Sprachlosigkeit: Die nächsten Tage

Von Lukas am Mittwoch, 11. November 2009 16:17
Kategorie: Living In A Magazine, My Favourite Game, TV On The Radio

Editorische Notiz: Diesen Eintrag habe ich gestern Nacht und heute Morgen konzipiert. Als er fertig war, war er schon lange überholt. Ich veröffentliche ihn trotzdem.

11. November
Die ARD eröffnet ihren Abend mit einem “Brennpunkt” zum Tode Robert Enkes, es moderiert Reinhold Beckmann. Weil die DFB-Pressekonferenz fast schon in ganzer Länge in der “Tagesschau” zu sehen war, unterhält sich Beckmann für den Rest der Sendung mit “Kicker”-Chefredakteur Rainer Holzschuh. Zu Gast bei “Stern TV” sind Ex-Nationaltorhüter Eike Immel, irgendein Psychologe und “Supernanny” Katharina Saalfrank, die erklären soll, welche Perspektiven ein acht Monate altes Mädchen hat, deren Adoptivvater sich gerade umgebracht hat. Günther Jauch verspricht, dass man sich für die nächste Ausgabe um den Zugfahrer bemühen werde, der zur Zeit leider noch unter Schock stehe. Zu Gast bei “Markus Lanz” ist Ex-Nationaltorhüter und ZDF-Experte Oliver Kahn, der zum Thema “Sportler und Emotionen” leider wenig beizutragen hat.

12. November
“Bild” macht mit einem ganzseitigen Foto von der Pressekonferenz von Enkes Witwe auf. Auf Seite 6 ist ein Faksimile des Abschiedsbriefs abgebildet, darüber: “So sieht der BILD-Zeichner die letzten Sekunden im Leben von Robert Enke.” Die “ZDF-Reporter” haben “aus gegebenem Anlass” mal untersucht, wie leicht man eigentlich auf so Bahngleise gelangen kann. Bei “Harald Schmidt” parodiert man die Medienhysterie, indem man im Verlauf der Sendung ganze 19 Mal zu einem Reporter schaltet, der neben dem Eingang zur Studiotoilette steht.

13. November
“Enke tot, Schweinegrippe und heute auch noch Freitag der 13.”, titelt “Bild” etwas ungelenk, aber in Horrorfilm-Optik. Der NDR muss eine andere Folge der “NDR-Quizshow” senden als vorgesehen, weil einem Redakteur gerade noch eingefallen ist, dass es bei einer Frage um den Torwart von Hannover 96 geht. Bei “Aspekte” im ZDF hat man sich entschieden, Peter Handkes “Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” mit ein paar Versatzstücken antiker Tragödien zu kombinieren.

14. November
Nachdem “Bild” den vierten Tag in Folge mit Enke aufmacht, macht sich in Fanforen Empörung breit. Einzelne Kommentatoren rufen zum Boykott der Zeitung auf. Statt des abgesagten Länderspiels Deutschland – Chile zeigt das ZDF einen Film mit Veronika Ferres.

15. November
Horst-Eberhard Richter verhandelt in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” anhand der Beispiele Robert Enke und Sebastian Deisler die Unmenschlichkeit des Profifußballs. Im “Doppelpass” des DSF stoßen Jörg Wontorra und Udo Lattek auf das Andenken von Robert Enke an.

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10 Kommentare

  1. 1

    16. November: Der SPIEGEL druckt ein fast schwarzes Titelbild (“Tod eines Torwarts”). In der Titelgeschichte wird protokollartig beschrieben (“10. November, 21:50, Kitzbühel”), was und wo Enke, der Lokführer, Enkes Frau, Jörg Wontorra, Franz Beckenbauer, Oliver Bierhoff und natürlich Johannes B. Kerner kurz vor dem Ereignis gegessen haben.

    17. November: Ende des “news cycle”. Bild macht auf mit der Schlagzeile: “Ist DAS Bohlens Neue?” Von Enke kein Wort, nirgends.

  2. 2

    Diese Präzision ist gruselig, Lukas.

  3. 3

    Gruselig ist auch das Bild von Kerner, auf das der Link führt. Betroffenheit nimmt man Kerner nicht ab, nur dieses dämliche Grinsen, das symbolisch für Quotengeilheit steht.

  4. 4

    Hallo,

    es fehlt nur noch die allgemeine Aufregung in den üblichen Blogs/Kommmentaren, mit den Eckpunkten zwischen “der arme heilige Torwart” und “wie kann man das nur dem Zugfahrer antun”, nebst ” die arme Familie” und “es leiden andere Menschen doch auch”.
    Schöner Aufsatz.

  5. 5

    Der Spiegel-Titel wird “Volkskrankheit: Depression!” lauten

  6. 6

    Fußballtorwart Robert Enke hat aus Angst vor dem Moloch Öffentlichkeit den Freitod gewählt. Diese Öffentlichkeit sind wir alle: Medienmacher und Medienkonsumenten.

  7. 7

    Gestern Abend, 18 Uhr auf Pro7 – Newstime.
    … mitten in einem Bericht über Enkes Ableben, wird eine kleiner Filmbeitrag gezeigt, zu sehen ist Enke Frau, die mit einem Helfer (Polizei oder Feuerwehr) spricht, deutlich hörbar für den Fernsehzuschauer:
    - Ich möchte zu meinem Mann, kann ich zu meinem Mann!?
    - Lebt er noch?

    Was soll so eine Sauerei? Das ist keine Berichterstattung, dass ist Presse- Sensationsgeilheit! Unglaublich, so etwas möchte ich im Fernsehen nicht sehen. Intime Momente, einer um ihren Ehemann besorgten Ehefrau.
    Gibt es da keine Obrigkeit für Fernsehberichterstattungen? Schweinerei!

  8. 8

    Und ich dachte, dass ich der Einzige wäre, dem diese Informationsoffensive zum Freitod eines Fußballers aufgefallen ist und auf die Nerven geht. Ich dachte, es würde daran liegen, dass ich nicht so sehr Fußballfan bin wie andere und wollte aus Pietätsgründen nichts sagen und einfach alles ignorieren. Aber nun bin ich wohl doch nicht mehr der Einzige – wie soll ich mich jetzt verhalten?

  9. 9

    Bin momentan nicht in Deutschland und krieg dem entsprechend von den deutschen Medien recht wenig mit.
    Als ich den Blogbeitrag eben gelesen habe, habe ich das bis zum 14. Nobember fuer eine Tatsachenbeschreibung gehalten.
    Dann ist mir aufgefallen, dass das Datum nicht passte.
    Inhaltlich haette ich das traurigerweise fuer moeglich gehalten.

  10. 10

    Für diesen “Beitrag” kann man sich nur fremdschämen. Wie wäre es damit, nicht zu jedem Thema irgendwelchen pseudokritischen Mist zu schreiben, der letztlich nur den Autor originell und witzig erscheinen lassen soll?

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