A Decade Under The Influence: 2001
Von Lukas am Montag, 2. November 2009 10:01
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me
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Das Jahr 2001 begann natürlich (“Kräbääh, kräbääh!”) mit dem Refrain von Robbie Williams’ “Millennium”. In der dritten Januarwoche fuhren wir mit der Klasse für zweieinhalb Tage auf die “Tage religiöser Orientierung”, deren erste Ausgabe zwei Jahre zuvor intern auch als “Tage flächendeckender Alkoholisierung” bekannt geworden waren. Diesmal verlief alles harmlos, das Extremste war eine Waffelbackorgie, die wir nachts um halb Zwölf mit ins Haus geschmuggelten Zutaten und Waffeleisen in der Küche der Jugendbildungsstätte “Baustelle” in Dülmen-Daldrup veranstalteten.
Mein Elternhaus war erst im Vorjahr mit einer Satellitenschüssel ausgestattet worden,1 jetzt war Viva 2 auch über Astra zu empfangen. Ich verbrachte entsprechend ganze Nachmittage vor dem Fernseher und sog alternative Popkultur in mich auf. Charlotte Roche, Rocco Clein, Markus Meske, Nils Neumann und natürlich die süße Tanja Mairhofer erklärten mir, was angesagt war und ich kann heute noch die Videos herunterbeten, die im Frühjahr 2001 auf Heavy Rotation liefen: “Same Sane” von Blackmail, “It Was Easier” von Slut, “Lucky Denver Mint” von Jimmy Eat World (der verspätete Deutschland-Release von “Clarity” aus dem Jahr 1999 war schuld), “Used For Glue” von Rival Schools, “One More Time” von Daft Punk, “The Slow Phaseout” von Motorpsycho, “Shining Light” von Ash, “So Why So Sad” und “Found That Soul” von den Manic Street Preachers, “Mr. Writer” von den Stereophonics, schließlich “Sing” von Travis, …
Fast alle diese Videoclips resultierten im Kauf der dazugehörigen CDs.2 Ich kaufte mir die ersten Musikzeitschriften aus Dortmund und studierte sie intensiv. Dann schrieb ich meine erste eigene Rezension auf “Plattentest online” — ich weiß natürlich noch genau, welche das war, aber Sie und ich, wir wollen uns nicht die Mühe machen, diese auch wieder hervorzukramen.3
Weil mein Großvater krankheitsbedingt eine Pilgerreise absagen musste, fand ich mich mit meinem Vater in den Osterferien plötzlich in Rom wieder. Mein ambivalentes Verhältnis zur katholischen Kirche wurde nicht weniger widersprüchlich, als ich an Palmsonntag auf dem Petersplatz stand und von der Stimmung – damals wurde noch laut “Giovanni Paulo” skandiert – förmlich überrollt wurde. Abends auf den hell erleuchtenden Petersdom zu blicken und dabei die Smashing Pumpkins im Walkman zu hören, war sehr beeindruckend.
R.E.M. hatten mit “Imitation Of Life” nicht nur die dickste Radio-Rotation seit “Man On The Moon” (ungefähr), das dazugehörige Video war auch höchst beeindruckend. Ihre Gratis-Show auf dem Kölner Roncalliplatz habe ich mir trotzdem am heimischen Fernseher angesehen, weil ein Freund und ich uns dann doch nicht in eine völlig überfüllte Domstadt getraut haben. Dafür konnten wir bequem den Ton der MTV-Übertragung (die leider eine halbe Stunde später begann als das Konzert) mitschneiden und uns unser eigenes Bootleg basteln.
Der 11. Juni markierte den Tag, an dem ich eine CD erstmals am Tage ihrer Veröffentlichung erstand: bei “The Invisible Band” von Travis wollte ich wirklich nicht warten, bis sie am Donnerstag im Angebot stehen würde. Ich hörte das Album einige hundert Male und lernte alle Songs auf der Gitarre auswendig. Kurz darauf wurde es schon wieder religiös, denn ich fuhr zum evangelischen Kirchentag nach Frankfurt, wo es mir entgegen anfänglicher Zweifel auch sehr gut gefiel.
Radiohead brachten den zweiten Teil von “Kid A” heraus, den sie “Amnesiac” genannt hatten, und dem als Nachfolger eines Meisterwerk etwas die Größe und das Überraschungsmoment des Vorgängers fehlten. Ich hatte unterdessen die Möglichkeiten von Audioaufnahmen am PC entdeckt und mich daraufhin in meinem Schlagzeugkeller verbarikadiert, um mit dem herumstehenden Equipment – und ein wenig Hilfe von Freunden – ein komplettes Album aufzunehmen, das ich alsbald jedem in die Hand drückte, der es nicht haben wollte.
Kurz vor Beginn der Sommerferien kam es endlich zu einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Mädchen, für das ich die letzten sechs Monate geschwärmt hatte. Es lief in etwa wie folgt:
Sie: “Kann es sein, dass Du mir in letzter Zeit ein bisschen hinterherrennst?”
Ich: “Öh …”
Sie: “Dir muss doch auffallen, dass mich das nervt …”
Ich: “Oh, Entschuldigung …”
Sie: “Ja, schönen Tag noch!”
Ich beschloss, meine Energie vorerst für die Bewunderung von Ben Folds aufzuwenden. Begeistert lernte ich vorher schon mal das Tracklisting seines angekündigten Soloalbums “Rockin’ The Suburbs” auswendig, schnitt den Realplayer-Stream4 der gleichnamigen Single mit und markierte mir das Releasedate mit einem riesigen Ausrufezeichen in meinem Wandkalender: 11. September 2001.
Bevor es so weit war, kamen aber erst mal die Sommerferien und das Haldern Pop Festival. Inzwischen hatte mein bester Freund Führerschein und Auto und so fuhren wir am Freitagnachmittag von Dinslaken nach Haldern, um uns Blackmail, JJ72 und Muse anzusehen, abends wieder zurück nach Dinslaken und am Samstag wieder hin. Mit The Divine Comedy, Neil Finn, Starsailor,5 Slut und Travis wurde ein Line-Up in Stein gemeißelt, das zumindest für mich persönlich bis heute unerreicht geblieben ist.
Am 24. August, dem Geburtstag meiner Großmutter, klingelte der Postbote und brachte ein Rezensionsexemplar von “Rockin’ The Suburbs” vorbei. Ich legte die CD in meinen Computer, drückte auf Play und als nach zwei Takten “Annie Waits” der Handclap kam, hatte Ben Folds mich schon von seinem Album überzeugt. Weil die Geburtstagsfeier in einem Restaurant außerhalb stattfand, konnte ich die Hin- und Rückfahrt über in meinem Discman der CD lauschen. Das war vielleicht nicht sonderlich kommunikativ, aber – Hey! – es ging hier immerhin um das meist erwartete Album meines bisherigen Lebens.
Nach ungefähr drei Durchgängen stand “Still Fighting It” als mein Favorit fest: Allein die ersten Zeilen “Good morning, son / I am a bird / Wearing a brown polyester shirt” waren so irre, dass sie später in nahezu jeder Rezension zitiert wurden. Und auch wenn man Erzähler und Sänger eines Songs nie für ein und dieselbe Person halten sollte, war bei “Still Fighting It” klar, dass Folds hier direkt zu seinem damals zweijährige Sohn Louis sang. Und wer würde, egal wie alt, nicht zustimmen, wenn Folds erklärt: “Everybody knows it sucks to grow up / But everybody does”? Eben.
Zwei Wochen später fuhren wir mit unserem Erdkunde-LK auf Kursfahrt nach Berlin, neben diversen Mixtapes war eine auf Kassette überspielte Version von “Rockin’ The Suburbs” ständig in meinem Walkman. Ich muss das Album in den ersten Wochen an die hundert Mal gehört haben. In Berlin ärgerten wir uns, dass wir nicht eine Woche später in der Stadt waren, denn am darauf folgenden Dienstag hätten wir uns Radiohead in der Waldbühne anschauen können.
Wir fuhren wieder nach Dinslaken zurück, der darauf folgende Dienstag kam und ich hatte zu meiner mittäglichen Tiefkühlpizza mal wieder “Rockin’ The Suburbs” durchgehört. Die letzten Töne waren gerade verklangen, als meine Mutter von der Arbeit nach hause kam und sagte, im Radio hätte es geheißen, das World Trade Center stehe in Flammen. Wir schalteten den Fernseher ein und sahen Geschichte live beim Passieren zu.
Am Abend dieses 11. Septembers 2001 war ich verwirrt, erschrocken, in Angst. Als ich ins Bett ging, legte ich “Rockin’ The Suburbs” in meinen Discman und hörte “Still Fighting It”. In der Rückschau könnte man das Liedzitat “The years go on and / We’re still fighting it, we’re still fighting it” natürlich ganz anders interpretieren, aber in diesem Moment beruhigte mich der Song auf eine ganz merkwürdige Weise.6
Zwei Tage später war ich mit meinem besten Freund mal wieder auf einem Konzert von Tom Liwa. Er spielte mit seiner damaligen Rockband No Existe, es gab kaum Ansagen und die Songs wurden mit Gewalt und ohne Rücksicht auf Verluste durchgeprügelt. Nur die letzte Zugabe war ruhig: “Liebe ist in der Luft”, was unter den Vorzeichen wie eine Art Hilferuf oder Gebet wirkte.
Die nächsten Wochen über waren alle wie betäubt und ich war mir nicht sicher, ob ich meinen achtzehnten Geburtstag noch erleben würde oder ob vorher ein weiterer Anschlag oder ein Gegenschlag alles Leben beenden würde. Ich konnte meinen Geburtstag schließlich feiern und hörte fortan nur noch die Alben, die ich geschenkt bekommen hatte: “Get Ready” von New Order, die grüne “Weezer” von Weezer, “If You’ve Never Been” von Embrace und “Bleed American” von Jimmy Eat World, deren Titel alsbald zurückgezogen wurde, weil er plötzlich viel zu zynisch wirkte. Die Eels veröffentlichten “Souljacker”, auf deren Cover Mark Oliver Everett zufälligerweise selbst wie ein Terrorist aussah.
Dann begann der Krieg in Afghanistan, in den USA wurden Briefe mit weißem Pulver verschickt und irgendwie wurde alles noch bizarrer. Ich sah die Stereophonics live und abermals Travis. Fran Healy hielt einen beeindruckenden Vortrag darüber, dass wir Menschen doch eigentlich alle gleich wären, dann spielte die Band “Side”.
So unvorstellbar es anfangs auch erschienen war: Man gewöhnte sich an alles, das Leben ging weiter. LK-Klausuren mussten geschrieben, Abizeitungen vorbereitet werden, man ging weiter auf Parties und verliebte sich wieder hoffnungs- und ergebnislos. Im Radio entdeckte ich den Orchesterpop von Mercury Rev und kaufte mir das endlich erschienene Debütalbum von Starsailor. Die wichtigste neue Band des Jahres, wenn nicht Jahrzehnts, zog damals unbemerkt – was man ja auch erst mal schaffen muss – an mir vorbei: The Strokes.
Pünktlich zum Fest brachte Robbie Williams, der im Sommer schon mit dem fragilen “Eternity” beeindruckt hatte, den Swing zurück in die Jugendzimmer der Welt. Dann kam Weihnachten und war nicht groß anders als in den Jahren zuvor — wen interessiert ein Krieg in Afghanistan, wenn man sich unterm Tannenbaum in die Haare kriegen kann? Den Silvesterabend verbrachte ich natürlich damit, mit Freunden die letzten Stunden von Viva 2 zu gucken, das ja zum 1. Januar 2002 abgewickelt werden sollte. Nach nur einem Jahr Musikfernsehen für mich stand das Musikfernsehen in Deutschland kurz vor seinem Ende, das sich bis heute auf unappetitlichste Weise hinzieht.
Den Song des Jahres 2001 habe ich nie im Fernsehen gesehen: Ben Folds – Still Fighting It
[Dank GEMA nicht bei YouTube verfügbar und deshalb bei MyVideo verlinkt.]
- Jetzt, wo ich das alles mal so aufschreibe, entsteht bei mir der Eindruck, in einem eher technikfeindlichen Haushalt aufgewachsen zu sein: so spät Satelliten-Fernsehen, so spät Internet. Es fühlte sich aber damals gar nicht so an — immerhin hatten wir eine Brotbackmaschine. [↩]
- Wie ich das alles finanziert habe, ist mir heute völlig schleierhaft — immerhin war mein Taschengeld eher übersichtlich und gearbeitet habe ich auch nie. Für das Jahr 2001 liegen mir leider keine Zahlen vor, aber es muss deutlich mehr gewesen sein als die 630 D-Mark im Vorjahr. Vielleicht war es von Vorteil, dass ich zu jener Zeit quasi nie in Kneipen oder Clubs ging. [↩]
- Sowieso wollen wir uns nicht die Mühe machen, irgendwelche Archive zu sichten. [↩]
- Kinder, bitte fragt Eure Eltern, was das war. Zu Beginn dieses Jahrtausends brauchte man im Internet noch jede Menge Zusatzprogramme, um Musik zu hören oder Videos zu gucken. Musikvideos tauschte man damals auch noch auf CD-Roms oder – sprecht Eure Großeltern mal drauf an – VHS-Kassetten. [↩]
- Damals quasi Co-Headliner, bevor das Debütalbum auch nur erschienen war. [↩]
- Ich weiß, dass meine Schilderungen spätestens jetzt konstruiert und künstlich klingen müssen, aber ich schwöre, ich schreibe nur auf, wie es war. [↩]

Montag, 2. November 2009 13:39
Ben Folds – Still Fighting It – was für ein schönes Lied. Beim Video bin ich ambivalent. Auf der einen Seite mag ich Kinder und der kleine Folds wurde sicherlich in keiner Weise zum Dreh genötigt oder muss sich später dafür schämen. Auf der anderen Seite ist mir immer ein wenig unwohl, wenn Prominente ihre Sprösslinge “benutzen” – auch wenn es so gelungen “rüberkommt”.
Montag, 2. November 2009 16:30
JJ72 ist seitdem regelmäßig wieder mein Soundtrack für den Herbst. Ein zünftiges Gewitter wird durch Oxygen erst richtig schön.
Montag, 2. November 2009 20:22
Das letzte Mal hieß es noch Krabääh. Wie denn nun?
Montag, 2. November 2009 22:33
Ist wahrscheinlich bis dato der beste Jahresrückblick, und auch wenn ich bisschen jünger bin (‘90), so kann ich mich doch auch mit den Ereignissen identifizieren, auch wenn mir erst jetzt auffällt wie viel gute Musik die erste Hälfte der Nuller-Jahre zu bieten hatte, denn mein Bedürfnis nach bestimmter Art von Musik hat sich erst 2005 offenbart. Freue mich auf mehr, vor allem auf die Jahre die ich bewusster mitverfolgt habe.
Dienstag, 3. November 2009 7:07
bei deinem Rückblick wird mir warm ums Herz, ehrlich. in dem Jahr fing ich so langsam an, ‘richtige’ Musik für mich zu entdecken und meine Kinder-CDs/-Kassetten immer weiter unten im Regal zu deponieren, bevor sie schließlich, Jahre später, in irgendeiner Kiste im Keller endgültig verschwunden sind.
Dienstag, 3. November 2009 9:33
Ich hatte das gleiche Viva Zwei-SatAn-lagen-Schicksal, musste das aber zum Glück nicht mit religiösem Massenveranstaltungen ausgleichen. Das schlimmste ist, dass ich sogar noch die ganzen Werbespots (man erinnere sich an die unglaubliche CD-Kollektion “Moods”..) auswendig kann.
Fehlt Ryan Adams eigentlich mit Absicht?
Dienstag, 3. November 2009 13:15
Super Serie, super interessant. Bei “Sing” fühl ich mich fast ein bisschen alt. Hab´s damals noch auf Kassette aufgenommen ^^
Und das mit dem Mädchen … vernünftig gelöst, würde ich sagen ;)
Dienstag, 3. November 2009 13:33
@SvenR: So ambivalent sehe ich das auch. Einerseits ist es sehr authentisch und erweckt gar nicht den Eindruck von “Vorführen”, andererseits würde ich, wenn ich Kinder hätte, die nicht mal hier im Blog zeigen oder vorstellen. Folds macht es in Videos, Booklets und seinem Twitter-Account.
@freda:
Nun warte doch erst mal ab, mit welcher Platte 2002 beginnt … ;-)
Dienstag, 3. November 2009 16:52
@Lukas: Und da schrubst Du noch neulich, dass man bei Twitter nichts relevantes lesen könne…:-)
Dienstag, 3. November 2009 21:46
Beruhigend, dass man diese Jahre ganz anders erleben kann. Bin doch froh, dass ich etwas älter bin und die Jahre vorm Erwachsenwerden in den 1990ern durchgemacht habe.
Dienstag, 3. November 2009 21:55
Sehr romantisch, dieses Vier-Augen-Gespräch. <3
Ich wünschte, mir gegenüber wären Mädchen in der Zeit so respektvoll und einfühlsam gewesen.
Dienstag, 3. November 2009 22:03
Lese immernoch fasziniert mit, allerdings hat mir der erste Teil besser gefallen, weil er näher mit meinen eigenen Erfahrungen verbunden ist. Beschweren kann ich mich nicht – so hat Lukas Heinser 2001 erlebt und da kann man nicht rumnörgeln.
Persönlich lag mir Hot Shots II von The Beta Band mehr am Herzen und der 11. September sah auch etwas anders aus. Jedoch habe ich darüber bis jetzt nicht geschrieben und ich muß einfach den Hut ziehen vor so viel Detailreichtum und Präzision in diesen Posts.
Ben Folds ist an mir anscheinend vorbeigegangen. Die Musik erinnert mich an James Blunt (unfair, weil Blunt ja später war), jedoch sind die Lyrics wirklich gut. Danke für den Hinweis.
Mittwoch, 4. November 2009 11:20
[...] was my first Love. It will be my last. Teil 2 (2001) hier. Und dabei, scheinbar hat das der liebe Lukas vergessen, begann seine Serie bereits mit diesem [...]