an. Print wirkt.

Im Rahmen einer kleinen, aber insgesamt sehr angemessenen Feierstunde12 wurden mir und zahlreichen Kommilitonen, die ich nie zuvor gesehen hatte, unsere Bachelor-Zeugnisse überreicht. Bis zum heutigen Tag hat sich nie jemand für meins interessiert.

Tocotronic zeigten mit ihrem Album “Kapitulation” und Slogan-Songs wie “Sag alles ab” mal wieder dem Zeitgeist den Mittelfinger und im Radio und in den Discotheken liefen sich zwei der wichtigsten Tanzboden-Brenner des Jahrzehnts “D.A.N.C.E.” von Justice und “Umbrella” von Rihanna.

Wie schon im Vorjahr begann das Haldern Pop mit einem Campingplatz-Konzert der Kilians. Ansonsten ist mir bis zum Auftritt der Shout Out Louds, deren “Tonight I Have To Leave It” sich als inoffizielle Festivalhymne herauskristallisiert hatte, wenig in Erinnerung geblieben. Wenigstens die anschließenden Konzerte von Ghosts und Duke Special im Zelt waren noch sehr schön.

Wie viel Zeit ich inzwischen im Internet verbrachte (und wie viele soziale Kontakte ich ausschließlich über diesen Weg aufrecht erhielt) fiel mir erst auf, als mein Computer kaputt ging und für einige Tage in die Reparatur musste. Tatsächlich hatte ich zu dieser Zeit schon zahlreiche Texte für verschiedene Blogs geschrieben und bei Coffee And TV durchaus eine solide Leserschaft versammelt, aber wenn ich heute an das Jahr 2007 zurück denke, kann ich mich an kaum etwas aus dieser Zeit erinnern. Es ist halt etwas anderes, ob man den ganzen Tag in seinem Zimmer hockt oder in eine richtige Redaktion geht und dort auf Menschen trifft.

Die Foo Fighters veröffentlichten ihr bestes Album seit “There Is Nothing Left To Lose”, Stars gelang mit “In Our Bedroom After The War” ein kleines Meisterwerk und The Weakerthans hatten auf “Reunion Tour” zwar Songs nach Edward-Hopper-Gemälden benannt, aber die Halbwertzeit des Albums war dann leider doch nicht so groß wie die der Vorgänger.

Ich hatte mir tatsächlich das Album von Rihanna gekauft und fand es zu meiner eigenen Verwunderung13 richtig gut. Als ich kürzlich darüber nachdachte, welches Album dieses Jahrzehnt eigentlich am Besten zusammenfassen würde, fiel mir als erstes “Good Girl Gone Bad” ein: Es beginnt mit “Umbrella”, einem instant classic,14, der wiederum von einem Rap von Jay-Z eröffnet wird. Im weiteren Verlauf hört man Samples von Michael Jackson und New Order, es gibt Anleihen bei Hip-Hop, Rock und Soul, R&B-Balladen und Kollaborationen mit Timbaland und Justin Timberlake. In diesem Jahrzehnt sind sicherlich viele Alben erschienen, die besser waren, aber definitiver für diese Zeit und ihre Trends war meiner Ansicht nach keines.

Die Veröffentlichung des Kilians-Debüts stand an und schlug sich in diversen Promo-Auftritten nieder. Als Simon und Arne bei “Eins Live Plan B” zu Gast waren, schickte ich ihnen eine SMS mit vier Begriffen, die sie ins Interview einfließen lassen sollten: “Bratwurst”, “Messdiener”, “Photosynthese” und “Körperfettwaage”. Sie nannten alle und gewannen einen Kasten Bier, den sie bis heute noch nicht bekommen haben. Vor der offiziellen Releaseparty im Dinslakener “Jägerhof” lief ich mit Simon durch halb Dinslaken und produzierte dabei mein erstes Video-Interview überhaupt. Das Konzert und die anschließende Party waren ein Fest und obwohl ich die Band schon seit fast zwei Jahren kannte, haute mich ein Song wie “When Will I Ever Get Home” schlichtweg aus den Latschen, so toll war er.

In meinem Freundeskreis wurden die ersten Kinder geboren, was erstaunlicherweise gar nicht dazu führte, dass ich mich alt fühlte oder eine Spontanverspießerung meiner Altersgruppe befürchtete. Im Gegenteil: Ich fand es toll und war mir sicher, dass schon alles seine Richtigkeit hat. Meinen Geburtstag feierte ich ein Mal in Bochum und ein Mal in Dinslaken. Weil sich zwei TV-Plaudertaschen im Fernsehen gezankt hatten, diskutierte ganz Deutschland15 über Autobahnen. Ich guckte lieber die ersten zwei Teile von “High School Musical”.

Bruce Springsteen veröffentlichte mit “Radio Nowhere” eine seiner besten Singles überhaupt und Kanye West sorgte mit “The Graduation” dafür, dass ich mich erstmals intensiver mit einem Hip-Hop-Album beschäftigte. Den Stereophonics gelang mit “Pull The Pin” ihr bestes Album seit sechs Jahren, was allerdings auch nicht allzu viel hieß. “Chase This Light” von Jimmy Eat World war objektiv betrachtet ein grauenhaft weichgespültes Schrott-Album, gefiel mir aber aus irgendwelchen Gründen trotzdem so gut, dass es über Monate auf meinem MP3-Stick blieb. Heute kann ich die Platte schwerlich ohne Brechreiz durchhören, erinnere mich dann aber immer noch gerne an Situationen, in denen ich sie vor zwei Jahren mit Freude gehört hab. Bizarr.

Ende Oktober unternahm ich die erste richtige Dienstreise meines Lebens, als ich zur BILDblog-Lesung nach Berlin fuhr. Ich machte einen Film über die Lesung, lernte meine “Chefs” persönlich kennen und hing backstage mit Charlotte Roche und Fettes Brot rum. Die nächsten Tage verbrachte ich damit, die üblichen Plattenläden leerzukaufen und mich mit Menschen zu treffen, die ich teilweise seit Jahren über das Internet kannte, aber noch nie im real life getroffen hatte. Es war ein großer Spaß.

Dank Underworld hörte ich seit längerem mal wieder intensiv Elektro-Musik, denn ihr “Oblivion With Bells” war verdammt groß. Radiohead veröffentlichten das erste „Zahlt was Ihr wollt“-Album einer Band ihrer Gewichtsklasse. Ich schwankte lange, wie ich “In Rainbows” eigentlich finden solle,16 finde es inzwischen aber sehr gut — vor allem “Nude”.

In der Bochumer Innenstadt schloss ElPi seine Pforten, jener Plattenladen, in dem ich in den letzten vier Jahren den Großteil meiner Tonträger erworben hatte. Ich brauchte fast zwei weitere Jahre, bis ich mit Discover endlich wieder eine sympathische Alternative zum neuen Saturn-Markt in der Stadt entdeckte.

Die Kilians waren für die “Eins Live Krone” nominiert, verloren aber in der Kategorie “Bester Newcomer” gegen einen Mann, der mit seiner Hauptband seit sechs Jahren dick im Geschäft war. Beim “School’s Out” in Dinslaken spielten wir mit Occident zum ersten Mal seit zwei Jahren als Trio. Das klang zwar ein bisschen dünn, machte aber Spaß. Leider hatten wir uns beim Erstellen der Setlist verkalkuliert, so dass unsere Coverversion von “About You Now” der Sugababes (die mit “Change” übrigens wieder ein tolles Pop-Album veröffentlicht hatten) auf ewig ungespielt bleiben wird.

Dann war das Jahr auch schon wieder zu Ende. Silvester war es so neblig, dass man die Raketen am Himmel nicht sehen konnte. Eine schöne Metapher für ein Jahr, das für mich im Rückblick zu einem diffusen Rauschen ohne klare Struktur verschwommen ist. Die meiste Musik, die auf meinen Jahresbestenlisten auftauchte, habe ich seitdem nie wieder gehört. 2007 ist eines der seltsamsten und – trotz einiger neuer Erfahrungen und neu gefundener Freunde – langweiligsten Jahre meines Lebens überhaupt. Aber vielleicht ändert sich diese Einschätzung noch mit der Zeit.

Unter der Musik, die ich gehört habe, sticht ein Song besonders heraus, weil er sich ziemlich deutlich von meinen sonstigen Vorlieben unterschied. Und deshalb ist mein Song des Jahres 2007: Rihanna – Umbrella

  1. Liebe Kinder: Bitte nicht nachmachen! []
  2. First World War poetry und Gothic novels in Anglistik, Sturm’n'Drang und Popliteratur in Germanistik. []
  3. Schätzung. []
  4. Interessantes fun fact in der aktuellen Diskussion über die Bachelor/Master-Studiengänge: Meine Fachnote in Germanistik ergab sich aus der mündlichen BA-Prüfung und exakt zwei weiteren Noten aus meinem Germanistik-Studium. In die Fachnote Anglistik spielten alle jemals absolvierten Veranstaltungen des Fachs mit rein. []
  5. Was die Zahl der Rechtschreibfehler in den einstelligen Bereich drückte. []
  6. Seit jenem Abend weiß ich die Vorteile von Festivals mit knappem Zeitplan zu schätzen: Wir hatten so viel Zeit, dass unsere Quatsch-Dialoge zwischen den Songs etwa genauso viel Zeit in Anspruch nahmen wie die Songs selbst. Aber vielleicht nimmt man so was in Dinslaken auch einfach mit dem Trinkwasser auf. []
  7. In meinem Tagebucheintrag steht, dass ich an diesem Tag “schon ein kleines bisschen stolz” gewesen sei. Die Quelle ist eigentlich vertrauenswürdig. []
  8. “Wie jetzt? Internet-Treffen im real life?!” []
  9. Das ist einer der seltensten Sätze deutscher Sprache. Statistische Erhebungen im Freundeskreis haben ergeben, dass das Wetter in Dinslaken eigentlich immer schlechter ist als an jedem beliebigen anderen Ort der Welt — mit Ausnahme von Polesworth in der Grafschaft Warwickshire, vielleicht. []
  10. Das 2004 erschienene, 2006 von mir gekaufte und seitdem rauf und runter gehörte Album “Everyone Is Here”, das Neil Finn mit seinem Bruder Tim unter dem naheliegenden Projektnamen The Finn Brothers aufgenommen hatte, war bis zu diesem Moment in dieser Textserie noch unerwähnt. Diese große Ungerechtigkeit wäre jetzt endlich auch aus der Welt geräumt. []
  11. Also: Nicht so schlecht wie Billy Corgans Soloalbum, aber das wäre auch technisch schwer möglich gewesen. []
  12. Ich hatte mich vorab bei einem Dozenten erkundigt, ob wir alberne Roben und Hüte tragen müssten, was er mit einem “Um Gottes Willen!” verneinte. Ich wäre sonst auch nicht hingegangen. []
  13. Besorgnis hatte ich im Bezug auf meinen eigenen Musikgeschmack schon lange abgelegt. []
  14. Mutmaßlich jetzt schon das meistgecoverte Lied des Jahrhunderts. []
  15. “Bild”-Terminus für jede Menschenmenge, die mehr als zwei weniger als zehn Millionen Menschen umfasst. []
  16. Wenn ich für etwas bezahlt habe, bin ich meistens sehr viel stärker gewillt, es auch gut zu finden, weil ich ja nicht für etwas bezahlt haben will, das ich schlecht finde. Schwache Konzerte, bei denen ich auf der Gästeliste stand, empfinde ich daher immer als noch viel schwächer als schwache Konzerte, für die ich bezahlt habe. Da Radiohead meine Kreditkarte nicht akzeptierten, habe ich nicht bezahlt und hatte deshalb wenig Ambitionen, mir das Album schön zu hören. []

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23 Kommentare

  1. 1

    So langsam wird es unheimlich mit den Parallelen… 2007 ist auch in meiner Erinnerung irgendwie total unstrukturiert und nebelig und ohne große Highlights. Liegt vielleicht aber auch an den Thriller-Jahren 2006 und 2008, zwischen denen es eingekeilt ist…

  2. 2

    2007 war irgendwie mein Jahr. Da ist mehr passiert, als im Rest meines Lebens. Alberto Green ist in diesem Jahr geboren worden. Und hach, der Grand Prix 2007!

  3. 3

    Alberto, dann kenn’ ich Dich ja schon immer?

  4. 4

    Ein sehr schöner Text, in dem du aber einmal den instand classic “Umbrella” falsch geschrieben hast. ;)

  5. 5

    Ja, SvenR, ich kannte (und mochte) dich schon, als es mich noch gar nicht gab.

  6. 6

    Mein verlorenstes Jahr überhaupt. Das war das Jahr, in dem ich schlief.

  7. 7

    Yeahy, Umbrella!

  8. 8

    > The Weakerthans hatten auf “Reconstruction
    > Tour” zwar Songs nach Edward-Hopper-Gemälden
    > benannt, aber die Halbwertzeit des Albums war
    > dann leider doch nicht so groß wie die der
    > Vorgänger.

    So kurzlebig, dass nicht mal der korrekte Albumtitel in Erinnerung blieb? Bei mir war die Halbwertszeit deutlich länger: es hieß Reunion Tour und war für mich besser als Reconstruction Site.

  9. 9

    @TJ Seh ich genauso. Am Anfang dachte ich auch, das Album wäre für die lange Wartezeit eher enttäuschend, aber viele Songs habe ich erst nach dem x-ten Hören wirklich liebgewonnen.

  10. 10

    Gibt es hier eigentlich auch jemanden für den 2007 ein wirklich tolles Jahr war?
    Ich fand’s nämlich auch sehr doof und war in diesem Jahrtausend bisher das schlechteste aller Jahre.

  11. 11

    @TJ: Oh weh. Da hab ich einfach zwei Alben zu einem gemacht. Ist jetzt genauso korrigiert wie das “Unbrella”, was da vorher stand.

    @Sebastian: “Das Jahr, in dem ich schlief” hatte ich erst als Untertitel für den Beitrag angedacht.

  12. 12

    Set yourself on fire fand ich viiel besser.

  13. 13

    Ich habe deinen Namen zufällig beim Frühstück in der FAS (Abo)gelesen und kein weiteres Exemplar gekauft!(Erst recht nicht auf dem Markt verteilt!)

  14. 14

    @Hirngabel (10): 2007 war das Jahr, in dem ich Abi gemacht und in dem Zusammenhang einiges unternommen habe, was nicht mehr sehr viel mit Schule und Lernen zu tun hatte und deshalb das Jahr eigentlich irgendwie besonders machen sollte…aber letztendlich haben die diversen Partys dazu geführt, dass mir zumindest Teile des Jahres nur äußerst neblig in Erinnerung sind…gut war’s trotzdem, irgendwie.

  15. 15

    @10, Hirngabel: Ja, doch, mein 2007 war zumindest einprägsam und in Teilen auch echt toll.

  16. 16

    hm…
    2007…
    ein doofes jahr und gleichzeitig toll.
    irgendwie erinner ich mich nur aus meiner heimatstadt weggezogen zu sein.
    aber was is den da noch so passiert?
    ich muss doch irgendwas getan haben… Oo

  17. 17

    Machst Du das eigentlich immer so, dass Du auf dem Boden liegende Wertgegenstände behältst und dann weiter verschenkst? Ich würde an der Stelle doch ganz gerne die Fußnote 1 sehen, da bin ich ziemlich altmodisch.

  18. 18

    @Hannah&Jonas

    Na, dann bin ich ja einigermaßen beruhigt, dass es doch auch ein paar Leute gab, die 2007 doch ganz gut leiden können.

    Wobei so ein Abiturjahr natürlich grundsätzlich immer einen Vorteil hat, weil ja doch extrem viel interessantes passiert (es sei denn natürlich man versagt bei den Prüfungen und darf noch mal ran).

  19. 19

    In Münster gab es auch einen Elpi. Und ich dachte immer, der sei einzigartig gewesen…

  20. 20

    @FG: Ähnliche Gedanken hatte ich bei der Anekdote mit dem MP3-Stick auch.

    @alle: Für mich war 2007 eines der besten Jahre meines Lebens. Es hat sich vieles verändert bzw. haben sich Veränderungen abgezeichnet, die mir wichtig (auch nachhaltig) sind.

    In diesem Jahr das Tocotronic-Album “Kapitulation” (wird ja auch von Lukas erwähnt). Mit diesem Album erging es mir ebenso wie mit dem Vorgänger “Pure Vernunft darf niemals siegen”: Ich wusste, dass ist etwas ganz Großes, nur würde ich einige Zeit brauchen, es zu mögen.

    Das funktionierte (ebenso wie beim Vorgänger) ohne mich Einhören zu müssen. Beide genannten Alben habe ich einmal gehört und sie haben mir nicht gefallen. Also ließ ich mich ein Jahr reifen, hörte erst dann wieder ‘rein und war sofort begeistert.

  21. 21

    Bei

    “In diesem Jahr das Tocotronic-Album “Kapitulation” (wird ja auch von Lukas erwähnt).”

    fehlt natürlich das Wort “erschien” hinter “Jahr”.

    Übrigens: Bei “In Rainbows” von Radiohead habe ich länger als ein Jahr gebraucht und die Zeit hat noch nicht mal ausgereicht, das Album als Ganzes zu mögen.

  22. 22

    Ha, dann eben der dritte Kommentar: Bei mir hat es auch, ich glaube ziemlich genau ein Jahr gedauert, bis ich “Kapitulation” schätzen gelernt hatte – dann aber richtig.

  23. 23

    @hirngabel, Rina. Auch wenn das vielleicht nicht wirklich zu dem Thema passt, hab ich doch noch was, dass das Jahr 2007 retten könnte, zumindest für mich: My son was born and I the happiest mother on earth and universe.

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