A Decade Under The Influence: 2003
Von Lukas am Montag, 16. November 2009 10:03
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me
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2003 würde ein entscheidendes Jahr werden, da waren meine Freunde und ich uns sicher. In einer Mischung aus Optimismus, Größenwahn und Selbstbeschwörung begann ich mein Januar-Mixtape dementsprechend mit “This Will Be My Year” von Semisonic.
Als ich nach den Weihnachtsferien wieder beim Zivildienst auflief, war eine von den alten Damen, denen ich beim Einkaufen und bei der Gartenarbeit geholfen hatte, gestorben. Eine andere lag im Krankenhaus. Ich begann, mir Sorgen zu machen.
Da ich kurz zuvor angefangen hatte, für den Dinslakener Lokalteil der “Rheinischen Post” zu arbeiten, verbrachte ich meine Abende und Wochenenden jetzt immer häufiger bei Veranstaltungen, zu denen sonst niemand hatte hingehen wollen. Für 15 Euro Pauschalhonorar besuchte ich erst zweistündige Operettenabende und hackte anschließend schlechte 60-zeilige Texte in die Tastatur, in denen Formulierungen wie “gute Laune im Dreivierteltakt” vorkamen. Während ich schrieb, musste ich Metallica hören, um den klebrigen Soundschmonz wieder aus meinen Ohren zu bekommen.
Ich stellte fest, dass es in diesem Internet ja ganz viele Nachwuchsbands gab, die ihre Musik verschenkten, und verfiel den Emo-Hymnen “Saving The End Of Summer” von Estrich Boy aus dem nahe gelegenen Voerde und “Homeservice Black” von Dear Diary aus Gießen. Im “Plattentests”-Forum schwärmte irgendjemand von einer jungen Berliner Band und ich zog erst einmal alles aus dem Internet, was ich von Wir Sind Helden finden konnte. Schon wieder eine deutschsprachige Band, deren Texte bei mir genau die richtigen Nerven trafen, dazu ein Sound, der mich an meine aktuelle Lieblingsband The Sounds erinnerte.
Zu den “knapp daneben”-Geschichten meines Lebens gehört die, wie ich Wir Sind Helden im Februar fast im Kreuzberger Privatclub gesehen hätte, als ich zu Besuch in Berlin war. Ich war nur zu müde/jung/langweilig gewesen, um mich alleine zu diesem Konzert zu schleppen.1 Ich war ja aus ganz anderen Gründen nach Berlin gekommen: zur Berlinale. Letztlich guckte ich mir zwei, drei Filme an, trank mit den Regisseuren Sebastian Schipper und Wolfgang Becker ein Bier, machte ein höllisches Touristenprogramm durch, fand einen Lieblingsplattenladen2, marschierte bei der großen Demo gegen den geplanten Irakkrieg mit, wurde versehentlich zum Paparazzo bei der Echo-Verleihung und besuchte ein Konzert der Smashing-Pumpkins-Nachfolgeband Zwan. Deren Classic Rock fand ich damals ganz großartig und auch wenn ich heute Songs von Zwan höre,3 kann ich die Musik nicht wirklich scheiße finden. Wirklich gut allerdings auch nicht.
Mit zwei Freunden gründete ich eine neue Band. Anfangs zeichneten wir uns vor allem dadurch aus, dass ich bei jeder Probe eine Saite, meist die hohe E-Saite, an meiner Gitarre zerstörte. Die musikalischen Einflüsse hießen (natürlich) Stereophonics, Travis, Oasis und Ash, die Band selbst alsbald Chew Magna. Da ich endlich Geld auf dem Konto hatte,4 machte ich mich auch daran, meinen Führerschein zu machen. Aus diversen Gründen besuchte ich eine Fahrschule in Walsum, was immerhin dazu führte, dass ich meine Fahrstunden im Großstadtverkehr Duisburger Stadtteile wie Marxloh und Meiderich absolvieren musste und so gleich mal auf die Bedingungen der großen, weiten Welt vorbereitet wurde. Dann begann der Irakkrieg.
Kurz vor Ostern war mein letzter Arbeitstag als Zivi. Von den Kolleginnen bekam ich den bis heute einzigen Blumenstrauß meines Lebens, diverse sehr nette Abschiedsgeschenke und mein Chef brachte mich nach hause, nachdem ich mein Dienstfahrrad5 abgegeben hatte. Den Rest des Tages hörte ich euphorische Musik von Readymade, 3 Colours Red und Zwan, ehe ich mich abends mit meinen Freunden zum Biertrinken am Rhein traf. Auf dem Rückweg führte ich mit einer früheren Mitschülerin einen Dialog, in dem sie die Formulierungen “Ich mag dich auch”, “Aber nicht so sehr”, “Freunde bleiben” und “Komm gut nach hause” benutzte. Weil die Zwan-CD immer noch in meinem Discman lag, stand ich zehn Minuten später im Garten meiner Eltern, hörte “Of A Broken Heart” und drehte mich im Mondlicht langsam im Kreis.6
Die nächsten Wochen waren die Emo-Phase meines Lebens: Ich hatte unendlich viel Freizeit, aber niemanden, mit dem ich etwas hätte unternehmen können. Ich saß die halbe Nacht vor dem Computer, chattete mit Menschen, die ich noch nie im Leben getroffen hatte, die aber alles über mich wussten (und ich über sie), und hörte traurige und sehr traurige Musik. Das Mädchen war nach zwei Wochen vergessen, aber die regelmäßige Betrachtung meiner “Donnie Darko”-DVD trug nicht gerade zu einer Verbesserung meiner Stimmungslage bei. Während ich mit dem Führerschein nicht voran kam und darüber nachdachte, wie es in meinem Leben (Studium! Wohnort! Freunde!) weitergehen könnte, hörte ich jeden Abend “Long Gone Before Daylight” von The Cardigans. “Oh it’s healing – bang bang bang”, sang die bezaubernde Nina Persson und wer wäre ich gewesen, ihr zu widersprechen?
Mit den Worten “Wenn Dir kettcar gefallen wirst Du die hier lieben” empfahl mir jemand eine weitere Hamburger Band. Der Sänger konnte nicht singen und forderte, den Namen seiner Mutter zu schreien. Ich beschloss, Tomte ganz, ganz schrecklich zu finden.
Um später korrekte Rentenansprüche zu haben (Ausrufezeichen), hatte man mir beim Zivildienst geraten, mich arbeitslos zu melden. Ich ging also zum Arbeitsamt in Dinslaken und erklärte, dass ich gerade mit dem Zivildienst fertig sei, im Oktober mit dem Studium (egal was, egal wo) beginnen würde und mich jetzt eben fünf Monate arbeitslos melden wolle. Ich bräuchte aber keinen Job, alles sei easy und man solle bei der Vermittlung bitte an die Menschen denken, die wirklich Arbeit suchten. So etwas sei nicht vorgesehen, erklärte man mir und steckte mich in Seminare, die den ganzen Tag dauerten, den Steuerzahler sicherlich teuer zu stehen bekamen, und in denen ich – wie schon drei Mal während meiner Schulzeit – erklärt bekam, wie man eine Bewerbung schreibt. Ich erklärte den freundlichen Sachbearbeitern noch einige Male, man möge sich doch bitte um die echten Arbeitslosen kümmern, aber immer wieder hieß es, darauf habe man keinen Einfluss, ich sei ausgelost worden. Nach dem dritten Gespräch habe ich nicht mehr auf Anrufe und Anschreiben des Arbeitsamts reagiert und für mich beschlossen, dass diesem Land nicht mehr zu helfen war.
Ich bewarb mich – übrigens mit einer Reportage, die zu zwei Dritteln erfunden war – an einer renommierten deutschen Journalistenschule und arbeitete gleichzeitig an einem Plan B. Ich wusste, dass ich das sprichwörtliche Was Mit Medien machen wollte, wollte aber gleichzeitig nicht in irgendeiner Lokalredaktion versauern. Die Hölle von Vereinsjubiläen, Autoschraubertreffen und Gerichtsprozessen wegen sexueller Belästigung hatte ich ja täglich vor Augen, weil ich viel Zeit hatte7 und entsprechend häufig für die Zeitung unterwegs war.
Ich kam endlich in den Genuss eines Wir-Sind-Helden-Konzerts: im Altenberg in Oberhausen. Der Veranstalter erzählte, die Band habe lieber in der kleinen Halle spielen wollen, weil sie Angst gehabt hätte, dass niemand kommt. Der Saal war voll, es war heiß und alle, wirklich alle Besucher sangen die Texte des immer noch nicht veröffentlichten Debütalbums lautstark mit. Die Stereophonics schläferten mich mit “You Gotta Go There To Come Back” über weite Strecken ein, Placebo schliefen mit Geistern, was wesentlich aufregender klang. Im US-Fernsehen (und – Dank modernster Technik – zwei Tage später auch bei mir) lief die letzte Folge “Dawson‘s Creek”. Sie spielte Jahre nach dem eigentlichen Serienfinale (das ich bis heute nie gesehen habe), Jen starb und Joey kam endlich mit Pacey zusammen. Mehr noch als mein eigenes Abitur oder das Ende meines Zivildiensts war der Schluss der Serie für mich ein Signal, dass meine eigene Jugend vorbei war und etwas neues beginnen würde. Sollte.
Mit meinem Bassisten fuhr ich zum Hurricane nach Scheeßel.8 Unterwegs sammelten wir zwei Mädchen ein, die ich im Jahr zuvor beim Haldern kennengelernt hatte. Soundtrack der Hinfahrt waren natürlich “Hurricane” von Something Corporate und “Landungsbrücken raus” von kettcar, dessen Zeile “und dann geht der Fallschirm auf” aufgrund aktueller Ereignisse von uns um das Wörtchen “nicht” erweitert wurde. Das Wetter am ersten Tag (also beim Zeltaufbau) war grauenhaft, ich wollte nur nach hause. Am nächsten Tag begann das Festival mit Starsailor, die mich mit ihren neuen Songs – allen voran “Four To The Floor” – schlicht von den Socken hauten. Es folgten Coldplay, Slut, Blackmail, Nada Surf, Massive Attack, Underworld, Tocotronic und kettcar. Der Auftritt der Counting Crows zählt zu den traumatischsten Festivalmomenten meines Lebens, so deprimierend war die Stadionrockshow der Lederbekappten Altherrenrocker. Dann kamen Radiohead. Ich war begeistert, aber irgendwie fühlte ich mich wie zwei Jahre zuvor auf dem Petersplatz in Rom: Ich wusste, dass ich Teil von etwas Bedeutendem war und alle sich freuten, hier zu sein, aber ich selbst war nur zu 85% ergriffen.9 Zwan hatten übrigens abgesagt, um sich ein paar Wochen später aufzulösen.
Weil ich mich mit einem der mitgereisten Mädchen gut verstanden und immer lange unterhalten hatte, blieben wir über das Internet in Kontakt. Sie hatte gerade ihr Abitur gemacht und genauso viel sinnlose Freizeit wie ich, und so chatteten wir häufig den ganzen Tag und die halbe Nacht miteinander. Wir unterhielten uns über alles mögliche und nach einigen Tagen schickte sie mir ein Zitat aus einem Lied, das sie im Radio gehört hatte: “All the nights we stayed up talking / Listening to 80’s songs / And quoting lines from all those movies that we love / It still brings a smile to my face”. The Ataris hatten unser momentanes Leben mit “In This Diary” wunderbar zusammengefasst und landeten natürlich auf dem Mixtape, das ich für das Mädchen aufnahm.
Bevor irgendetwas anderes passieren konnte, musste ich aber erst mal meinen Führerschein machen. Nach 41 Fahrstunden10 durfte ich endlich zur Prüfung antreten. Die Prüferin (jung und hoch motiviert) ließ mich die gesamten 45 Minuten durchfahren, ehe sie mir erklärte, dass mein Fahrstil noch so unsicher sei, dass ich besser noch mal ein paar Fahrstunden nehmen und mich dann noch mal zur Prüfung anmelden sollte. Bis hierher hatte mich der Führerschein schon knapp 1.700 Euro gekostet, weswegen ich gern weitere 450 Euro investierte, um meinen Kontostand wieder bekannten Gefilden anzunähern. Bei der zweiten Prüfung fuhr ich noch viel schlechter, aber der Prüfer stand kurz vor der Pensionierung und hatte daher wichtigeres zu tun, als mich durchfallen zu lassen — zum Beispiel sich mit meinem Fahrlehrer zu unterhalten. Am nächsten Tag durfte ich endlich den guten alten roten Opel Kadett E meiner Eltern fahren. Während ich Autos gegenüber sonst sehr unemotional bin, war ich dem Kadett tief verbunden.11 Endlich war ich frei, konnte durch die Gegend cruisen und meine eigenen Mixtapes hören. Darauf: The Ataris, Wir Sind Helden, deren Album im Sommer endlich erschien, und Ben Folds, der gerade begonnen hatte, eine Serie von EPs zu veröffentlichen. Im Kino zerstörte “Matrix Reloaded” den kompletten Ruf des ersten “Matrix”-Films und der “Jahrhundertsommer” inspirierte “Bild” zu der unsterblichen Schlagzeile “Kanzler, tu was! Wir kriegen einen Sonnenstich”.
Da ich im Vorjahr ja vier Tickets für Robbie Williams gekauft hatte, aber bisher nur drei an Freunde und mich losgeworden war, begleitete uns mein Vater zum Konzert in der Gelsenkirchener Arena. Gesehen hat man natürlich wenig, aber solche Großveranstaltungen besucht man ja wegen der speziellen Stimmung, nicht wegen der Aussicht. Deutlich entspannter war es da trotz der hohen Temperaturen beim Haldern Pop, das seine zwanzigste Ausgabe mit einem Auftritt von Patti Smith krönte. Außerdem spielte eine langweilige Heulsusentruppe namens Bright Eyes und ein One-Hit-Wonder namens Frank Popp Ensemble. Die Highlights des Festivals kamen aus Skandinavien: Co-Headliner waren die Cardigans,12 größte Überraschung Kaizers Orchestra, die mit ihrer norwegischen Industrial-Polka alle wegbliesen, und Kashmir, die das Publikum im Mondlicht verzauberten. Dinslaken erlebte sein Konzert des Jahrzehnts: Mit den Donots stand eine respektierte Rockband auf der Bühne des Burgtheaters, die von einer Band supportet wurde, von der ich bis dahin immer nur gehört hatte. Nach zwei Songs war ich glühender Verehrer von Muff Potter.13
“Das Internet-Mädchen”, wie mein bester Freund sie nannte, und ich kommunizierten weiter regelmäßig. Weil ich für Journalismus- und Medienwissenschaftsstudiengänge überall abgelehnt worden war, dachte ich mir, ich könne mich ihr doch einfach anschließen und in Bochum studieren. Ende August fuhr ich zur Ruhr-Uni, deren Beton gewordener Rustikal-Charme mich angemessen mit Nieselregen begrüßte. Als ich zur Einschreibung schritt, sang gerade Dave Grohl in meinem Discman die Worte “Ain‘t no turning back / ‘Cause I’m walking the line”. “Nein, Lehramt schließe ich kategorisch aus”, sagte ich bestimmt und war danach (bzw. mit Beginn des Wintersemesters) Student der Anglistik/Amerikanistik und der Germanistik. Ich beschloss, dass mein Englischlehrer und meine Deutschlehrerin vom Gymnasium davon nie erfahren dürften, denn die beiden hatten nun wirklich alles getan, um mich von diesen beiden Fächern abzuhalten. Eine Woche später – “in Deutschland braucht die Liebe Zeit” – traf ich mich mit dem Internet-Mädchen an der Uni, wir küssten uns und wurden ein Paar.
Ende September hatten wir unseren ersten (und einzigen) Auftritt mit Chew Magna. Bei einem “Rock gegen Rechts”-Konzert auf dem Dinslakener Altmarkt fühlten wir uns inmitten der Punk- und Hardcorebands ein wenig wie Starsailor auf dem Ozzfest. Ich weiß nicht mehr, wie die Leute es fanden, aber ich glaube, ich fand‘s nicht so prall. Dafür hörte ich eines Abends im Radio einen Song, der mich fesselte. Er hieß “Die Bastarde, die dich jetzt nach Hause bringen” und machte mich trotz vorheriger heftiger Abneigung sofort zum Tomte-Fan. Nachdem ich dann auch noch “Die Schönheit der Chance” gehört hatte, musste ich das Album haben.
Dann begann das Studium. Das Mädchen, das ich jetzt “meine Freundin” nennen durfte, wenn ich von ihr sprach, und ich sahen uns plötzlich fast täglich. Nach der Einführungsveranstaltung der Anglisten musste sie mich das erste Mal davon abhalten, mein Studium zu schmeißen. Weil ich ja noch nicht wusste, ob mir meine Fächer gefallen würden, hatte ich mit meinen Eltern ausgemacht, während des ersten Semesters von Dinslaken nach Bochum zu pendeln. Das hieß: Morgens im Dunkeln zum Bahnhof, abends im Dunkeln zurück. Im Zug und in der Cafeteria unseres Institutsgebäudes, die man nach zwei Wochen natürlich wie selbstverständlich “Cafete” nannte, hatte ich viel Zeit, um alle verfügbaren Musikzeitschriften und etliche Bücher zu lesen. In meinem Discman liefen zu dieser Zeit vor allem vier Alben rauf und runter: “So Long, Astoria” von den Ataris, “Hinter all diesen Fenstern” von Tomte, “Heute wird gewonnen, bitte” von Muff Potter und “12 Memories” von Travis. Im Nachhinein fällt natürlich auf, dass fast alle Songs auf diesen Alben von Beziehungsenden, dem Ende der Jugend oder schlichtweg von Depressionen handelten. Also genau die Musik, die man halt so hört, wenn draußen alles grau und kalt ist, man selbst aber mit sich und seinem Leben völlig im Reinen ist.
Ich hatte großes Glück mit meinen Dozenten. Teilgebiete, von denen ich noch nie gehört hatte, machten mir Spaß: Phonetik, Varietätenlinguistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Meine Woche und mein Tag hatten wieder eine klare Struktur, auch wenn das hieß, dass ich Montags um Viertel vor Sechs aufstehen musste. An den Wochenenden gingen wir auf Konzerte (Kashmir, Travis, Readymade & Slut) oder trafen uns mit meinen Freunden, wobei sich langsam auch die Jungs aus Dinslaken und Richtung Studium verabschiedet hatten. Auch Blink-182 waren plötzlich erwachsen geworden, sangen mit Robert Smith und veröffentlichten ihr bestes Album.
Dann war auch schon Weihnachten. Ich hatte mir selbst ein großes Grand-Hotel-van-Cleef-Paket, bestehend aus …But Alive, Death Cab For Cutie und Olli Schulz & der Hund Marie, bestellt und begann damit, meiner Freundin den Backkatalog von Ben Folds (Five) zu schenken. Glücklicherweise mochte sie die Musik, was unsere Beziehung für die nächsten Jahre auf ein sicheres Fundament stellte. Man lernte die Familie des jeweils anderen kennen und hatte ein schlechtes Gewissen, die eigene vorzustellen. Silvester verbrachten wir vor dem Fernseher und das erste Video, das MTV im Jahr 2004 zeigte, gehörte zu einem Song, der mich fast das ganze Jahr 2003 über begleitet hatte. Judith Holofernes trug im Video ein Tomte-T-Shirt.
Der Song des Jahres 2003: Wir Sind Helden – Denkmal
- In Wahrheit war der Privatclub natürlich auch restlos ausverkauft und ich wäre wohl eh nicht mehr reingekommen. Aber macht das die Geschichte jetzt knapper oder weniger knapp daneben? [↩]
- Mr Dead & Mrs Free, Bülowstr. 5, U-Bhf Nollendorfplatz. [↩]
- Was außer zu Recherchezwecken für diesen Text äußerst selten vorkommt. [↩]
- Durch den Zivildienst, natürlich, nicht durch die “Rheinische Post”. [↩]
- Ein Dienstfahrrad ist nichts, auf das man neidisch sein müsste. Zumindest meines war es nicht: Es war halb Silber, halb Rosa und ungefähr alle zwei Wochen war der Hinterreifen platt. [↩]
- Es war einer der nicht eben seltenen Momente in meinem Leben, in denen sich Popkultur und Lebenswirklichkeit auf der anderen Seite wiedertrafen. Eine Szene, die ich aus der Verfilmung meines Lebens herausschneiden lassen würde, weil sie mir way over the top und quälend kitschig erschiene. [↩]
- Ich hatte sogar so viel Zeit, dass ich mir ein Skateboard kaufte und an den Wochenenden mit meinen Freunden versuchte, darauf zu fahren. Einigermaßen Erfolglos. [↩]
- Also: Er fuhr, das mit meinem Führerschein brauchte ja erstaunlich lange. [↩]
- Ganz ähnlich erging es mir übrigens mit “Hail To The Thief”, das ich wegen seines Abspielschutzes eh nur selten hörte. [↩]
- Wenn ich jemals einen Eintrag im “Guinness-Buch der Rekorde” bekommen sollte, dann wohl nur mit der Zahl meiner Fahrstunden. [↩]
- Manchmal war es auch Hassliebe, aber im Großen und Ganzen hat mich der Kadett nie im Stich gelassen. [↩]
- Als ich Nina Persson im Pressezelt bat, meine “Lovefool”-Single zu signieren, brach sie angesichts des uralten Fotos in schallendes Gelächter aus und musste erst einmal ihre Bandkollegen in einem Interview stören, um ihnen das Cover zu zeigen. [↩]
- Sänger Nagel hat mir Jahre später mal am Rande eines Interviews erzählt, dass das Dinslakener Konzert eines der schlechtesten ihrer Karriere gewesen sei. Wie gut ich die Band wohl gefunden hätte, wenn sie tatsächlich gut gespielt hätten? [↩]
Montag, 16. November 2009 13:03
Ich wollte mich kurz bedanken für diese Reihe. Auch wenn ich einige Jahre jünger bin, ähneln sich die musikalischen Erfahrungen stark, auch wenn ich leider nicht in der Lage wäre, meinen Weg so akribisch nachzuerzählen.
Danke.
Montag, 16. November 2009 13:59
Wunderbarer Einträge. Ich bin ein Jahr älter als du, aber da ich noch etwas zielloser war, habe ich mein Studium auch 2003 angefangen. Von daher kommt es mir teilweise so vor als würde ich mein eigenes Tagebuch lesen (was ich nicht führe).
Montag, 16. November 2009 15:06
Als Wir sind Helden endlich überall rauf und runter gespielt wurden, habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben, damals mit 15, musikalisch ‘überlegen’ gefühlt, weil ich die ja schon viiiiiiel früher entdeckt hatte…naja, so kam’s mir damals zumindest vor.
Bei deinem Eintrag hab ich mich irgendwie plötzlich alt gefühlt – die 6 Jahre ohne Möllemann, aber dafür mit Bagdad & Co. sind verdammt schnell vergangen! ich könnt nicht sagen, was ich gemacht hab, trotz zeitweise ausufernder Tagebucheinträge
Montag, 16. November 2009 17:23
Ich hoffe dir ist klar, dass diese Serie hier verdammt großartig ist. Danke dafür.
Montag, 16. November 2009 17:47
Wir sind Helden haben für mich überhaupt erst den Beginn meiner Leidenschaft für Musik markiert. Ich habe bis heute wenig Platten gehört, die mir ähnlich gut gefallen haben.
Montag, 16. November 2009 21:09
wahnsinnig schön geschrieben!
Montag, 16. November 2009 21:32
Ich weiß ja nie, wie ich mit Lob umgehen soll, aber es ist mir trotzdem ein Bedürfnis, jetzt mal “Danke!” zu sagen für den ganzen Zuspruch. Da weiß man, warum man sich den Quatsch jede Woche antut.
Also: Danke!
(Es darf aber natürlich trotzdem nach Lust und Laune kritisiert werden.)
Montag, 16. November 2009 22:54
@Lukas (7):
Die einzige Kritik die es hier gibt, geht an die RSS-Erfinder, die Fußnoten im RSS-Feed nicht gut darstellen, so dass man da andauernd scrollen muss. Ansonsten gilt alles bereits gesagte. :)
Dienstag, 17. November 2009 1:45
Auch von mir: Respekt für diese wirklich schöne Textreihe!
Sowas schreibt man ja auch viel zu selten, wenn etwas gut ist.
Inhaltlich hätte ich zwar auch noch Anmerkungen, aber die passen eigentlich in so ein unpersönliches Kommentarfeld nicht.
Dienstag, 17. November 2009 10:37
Oder so ähnlich hat mir mal ein großer Autor geschrieben.
Dienstag, 17. November 2009 13:33
Gerne würde ich auch sowas wie “Ich bin nur ein Jahr jünger/älter als Du” schreiben und an der einen oder anderen Stelle “ich auch!” rufen. Da jedoch ersteres nicht stimmt und letzteres wohl nur bedingt glaubwürdig wäre, beschränke ich mich auf Dank und Kompliment für eine goßartige Serie.
Dienstag, 17. November 2009 13:50
Du hast das schier Unmögliche geschafft:
Ich freue mich auf Montag.
Mittwoch, 18. November 2009 15:44
Immer wieder wunderschön zu lesen, diese Serie. Ich kann so vieles so gut verstehen. Übrigens: mit dem Guiness-Buch der Rekorde wird es nicht, ich kam auf über 50 (!!!) Fahrstunden ;)
Donnerstag, 19. November 2009 15:20
Kleiner Wunsch von mir: Wie wär’s mal mit ‘nem gelesenen (und empfehlenswerten) Buch? Bei einem so herausragenden Musikaufwachsen könnte das ein zusätzliches Sahnehäubchen werden. Muss ja nicht Popkultur sein…
Montag, 23. November 2009 17:38
Hach is das schön. An The Ataris hab ich ja Jahre nicht mehr gedacht.
Mittwoch, 25. November 2009 16:44
Da wohnt man seit eh und je nur 100 Meter von Mr Dead & Mrs Free entfernt und war noch nie drin. Wird jetzt nachgeholt.
Von Bright Eyes ist der Song Devil Town ganz cool. Übrigens auch die Serie “Friday Night Lights” in der ebendieser vorkommt.
Ansonsten auch von mir danke!
Donnerstag, 26. November 2009 18:41
Ich vermisse eine Erwähnung der White Stripes. War dem Autor 2003 etwa Seven Nation Army noch nicht bekannt?
Mittwoch, 2. Dezember 2009 1:02
Das Englisch in eben diesem “Open Letter to Jack White” macht mich nicht schliessen, deine Lehrer hätten versagt. Sehr akzentarm, verständlich, ohne faux amis, im Vergleich mit > 75 % der Alemannen gewinnst du.
Mittwoch, 2. Dezember 2009 1:17
Vielen Dank, aber das Englisch habe ich auch erst an der Uni gelernt. Unser Englischlehrer an der Schule hatte einen rheinischen Akzent. Auch im Englischen.