A Decade Under The Influence: 2002
Von Lukas am Montag, 9. November 2009 10:02
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me
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Noch ehe das Jahr 2002 begonnen hatte, wollte mir jeder erwachsene Mensch aus meinem Umfeld erzählen, dass das ja ein ganz besonderes Jahr für mich werden würde. Von wegen Abitur und so. Unser hochverehrter Lateinlehrer hatte uns schon Jahre zuvor deutlich gemacht, dass wir ja kein Zeugnis der Reife ausgehändigt bekommen würden, sondern nur noch ein Abgangszeugnis — und dass uns das zu Denken geben sollte. Er hatte natürlich völlig recht gehabt, denn unsere mangelnde Reife hatten wir schon mit unserem Abimotto unter Beweis gestellt. Es lautete “Abiagra — Das Abi steht” und wir waren weder die ersten, noch die letzten, die mit diesem sensationellen Wortspiel aufwarten würden.
2002 begann dann tatsächlich aber eher damit, dass das Telefon in meinem Elternhaus am 3. Januar nicht mehr funktionierte. Ein Blick in den Briefkasten sorgte für Aufklärung: In einem Schreiben vom 27. Dezember 2001 teilte uns die Deutsche Telekom mit, dass unser ISDN-Anschluss am 3. Januar 2002 aufgeschaltet würde. Pech halt, wenn ein solcher Brief eine ganze Woche braucht, und man das ganze Haus dann im Eiltempo neu verkabeln muss. Dafür konnte man Lieder plötzlich fast in der gleichen Zeit herunterladen, die man brauchte, um sie einmal na gut: drei Mal zu hören.
Meine erste bildliche Erinnerung aber ist ein Rotweinglas, das ich in den Händen hielt, als ich zum ersten Mal “Gold” von Ryan Adams hörte. Mir gegenüber saß mein Vater, der das 70-minütige Meisterwerk aus dem Vorjahr für mich zeithistorisch einordnete: “Klingt wie Neil Young”, “Klingt wie die Rolling Stones”, “Klingt wie Bob Dylan”. Stimmt natürlich alles, aber so hatten die alle eben nie gleichzeitig geklungen und so gut war auch Ryan Adams selbst weder davor noch danach gewesen.
CDs kaufte man in Dinslaken zu jener Zeit im R&K Markt, einem Elektronikmarkt mit relativ umfangreicher CD-Abteilung. Der letzte richtige Plattenladen in der Stadt, Radio Bohlen, hatte im Vorjahr dicht gemacht, aber solange man Maximilian Hecker und Pete Yorn bei R&K kriegte, war alles in Ordnung.1
Mitte Januar fuhren wir mit etwa 15 Schulfreunden (und -freundinnen) in einen Ferienpark im Sauerland. Dort fahren normalerweise Familien mit kleinen Kindern hin und man kann nichts anderes machen als Schwimmen zu gehen, zu Essen, zu Schlafen und zu Trinken. Besonders letzteres wurde intensiv betrieben, während dazu irgendwelche Schlager liefen, deren Besitz oder gar Konsum ich keinem meiner Freunde zugetraut hätte. Bis heute finde ich es schwierig bis unmöglich, Musik auf einer ironischen Ebene zu hören.2
Zu jener Zeit haben wir oft für eine große Modekette Inventuren gemacht — eine Aufgabe, die uns durch den Vater eines Freundes zugefallen war. Ins Gedächtnis eingebrannt hat sich mir, wie wir eines Nachts (unter der Woche, natürlich) auf dem Rückweg von einer Inventur in Luxemburg (natürlich) an einer Tankstelle hielten. Weil wir alle dringend auf Toilette mussten, sparten wir es uns, den Schlüssel zu holen, und pinkelten nebeneinander stehend ins angrenzende, schneebedeckte Feld. In meinem Walkman lief “I’m Like A Bird” von Nelly Furtado und noch heute kann ich das Lied nicht hören, ohne automatisch das Bild von fünf Abiturienten vor Augen zu haben, die mitten in einer klirrend kalten Januarnacht wie die Orgelpfeifen aufgereiht an einer Tankstelle in der Nähe von Bonn stehen und in die Landschaft schiffen.3
Das nahende Abitur ließ uns keineswegs ernster werden — im Gegenteil: unsere Infantilisierung schritt in beeindruckendem Tempo voran und die Welt um uns herum schien ebenfalls frei zu drehen. Im Rest-Musikfernsehen lief ein Video, das niemals hätte im Fernsehen laufen dürfen. Es zeigte Mäuse im Gleisbett einer Londoner U-Bahn-Station und wurde nur gezeigt, weil der Regisseur Wolfgang Tillmanns hieß (unter anderem berühmt für ein Foto, das ein On-Board-Frühstück im Flugzeug und ein männliches Glied zeigt) und die Band dahinter Pet Shop Boys. “Home And Dry” ist heute noch einer meiner liebsten Songs der Band, auch wenn das dazugehörige Album “Release” (mit Johnny Marr an der Gitarre) die Jahre nicht ganz so gut überstanden hat.
Der Song der Stunde war “Ein Kompliment” der Sportfreunde Stiller. Beiläufiger als “Ich wollte Dir nur mal eben sagen, dass Du das Größte für mich bist” hatte nicht mal Stevie Wonder höchste Zuneigung ausdrücken können — und besser war diese Hymne der sympathischen Bayern eh. Natürlich eröffnete sie eine der Dutzenden Kassettenmädchenkassetten, die in jener Zeit die Kassettenmädchenkassettenmaufaktur Lukas Heinser verließen, und dass die Botschaft ungehört verhallte, lag sicher nicht am Song.4
Die Sportfreunde spielten auch bei der letzten Osterrocknacht in der Düsseldorfer Phillipshalle — genauso wie Jimmy Eat World, Heather Nova und A, die gerade mit “Hi-Fi Serious” ein Album veröffentlicht hatten, das nur zwei Jahre später zu einem meiner absoluten Lieblingsalben reifen sollte. Außerdem spielte dort eine Band namens The Mars Volta ihr erstes Deutschlandkonzert und war mir auf Anhieb scheißegal.
Unser letzter Schultag kam und meine Mitschüler feierten diesen Tag ausgelassen. Ich verstand nicht, was es an der Zulassung zur Abiturprüfung zu feiern geben sollte — es war ja bei jedem einigermaßen klar gewesen, dass man sie erreichen würde, und spannend, wichtig und anstrengend würden ja erst die Abiturprüfungen selbst werden. So stand ich erst missmutig neben einer Horde verkleideter und trinkender Mitschüler und fuhr dann entnervt nach hause, um mit meinem besten Freund, der ähnlich dachte, Mathe zu lernen.5 Als mein Vater an diesem Nachmittag heimkam, erzählte er uns, dass in Erfurt ein Schüler in seinem Gymnasium um sich geschossen habe.
Die Abiturprüfungen verliefen weitgehend unspektakulär. Auf meine Englisch-LK-Klausur bereitete ich mich vor, indem ich das neue Album von a-ha und das Best Of der erst gerade von mir entdeckten Joni Mitchell hörte und dabei aufmerksam die Texte mitlas. An die Themen meiner Klausuren habe ich keinerlei Erinnerungen,6 wohl aber daran, dass ich in Mathe meine beste Note seit Jahren schrieb und von meinem Mathelehrer, der mich sieben Jahre unterrichtet hatte, dafür mit einem halb-zufriedenen, halb-resignierten “Geht doch, Lukas!” bedacht wurde.
Nach der mündlichen Prüfung waren wir frei. Vor uns lagen rund zwei Monate des süßen Nichtstuns, was im wesentlichen hieß: zwei Monate Party. Inzwischen hatte auch DSL Einzug ins Elternhaus gehalten und ich hatte im Internet einen Dienst namens Audiogalaxy entdeckt, bei dem man alles (wirklich alles) herunterladen konnte, was es an Musik so gab. Natürlich war das nicht legal, aber ich glaube, dass ich fast alles aus dieser Zeit irgendwann noch mal auf CD nachgekauft habe. Mein Mixtape aus dem Mai 2002 (mit einer kruden Mischung aus Flowerpornoes, Myballoon, Re!nvented, Blackmail, Oasis, Weezer, Neil Finn und Rod Stewart, sowie B-Seiten von Travis, Ben Folds und The Divine Comedy) ist sicher einige hundert Mal in meinem Walkman gelaufen, bevor ich mir die Tracklist dieses Jahr in iTunes nachgebaut habe.
Der wichtigste Song des Tapes und der ganzen Nach-Abi-Zeit war allerdings schon fast drei Jahre alt, stammte von den Foo Fighters und hieß “Next Year”. Was fasst denn das Leben eines Abiturienten besser zusammen als Dave Grohl, der zur Streicherbegleitung Sachen singt wie “Into the sun we climb / Climbing our wings will burn white / Everyone strapped in tight / We’ll ride it out / I’ll be coming home next year”?
Als das nächste große Ding aus Großbritannien galten in der Musikpresse damals Vega 4. Wenigstens einmal wollte ich alle Singles, EPs und Alben einer aufsteigenden Band haben und kaufte fleißig alles, was auf den Markt kam. Bis heute ist mir nicht ganz klar, wie diese Band mit ihrem hymnischen Britpop gleich zwei Mal (das zweite Mal 2006/07) völlig am Markt vorbeischießen konnte, aber ich habe sie geliebt. Hatten mich die Vorabsingles “The Better Life” und “Sing” schon begeistert, war ich völlig entflammt, als ich “The Radio Song” hörte. Saublöder Titel, zwei fast wortgleiche Strophen und eine Wiederholung des Refrains ad nauseam, aber einfach genau das Maß an Pathos, das ich damals brauchte. Im Kino lief der erste “Spider-Man”-Film.
Die Abifeier kam und war sterbenslangweilig,7 ein paar Tage später genossen meine zwei besten Freunde und ich unsere neu gewonnene Freiheit, in dem wir erst mal Urlaub machten — in Domburg, wo ich die 15 Jahre zuvor jeden Sommer zwei Wochen mit meiner Familie verbracht hatte.
Dann begann der Ernst des Lebens, der Zivildienst. Wenn man die letzten zwei Monate immer erst gegen Mittag aus dem Bett gefallen war, ist es eine erhebliche Umstellung, morgens um Acht Uhr bereits bei der Dienststelle auf der Matte zu stehen. Und wer jahrelang Mittags um Viertel nach Eins Feierabend hatte, kam mit einem Acht-Stunden-Tag auch nur schleppend zurecht.
Meine Zivistelle war die Evangelische Kirchengemeinde, meine Aufgaben bestanden aus Hausmeistertätigkeiten, Botengängen, Hausaufgabenbetreuung, Unterstützung im Kindergarten, sowie Einkaufen und Gartenarbeit für alte Leute. Die alkoholkranke Seniorin, für die ich direkt am ersten Tag große Mengen Lebensmittel einkaufen sollte, die natürlich alle schlecht werden sollten, weil sie nie Besuch bekam, drückte mir direkt ein ordentliches Trinkgeld in die Hand, das ich zwar nie hätte annehmen dürfen, das ich aber immerhin gut investiert habe: ins neue Album von Oasis. Gut, das hieß “Heathen Chemistry”, was dem ganzen kirchlichen Konzept vielleicht wieder ein bisschen entgegenlief, aber was soll‘s? Immerhin waren mit “Stop Crying Your Heart Out”, “Little By Little” und “She Is Love” einige der besten Oasis-Songs aller Zeiten auf dem Album enthalten.
Mit meinem ersten Sold Mitte Juli war ich plötzlich reich. Hatte ich vorher mit eher überschaubaren Summen auskommen müssen, war mein Girokonto nun immer im dreistelligen Bereich.8 Zwar musste ich meine Kleidung jetzt selbst bezahlen, aber man kann ja eh nicht all sein Geld für CDs ausgeben. Ich habe es trotzdem versucht: Elvis Costello, Tom Liwa, The Notwist, The Electric Soft Parade, Moby und natürlich Phantom Planet, deren “California” mich schon auf meiner Abi-Kassette begleitet hatte.
Ende Juli schlug ein Blitz im Acker neben meinem Elternhaus ein, die Überspannung fraß sich in unser Stromnetz und zerstörte einen Computer, die Telefon- und die Satellitenanlage, vier Fernseher und die gute alte Braun-Stereoanlage meines Vaters, auf der ich regelmäßig Mixtapes für junge Damen und mich selbst aufgenommen hatte. In den Monaten bis zur Reparatur der Braun-Anlage war ich auf ältere Kassetten angewiesen. Im Radio wurden den Sommer über zwei Popballaden tot gedudelt: “Indigo Girl” von Watershed und “Just More” der deutschen Girlgroup Wonderwall. Mit ihrem sympathisch pubertären “It’s Just Porn, Mum” schafften es Trucks in Deutschland nicht mal zum One-Hit-Wonder.
Slut, die im April schon die “Teardrops”-EP herausgebracht hatten, veröffentlichten “Nothing Will Go Wrong” — ein Album, das wegen seines aufwendigen Kopierschutzmechanismuses auf keinem Computer dieser Welt abgespielt werden konnte, was sehr schade war, weil es sonst sehr gut war. Readymade liefen mit “The Feeling Modified” zur Bestform auf und zum letzten Mal außerhalb der Beatsteaks wurden englischsprachige Indiebands aus Deutschland in der heimischen Musikpresse ausführlich gewürdigt.
Zum Abitur hatte ich von meinen Eltern eine Spiegelreflexkamera geschenkt bekommen, die ich auf dem Haldern Pop Dank Fotopass direkt dem Härtetest aussetzen konnte. Allerdings waren die Motive (gerade nach dem geschichtsträchtigen Line-Up des Vorjahres) nicht so wirklich prickelnd. Außer The Notwist, The Electric Soft Parade, Belle & Sebastian, The Cooper Temple Clause und die The-Verve-Nachfolgeband The Shining kann ich heute keinen der auftretenden Acts mehr erinnern.9 Dafür verbrachte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Nacht im Zelt und lernte im Pressebereich neue Freunde kennen.
Coldplay brachten ihr zweites Album auf den Markt, der im Vergleich zum Debüt schon erheblich gewachsen war. Die Mädchen aus unser Stufe verabschiedeten sich zum Studium aus Dinslaken oder gingen gleich auf große Australienreise. Was blieb, war ein ziemlich asexueller Haufen von Zivil- und Wehrdienstleistenden, die sich regelmäßig in der örtlichen Altherrenkneipe trafen.
Aus den USA kamen zwei wichtige Alben, die ich damals aber noch nicht als solche wahrgenommen habe: “Yankee Hotel Foxtrott” von Wilco und “The Rising” von Bruce Springsteen. Ich hörte lieber das auch schon ältere „White Ladder“ des Briten David Gray, weil dessen “This Year’s Love” die erste Episode der vierten Staffel “Dawson’s Creek” untermalt hatte,10 und “New American Language” von Dan Bern.
Ich durfte zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl wählen und erst sah es so aus, als würde diese Premiere direkt von einem Desaster gekrönt — Edmund Stoiber hatte sein Glas Sekt schließlich schon aufgemacht. Hätte Gerhard Schröders Gegner nicht Edmund Stoiber geheißen, hätte der SPD-Kanzler die Wahl vermutlich verloren, aber die Sorge vor dem bayrischen Ministerpräsidenten war so stark, dass sich selbst sonst unpolitische Freunde und Künstler gegen Stoiber aussprachen. So politisch war mein Umfeld danach erst wieder am 28. September 2009, als alle feststellten, dass Schwarz/Gelb versehentlich die Bundestagswahl gewonnen hatte.
Im Oktober musste ich für drei Wochen auf Zivi-Lehrgänge, deren Sinn, Zweck und Nutzen sich mir bis heute nicht erschlossen haben.11 Weil mir die anderen Teilnehmer suspekt waren und ich nicht in Gaststätten landen wollte, die “Mausefalle” hießen, las ich viel (osteuropäische Erzähler der Moderne und Musikzeitschriften) und hörte viel Musik (Coldplay, Slut). Zur Belohnung fuhr ich nach dem Ende aller Lehrgänge zum Coldplay-Konzert nach Köln und konnte der Band live dabei zusehen, wie sie sich zu Superstars aufschwangen.
Ein Superstar war ganz klar schon Robbie Williams, der mit “Escapology” nicht nur die beeindruckende Schlagzahl von einem Album pro Jahr aufrecht erhielt, sondern auch ein erstaunlich erwachsenes Album ablieferte. Die Veröffentlichung ging einher mit der Ankündigung einer großen Welttournee und so sah ich mich eines Samstagmorgens um kurz nach Acht in einem Ticketcenter stehen und für vier Eintrittskarten für die Arena auf Schalke 228 Euro in Bar auf den Tresen blättern.
Dann sagte mir jemand, ich solle mir doch mal kettcar anhören. Weil meine Deutschpunk-Sozialisation allenfalls halbherzig verlaufen war, kannte ich Marcus Wiebusch vorher gar nicht von …But Alive und Rantanplan. Ich zog mir einfach ein paar Songs aus dem Internet und stieg entweder mit “Ich danke der Academy” oder “Im Taxi weinen” ein. Es wäre etwas übertrieben, von einem Erweckungsmoment zu sprechen, aber gepackt war ich sofort. Ich hatte in den Jahren zuvor recht wenig deutschsprachige Musik gehört und war sofort beeindruckt, wie wunderbar jemand auf Deutsch über Beziehungsenden und Selbstmitleid singen konnte und dabei weder nach Pur, noch nach den Toten Hosen klang. Ich suchte weiter nach MP3s und stieß auf “Genauer betrachtet” (bis heute mein Lieblings-kettcar-Song) und “Landungsbrücken raus”, das anderthalb Jahre später ganz klischeemäßig meinen ersten Besuch in Hamburg untermalen sollte. Am Ende des Abends hatte ich die komplette “Du und wieviel von Deinen Freunden” heruntergeladen, drei Tage später hab ich mir das Album dann brav im Plattenladen gekauft und es anschließend bei den Jahrespolls deutscher Musikmagazine überall zum Album des Jahres gewählt.
Im November/Dezember habe ich entsprechend kaum etwas anderes gehört — zumindest bis das Promo-Exemplar der neuen Platte der Wallflowers eintraf. “Red Letter Days” war für viele Jahre mein liebstes Wallflowers-Album, bis mir sein doch arg Mainstream-Radio-tauglicher Sound ganz plötzlich ziemlich auf die Nerven ging.12
In der Kirchengemeinde war die Vorweihnachtszeit natürlich besonders stressig: Ständig fanden irgendwelche Weihnachtsfeiern statt, ich musste bei der Diakoniesammlung helfen und beim Aufstellen des riesigen – ich wiederhole: riesigen – Tannenbaums in der Kirche. Trotz der vielen Arbeit, die in dieser Zeit anfiel, war es die schönste Weihnachtszeit meines Lebens, weil der Blick auf das Fest an sich zumindest an diesem Ort nicht durch den ganzen Kommerzquatsch verdeckt war.
Mit meinem traditionellen Silvestergetränk, einem Glas Robbie Bubble, schied ich aus dem Jahr, das ein besonderes hatte werden sollen. Natürlich war der Umbruch von Schule zu Zivildienst groß, natürlich war der Freundeskreis schon mitten in Auflösung begriffen. Aber die wirklich großen, persönlich wichtigen Sachen, die sollten erst noch kommen. So blieb am Ende nur ein Liedzitat: “2002 — the year Schwachsinn broke”.
Es stammt aus dem Song des Jahres 2002: kettcar – Landungsbrücken raus
- Heute gehört der Laden zu einer Billigkette und hat nur noch das Nötigste an CDs vorrätig. Hertie hat ebenfalls zugemacht, so dass es extrem schwierig sein muss, heutzutage noch in Dinslaken CDs zu kaufen. Zum Glück gibt‘s ja das Internet. Und Duisburg. [↩]
- Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich auch, dass ich Guns ‘N Roses tatsächlich gut finden muss. [↩]
- Möglicherweise wird es Ihnen in Zukunft ähnlich gehen. [↩]
- Es lag auch nicht an mir. Es liegt an Frauen, die nicht hinhören, was Männer ihnen für Musik aufnehmen, und sich dann hinterher beschweren, dass Männer so unromantisch seien. Diese Frauen kriegen hinterher genau die Teelichtherzen-Typen und Kai-Pflaume-Moderationen, die sie verdient haben. Bitch! [↩]
- Ich habe meine eigene Zulassungsfeier sieben Jahre später nachgeholt, als ich mich mit meinem kleinen Bruder und dessen Freunden in die Aula schlich, wo einer ganzen Reihe meiner ehemaligen Lehrer nicht auffiel, dass ich viel zu alt war, um mein Abitur zu machen. Ich habe es sogar geschafft, mit einem Kasten Bier in der Hand von meinem eigenen Stufenkoordinator vom Schulhof verwiesen zu werden. Warum man seine Zulassung feiert, weiß ich allerdings immer noch nicht. [↩]
- Das wird ein großer Spaß, wenn ich in zweieinhalb Jahren meine Klausuren einsehen darf und vermutlich kein Wort mehr verstehe. [↩]
- Ich nehme das an, weil ich keinerlei Erinnerung an diesen Abend habe. Es könnte auch sein, dass das an dem Alkohol liegt, den ich in jener Nacht zu mir genommen habe, aber auch dann ist anzunehmen, dass ich mit dem Trinken angefangen habe, weil die Feier sterbenslangweilig war. Sie war es also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, betrunken war ich nur mit hoher. [↩]
- Sehr schnell dann natürlich auch im vierstelligen, was ich glücklicherweise ein Jahr später dadurch ausgleichen konnte, dass ich endlich den Führerschein machte. Aber dazu kommen wir nächste Woche. [↩]
- Das damalige Indiepop-Wunderkind Gemma Hayes, auf das vor allem die männlichen Festivalbesucher gewartet hatten, musste ihren Auftritt kurzfristig absagen. [↩]
- Ungefähr bei der vierten Episode dieser Staffel verlor ich den Anschluss, stieg aus und kam erst zum Finale wieder zur Serie zurück. [↩]
- Es ist aber beruhigend, dass die Zivis trotz immer kürzer werdendem Zivildienst auch heute noch drei Wochen auf teure, unsinnige Lehrgänge geschickt werden. Wenn die FDP das wüsste … [↩]
- Was mein liebstes Wallflowers-Album angeht, wäre ich heute etwas unentschlossen zwischen “Bringing Down The Horse” und “(Breach)”. Ersteres hat mit “One Headlight” und “6th Avenue Heartache” natürlich zwei amtliche Klassiker vorzuweisen, bei letzterem gefallen mir die Texte noch einen Tacken besser. [↩]
Montag, 9. November 2009 11:37
[...] dieser Erinnerungssplitter hat mir gerade Lukas Heinser von Coffee and TV in den Weg gelegt. Im dritten Teil seiner sehr lesenswerten Serie “A Decade Under The Influence” spricht er dieses Mal vom [...]
Montag, 9. November 2009 12:48
[...] Die Mädchen aus unser Stufe verabschiedeten sich zum Studium aus Dinslaken oder gingen gleich auf große Australienreise. Was blieb, war ein ziemlich asexueller Haufen von Zivil- und Wehrdienstleistenden, die sich regelmäßig in der örtlichen Altherrenkneipe trafen.[...]
Dieses Leben habe ich zwei Jahre später ebenfalls gelebt.
Montag, 9. November 2009 14:06
wie um himmels willen kann man sich so genau an dinge erinnern, die so viele jahre zurückliegen?!
schöne serie jedenfalls, lese ich jede woche gerne (wie dein blog sowieso – meistens), schade dass eine dekade nur 10 jahre hat ;)
bei dem landungsbrücken-video fehlt aber der letzte (beste) teil, inklusive “2002 the year schwachsinn broke”… schade
Montag, 9. November 2009 15:14
Wäre ich konsequent, würde ich jetzt mal wieder im Brustton der Überzeugung darauf hinweisen, dass Kettcar noch nie so gut waren wie auf “Sylt”. Aber ich glaube, heute lasse ich das einfach mal so stehen. Ich kannte zumindest …but alive übrigens schon vor kettcar, wenn auch nur oberflächlich; der Name Marcus Wiebusch sagte mir allerdings überhaupt nichts.
Montag, 9. November 2009 20:26
auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: großartig!
Montag, 9. November 2009 21:20
einfach nur großartig
Dienstag, 10. November 2009 0:37
Sehr, sehr schön. Du bist zwar etwas älter als ich, aber ich kann deine Sozialisation nachvollziehen.
Darf mensch fragen um welche “osteuropäischen Erzähler der Moderne” (Anführungsstriche sind nicht irgendeiner fehlgeleiteten Ironie sondern einzig und allein dem Zitat geschuldet) es sich handelt?
Dienstag, 10. November 2009 5:52
jupp! liest sich gut, das.
Dienstag, 10. November 2009 12:00
2002 war ich krank, glaub ich. Oder irgendwie anders nicht da…
*grübel*
Ach ne, da wurde Kind #1 geboren, kein Wunder, das ich mich an all das andere nicht mehr erinnere…
Dienstag, 10. November 2009 21:56
immer wieder gern gelesen!
Mittwoch, 11. November 2009 7:37
hehe…
dawson’s creek… und ich dacht ich wäre alleine damit mir musik-tipps davon geben zu lassen
wuhahaha
man, tolle sache diese jahres-sache
Sonntag, 22. November 2009 23:19
[...] noch so ein Ding, das offenbar ziemlich üblich war in unserer Generation in unserer Gegend. Herr Heinser war öfter, und auch 2002, im Urlaub in Domburg, was ziemlich genau 4 Kilometer entfernt [...]
Donnerstag, 26. November 2009 18:43
In dem Abitureintrag hätte ich eigentlich noch den Ratgeber fürs Abilied erwartet. Das ist leserfreundlich und zeigt den direkten Vergleich.