A Decade Under The Influence: 2005
Von Lukas am Montag, 30. November 2009 10:05
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me
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Das Jahr begann mit der Promo-CD zum heißest erwarteten Album des Jahres.1 Es kam aus Hamburg, hieß “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen” und stammte von kettcar. Den Presseinfo-Schreibwettbewerb verlor ich zwar im Fernduell – völlig zu Recht – gegen einen der wenigen Männer, gegen den ich mit Freuden verliere,2, aber dafür konnte ich die Platte bis zur offiziellen Veröffentlichung im März schon mal tot hören. Das Album unterschied sich insofern vom Debüt, als die meisten Texte deutlich positiver und euphorischer klangen, aber es war auf seine Weise wieder sehr gut. Noch heute kriege ich eine Gänsehaut, wenn Marcus Wiebusch in “Balu” fragt: “Ich werd’ immer für dich da sein / Bist Du dabei?”, und die ganzen persönlichen Geschichten zu und um “Nacht” werde ich irgendwann mit 50 vielleicht mal bei einem Glas Rotwein am Kamin erzählen.
Bevor “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen” tatsächlich erschien, versuchten andere Künstler sich schon mal im Rennen ums Album des Jahres zu positionieren. Tocotronic drangen auf “Pure Vernunft darf niemals siegen” in höchste Höhen und tiefste Tiefen vor und bewiesen mit “Gegen den Strich”, dass man in einem deutschsprachigen Popsong durchaus Oscar Wilde und Joris-Karl Huysmans zitieren kann. Die Bright Eyes machten einen auf Guns N’ Roses und veröffentlichten an einem Tag zwei Alben. Während das elektronische “Digital Ash In A Digital Urn” ziemlich an mir vorbei ging, wurde “I’m Wide Awake It‘s Morning” mein ständiger Begleiter. Hatte ich mit Conor Obersts vorherigen Arbeiten wenig bis gar nichts anfangen können, trafen mich seine Folksongs diesmal direkt ins Herz. Ich erinnere mich, das Video zu “Lua” mehrfach nachts im Musikfernsehen gesehen zu haben, auch wenn ich keine Idee habe, auf welchem Sender dies geschehen sein könnte. …And You Will Know Us By The Trail Of Dead knallten mir ein Album vor den Latz, das ich bis heute nicht verstanden habe: Mir will einfach nicht einleuchten, wie da aus roher Energie liebliche Popsongs erwachsen konnten. Und doch: “And The Rest Will Follow” würde sicher auch meiner Oma gefallen. Irgendwie.
Im Kino lief “Hautnah” mit Natalie Portman, Julia Roberts, Clive Owen und Jude Law und brachte mir die Musik von Damien Rice näher, dessen Album “O” ich anderthalb Jahre zuvor als “langweilig bis quälend” beiseite gelegt hatte. Auch den Killers widmete ich jetzt endlich meine volle Aufmerksamkeit und verfiel Songs wie “Mr. Brightside”, “Jenny Was A Friend Of Mine” und “Smile Like You Mean It”. Hype-Thema der Stunde aber waren – neben kettcar, die es immerhin in die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”, die “Tagesthemen” und schließlich auch zu “Polylux” schafften – natürlich Bloc Party. Deren durchaus schwungvollen Rocksongs waren noch an mir vorbeigegangen, aber als das schwelgerische “So Here We Are” auf BFBS lief, musste ich zugreifen.
Mein Fernsehkonsum war erheblich gestiegen, was zum einen “Sarah Kuttner – Die Show” lag, wo man fast alle Bands, deren Platten man kaufen wollte, auch live im Fernsehen bewundern konnte, zum anderen an “O.C., California”. Gut zwei Jahre nach dem Ende von “Dawson’s Creek” hatte ich wieder eine unterhaltsame Jugendserie, die ich mir ansehen konnte, und eine Identifikationsfigur sondersgleichen: Seth Cohen hatte tatsächlich Plakate von Death Cab For Cutie und Ben Folds über seinem Bett hängen. Die Storylines waren (zumindest in den ersten zwei Staffeln) okay und die Dialoge bisweilen brillant.
Die Stereophonics brachten mit “Dakota” ihre beste Single seit mindestens sechs Jahren heraus, vermutlich sogar die beste ihrer ganzen Karriere. Wir Sind Helden meldeten sich mit “Von hier an blind” zurück und veröffentlichten darauf endlich den Song, den alle Downloadfans der ersten Stunde schon fürs Debütalbum erwartet hatten: “Nur ein Wort”. “Wenn es passiert” toppte das alles für mich persönlich aber noch mal um ein ganzes Stück.
In den Semesterferien schrieb ich mit einem Engagement, das mich selbst überraschte, eine Hausarbeit über die Kirchenlieder Martin Luthers. Ich würde diese Arbeit heute als Höhepunkt meiner akademischen Laufbahn bezeichnen, denn konzentrierter und wissenschaftlicher habe ich nie gearbeitet — nicht mal an meiner B.A.-Arbeit. Zum Lohn gab es auch die beste Note meiner ganzen Uni-Karriere.
Um endlich das Theologie-Studium zu haben, das ich mir immer gewünscht hatte,3 entschied ich mich als Referatsthema in meinem Italienisch-Blockseminar für den Vatikan im Allgemeinen und Papst Johannes Paul II. im Besonderen. Da der Heilige Vater schon während der Osterfeierlichkeiten schwer krank und abwesend gewesen war, hoffte ich inständig, er werde wenigstens durchhalten, bis ich mit meinem Vortrag an der Reihe war. Am Donnerstagvormittag erzählte ich also meinen Kommilitonen irgendetwas, das ich selbst nur halb verstand, und dachte anschließend: “Na ja, dann kann er ja jetzt abtreten.” Am Abend des selben Tages berichtete n-tv in Breaking News, dass sich der Gesundheitszustand des Kirchenoberhauptes jetzt aber dramatisch verschlechtert habe. Etwa 48 Stunden später sagte auf RTL ein überraschend unvorbereiteter Praktikant in die Kamera, dass der Papst soeben gestorben sei. Es dauerte einige Tage, bis ich mich nicht mehr ganz so verantwortlich fühlte. Auf ewig werde ich meinen ersten toten Papst mit Schnappi und dem dazugehörigen Kind verbinden, denn die standen gerade bei der Echo-Verleihung auf der Bühne, als das Bild einfror und RTL in sein Nachrichtenstudio umschaltete.
Im Mai wurde ich Moderator bei CT das radio, was zur Folge hatte, dass ich nun mindestens einmal in der Woche um 5.40 Uhr aufstehen musste, um die “Frühschicht” zu moderieren. Der Vorteil war natürlich, dass man jede Menge heißer neuer Singles spielen musste und so ziemlich genau wusste, was gerade angesagt war. “Apply Some Pressure” von Maxïmo Park war so ein Fall, “Daft Punk Is Playing At My House” von LCD Soundsystem, “Hey Man (Now You’re Really Living)” von den Eels oder “Unsinkbar” von Astra Kid, zum Beispiel.
Auch Ben Folds veröffentlichte ein neues Album — “Songs For Silverman” überzeugte mich nicht ganz so wie “Rockin’ The Suburbs”, war aber dafür wieder mit einer richtigen Band eingespielt. Die stand dann auch mit auf der Bühne, als ich Folds nach fast sechs Jahren des Wartens Anfang Juni endlich live sah. Das Konzert in Berlin war für mich eines der Emotionalsten, das ich jemals erlebt habe. Nach der Show wartete ich mit meiner Freundin, einem Österreicher und einem Israeli, der extra für das Konzert angereist war, an der Zufahrt zur Columbiahalle. Gemeinsam schafften wir es, die Aufmerksamkeit von Bassist Jared Reynolds zu erregen, der gerade auf dem Weg zum Auto war. Ein paar Minuten voll Small Talk und Autogrammeschreiben durch das geschlossene Tor später kam the man himself vorbei, bat, das Tor zu öffnen, und so standen wir zu viert andächtig um Ben Folds herum, der erzählte, wie er während seines Studiums in Wien Falco auf der Straße gesehen hatte (er verband das mit einer beeindruckenden Falco-Imitation), allein für mich vier Tonträger unterschreiben musste und bereitwillig für Erinnerungsfotos posierte. Als er dann noch zusagte, unsere Wünsche für das Kölner Konzert am folgenden Abend zu berücksichtigen, war das Fan-Erlebnis meines Lebens in Marmor gemeißelt.4
Unterdessen hatten auch drei meiner Lieblingsbands neue Alben herausgebracht: Coldplay entschwebten auf “X&Y” ein wenig in ferne Sphären, fanden aber noch genug Zeit, um dabei Singles wie “Fix You”, “Talk” und “The Hardest Part” aus dem Ärmel zu schütteln. The Wallflowers schlossen auf “Rebel, Sweetheart” qualitativ wie akustisch an “Bringing Down The Horse” an, während Oasis auf “Don’t Believe The Truth” zwischen allen Stühlen saßen und sich an Quasi-Covern von The Velvet Underground und den Stranglers versuchten. Der beste Oasis-Song des Jahres kam aber eh von Sugarplum Fairy und hieß “Sweet Jackie”. Billy Corgan brachte ein irrelevantes Soloalbum raus und kündigte pünktlich zu dessen Veröffentlichung per Zeitungsanzeige an, die Smashing Pumpkins wieder vereinigen zu wollen.
In der Uni-Buchhandlung entdeckte ich erst ein preisreduziertes Mängelexemplar von “Wenn man einen weißen Anzug anhat” und dann meine Begeisterung für Max Goldt, dessen bisher erschienenes Gesamtwerk ich binnen weniger Wochen verschlang, ehe ich es wieder von vorne begann. In meiner WG zogen die zwei Mitbewohner aus, mit denen ich ein Jahr mehr schlecht als recht gehaust hatte, und ich entschied mich unter den zahlreichen Kandidaten, die sich für die Zimmer vorstellten, zielsicher für diejenigen, mit denen ich in den folgenden Jahren am wenigsten Worte wechseln und über deren Sauberkeit (also deren mangelnde) ich mich am meisten aufregen können würde. Dafür hatte ich auch in der WG jetzt endlich wieder DSL. Gerade rechtzeitig, bevor ich in die Musikredaktion bei CT eintrat und endgültig alle Musik direkt in den Rachen geworfen bekam. Zunächst durfte ich die Sendung “Rockaway Beach”, die eigentlich für Punk und Alternative vorgesehen war, mit der Mädchenmusik beschallen, die ich gerne hörte, kurz darauf bot man mir auch noch die Leitung der Musikredaktion an. Ich war zu überrascht, höflich und scharf auf noch mehr CDs, um das Angebot auszuschlagen.
In Oberhausen fand das erste Area 4 statt. Mit ein paar Freunden fuhr ich von Dinslaken aus zum Festivalgelände und sah mir die Beatsteaks und Nine Inch Nails von einem Wall außerhalb der Abzäunung an. Als kettcar im Zelt zu spielen begannen, fragten wir Besucher, die das Gelände verließen, ob wir ihre Karten haben könnten (mit denen kam man nämlich wieder rein). Sie sagten, sie seien selbst über den Zaun geklettert und keine Minute später sprangen wir auch schon über ein Baustellengitter und schlugen pünktlich zu “Landungsbrücken raus” im Zelt auf. Um das Gewissen zu beruhigen, nahm ich aber beim Auftritt von System Of A Down noch ein paar überteuerte Festival-Getränke zu mir.
Durch extrem geschicktes, frühzeitiges Booking hatte das Haldern Pop mit Franz Ferdinand (die Älteren werden sich erinnern) und Mando Diao (ja, die gab‘s damals auch schon) zwei der populärsten Headliner seiner Geschichte. Das Festival war natürlich entsprechend früh ausverkauft, aber was “ausverkauft” beim Haldern heißt, konnte man erst bei Mando Diao sehen: Offensichtlich befanden sich zum ersten (und bisher einzigen) Mal alle Besucher gleichzeitig auf dem Alten Reitplatz, denn so voll habe ich es dort wirklich sonst nie erlebt. Ich selbst saß während des Konzerts allerdings im Pressezelt, denn das Wetter, das während des ganzen Festivals für knöcheltiefen Schlamm und entsprechende Laune gesorgt hatte, ließ sich auch nicht von ein paar schwedischen Halbstarken irritieren. Bei Franz Ferdinand drehte sich Josef Winkler (of “Musikexpress” fame) bei einem der Songs vom neuen Album zu mir um und sagte sehr bestimmt: “Was für ein doofes Lied!” Aber es gab ja noch Art Brut, The Robocop Kraus, Kaiser Chiefs, Nada Surf, Kaizers Orchestra, Phoenix, Tocotronic und The Polyphonic Spree, was – mit einigen Jahren Abstand betrachte – immerhin zum zweitbesten Haldern-Line-Up nach 2001 taugt. Mit Moneybrother, der auch dort spielte, führte ich mein erstes englischsprachiges Interview, das erstens nach fünf Minuten vorbei war und zweitens so unfassbar schlecht lief, dass ich es einmal in voller Länge im Radio sendete und die entsprechende Minidisc5 danach mit einem großen Hammer löschte.
Die nächsten Interviews ließen sich besser an: Jupiter Jones erwiesen sich als sehr nette und lustige Zeitgenossen und das Interview mit Death Cab For Cutie, bei dessen Zusage ich mich noch gefragt hatte, wie ich wohl die vereinbarten zwanzig Minuten mit Fragen füllen sollte, dauerte letztlich über eine halbe Stunde, während derer Ben Gibbard und Nick Harmer sogar ihr Essen kalt werden ließen.6 Besonders in Erinnerung blieb mir auch der Versuch des US-Amerikaners Harmer, eine deutsche Mineralwasserflasche ohne Flaschenöffner zu öffnen. Während man amerikanische Kronkorken durchaus abdrehen kann (außer, man ist ich), zieht man sich an ihren deutschen Verwandten unschöne Schürfwunden zu.
Aber überhaupt Death Cab: Die veröffentlichten mit “Plans” ein Album, dessen ganze Größe mir erst im Laufe der folgenden Jahre klar werden sollte. “Marching Bands Of Manhattan” und “Soul Meets Body” fand ich von Anfang an toll, aber die Qualität von Songs wie “I Will Follow You Into The Dark” oder “Your Heart Is An Empty Room” erkannte ich erst mit der Zeit.
Da das Tapedeck im Autoradio meines Kadetts (der natürlich weiterhin meinen Eltern gehörte und in Dinslaken stand) kaputtgegangen war, ersteigerte ich bei eBay ein neues Autoradio, das sogar einen Aux-Eingang hatte. Bevor ich mir die nötigen Adapterstecker besorgen konnte, um das Gerät in das 17 Jahre alte Auto einzubauen, brachten meine Eltern das Auto zum TÜV, der erstaunt fragte, ob das Auto wirklich bisher noch nicht auseinander gefallen sei.7 Ich durfte eine letzte Abschiedsrunde mit dem Kadett drehen, der mich als Kind jahrelang sicher in den Sommerurlaub getragen hatte und mir in den zwei Jahren seit meiner bestandenen Führerscheinprüfung zum treuen Freund, Umzugs- und Festivalbegleiter geworden war. Im Radio lief “Bad Day” von Daniel Powter. Mit Kloß im Hals lieferte ich mein Baby am Schrottplatz ab und ging, ohne mich noch einmal umzudrehen.
Meine Art, Musik zu hören, änderte sich rapide, als ich endlich Windows XP auf meinem Rechner hatte und daher iTunes nutzen konnte. Zwar dauerte es im Groben etwa ein halbes Jahr, bis ich alle MP3s richtig getaggt hatte,8 aber dafür hatte ich jetzt alles mit einem Klick griffbereit. Im September bezahlte ich zum ersten Mal Geld für einen Download. Die goldene Plakette gebührt “Bochum (Light Up My Life)” von Six By Seven, weil ich den Song sonst nirgendwo fand und sofort hören wollte.
Die mögliche Fortsetzung seiner Regierung sabotierte Gerhard Schröder am Abend der vorgezogenen Bundestagswahl selbst, als er öffentlich einen Endorphinschock erlitt, von dem sich das deutsche Volk nicht vor 2013 erholen dürfte. Etwas ruhiger ging es zu, als ich mich nach fünf Jahren von “Plattentests online” verabschiedete — bis heute der einzige echte Schlussstrich, den ich je bei einem “Arbeitgeber” gezogen habe.
Nachdem ich über vier Jahre immer wieder im elterlichen Keller eigene Songs aufgenommen und unter dem Projektnamen Occident auf CDs gebrannt hatte, hatte ich mich im Sommer im Überschwung für ein Akustik-Konzert im Dinslakener ND-Heim angemeldet und Occident zu diesem Zweck mit zwei guten Freunden zur Band aufgebaut. Unser Plan, die beste Dinslakener Band aller Zeiten zu werden, erhielt einen erheblichen Dämpfer, als mir mein kleiner Bruder wenige Tage vor unserem ersten Konzert ein paar MP3s vorspielte.
Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft lief in etwa so ab:
Er: “Hier, hör Dir das mal an. Sind Freunde von mir!” (drückt auf “Play”)
Ich: (Mund klappt auf) “Wow.” (Pause) “Klingt wie Strokes. Und die sind so alt wie Du, ja?”
Er: “Ja.”
Ich: “Hammer. Wie heißen die?”
Er: “Die haben noch keinen Namen, die suchen gerade einen.”
Ich: “Sag Bescheid, wenn sie einen haben. Dann spielen wir die im Radio.”
Unser eigenes Konzert lief dann aber auch ganz gut. Hinterher kam einer der Gitarristen dieser noch namenlosen Band auf mich zu und meinte, dass ihm das Konzert gefallen habe. Ich bedankte mich artig und antwortete: “Ich hab Euer Demo gehört. Das ist richtig geil und wenn ich die Kohle hätte, ein eigenes Label aufzumachen, würd’ ich Euch sofort signen!”9
In Sachen “Musiker treffen” hatte ich kurz darauf ein Date mit den Cardigans. Nachdem die Plattenfirma Interviewort und -termin immer wieder leicht umdisponiert hatte, stellte mir ein Promoterin schließlich die Frage, ob es mir etwas ausmachen würde, nur mit Nina Persson zu sprechen. Ich versuchte, möglichst nebensächlich mit “Nö” zu antworten und saß zwei Minuten später alleine in einem (komplett verglasten) Raum mit einer der tollsten Frauen im ganzen Musikgeschäft. Die ersten Minuten verliefen extrem krampfig, aber dann taute Frau Persson langsam auf und wir unterhielten uns recht nett über die neue Platte “Super Extra Gravity”, deren Poster immer noch bei mir im Zimmer hängt.10 Starsailor stellten ihr neues Album “On The Outside” mit einem Konzert im Kölner Gloria vor und begeisterten mich mit ihren Uptempo-Songs “Keep Us Together” und “In The Crossfire”.
In meiner ersten Abhörsitzung11 als Musikchef brachte ich eine selbstgebrannte Demo-CD aus Dinslaken mit und sagte: “Das hier ist der neueste heiße Scheiß! Wir werden diese Band auf alle Fälle spielen, aber Ihr dürft entscheiden, mit welchem Song.” Man einigte sich schnell auf “Jealous Lover”, aber weil der Mensch die Abwechslung liebt, war der erste Song von The Kilians,12 der jemals in den Äther geblasen wurde, “At All”. Am Donnerstag, 13. Oktober 2005, gegen 21.50 Uhr in der Sendung “Rockaway Beach” auf CT das radio. Eine Woche später sah ich die Band zum ersten Mal live und war mir sicher: Die werden mal richtig groß. Ich lernte die Bandmitglieder kennen und ein paar Väter und ältere Brüder, die Musiker und Equipment zum Konzert nach Bochum fahren mussten, weil: Waren halt alle noch blutjung.
Die etwas prominenteren Songs im CT-Programm kamen im Herbst 2005 von Nada Surf (“Always Love”), Stars (“Your Ex-Lover Is Dead”), Jens Friebe (“Kennedy”), dem Black Rebel Motorcycle Club (“Weight Of The World”) oder Annie (“Heartbeat”). Und natürlich von James Blunt, dessen “You’re Beautiful” ich bis zum 42. Durchlauf für eine schöne Popnummer hielt, ehe ich den Song mit einer Leidenschaft zu hassen begann, die seltsamerweise James Blunt vorbehalten ist. Tokio Hotel ignorierte ich einfach, weil ich mir sicher war, dass 22 nicht das Alter war, in dem man noch nachzuvollziehen versuchen sollte, was die Jugend so bewegt.
Mich bewegten dagegen Muff Potter, deren neues Album “Von wegen”13 nach leichten Anlaufschwierigkeiten bei mir rauf und runter lief. Es ist ein schroffes, aber alles umarmendes Album, das so sperrige Themen wie Nationalstolz (dagegen!), Familie (dagegen!), Prügeleien (dafür, wenn es um so wichtige Sachen wie Liebe geht!) und Liebe (Schlachtfeld) völlig unpeinlich und sehr poetisch anpackte. Und als wäre das nicht alles schon toll genug gewesen, bescherten mir Sänger Nagel und Schlagzeuger Brami als Gäste bei “Rockaway Beach” noch eine der besten Sendungen meines Lebens. Für den eher mittelmäßigen Kinofilm “Keine Lieder über Liebe” hatte sich ein Art Grand-Hotel-All-Star-Band zusammengefunden, in der Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch Gitarre spielten, während der Schauspieler Jürgen Vogel dazu sang. Die Hansen Band funktionierte, trotz aller angebrachter Skepsis gegenüber singenden Schauspielern und Supergroups, ganz wunderbar. Element Of Crime rundeten die Sammlung der hochwertigen deutschsprachigen Alben des Jahres mit “Mittelpunkt der Welt” ab.
Robbie Williams hingegen schaffte als erster Künstler die Sensation, dass ich ein Album rundherum ablehnte, obwohl ich Fan war. Bis dahin hielt ich es für ein Ding der Unmöglichkeit, mich mit neuen Songs zu enttäuschen, aber “Intensive Care” ließ mich fassungslos zurück.14 Dafür hatten ja die Sugababes ein überaus knackiges Popalbum veröffentlicht, dessen Singles (allen voran “Push The Button”) zurecht überall rauf und runter liefen.
Zu einem Zeitpunkt, als alle anderen Best-Of- und Unplugged-Alben auf den Markt warfen, veröffentlichten a-ha heimlich, still und leise “Analogue”, ihr vielleicht bestes Album. Auch Pete Doherty veröffentlichte gut ein Jahr nach dem Ende der Libertines sein erstes Album mit den Babyshambles. Es war mir ziemlich egal, denn zum einen wollte ich die Libertines, zum anderen hatte ich mich in bewährter John-vs-Paul-Manier auf die Seite von Carl Barât geschlagen.
Irgendwie schaffte ich es trotz meiner Quasi-Vollzeitstelle bei CT auch noch, weiter zu studieren. Nachdem ich mich vier Semester mehr oder weniger durch Anglistik gequält hatte, fand ich in einer Vorlesung über die britische Schauerromantik endlich ein Thema, für das ich mich richtig begeistern konnte. Zwar las ich – wie gewohnt – keines der Bücher, das auf der Lektüreliste stand, aber bei den Romanen, die ebenfalls noch grob zum Genre zu zählen waren, kämpfte ich mich mit großer Begeisterung durch “Gegen den Strich” von Joris-Karl Huysmans.15
Größte Überraschung löste ich bei einer Plattenfirma aus, als ich um ein Interview mit Mark Owen bat. “Den spielt Ihr?”, fragte die Promodame erstaunt und ich hatte plötzlich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich “How The Mighty Fall”, das aktuelle Soloalbum des Damals-noch-Ex-Take-That-Sängers, für eine außerordentlich gelungene Popplatte hielt. Der kleine Ex-Teenieschwarm erwies sich bei unserem Treffen als sehr angenehmer Gesprächspartner, der auch dann noch höflich blieb, als ich ihn im Auftrag mehrerer Freundinnen nach der Handynummer von Robbie Williams fragte.16 Noch heute erzähle ich Frauen zwischen 20 und 30 gerne die gleichermaßen überraschend wie belanglose Anekdote, wie ich von Mark Owen einen Kaffee gebracht bekam. Auch sein anschließendes Konzert im Kölner Prime Club war trotz der vielen mittelalten Friseusen im Publikum (O-Ton meine Freundin) sehr gut.
Eine Woche später stand ich mal wieder mit meiner inzwischen zum Quartett herangewachsenen Band auf einer Dinslakener Bühne, um das traditionelle “School’s Out” zu rocken. Ich war auch eigentlich ganz zufrieden mit unserem Auftritt, aber was ich ein paar Stunden später erlebte, ließ mich wieder in einer Mischung aus Neid, Bewunderung und schierem Unglauben zurück: Die Kilians spielten ihr Publikum trotz widrigster organisatorischer und technischer Umstände in Grund und Boden und die Leute gingen so ab, dass beim Stagediven in dem knapp 2,50 Meter hohen Raum sogar Scheinwerfer von der Decke gerissen wurden. In irgendeinem Schuhkarton muss noch eine Videokassette von dem Auftritt liegen, auf der man mich mit offen stehendem Mund neben der Bühne hocken sieht. Die Band selbst fand ihren Auftritt übrigens unter aller Sau.
Bevor dann endlich wirklich Weihnachten war, versuchte ich mit meinem Kollegen Daniel Chur noch mal eben schnell Rundfunkgeschichte zu schreiben, indem wir am 23. Dezember die siebeneinhalbstündige Livesendung “Die fast heilige Nacht” moderierten.17 Wir spielten on air Blockflöte, bestellten uns das Pizzataxi ins Studio und spielten das seltene Gesellschaftsspiel “Stollenwettessen”, in dessen Verlauf wir beinahe auch noch zum ersten Moderatorenduo geworden wären, das live im Radio erstickt.
Je mehr Musik ich innerhalb eines Jahres gehört habe, desto schwieriger wird es meist, sich am Ende für einen Song zu entscheiden, der das Jahr geprägt hat. Gerade 2005 war ein so ereignis- und abwechslungsreiches Jahr, dass ich mich schwer für einen Favoriten entscheiden kann. “Always Love” von Nada Surf eröffnete damals meinen Jahressampler und es ist sicher immer noch ein wunderbarer Song. Und doch habe ich beim Schreiben dieser Episode gemerkt, dass kein Zweifel daran bestehen kann, welche Band 2005 für mich ausgemacht hat.
Und deshalb ist mein Song des Jahres 2005 natürlich der angeblich erste Song, den Simon den Hartog je geschrieben hat — was ich ihm neidzerfressen eigentlich kaum glauben kann, ihm aber andererseits jederzeit glauben will: The Kilians – Fight The Start
Meine Fresse, war das ein Akt, die Originalfassung von der selbstbetitelten EP bei YouTube zu finden. Zum Vergleich: Hier die spätere Version vom Debütalbum.
- Also dem von mir heißest erwarteten Album. Global betrachtet blieb es natürlich bis zur endgültigen und enttäuschenden Veröffentlichung im November 2008 “Chinese Democracy” von Guns N’ Roses. [↩]
- Fängt mit “T” an und hört mit “hees Uhlmann” auf. [↩]
- Ich hatte während meines Zivildiensts sehr kurzzeitig ernsthaft erwogen, Pfarrer zu werden. [↩]
- Folds hat in Köln dann tatsächlich “Eddie Walker” und “Lullabye” gespielt — extra für meine Freundin und mich. Nach so einem Erlebnis sollte man entweder sterben oder alle weiteren Fan-Ambitionen aufgeben. Ich entschied mich, weiterzuleben, und habe seitdem keine nennenswerten Fan-Erfahrungen mehr gemacht. [↩]
- Die Techniknostalgie, die ich beim Schreiben dieser Serie erlebe, überrascht mich selbst. Ich meine: Minidisc?! [↩]
- Ich hätte den Fisch mit leuchtend blauer Sauce allerdings auch nicht angerührt. [↩]
- Falls Interesse besteht: Das Radio habe ich immer noch. Es liegt seit viereinhalb Jahren ungenutzt in einem Pappkarton. [↩]
- Im Feinen stolpere ich nahezu täglich noch über unvollständige Tags. [↩]
- Wenn man so will, war das natürlich der bedeutendste “knapp daneben”-Moment meines ganzen Lebens: Ich hätte die Jungs sofort ein Papier unterschreiben lassen sollen, mit dem sie mir auf Lebenszeit ihre Seelen verkaufen. Da zeigt sich wieder, wie ungeeignet ich fürs Musikbiz bin. [↩]
- Signiert, natürlich. Ein bisschen Rest-Fandom muss erlaubt sein. [↩]
- Abhörsitzungen beim Radio sind genau das, was der Name verspricht: Musikredakteure sitzen um eine kleine, billige Stereoanlage herum und hören sich neue CDs an. Viele CDs. Sehr viele. [↩]
- Damals noch eine richtige “The”-Band mit Artikel! [↩]
- Bis heute lässt die Band offen, ob es “Von wegen” oder “Von Wegen” heißt — ein einfache Wortspiel als großes Rock’n'Roll-Mysterium. [↩]
- Mit der Zeit konnte ich mich immerhin an “Advertising Space” und “Sin Sin Sin” gewöhnen. [↩]
- Natürlich primär, weil Harald Schmidt das Buch irgendwann einmal in seiner Sendung erwähnt hatte, und es allein in diesem Jahr von Tocotronic und den Babyshambles popkulturell gefeatured worden war. [↩]
- Er sagte, er habe sie, würde sie aber nicht rausgeben. [↩]
- Außer meiner Mutter hat glaube ich niemand die komplette Show verfolgt. [↩]
Montag, 30. November 2009 10:47
Danke. Ich finde die fixere Erstversion ja immer noch einen Tacken charmanter. Bei mir hat’s trotz zahlreicher Möglichkeiten tatsächlich bis 2009 gedauert, bis ich die Kilians endlich live gesehen habe. Intime Erlebnisse sind auf der Rheinkultur aber eher nicht drin.
Montag, 30. November 2009 11:49
Ich beneide dich um deine Oma, deine Fähigkeit zum konzentrierten wissenschaftlichen Arbeiten und darum, dass du die Musik der Kilians magst. Ich würde gerne, aber ich kann nicht.
Montag, 30. November 2009 12:24
Jaja, “Hautnah” – mit Natalie Portman, Julia Roberts, Clive Owen und Jude Law wirklich phantastisch besetzt, toll geschauspielert, ausgestattet und gefilmt – ich habe den Film bis heute nicht verstanden.
Wenn einer mir in drei Zeilen erklären kann, was die Quintessenz, die Moral, der Spin von diesem Film ist – you’re welcome!
Ich musste mir direkt nach dem Kinobesuch die Doppel-EP “O” und “B-Sides” von Damien Rice bei Amazon bestellt.
Montag, 30. November 2009 13:55
mir sind die Kilians bewusst erstmals als Vorband von Mando Diaos Björn Dixgard begegnet – und ich fand sie um einiges besser als das, was der Hauptact auf die Bühne gebracht hat…schade, dass ich mit der Meinung ziemlich alleine dastand, hätte das Konzert und die Heimfahrt sicher angenehmer gemacht, wenn ich nicht auf so verlorenem Posten gestanden hätte
(Bekundungungen à la “Toller Artikel” erspare ich mir – das versteht sich von selbst)
Montag, 30. November 2009 13:58
Wieder einmal großartig. Für meine eigenes Jahr 2005 brauche ich nur Copy and Paste.
Montag, 30. November 2009 14:11
Ist vielleicht eine uninteressante Randepisode, aber in der damaligen Plattentest-Kritik der Kilians war dein Blog verlinkt und seitdem lese ich hier mit. Spannend, ich weiß.
Montag, 30. November 2009 16:46
Ich hielt Max Goldt vor kurzer Zeit meine Ausgabe von „QQ“ unter die Nase.
Er schrieb: „Pilze sind kein Jazz“ und ich bedankte mich höflich.
Montag, 30. November 2009 18:13
Schade dass es schon vorbei ist ;)
Montag, 30. November 2009 19:01
Ich weiß nicht, ob du das mit Absicht machst, aber jede Woche mindestens ein Album mit “vollkommen irrelevant” zu beschreiben hat irgendwie Stil, bitte weiter so. Was die Kilians angeht, bisher hatte ich meine Schwierigkeiten mit denen, aber “Used to Pretend” wird unter Garantie unter meinen Lieblingssongs von 2009 verbucht werden; du hast mich also scheinbar doch noch bekehrt. ;-)
Montag, 30. November 2009 19:03
Ach ja, der Artikel hat mich gerade dazu inspiriert, mir zum ersten Mal seit vier Jahren wieder den wahnsinnig geilen Song “Lawinenhund” von Jens Friebe anzuhören. Unglaublich, dass ich immer noch darauf abfahre; danke!
Montag, 30. November 2009 19:12
ich mag mädchenmusik
:/
das klingt irgendwie so… gering…
ich mag das wort nich
Montag, 30. November 2009 21:27
Ich mag ja die Musik der Kilians, aber müssen die zwischen den Liedern reden? ;)
Ansonsten wieder mal sehr erinnerungsträchtig hier… mein Minidisc-Player ist ungefähr zur gleichen Zeit Opfer von komischem Fla-Pudding (wie auch immer das Zeug eigentlich heißt) geworden :(
Montag, 30. November 2009 22:21
Ist das wirklich schon 4 Jahre her, der Auftritt von Occident und den Kilians? Klar waren wir Eltern der Musiker beim School’s Out etwas fehl am Platz, aber es hat uns trotzdem Spass gemacht!
Dienstag, 1. Dezember 2009 0:22
Ich verstehe zwar immer noch nur die Hälfte, da mir ein Großteil der genannten Musiker und Bands nichts sagen, aber die Kilians habe ich ja jetzt dann doch schon das eine oder andere Mal gehört (und die stille Frage, in welchem Jahr Du sie erwähnen wirst, ist damit auch beantwortet).
Dienstag, 1. Dezember 2009 7:34
Wie süß die Kilians auf dem Bild aussehen :-).
Mittwoch, 2. Dezember 2009 19:29
Manmanman, so ein Riesenaufwand nur um ein Autoradio zu verkaufen …
20 Euro mit Versand?
Donnerstag, 3. Dezember 2009 18:32
Besser spät als nie: Großartige Reihe, ich bin ja ohnehin von deinen Musik-Einträgen sehr angetan, aber gekoppelt mit der persönlichen musikalischen Entwicklung über die Jahre hinweg finde ich sie wirlich sehr spannend.
Und ich bin immer noch sehr neidisch auf dein Interview mit Nina Persson. Es musste eine zauberhafte Begegnung der dritten Art gewesen sein. :)
Dein erstes Urteil über “O” von Damien Rice sei dir verziehen, auch wenn ich innerlich zusammenzuckte, als ich “langweilig bis quälend” las. (Alleine der Opener “Delicate”…!)
An meiner Uni werden übrigens immer noch sehr oft Minidiscs für diverse Radioseminare und Forschungsprojekte benutzt…
Donnerstag, 3. Dezember 2009 23:02
25 Euro, mein letztes Angebot!