Beiträge vom November, 2009

A Decade Under The Influence: 2005

Von Lukas Heinser am Montag, 30. November 2009 10:05

Dieser Eintrag ist Teil 6 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Das Jahr begann mit der Promo-CD zum heißest erwarteten Album des Jahres.1 Es kam aus Hamburg, hieß “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen” und stammte von kettcar. Den Presseinfo-Schreibwettbewerb verlor ich zwar im Fernduell – völlig zu Recht – gegen einen der wenigen Männer, gegen den ich mit Freuden verliere,2, aber dafür konnte ich die Platte bis zur offiziellen Veröffentlichung im März schon mal tot hören. Das Album unterschied sich insofern vom Debüt, als die meisten Texte deutlich positiver und euphorischer klangen, aber es war auf seine Weise wieder sehr gut. Noch heute kriege ich eine Gänsehaut, wenn Marcus Wiebusch in “Balu” fragt: “Ich werd’ immer für dich da sein / Bist Du dabei?”, und die ganzen persönlichen Geschichten zu und um “Nacht” werde ich irgendwann mit 50 vielleicht mal bei einem Glas Rotwein am Kamin erzählen.

Bevor “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen” tatsächlich erschien, versuchten andere Künstler sich schon mal im Rennen ums Album des Jahres zu positionieren. Tocotronic drangen auf “Pure Vernunft darf niemals siegen” in höchste Höhen und tiefste Tiefen vor und bewiesen mit “Gegen den Strich”, dass man in einem deutschsprachigen Popsong durchaus Oscar Wilde und Joris-Karl Huysmans zitieren kann. Die Bright Eyes machten einen auf Guns N’ Roses und veröffentlichten an einem Tag zwei Alben. Während das elektronische “Digital Ash In A Digital Urn” ziemlich an mir vorbei ging, wurde “I’m Wide Awake It‘s Morning” mein ständiger Begleiter. Hatte ich mit Conor Obersts vorherigen Arbeiten wenig bis gar nichts anfangen können, trafen mich seine Folksongs diesmal direkt ins Herz. Ich erinnere mich, das Video zu “Lua” mehrfach nachts im Musikfernsehen gesehen zu haben, auch wenn ich keine Idee habe, auf welchem Sender dies geschehen sein könnte. …And You Will Know Us By The Trail Of Dead knallten mir ein Album vor den Latz, das ich bis heute nicht verstanden habe: Mir will einfach nicht einleuchten, wie da aus roher Energie liebliche Popsongs erwachsen konnten. Und doch: “And The Rest Will Follow” würde sicher auch meiner Oma gefallen. Irgendwie.

Im Kino lief “Hautnah” mit Natalie Portman, Julia Roberts, Clive Owen und Jude Law und brachte mir die Musik von Damien Rice näher, dessen Album “O” ich anderthalb Jahre zuvor als “langweilig bis quälend” beiseite gelegt hatte. Auch den Killers widmete ich jetzt endlich meine volle Aufmerksamkeit und verfiel Songs wie “Mr. Brightside”, “Jenny Was A Friend Of Mine” und “Smile Like You Mean It”. Hype-Thema der Stunde aber waren – neben kettcar, die es immerhin in die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”, die “Tagesthemen” und schließlich auch zu “Polylux” schafften – natürlich Bloc Party. Deren durchaus schwungvollen Rocksongs waren noch an mir vorbeigegangen, aber als das schwelgerische “So Here We Are” auf BFBS lief, musste ich zugreifen.

Mein Fernsehkonsum war erheblich gestiegen, was zum einen “Sarah Kuttner – Die Show” lag, wo man fast alle Bands, deren Platten man kaufen wollte, auch live im Fernsehen bewundern konnte, zum anderen an “O.C., California”. Gut zwei Jahre nach dem Ende von “Dawson’s Creek” hatte ich wieder eine unterhaltsame Jugendserie, die ich mir ansehen konnte, und eine Identifikationsfigur sondersgleichen: Seth Cohen hatte tatsächlich Plakate von Death Cab For Cutie und Ben Folds über seinem Bett hängen. Die Storylines waren (zumindest in den ersten zwei Staffeln) okay und die Dialoge bisweilen brillant.

Die Stereophonics brachten mit “Dakota” ihre beste Single seit mindestens sechs Jahren heraus, vermutlich sogar die beste ihrer ganzen Karriere. Wir Sind Helden meldeten sich mit “Von hier an blind” zurück und veröffentlichten darauf endlich den Song, den alle Downloadfans der ersten Stunde schon fürs Debütalbum erwartet hatten: “Nur ein Wort”. “Wenn es passiert” toppte das alles für mich persönlich aber noch mal um ein ganzes Stück.

In den Semesterferien schrieb ich mit einem Engagement, das mich selbst überraschte, eine Hausarbeit über die Kirchenlieder Martin Luthers. Ich würde diese Arbeit heute als Höhepunkt meiner akademischen Laufbahn bezeichnen, denn konzentrierter und wissenschaftlicher habe ich nie gearbeitet — nicht mal an meiner B.A.-Arbeit. Zum Lohn gab es auch die beste Note meiner ganzen Uni-Karriere.

Um endlich das Theologie-Studium zu haben, das ich mir immer gewünscht hatte,3 entschied ich mich als Referatsthema in meinem Italienisch-Blockseminar für den Vatikan im Allgemeinen und Papst Johannes Paul II. im Besonderen. Da der Heilige Vater schon während der Osterfeierlichkeiten schwer krank und abwesend gewesen war, hoffte ich inständig, er werde wenigstens durchhalten, bis ich mit meinem Vortrag an der Reihe war. Am Donnerstagvormittag erzählte ich also meinen Kommilitonen irgendetwas, das ich selbst nur halb verstand, und dachte anschließend: “Na ja, dann kann er ja jetzt abtreten.” Am Abend des selben Tages berichtete n-tv in Breaking News, dass sich der Gesundheitszustand des Kirchenoberhauptes jetzt aber dramatisch verschlechtert habe. Etwa 48 Stunden später sagte auf RTL ein überraschend unvorbereiteter Praktikant in die Kamera, dass der Papst soeben gestorben sei. Es dauerte einige Tage, bis ich mich nicht mehr ganz so verantwortlich fühlte. Auf ewig werde ich meinen ersten toten Papst mit Schnappi und dem dazugehörigen Kind verbinden, denn die standen gerade bei der Echo-Verleihung auf der Bühne, als das Bild einfror und RTL in sein Nachrichtenstudio umschaltete.

Im Mai wurde ich Moderator bei CT das radio, was zur Folge hatte, dass ich nun mindestens einmal in der Woche um 5.40 Uhr aufstehen musste, um die “Frühschicht” zu moderieren. Der Vorteil war natürlich, dass man jede Menge heißer neuer Singles spielen musste und so ziemlich genau wusste, was gerade angesagt war. “Apply Some Pressure” von Maxïmo Park war so ein Fall, “Daft Punk Is Playing At My House” von LCD Soundsystem, “Hey Man (Now You’re Really Living)” von den Eels oder “Unsinkbar” von Astra Kid, zum Beispiel.

Auch Ben Folds veröffentlichte ein neues Album — “Songs For Silverman” überzeugte mich nicht ganz so wie “Rockin’ The Suburbs”, war aber dafür wieder mit einer richtigen Band eingespielt. Die stand dann auch mit auf der Bühne, als ich Folds nach fast sechs Jahren des Wartens Anfang Juni endlich live sah. Das Konzert in Berlin war für mich eines der Emotionalsten, das ich jemals erlebt habe. Nach der Show wartete ich mit meiner Freundin, einem Österreicher und einem Israeli, der extra für das Konzert angereist war, an der Zufahrt zur Columbiahalle. Gemeinsam schafften wir es, die Aufmerksamkeit von Bassist Jared Reynolds zu erregen, der gerade auf dem Weg zum Auto war. Ein paar Minuten voll Small Talk und Autogrammeschreiben durch das geschlossene Tor später kam the man himself vorbei, bat, das Tor zu öffnen, und so standen wir zu viert andächtig um Ben Folds herum, der erzählte, wie er während seines Studiums in Wien Falco auf der Straße gesehen hatte (er verband das mit einer beeindruckenden Falco-Imitation), allein für mich vier Tonträger unterschreiben musste und bereitwillig für Erinnerungsfotos posierte. Als er dann noch zusagte, unsere Wünsche für das Kölner Konzert am folgenden Abend zu berücksichtigen, war das Fan-Erlebnis meines Lebens in Marmor gemeißelt.4

Unterdessen hatten auch drei meiner Lieblingsbands neue Alben herausgebracht: Coldplay entschwebten auf “X&Y” ein wenig in ferne Sphären, fanden aber noch genug Zeit, um dabei Singles wie “Fix You”, “Talk” und “The Hardest Part” aus dem Ärmel zu schütteln. The Wallflowers schlossen auf “Rebel, Sweetheart” qualitativ wie akustisch an “Bringing Down The Horse” an, während Oasis auf “Don’t Believe The Truth” zwischen allen Stühlen saßen und sich an Quasi-Covern von The Velvet Underground und den Stranglers versuchten. Der beste Oasis-Song des Jahres kam aber eh von Sugarplum Fairy und hieß “Sweet Jackie”. Billy Corgan brachte ein irrelevantes Soloalbum raus und kündigte pünktlich zu dessen Veröffentlichung per Zeitungsanzeige an, die Smashing Pumpkins wieder vereinigen zu wollen.

In der Uni-Buchhandlung entdeckte ich erst ein preisreduziertes Mängelexemplar von “Wenn man einen weißen Anzug anhat” und dann meine Begeisterung für Max Goldt, dessen bisher erschienenes Gesamtwerk ich binnen weniger Wochen verschlang, ehe ich es wieder von vorne begann. In meiner WG zogen die zwei Mitbewohner aus, mit denen ich ein Jahr mehr schlecht als recht gehaust hatte, und ich entschied mich unter den zahlreichen Kandidaten, die sich für die Zimmer vorstellten, zielsicher für diejenigen, mit denen ich in den folgenden Jahren am wenigsten Worte wechseln und über deren Sauberkeit (also deren mangelnde) ich mich am meisten aufregen können würde. Dafür hatte ich auch in der WG jetzt endlich wieder DSL. Gerade rechtzeitig, bevor ich in die Musikredaktion bei CT eintrat und endgültig alle Musik direkt in den Rachen geworfen bekam. Zunächst durfte ich die Sendung “Rockaway Beach”, die eigentlich für Punk und Alternative vorgesehen war, mit der Mädchenmusik beschallen, die ich gerne hörte, kurz darauf bot man mir auch noch die Leitung der Musikredaktion an. Ich war zu überrascht, höflich und scharf auf noch mehr CDs, um das Angebot auszuschlagen.

In Oberhausen fand das erste Area 4 statt. Mit ein paar Freunden fuhr ich von Dinslaken aus zum Festivalgelände und sah mir die Beatsteaks und Nine Inch Nails von einem Wall außerhalb der Abzäunung an. Als kettcar im Zelt zu spielen begannen, fragten wir Besucher, die das Gelände verließen, ob wir ihre Karten haben könnten (mit denen kam man nämlich wieder rein). Sie sagten, sie seien selbst über den Zaun geklettert und keine Minute später sprangen wir auch schon über ein Baustellengitter und schlugen pünktlich zu “Landungsbrücken raus” im Zelt auf. Um das Gewissen zu beruhigen, nahm ich aber beim Auftritt von System Of A Down noch ein paar überteuerte Festival-Getränke zu mir.

Durch extrem geschicktes, frühzeitiges Booking hatte das Haldern Pop mit Franz Ferdinand (die Älteren werden sich erinnern) und Mando Diao (ja, die gab‘s damals auch schon) zwei der populärsten Headliner seiner Geschichte. Das Festival war natürlich entsprechend früh ausverkauft, aber was “ausverkauft” beim Haldern heißt, konnte man erst bei Mando Diao sehen: Offensichtlich befanden sich zum ersten (und bisher einzigen) Mal alle Besucher gleichzeitig auf dem Alten Reitplatz, denn so voll habe ich es dort wirklich sonst nie erlebt. Ich selbst saß während des Konzerts allerdings im Pressezelt, denn das Wetter, das während des ganzen Festivals für knöcheltiefen Schlamm und entsprechende Laune gesorgt hatte, ließ sich auch nicht von ein paar schwedischen Halbstarken irritieren. Bei Franz Ferdinand drehte sich Josef Winkler (of “Musikexpress” fame) bei einem der Songs vom neuen Album zu mir um und sagte sehr bestimmt: “Was für ein doofes Lied!” Aber es gab ja noch Art Brut, The Robocop Kraus, Kaiser Chiefs, Nada Surf, Kaizers Orchestra, Phoenix, Tocotronic und The Polyphonic Spree, was – mit einigen Jahren Abstand betrachte – immerhin zum zweitbesten Haldern-Line-Up nach 2001 taugt. Mit Moneybrother, der auch dort spielte, führte ich mein erstes englischsprachiges Interview, das erstens nach fünf Minuten vorbei war und zweitens so unfassbar schlecht lief, dass ich es einmal in voller Länge im Radio sendete und die entsprechende Minidisc5 danach mit einem großen Hammer löschte.

Die nächsten Interviews ließen sich besser an: Jupiter Jones erwiesen sich als sehr nette und lustige Zeitgenossen und das Interview mit Death Cab For Cutie, bei dessen Zusage ich mich noch gefragt hatte, wie ich wohl die vereinbarten zwanzig Minuten mit Fragen füllen sollte, dauerte letztlich über eine halbe Stunde, während derer Ben Gibbard und Nick Harmer sogar ihr Essen kalt werden ließen.6 Besonders in Erinnerung blieb mir auch der Versuch des US-Amerikaners Harmer, eine deutsche Mineralwasserflasche ohne Flaschenöffner zu öffnen. Während man amerikanische Kronkorken durchaus abdrehen kann (außer, man ist ich), zieht man sich an ihren deutschen Verwandten unschöne Schürfwunden zu.

Aber überhaupt Death Cab: Die veröffentlichten mit “Plans” ein Album, dessen ganze Größe mir erst im Laufe der folgenden Jahre klar werden sollte. “Marching Bands Of Manhattan” und “Soul Meets Body” fand ich von Anfang an toll, aber die Qualität von Songs wie “I Will Follow You Into The Dark” oder “Your Heart Is An Empty Room” erkannte ich erst mit der Zeit.

Da das Tapedeck im Autoradio meines Kadetts (der natürlich weiterhin meinen Eltern gehörte und in Dinslaken stand) kaputtgegangen war, ersteigerte ich bei eBay ein neues Autoradio, das sogar einen Aux-Eingang hatte. Bevor ich mir die nötigen Adapterstecker besorgen konnte, um das Gerät in das 17 Jahre alte Auto einzubauen, brachten meine Eltern das Auto zum TÜV, der erstaunt fragte, ob das Auto wirklich bisher noch nicht auseinander gefallen sei.7 Ich durfte eine letzte Abschiedsrunde mit dem Kadett drehen, der mich als Kind jahrelang sicher in den Sommerurlaub getragen hatte und mir in den zwei Jahren seit meiner bestandenen Führerscheinprüfung zum treuen Freund, Umzugs- und Festivalbegleiter geworden war. Im Radio lief “Bad Day” von Daniel Powter. Mit Kloß im Hals lieferte ich mein Baby am Schrottplatz ab und ging, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Meine Art, Musik zu hören, änderte sich rapide, als ich endlich Windows XP auf meinem Rechner hatte und daher iTunes nutzen konnte. Zwar dauerte es im Groben etwa ein halbes Jahr, bis ich alle MP3s richtig getaggt hatte,8 aber dafür hatte ich jetzt alles mit einem Klick griffbereit. Im September bezahlte ich zum ersten Mal Geld für einen Download. Die goldene Plakette gebührt “Bochum (Light Up My Life)” von Six By Seven, weil ich den Song sonst nirgendwo fand und sofort hören wollte.

Die mögliche Fortsetzung seiner Regierung sabotierte Gerhard Schröder am Abend der vorgezogenen Bundestagswahl selbst, als er öffentlich einen Endorphinschock erlitt, von dem sich das deutsche Volk nicht vor 2013 erholen dürfte. Etwas ruhiger ging es zu, als ich mich nach fünf Jahren von “Plattentests online” verabschiedete — bis heute der einzige echte Schlussstrich, den ich je bei einem “Arbeitgeber” gezogen habe.

Nachdem ich über vier Jahre immer wieder im elterlichen Keller eigene Songs aufgenommen und unter dem Projektnamen Occident auf CDs gebrannt hatte, hatte ich mich im Sommer im Überschwung für ein Akustik-Konzert im Dinslakener ND-Heim angemeldet und Occident zu diesem Zweck mit zwei guten Freunden zur Band aufgebaut. Unser Plan, die beste Dinslakener Band aller Zeiten zu werden, erhielt einen erheblichen Dämpfer, als mir mein kleiner Bruder wenige Tage vor unserem ersten Konzert ein paar MP3s vorspielte.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft lief in etwa so ab:
Er: “Hier, hör Dir das mal an. Sind Freunde von mir!” (drückt auf “Play”)
Ich: (Mund klappt auf) “Wow.” (Pause) “Klingt wie Strokes. Und die sind so alt wie Du, ja?”
Er: “Ja.”
Ich: “Hammer. Wie heißen die?”
Er: “Die haben noch keinen Namen, die suchen gerade einen.”
Ich: “Sag Bescheid, wenn sie einen haben. Dann spielen wir die im Radio.”

Unser eigenes Konzert lief dann aber auch ganz gut. Hinterher kam einer der Gitarristen dieser noch namenlosen Band auf mich zu und meinte, dass ihm das Konzert gefallen habe. Ich bedankte mich artig und antwortete: “Ich hab Euer Demo gehört. Das ist richtig geil und wenn ich die Kohle hätte, ein eigenes Label aufzumachen, würd’ ich Euch sofort signen!”9

In Sachen “Musiker treffen” hatte ich kurz darauf ein Date mit den Cardigans. Nachdem die Plattenfirma Interviewort und -termin immer wieder leicht umdisponiert hatte, stellte mir ein Promoterin schließlich die Frage, ob es mir etwas ausmachen würde, nur mit Nina Persson zu sprechen. Ich versuchte, möglichst nebensächlich mit “Nö” zu antworten und saß zwei Minuten später alleine in einem (komplett verglasten) Raum mit einer der tollsten Frauen im ganzen Musikgeschäft. Die ersten Minuten verliefen extrem krampfig, aber dann taute Frau Persson langsam auf und wir unterhielten uns recht nett über die neue Platte “Super Extra Gravity”, deren Poster immer noch bei mir im Zimmer hängt.10 Starsailor stellten ihr neues Album “On The Outside” mit einem Konzert im Kölner Gloria vor und begeisterten mich mit ihren Uptempo-Songs “Keep Us Together” und “In The Crossfire”.

In meiner ersten Abhörsitzung11 als Musikchef brachte ich eine selbstgebrannte Demo-CD aus Dinslaken mit und sagte: “Das hier ist der neueste heiße Scheiß! Wir werden diese Band auf alle Fälle spielen, aber Ihr dürft entscheiden, mit welchem Song.” Man einigte sich schnell auf “Jealous Lover”, aber weil der Mensch die Abwechslung liebt, war der erste Song von The Kilians,12 der jemals in den Äther geblasen wurde, “At All”. Am Donnerstag, 13. Oktober 2005, gegen 21.50 Uhr in der Sendung “Rockaway Beach” auf CT das radio. Eine Woche später sah ich die Band zum ersten Mal live und war mir sicher: Die werden mal richtig groß. Ich lernte die Bandmitglieder kennen und ein paar Väter und ältere Brüder, die Musiker und Equipment zum Konzert nach Bochum fahren mussten, weil: Waren halt alle noch blutjung.

Die etwas prominenteren Songs im CT-Programm kamen im Herbst 2005 von Nada Surf (“Always Love”), Stars (“Your Ex-Lover Is Dead”), Jens Friebe (“Kennedy”), dem Black Rebel Motorcycle Club (“Weight Of The World”) oder Annie (“Heartbeat”). Und natürlich von James Blunt, dessen “You’re Beautiful” ich bis zum 42. Durchlauf für eine schöne Popnummer hielt, ehe ich den Song mit einer Leidenschaft zu hassen begann, die seltsamerweise James Blunt vorbehalten ist. Tokio Hotel ignorierte ich einfach, weil ich mir sicher war, dass 22 nicht das Alter war, in dem man noch nachzuvollziehen versuchen sollte, was die Jugend so bewegt.

Mich bewegten dagegen Muff Potter, deren neues Album “Von wegen”13 nach leichten Anlaufschwierigkeiten bei mir rauf und runter lief. Es ist ein schroffes, aber alles umarmendes Album, das so sperrige Themen wie Nationalstolz (dagegen!), Familie (dagegen!), Prügeleien (dafür, wenn es um so wichtige Sachen wie Liebe geht!) und Liebe (Schlachtfeld) völlig unpeinlich und sehr poetisch anpackte. Und als wäre das nicht alles schon toll genug gewesen, bescherten mir Sänger Nagel und Schlagzeuger Brami als Gäste bei “Rockaway Beach” noch eine der besten Sendungen meines Lebens. Für den eher mittelmäßigen Kinofilm “Keine Lieder über Liebe” hatte sich ein Art Grand-Hotel-All-Star-Band zusammengefunden, in der Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch Gitarre spielten, während der Schauspieler Jürgen Vogel dazu sang. Die Hansen Band funktionierte, trotz aller angebrachter Skepsis gegenüber singenden Schauspielern und Supergroups, ganz wunderbar. Element Of Crime rundeten die Sammlung der hochwertigen deutschsprachigen Alben des Jahres mit “Mittelpunkt der Welt” ab.

Robbie Williams hingegen schaffte als erster Künstler die Sensation, dass ich ein Album rundherum ablehnte, obwohl ich Fan war. Bis dahin hielt ich es für ein Ding der Unmöglichkeit, mich mit neuen Songs zu enttäuschen, aber “Intensive Care” ließ mich fassungslos zurück.14 Dafür hatten ja die Sugababes ein überaus knackiges Popalbum veröffentlicht, dessen Singles (allen voran “Push The Button”) zurecht überall rauf und runter liefen.

Zu einem Zeitpunkt, als alle anderen Best-Of- und Unplugged-Alben auf den Markt warfen, veröffentlichten a-ha heimlich, still und leise “Analogue”, ihr vielleicht bestes Album. Auch Pete Doherty veröffentlichte gut ein Jahr nach dem Ende der Libertines sein erstes Album mit den Babyshambles. Es war mir ziemlich egal, denn zum einen wollte ich die Libertines, zum anderen hatte ich mich in bewährter John-vs-Paul-Manier auf die Seite von Carl Barât geschlagen.

Irgendwie schaffte ich es trotz meiner Quasi-Vollzeitstelle bei CT auch noch, weiter zu studieren. Nachdem ich mich vier Semester mehr oder weniger durch Anglistik gequält hatte, fand ich in einer Vorlesung über die britische Schauerromantik endlich ein Thema, für das ich mich richtig begeistern konnte. Zwar las ich – wie gewohnt – keines der Bücher, das auf der Lektüreliste stand, aber bei den Romanen, die ebenfalls noch grob zum Genre zu zählen waren, kämpfte ich mich mit großer Begeisterung durch “Gegen den Strich” von Joris-Karl Huysmans.15

Größte Überraschung löste ich bei einer Plattenfirma aus, als ich um ein Interview mit Mark Owen bat. “Den spielt Ihr?”, fragte die Promodame erstaunt und ich hatte plötzlich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich “How The Mighty Fall”, das aktuelle Soloalbum des Damals-noch-Ex-Take-That-Sängers, für eine außerordentlich gelungene Popplatte hielt. Der kleine Ex-Teenieschwarm erwies sich bei unserem Treffen als sehr angenehmer Gesprächspartner, der auch dann noch höflich blieb, als ich ihn im Auftrag mehrerer Freundinnen nach der Handynummer von Robbie Williams fragte.16 Noch heute erzähle ich Frauen zwischen 20 und 30 gerne die gleichermaßen überraschend wie belanglose Anekdote, wie ich von Mark Owen einen Kaffee gebracht bekam. Auch sein anschließendes Konzert im Kölner Prime Club war trotz der vielen mittelalten Friseusen im Publikum (O-Ton meine Freundin) sehr gut.

Eine Woche später stand ich mal wieder mit meiner inzwischen zum Quartett herangewachsenen Band auf einer Dinslakener Bühne, um das traditionelle “School’s Out” zu rocken. Ich war auch eigentlich ganz zufrieden mit unserem Auftritt, aber was ich ein paar Stunden später erlebte, ließ mich wieder in einer Mischung aus Neid, Bewunderung und schierem Unglauben zurück: Die Kilians spielten ihr Publikum trotz widrigster organisatorischer und technischer Umstände in Grund und Boden und die Leute gingen so ab, dass beim Stagediven in dem knapp 2,50 Meter hohen Raum sogar Scheinwerfer von der Decke gerissen wurden. In irgendeinem Schuhkarton muss noch eine Videokassette von dem Auftritt liegen, auf der man mich mit offen stehendem Mund neben der Bühne hocken sieht. Die Band selbst fand ihren Auftritt übrigens unter aller Sau.

Bevor dann endlich wirklich Weihnachten war, versuchte ich mit meinem Kollegen Daniel Chur noch mal eben schnell Rundfunkgeschichte zu schreiben, indem wir am 23. Dezember die siebeneinhalbstündige Livesendung “Die fast heilige Nacht” moderierten.17 Wir spielten on air Blockflöte, bestellten uns das Pizzataxi ins Studio und spielten das seltene Gesellschaftsspiel “Stollenwettessen”, in dessen Verlauf wir beinahe auch noch zum ersten Moderatorenduo geworden wären, das live im Radio erstickt.

Je mehr Musik ich innerhalb eines Jahres gehört habe, desto schwieriger wird es meist, sich am Ende für einen Song zu entscheiden, der das Jahr geprägt hat. Gerade 2005 war ein so ereignis- und abwechslungsreiches Jahr, dass ich mich schwer für einen Favoriten entscheiden kann. “Always Love” von Nada Surf eröffnete damals meinen Jahressampler und es ist sicher immer noch ein wunderbarer Song. Und doch habe ich beim Schreiben dieser Episode gemerkt, dass kein Zweifel daran bestehen kann, welche Band 2005 für mich ausgemacht hat.

Und deshalb ist mein Song des Jahres 2005 natürlich der angeblich erste Song, den Simon den Hartog je geschrieben hat — was ich ihm neidzerfressen eigentlich kaum glauben kann, ihm aber andererseits jederzeit glauben will: The Kilians – Fight The Start

Meine Fresse, war das ein Akt, die Originalfassung von der selbstbetitelten EP bei YouTube zu finden. Zum Vergleich: Hier die spätere Version vom Debütalbum.

  1. Also dem von mir heißest erwarteten Album. Global betrachtet blieb es natürlich bis zur endgültigen und enttäuschenden Veröffentlichung im November 2008 “Chinese Democracy” von Guns N’ Roses. []
  2. Fängt mit “T” an und hört mit “hees Uhlmann” auf. []
  3. Ich hatte während meines Zivildiensts sehr kurzzeitig ernsthaft erwogen, Pfarrer zu werden. []
  4. Folds hat in Köln dann tatsächlich “Eddie Walker” und “Lullabye” gespielt — extra für meine Freundin und mich. Nach so einem Erlebnis sollte man entweder sterben oder alle weiteren Fan-Ambitionen aufgeben. Ich entschied mich, weiterzuleben, und habe seitdem keine nennenswerten Fan-Erfahrungen mehr gemacht. []
  5. Die Techniknostalgie, die ich beim Schreiben dieser Serie erlebe, überrascht mich selbst. Ich meine: Minidisc?! []
  6. Ich hätte den Fisch mit leuchtend blauer Sauce allerdings auch nicht angerührt. []
  7. Falls Interesse besteht: Das Radio habe ich immer noch. Es liegt seit viereinhalb Jahren ungenutzt in einem Pappkarton. []
  8. Im Feinen stolpere ich nahezu täglich noch über unvollständige Tags. []
  9. Wenn man so will, war das natürlich der bedeutendste “knapp daneben”-Moment meines ganzen Lebens: Ich hätte die Jungs sofort ein Papier unterschreiben lassen sollen, mit dem sie mir auf Lebenszeit ihre Seelen verkaufen. Da zeigt sich wieder, wie ungeeignet ich fürs Musikbiz bin. []
  10. Signiert, natürlich. Ein bisschen Rest-Fandom muss erlaubt sein. []
  11. Abhörsitzungen beim Radio sind genau das, was der Name verspricht: Musikredakteure sitzen um eine kleine, billige Stereoanlage herum und hören sich neue CDs an. Viele CDs. Sehr viele. []
  12. Damals noch eine richtige “The”-Band mit Artikel! []
  13. Bis heute lässt die Band offen, ob es “Von wegen” oder “Von Wegen” heißt — ein einfache Wortspiel als großes Rock’n'Roll-Mysterium. []
  14. Mit der Zeit konnte ich mich immerhin an “Advertising Space” und “Sin Sin Sin” gewöhnen. []
  15. Natürlich primär, weil Harald Schmidt das Buch irgendwann einmal in seiner Sendung erwähnt hatte, und es allein in diesem Jahr von Tocotronic und den Babyshambles popkulturell gefeatured worden war. []
  16. Er sagte, er habe sie, würde sie aber nicht rausgeben. []
  17. Außer meiner Mutter hat glaube ich niemand die komplette Show verfolgt. []

Kaminzimmerhumor

Von Lukas Heinser am Sonntag, 29. November 2009 20:18

Irgendwann muss den Redakteuren der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” aufgefallen sein, dass ihr “Streitgespräch” zwischen Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan und dem Studentenvertreter Thomas Warnau vor Allgemeinplätzen nur so strotzte, keiner Debatte – schon gar nicht der aktuellen um Studienreformen – irgendetwas Neues hinzuzufügen hatte und insgesamt so einschläfernd war, dass man es auch gegen Schlafstörungen hätte verschreiben können.

Und genau in diesem Moment werden sie sich gedacht haben: “Versuchen wir halt, alles mit der Bildunterschrift wieder rauszureißen”, und haben mir damit den Sonntag versüßt.

Seite 5 der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vom 29. November 2009

Die Ministerin und der Student diskutieren über die Studienreform vor der 35 000 Bände umfassenden Marx-Engels-Gesamtausgabe in gerechter Sprache im Kaminzimmer unserer Berliner Redaktion.

Weihnachtsbasteln mit AFP

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 25. November 2009 18:21

Ich weiß nicht, wie es um das popkulturelle Interesse der Mitarbeiter der Agence France Presse bestellt ist (oder auf welchem Planeten sie sich in den letzten Wochen aufgehalten haben).

Aber irgendwie halte ich es nach den jüngsten Erfolgsmeldungen dann doch für etwas gewagt, eine aktuelle Meldung über Robbie Williams mit diesem Satz enden zu lassen:

Derzeit bastelt er an seinem Comeback.

“Spiegel”-Eier

Von Lukas Heinser am Montag, 23. November 2009 23:10

Eine Nahtoderfahrung der besonderen Art machte ich vor einigen Jahren, als ich bei der Lektüre der Satireseite schandmaennchen.de derart heftig zu lachen begann, dass ich mich nach einigen Minuten nach Luft ringend auf meinem Teppichboden wälzte. (Einen Lustgewinn habe ich dabei allerdings nicht verspürt.) Grund war ein angebliches Zitat aus dem “Spiegel” über Helmut Kohl, seine Büroleiterin Juliane Weber und Frühstückseier.

Über Jahre habe ich versucht, dieses Zitat zu verifizieren und den exakten Wortlaut zu finden. Irgendwie muss ich mich bei der Verwendung der “Spiegel”-Archivsuche sehr dämlich angestellt haben.

Gestern jedenfalls berichtete das NDR-Medienmagazin “Zapp” über den uralten Artikel und jetzt kann ich Ihnen das Zitat endlich im Wortlaut präsentieren:

Wie gewohnt serviert des Kanzlers langjährige Mitarbeiterin Juliane Weber ihrem Chef den Kaffee. Sie schlägt ihm auch die Eier auf, weil der Kanzler sie so heiß nicht anfassen mag.

Ja, zugegeben: Brüllkomisch fand ich es jetzt auch nicht mehr.

Dafür hat der “Spiegel” sich kürzlich an einer Neuauflage seiner Fips-Asmussen-Politkommentierung versucht und dabei die ohnehin schon niedrig liegende Latte gerissen:

Die Kommunistin Sahra Wagenknecht, intime Kennerin von Lafontaines Positionen und nicht nur in Streikfragen mit ihm auf Augenhöhe, verlangt wie er regelmäßig französische Verhältnisse.

A Decade Under The Influence: 2004

Von Lukas Heinser am Montag, 23. November 2009 10:04

Dieser Eintrag ist Teil 5 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Wenn ein Jahr beginnt, neigt sich das Wintersemester gerade seinem Ende entgegen, was im Studentenleben heißt: Prüfungen und Klausuren.1 Mir kam das verschulte Bachelor-Studium sehr entgegen, denn alles was ich tun musste, war zu den Veranstaltungen zu gehen und in einer Mischung aus Entspannung und Panik für die Klausuren zu lernen. Die härteste Klausur, das war allen klar, würde die im Kurs “History of the English Language” sein. Dass die Abkürzung “HEL” ausgesprochen wie das englische Wort für “Hölle” klang, konnte einfach kein Zufall sein.

Zu meiner eigenen Überraschung überstand ich alle Klausuren unbeschadet und hatte ab Mitte Februar erst mal wieder zwei Monate frei.2 Ich fuhr zum ersten Mal in meinem Leben nach Hamburg, um dort Freunde zu besuchen und die lokalen Plattenläden leer zu kaufen. In meinem Discman drehten sich zu jener Zeit allerdings einige ältere CDs: kettcar, natürlich, und “Leaving Through The Window” von Something Corporate, zum Beispiel. In Hamburg ereilte mich ein Jahr nach Wir Sind Helden das nächste “Knapp daneben”-Konzert, als ich nicht zum Gig von Mando Diao im Molotow ging.3 Aber ich kannte ja erst zwei Songs der Schweden. Dafür sah ich Miles und Ash live.

Nach einem Semester Pendeln und mehr als zwanzig Jahren Dinslaken sollte ich endlich nach Bochum ziehen. Ich fand ein preiswertes WG-Zimmer in einem Studentenwohnheim, das ich als okayes Provisorium erachtete.4 Internet gab es dort zwar nur noch über Modem,5 aber es gab ja schnelle Zugänge an der Uni und bei meinen Eltern.

Ich packte also alles, was ich hatte, in Kisten und dann in unseren Kadett und richtete mir mein Zimmer ein. “Home is where your record collection is”, hatte mir ein Freund gesagt und Recht behalten. Die umfasste zu jenem Zeitpunkt etwa 250 CDs6 und wuchs stetig. Zum Beispiel um “Burli”, ein Album der Sportfreunde Stiller, das im Nachhinein reichlich egal ist, damals aber eine große Bedeutung für mich hatte. Die Wohlstandskinder klangen inzwischen selbst fast wie die Sportfreunde, waren auf “Dezibelkarate” aber besser als die Originale. Bei einer meiner Umzugsfahrten sangen Ash “I need the sunshine in the morning / I’m heading for the open road” aus meinem Tapedeck, während ich den Kadett im Kreuz Kaiserberg auf die A40 jagte.

Im Radio lief “The Remedy” von Jason Mraz rauf und runter und auch Sophia hatten etwas überraschend, aber verdient einen kleinen Radiohit mit “Oh My Love”. Air hatten sich nach “10,000 Hz Legend” für eine Rückkehr zum altbewährten Schlafzimmersound entschieden und produzierten mit “Talkie Walkie” (und explizit mit der Single “Cherry Blossom Girl”) genau den. Sarah McLachlan rundete den Soundtrack für die emotionaleren Momente im Leben ab. Weil ich inzwischen dazu übergegangen war, einfach alles zu kaufen, was beim Grand Hotel van Cleef erschien, hörte ich auch das Debüt- und bis heute einzige Album von Marr rauf und runter. “Express And Take Shape” gehört zu den Alben, die ich völlig zu Unrecht irgendwann nicht mehr aufgelegt habe.

Wieder einmal erwies sich das Internet als wichtige Quelle für Bandentdeckungen: Straylight Run, die neue Band um John Nolan, den Ex-Gitarristen von Taking Back Sunday, überzeugte mit ihrer Demo, auf der sich vier von sechs Songs als Song des Jahres empfahlen. Aber mit Pianorock konnte man mich ja seit fünf Jahren überzeugen — wenn man nicht gerade Billy Joel hieß.

Rocco Clein war gestorben, einer der Helden von Viva 2. Einen Monat nach seinem Tod spielten dutzende Bands, die ihm (wenigstens zum Teil) ihre Karriere verdankten, beim “Monsters of Rocco” in Köln. Es sollte auch der bis heute letzte Auftritt von Readymade werden, wie die Band kurz darauf bekannt gab. Dafür sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Tomte live. Kurz darauf starb ein Nachbar meiner Eltern und ich ging zum ersten Mal in meinem Leben auf eine Beerdigung.

Mit dem zweiten Semester begann auch mein Praktikum bei CT das radio, dem Bochumer Campusradio. Dass es das überhaupt gibt, hatte ich durch Zufall festgestellt, als ich mich auf der Suche nach einem Klausurenraum mal wieder hoffnungslos an der Uni verlaufen hatte. Als erste Amtshandlung durfte ich eine Straßenumfrage zum Welttag des Buches machen. Seitdem sehe ich diese lustigen Passantenbefragungen im Fernsehen mit den wissenden Augen eines Mitleidenden.

Beim Radio bekam man neue musikalische Trends natürlich noch schneller mit als bei einem Onlinemagazin. An Keane gefiel mir, dass sie – wie damals auch Ben Folds Five – als Popband völlig auf Gitarren verzichteten. “Somewhere Only We Know” war eine dieser hymnischen Mischungen aus Melancholie und Euphorie, wie sie britische Bands zu jener Zeit noch regelmäßig hinbekamen. Cypress Hill sampleten auf “What’s Your Number?” The Clash und waren damit auch für Hip-Hop-Ignoranten wie mich interessant.

Die meisten Konzerte besuchte ich in diesen Wochen interessanterweise in der Dinslakener Nachbarstadt Voerde: In einer ganz kurzen Phase glühte der Club, der als “Rolling Stone” regionale Berühmtheit erlangt hatte, als “Index” und “The Hamburger Schule Club” noch mal kurz auf und holte Bands wie Angelika Express, Blackmail, Tobacco und die italienischen Skatepunker Vanilla Sky an den Niederrhein. Im Vorjahr hatten hier sogar kettcar gespielt.

Im Mai besuchte ich das Immergut-Festival in Neustrelitz, das von vielen als angenehmstes Festival Deutschlands gepriesen wurde. Es tat mir leid, aber das war und blieb natürlich das Haldern Pop am schönen Niederrhein. Für die Jahreszeit war es an der mecklenburgischen Seenplatte deutlich zu kalt, dafür trieben sich dort viele teuflische Mücken herum. Wenn ich gerade nicht am Meckern war, guckte ich mir auch noch ein paar Bands an: kettcar, Tomte, Marr und die phantastischen The Weakerthans, zum Beispiel. Im Rahmen dieses Festivals führte ich auch mein erstes richtiges Interview. Mein Gesprächspartner war Thees Uhlmann von Tomte und obwohl ich natürlich gehört hatte, dass sich Musiker immer darum bemühen, im Interview nett rüberzukommen, und obwohl man in “Almost Famous” ja alles über die gefährliche Nähe von Musikjournalisten und ihren Subjekten erfährt, dachte ich nach drei Minuten unvermittelt: “Wir könnten Freunde werden”.7 Thees gewährte einen Einblick in seine eigenen prophetischen Fähigkeiten, als er auf das “Hinter all diesen Fenstern”-Booklet meiner Freundin schrieb: “Dein Boy muss mal professioneller Musikjournalist werden!” War ja nah dran.

Kaum waren wir vom Immergut zurück, kam die Nachricht, dass die Petition, die eine “Plattentests online”-Kollegin und Thomas Dörschel gestartet hatten, erfolgreich war und Ben Folds zum ersten Mal seit fünf Jahren Konzerte in Deutschland spielen würde. Ich sprang etwa eine Dreiviertelstunde gut gelaunt auf meinem Bett herum, ehe ich in meinen üblichen Verstecken nach Geld suchte, um die Karten für die Konzerte in Berlin und Köln bezahlen zu können.

Ohne “richtiges” Internet im Wohnheim las ich viel (z.B. “The Perks Of Being A Wallflower” von Stephen Chbosky und “Rocktage” von Dana Bönisch) oder sah fern. Überraschenderweise hatte ich nämlich in unserem Kabelnetz einen Musiksender namens Onyx entdeckt. Weniger überraschend war natürlich der Umstand, dass der Sender noch im September 2004 eingestellt wurde. Dafür gab es ja wenigstens noch “Sarah Kuttner – Die Show” auf Viva, wo tatsächlich Bands aus dem Indiebereich noch live im Fernsehen auftreten durften.

Richtig live ging es mit Festivals weiter, beispielsweise mit meinem ersten Bochum Total. Muff Potter waren sehr gut, Virginia Jetzt!8 stellten Songs ihres neuen Albums vor und das, was bei den H-Blockx im Publikum abging, hatte mit Musik wenig zu tun, sondern erinnerte an Naturgewalten, denen man ungern ausgesetzt sein möchte. Aus der Sicherheit des Fotograbens sah das allerdings ziemlich beeindruckend aus.

Beim Olgas Rock in Oberhausen spielten mal wieder Blackmail und Muff Potter, die entsprechend beide auf der Liste meiner meist gesehen Bands kontinuierlich nach oben kletterten. Blackmail-Sänger Aydo Abay schenkte mir nach dem Konzert eine (angeblich seine) Digitaluhr, deren Armband kaputt gegangen war. Die Uhr funktionierte allerdings noch und sie tut es auch heute noch: Zu jeder vollen Stunde piepst es einmal in meinem Schrank, in dem ich sie verbuddelt habe.

Das Ende des zweiten Semesters war vergleichsweise unspektakulär — man hatte sich schnell an die Abläufe gewöhnt. Einigermaßen routiniert bereitete ich mich auf die Klausuren vor, mit einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Blauäugikkeit schrieb ich meine erste Hausarbeit über die Umgangssprache im deutschsprachigen Usenet.

Beim Haldern Open Air, für das ich die Feierlichkeiten zur Goldhochzeit meiner Großeltern verpasste, spielten Starsailor, The Divine Comedy, dEUS, Paul Weller, Keane und Embrace, die nach drei Jahren Pause überraschenderweise mal wieder ein neues Album herausgebracht hatten — das dann auch noch gut war. “Gravity” hatte ihnen ihr Freund Chris Martin überlassen und wurde prompt zum Hit, “Ashes” war in seiner Uptempohaftigkeit so überzeugend, dass 2006 das halbe Nachfolgealbum nach dem Song klang. Ebenfalls zurück kehrten (nach noch längerer Pause) Die Fantastischen Vier, die erwartungsgemäß Radio und Fernsehen dominierten, und Morrissey, der den ganzen jungen Hüpfern mit “First Of The Gang To Die” mal eben zeigte, wie Coolness im Jahr 2004 zu klingen hatte.

Mein eigener Discman wurde dominiert von einer jungen, schottischen Band namens Franz Ferdinand, die plötzlich aufgetaucht und schon riesengroß waren, und von einer weiteren GHvC-Veröffentlichung: “Glass Floor” von Maritime. Der Indiepop des Trios um den Ex-The-Promise-Ring-Sänger Davey von Bohlen passte wunderbar zu meinem sorgenfreien Sommer und auch das Konzert im Kölner Gebäude 9 war ganz wunderbar. Über Wochen hatte ich einen Ohrwurm von den Bläsern in “Someone Has To Die” und als der Song ein halbes Jahr später in der Inszenierung von “Romeo und Julia” im Bochumer Schauspielhaus erklang, wäre ich fast jubelnd aus meinem Theatersessel gesprungen. Während Wilco mit “A Ghost Is Born” ein Album veröffentlichten, das ich bis heute vielleicht zwei Mal gehört habe, hörte ich mich mit fast beunruhigender Intensität an ihrem fünf Jahre alten Album “Summerteeth” fest, das ich gerade erst für fünf Euro im Plattenladen entdeckt hatte.

Im September wollte ich mit meiner Freundin ein paar Tage Urlaub machen und so fuhren wir in den Ort, an dem ich quasi jeden Urlaub meines Lebens verbracht hatte: nach Domburg. Dieser Umstand ist psychologisch vermutlich höchst interessant. Während sie sich in einem tollen kleinen Plattenladen das langerwartete neue Album von Soulwax kaufte, holte ich erst mal bisher Verpasstes nach und erstand den Vorgänger “Much Against Everyone‘s Advice”.

Zum Geburtstag bekam ich die Tocotronic-Tourtagebücher von Thees Uhlmann und dachte: “Was für ein kluger, witziger Mann das ist!” Bei der aufmerksamen Lektüre diverser Musikzeitschriften vertiefte ich mich immer tiefer in die Hintergründe einer Band, die gerade offensichtlich dabei war, auf ganz große Weise zu scheitern: The Libertines. Die Geschichte der befreundeten Genies, von denen eines immer wieder abstürzte und sich gegen seine Freunde und sich selbst wandte, rührte und interessierte mich, noch bevor ich einen Ton vom Album gehört hatte. Als ich dann “Can’t Stand Me Now” hörte, jenen Song, der das ganze Drama um die Band so lässig und wunderschön zusammenfasste, wusste ich, dass ich das Album haben musste. Klar, dass die Band sich dann schneller auflöste, als man “What Became Of The Likely Lads?” fragen konnte.

Neue Alben erschienen auch von R.E.M. und Jimmy Eat World. Nun werden R.E.M. vermutlich niemals ein schlechtes Album veröffentlichen, aber so richtig spannend war “Around The Sun” im Rückblick dann auch nicht. Immerhin hat es sich besser gehalten als “Futures” von Jimmy Eat World, das ich 2004 sogar zum Album des Jahres ernannte, das aber letztlich nur der letzte Halt vor der endgültigen Bon-Jovi-Werdung der einst großen Band war. Für sich genommen immer noch ein okayes Album, aber im Kontext der Bandgeschichte total egal. Über “Lifeblood” von den Manic Street Preachers wollen wir an dieser Stelle diskret schweigen.

Das bis heute wichtigste Album, das ich mir 2004 gekauft habe, kam aus dem Vorjahr und war “Give Up” von The Postal Service. Mein erster Kontakt mit deren Musik war der Trailer zu “Garden State” gewesen, in dem “Such Great Heights” prominent zum Einsatz kam. Irgendwann fiel mir dann auch ein, woher mir der Sänger bekannt vorkam: Es war natürlich Ben Gibbard von Death Cab For Cutie. Anfangs habe ich das Album gar nicht so oft gehört, aber es zählt heute zu den wenigen Alben dieses Jahrzehnts, die ich auch mit großem zeitlichen Abstand noch regelmäßig höre.9

Im sogenannten Optionalbereich, in dem man fürs Bachelor-Studium an der Ruhr-Uni auch Kurse belegen musste, wollte ich einen Italienischkurs absolvieren. Dafür stand ich eines Freitagmorgens um Viertel vor Sechs mit vielen, vielen Kommilitonen, die teilweise direkt dort übernachtet hatten, im Keller unseres Institutsgebäudes in langen Schlangen und durfte Nummern ziehen. Um kurz nach acht war ich auf der Warteliste des entsprechenden Kurses. Die Anmeldemodalitäten für den Optionalbereich haben sich im folgenden Semester übrigens geringfügig verbessert: Man durfte zuhause vor seinem Computer sitzen und abwarten, ob der Server den Ansturm überstehen würde. Das war natürlich etwas bequemer, als an der Uni zu campieren.

Im Internet stieß ich auf die neuen Bands der restlichen Ben-Folds-Five-Mitglieder: Robert Sledge spielte jetzt Bass bei einer Band namens International Orange, Darren Jessee hatte Hotel Lights gegründet. Ich schrieb ihm eine E-Mail und versprach, mich für Airplay und Promotion in Deutschland stark zu machen, und er schickte mir ein Exemplar des Debütalbums zu. Auf CT liefen Hotel Lights erst ein gutes Jahr später, denn ich war noch nicht in die Musikredaktion vorgedrungen. Nach meinem Praktikum arbeitete ich erst mal in der Kulturredaktion und produzierte Beiträge über Bücher. Ben Folds musste seine Europakonzerte Krankheitsbedingt auf das folgende Frühjahr verschieben.

Zwei der besten Alben des Jahres gingen an mir zunächst völlig vorbei, obwohl ich bei ihren Singles zunächst “geiler Song” gedacht hatte. Aber seltsamerweise konnten mich 2004 weder “Rebellion (Lies)” noch “Somebody Told Me” zum Erwerb der Debütalben von Arcade Fire bzw. The Killers bewegen. Im Spätherbst stieß ich aber auf ein anderes Debüt, das mich schlichtweg aus den Schuhen haute: “Raum um Raum” von Jupiter Jones. Die Mischung aus roher Energie (Diese Stimme! Die Double Bassdrum!) und Poesie (Hermann Hesse! “Hebt die Gläser für John Keating”!) war etwas, was ich in dieser Form noch nie erlebt hatte. Legte ich die CD in Dinslaken auf, fragte mein Vater, was das denn für Krach sei. Ich antwortete, das sei vielleicht das beste Album des Jahres.10 Das Debüt von Straylight Run erschien und war – gemessen an den unfassbar hohen Erwartungen nach dem Demo – eher enttäuschend.

Irgendwann war Weihnachten und es hatte sich bereits eine gewisse Routine eingestellt, was gegenseitige Elternbesuche anging. Das Studentenleben war längst Normalität geworden und auch an die (fast) eigene Wohnung hatte ich mich inzwischen gewöhnt — zumal es dort jetzt endlich immerhin auch ISDN gab. Ein Jahr ging zu Ende, das sicherlich ein gutes, aber auch ein trotz allem unspektakuläres gewesen war. Erwachsen war – und bin – ich noch lange nicht, aber ich hatte eine Ahnung bekommen, wie sich das anfühlen könnte.

Und der Song des Jahres? Das war jetzt wirklich die bisher schwierigste Entscheidung — weil es einerseits viele gute Songs gab, andererseits aber keinen, der das Jahr für mich geprägt hätte. Aber letztlich wurde das Musikjahr 2004 doch dominiert von der traurigsten Geschichte, die der Indierock in dieser Dekade erlebt hatte: dem Zerfall der Libertines.11

Und so ist mein Song des Jahres 2004 ihr Vermächtnis: The Libertines – Can‘t Stand Me Now

  1. Ich habe erst kürzlich verstanden, dass es wohl zahlreiche Studiengänge gibt, in denen man während des ganzen Semesters Prüfungen hat. Hat wohl alles seine Vor- und Nachteile. []
  2. Die so genannten Semesterferien sollten später deutlich arbeitsintensiver werden, aber die ersten grenzten wirklich an Ferien. []
  3. Dass auch dieses Konzert ausverkauft war und ich mutmaßlich nicht hereingekommen wäre, sei auch an dieser Stelle ausgeklammert. []
  4. Ich bin gerade im Moment dabei, aus diesem Zimmer auszuziehen, was entweder für meine Unfähigkeit oder meine Genügsamkeit spricht. Oder für beides. []
  5. “Sprechen wir wirklich über das Jahr 2004?” – “Ja, tun wir. Sei still, Unterbewusstsein!” []
  6. Ich habe, um beim Aus- und Wiedereinräumen der CD-Regale den Überblick zu halten, eine Skizze angelegt, aus der ich heute auch ablesen kann, dass sich meine Sammlung in knapp sechs Jahren verdreieinhalbfacht hat. []
  7. Dass exakt das der Titel von Uhlmanns Tocotronic-Tourtagebüchern war, war mir damals nur unterbewusst klar. []
  8. Virginia Jetzt! und ihr “Dreifach schön” habe ich bei meinem 2003-Text übrigens völlig vergessen. Kommt dann in die überarbeitete Auflage. []
  9. Anders als bei den 1990er Jahren, wo etliche Alben erschienen, die auch heute noch etwa ein Mal im Monat höre — „Automatic For The People“ oder „Definitely Maybe“, zum Beispiel. []
  10. Warum ich dann bei den Jahrespolls trotzdem für Jimmy Eat World stimmte – und zwar bei Album und Song (“Kill”) – ist mir bis heute schleierhaft. []
  11. Ob es nicht genau dieser Zerfall war, der die Band so legendär gemacht hat, und ob sie sich mit einem dritten, vierten Album nicht in die schier unendliche Reihe der Bands einsortiert hätten, denen in diesem Jahrzehnt nach anderthalb Platten die Ideen ausgingen, darf gerne bei ein paar Gläsern Gin diskutiert werden. []

Swim for the music that saves you

Von Lukas Heinser am Sonntag, 22. November 2009 13:45

In der von mir hochverehrten “Daily Show” mit Jon Stewart sind Musikgäste eher eine Seltenheit. Wenn ich niemanden verdrängt habe, gab es in den drei Jahren, die ich die Show jetzt sehe, genau zwei Musikacts: Coldplay und Bruce Springsteen.

Ohne Andrew McMahon zu nahe treten zu wollen: Seine Band Jack’s Mannequin gehört eher nicht in die Reihe dieser Stadionfüllenden Superstars. Um so überraschender und schöner, dass er in der letzten Show vor der einwöchigen Thanksgiving-Pause zu Gast sein durfte, um zwei Songs aus seinem (sehr, sehr guten) aktuellen Album “The Glass Passenger” (s.a. Listenpanik 07/09) vorzustellen.

Bei “Swim” hat er gegenüber der Albumversion mal eben die komplette Phrasierung geändert, aber wer beim Satzgesang keine Gänsehaut bekommt, ist mutmaßlich schon länger tot:

The Daily Show With Jon Stewart Mon – Thurs 11p / 10c
Jack’s Mannequin – Swim
www.thedailyshow.com
Daily Show
Full Episodes
Political Humor Health Care Crisis

“The Resolution” wurde im Fernsehen abgewürgt, ist im Internet aber erfreulicherweise in voller Länge zu hören (und sehen):

The Daily Show With Jon Stewart Mon – Thurs 11p / 10c
Exclusive – Jack’s Mannequin – The Resolution
www.thedailyshow.com
Daily Show
Full Episodes
Political Humor Health Care Crisis

Auswärtsspiel: Einheitsbrei

Von Lukas Heinser am Freitag, 20. November 2009 13:37

Jahrelang war ich fest davon überzeugt, dass meine älteste Live-TV-Erinnerung vom 9. November 1989 stammt. Jedenfalls erinnere ich mich daran, wie Menschen mit Hämmern auf eine bunte Mauer einschlugen. Im Verlauf des Erinnerungsoverkills in den vergangenen Wochen fiel mir allerdings auf, dass ich als Kindergartenkind wohl kaum Abends nach 23 Uhr vor dem elterlichen Fernseher gesessen haben dürfte. (Genau genommen möchte ich ins Blaue hinein einfach mal bezweifeln, dass es damals überhaupt Livebilder gab, denn um 23 Uhr stand doch sicher schon der Sendeschluss vor der Tür der drei Fernsehprogramme.)

Jedenfalls war ich sehr enttäuscht, als ich feststellte, dass meine älteste Live-TV-Erinnerung dann wohl doch eher vom Samstag, 11. November 1989 stammt und wahrscheinlich noch nicht mal eine Live-TV-Erinnerung ist.

JEDENFALLS: Der 6. Jahrgangs der electronic media school (ems) in Potsdam hat zum großen Mauerfall-Jubiläum die Internetseite einheits-brei.de gestartet. Für dieses Projekt wurden auch ein paar Blogger gefragt, wie ihnen die diesjährigen Feierlichkeiten gefallen hätten und was sie in fünf Jahren nicht wieder sehen wollen. Ich war einer der Befragten und bin beim Versuch, mich auf die gewünschten “drei bis vier Sätze” zu beschränken, mal wieder gescheitert.

“So bitte nicht mehr!” auf einheits-brei.de

Narrenhände

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 18. November 2009 0:23

Bildungsstreik

Bildung für alle!

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das Semesterticket nächstes Jahr schon wieder teurer wird …

If anyone asks …

Von Lukas Heinser am Dienstag, 17. November 2009 17:47

Ich hab länger überlegt, ob ich noch was über den medialen Overkill schreiben soll, der Deutschland seit dem Tod von Robert Enke fest im Griff hat. Darüber, wie ich mich gestern angesichts des “Bild”-Titels “Deutschland weint mit Frau Enke” an die Zeit nach dem 11. September 2001 erinnert fühlte, als schon mal die Kollektivierung der persönlichen Empfindung völlig die tatsächliche persönliche Auseinandersetzung verhinderte.

Am Mittwochabend war ich in Düsseldorf beim Konzert von Weakerthans-Sänger John K. Samson. Bevor er den (wunderwunderschönen) Song “Pamphleteer” anstimmte, sprach Samson die “Elegy For Gump Worsley” vom letzten Weakerthans-Album. Gump Worsley war ein kanadischer Eishockeytorwart, der unter Flugangst litt und in der Saison 1968/69 einen Nervenzusammenbruch erlitt:

(Das Video entstand ein paar Tage vorher im Konzerthaus Dortmund.)

A Decade Under The Influence: 2003

Von Lukas Heinser am Montag, 16. November 2009 10:03

Dieser Eintrag ist Teil 4 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

2003 würde ein entscheidendes Jahr werden, da waren meine Freunde und ich uns sicher. In einer Mischung aus Optimismus, Größenwahn und Selbstbeschwörung begann ich mein Januar-Mixtape dementsprechend mit “This Will Be My Year” von Semisonic.

Als ich nach den Weihnachtsferien wieder beim Zivildienst auflief, war eine von den alten Damen, denen ich beim Einkaufen und bei der Gartenarbeit geholfen hatte, gestorben. Eine andere lag im Krankenhaus. Ich begann, mir Sorgen zu machen.

Da ich kurz zuvor angefangen hatte, für den Dinslakener Lokalteil der “Rheinischen Post” zu arbeiten, verbrachte ich meine Abende und Wochenenden jetzt immer häufiger bei Veranstaltungen, zu denen sonst niemand hatte hingehen wollen. Für 15 Euro Pauschalhonorar besuchte ich erst zweistündige Operettenabende und hackte anschließend schlechte 60-zeilige Texte in die Tastatur, in denen Formulierungen wie “gute Laune im Dreivierteltakt” vorkamen. Während ich schrieb, musste ich Metallica hören, um den klebrigen Soundschmonz wieder aus meinen Ohren zu bekommen.

Ich stellte fest, dass es in diesem Internet ja ganz viele Nachwuchsbands gab, die ihre Musik verschenkten, und verfiel den Emo-Hymnen “Saving The End Of Summer” von Estrich Boy aus dem nahe gelegenen Voerde und “Homeservice Black” von Dear Diary aus Gießen. Im “Plattentests”-Forum schwärmte irgendjemand von einer jungen Berliner Band und ich zog erst einmal alles aus dem Internet, was ich von Wir Sind Helden finden konnte. Schon wieder eine deutschsprachige Band, deren Texte bei mir genau die richtigen Nerven trafen, dazu ein Sound, der mich an meine aktuelle Lieblingsband The Sounds erinnerte.

Zu den “knapp daneben”-Geschichten meines Lebens gehört die, wie ich Wir Sind Helden im Februar fast im Kreuzberger Privatclub gesehen hätte, als ich zu Besuch in Berlin war. Ich war nur zu müde/jung/langweilig gewesen, um mich alleine zu diesem Konzert zu schleppen.1 Ich war ja aus ganz anderen Gründen nach Berlin gekommen: zur Berlinale. Letztlich guckte ich mir zwei, drei Filme an, trank mit den Regisseuren Sebastian Schipper und Wolfgang Becker ein Bier, machte ein höllisches Touristenprogramm durch, fand einen Lieblingsplattenladen2, marschierte bei der großen Demo gegen den geplanten Irakkrieg mit, wurde versehentlich zum Paparazzo bei der Echo-Verleihung und besuchte ein Konzert der Smashing-Pumpkins-Nachfolgeband Zwan. Deren Classic Rock fand ich damals ganz großartig und auch wenn ich heute Songs von Zwan höre,3 kann ich die Musik nicht wirklich scheiße finden. Wirklich gut allerdings auch nicht.

Mit zwei Freunden gründete ich eine neue Band. Anfangs zeichneten wir uns vor allem dadurch aus, dass ich bei jeder Probe eine Saite, meist die hohe E-Saite, an meiner Gitarre zerstörte. Die musikalischen Einflüsse hießen (natürlich) Stereophonics, Travis, Oasis und Ash, die Band selbst alsbald Chew Magna. Da ich endlich Geld auf dem Konto hatte,4 machte ich mich auch daran, meinen Führerschein zu machen. Aus diversen Gründen besuchte ich eine Fahrschule in Walsum, was immerhin dazu führte, dass ich meine Fahrstunden im Großstadtverkehr Duisburger Stadtteile wie Marxloh und Meiderich absolvieren musste und so gleich mal auf die Bedingungen der großen, weiten Welt vorbereitet wurde. Dann begann der Irakkrieg.

Kurz vor Ostern war mein letzter Arbeitstag als Zivi. Von den Kolleginnen bekam ich den bis heute einzigen Blumenstrauß meines Lebens, diverse sehr nette Abschiedsgeschenke und mein Chef brachte mich nach hause, nachdem ich mein Dienstfahrrad5 abgegeben hatte. Den Rest des Tages hörte ich euphorische Musik von Readymade, 3 Colours Red und Zwan, ehe ich mich abends mit meinen Freunden zum Biertrinken am Rhein traf. Auf dem Rückweg führte ich mit einer früheren Mitschülerin einen Dialog, in dem sie die Formulierungen “Ich mag dich auch”, “Aber nicht so sehr”, “Freunde bleiben” und “Komm gut nach hause” benutzte. Weil die Zwan-CD immer noch in meinem Discman lag, stand ich zehn Minuten später im Garten meiner Eltern, hörte “Of A Broken Heart” und drehte mich im Mondlicht langsam im Kreis.6

Die nächsten Wochen waren die Emo-Phase meines Lebens: Ich hatte unendlich viel Freizeit, aber niemanden, mit dem ich etwas hätte unternehmen können. Ich saß die halbe Nacht vor dem Computer, chattete mit Menschen, die ich noch nie im Leben getroffen hatte, die aber alles über mich wussten (und ich über sie), und hörte traurige und sehr traurige Musik. Das Mädchen war nach zwei Wochen vergessen, aber die regelmäßige Betrachtung meiner “Donnie Darko”-DVD trug nicht gerade zu einer Verbesserung meiner Stimmungslage bei. Während ich mit dem Führerschein nicht voran kam und darüber nachdachte, wie es in meinem Leben (Studium! Wohnort! Freunde!) weitergehen könnte, hörte ich jeden Abend “Long Gone Before Daylight” von The Cardigans. “Oh it’s healing – bang bang bang”, sang die bezaubernde Nina Persson und wer wäre ich gewesen, ihr zu widersprechen?

Mit den Worten “Wenn Dir kettcar gefallen wirst Du die hier lieben” empfahl mir jemand eine weitere Hamburger Band. Der Sänger konnte nicht singen und forderte, den Namen seiner Mutter zu schreien. Ich beschloss, Tomte ganz, ganz schrecklich zu finden.

Um später korrekte Rentenansprüche zu haben (Ausrufezeichen), hatte man mir beim Zivildienst geraten, mich arbeitslos zu melden. Ich ging also zum Arbeitsamt in Dinslaken und erklärte, dass ich gerade mit dem Zivildienst fertig sei, im Oktober mit dem Studium (egal was, egal wo) beginnen würde und mich jetzt eben fünf Monate arbeitslos melden wolle. Ich bräuchte aber keinen Job, alles sei easy und man solle bei der Vermittlung bitte an die Menschen denken, die wirklich Arbeit suchten. So etwas sei nicht vorgesehen, erklärte man mir und steckte mich in Seminare, die den ganzen Tag dauerten, den Steuerzahler sicherlich teuer zu stehen bekamen, und in denen ich – wie schon drei Mal während meiner Schulzeit – erklärt bekam, wie man eine Bewerbung schreibt. Ich erklärte den freundlichen Sachbearbeitern noch einige Male, man möge sich doch bitte um die echten Arbeitslosen kümmern, aber immer wieder hieß es, darauf habe man keinen Einfluss, ich sei ausgelost worden. Nach dem dritten Gespräch habe ich nicht mehr auf Anrufe und Anschreiben des Arbeitsamts reagiert und für mich beschlossen, dass diesem Land nicht mehr zu helfen war.

Ich bewarb mich – übrigens mit einer Reportage, die zu zwei Dritteln erfunden war – an einer renommierten deutschen Journalistenschule und arbeitete gleichzeitig an einem Plan B. Ich wusste, dass ich das sprichwörtliche Was Mit Medien machen wollte, wollte aber gleichzeitig nicht in irgendeiner Lokalredaktion versauern. Die Hölle von Vereinsjubiläen, Autoschraubertreffen und Gerichtsprozessen wegen sexueller Belästigung hatte ich ja täglich vor Augen, weil ich viel Zeit hatte7 und entsprechend häufig für die Zeitung unterwegs war.

Ich kam endlich in den Genuss eines Wir-Sind-Helden-Konzerts: im Altenberg in Oberhausen. Der Veranstalter erzählte, die Band habe lieber in der kleinen Halle spielen wollen, weil sie Angst gehabt hätte, dass niemand kommt. Der Saal war voll, es war heiß und alle, wirklich alle Besucher sangen die Texte des immer noch nicht veröffentlichten Debütalbums lautstark mit. Die Stereophonics schläferten mich mit “You Gotta Go There To Come Back” über weite Strecken ein, Placebo schliefen mit Geistern, was wesentlich aufregender klang. Im US-Fernsehen (und – Dank modernster Technik – zwei Tage später auch bei mir) lief die letzte Folge “Dawson‘s Creek”. Sie spielte Jahre nach dem eigentlichen Serienfinale (das ich bis heute nie gesehen habe), Jen starb und Joey kam endlich mit Pacey zusammen. Mehr noch als mein eigenes Abitur oder das Ende meines Zivildiensts war der Schluss der Serie für mich ein Signal, dass meine eigene Jugend vorbei war und etwas neues beginnen würde. Sollte.

Mit meinem Bassisten fuhr ich zum Hurricane nach Scheeßel.8 Unterwegs sammelten wir zwei Mädchen ein, die ich im Jahr zuvor beim Haldern kennengelernt hatte. Soundtrack der Hinfahrt waren natürlich “Hurricane” von Something Corporate und “Landungsbrücken raus” von kettcar, dessen Zeile “und dann geht der Fallschirm auf” aufgrund aktueller Ereignisse von uns um das Wörtchen “nicht” erweitert wurde. Das Wetter am ersten Tag (also beim Zeltaufbau) war grauenhaft, ich wollte nur nach hause. Am nächsten Tag begann das Festival mit Starsailor, die mich mit ihren neuen Songs – allen voran “Four To The Floor” – schlicht von den Socken hauten. Es folgten Coldplay, Slut, Blackmail, Nada Surf, Massive Attack, Underworld, Tocotronic und kettcar. Der Auftritt der Counting Crows zählt zu den traumatischsten Festivalmomenten meines Lebens, so deprimierend war die Stadionrockshow der Lederbekappten Altherrenrocker. Dann kamen Radiohead. Ich war begeistert, aber irgendwie fühlte ich mich wie zwei Jahre zuvor auf dem Petersplatz in Rom: Ich wusste, dass ich Teil von etwas Bedeutendem war und alle sich freuten, hier zu sein, aber ich selbst war nur zu 85% ergriffen.9 Zwan hatten übrigens abgesagt, um sich ein paar Wochen später aufzulösen.

Weil ich mich mit einem der mitgereisten Mädchen gut verstanden und immer lange unterhalten hatte, blieben wir über das Internet in Kontakt. Sie hatte gerade ihr Abitur gemacht und genauso viel sinnlose Freizeit wie ich, und so chatteten wir häufig den ganzen Tag und die halbe Nacht miteinander. Wir unterhielten uns über alles mögliche und nach einigen Tagen schickte sie mir ein Zitat aus einem Lied, das sie im Radio gehört hatte: “All the nights we stayed up talking / Listening to 80′s songs / And quoting lines from all those movies that we love / It still brings a smile to my face”. The Ataris hatten unser momentanes Leben mit “In This Diary” wunderbar zusammengefasst und landeten natürlich auf dem Mixtape, das ich für das Mädchen aufnahm.

Bevor irgendetwas anderes passieren konnte, musste ich aber erst mal meinen Führerschein machen. Nach 41 Fahrstunden10 durfte ich endlich zur Prüfung antreten. Die Prüferin (jung und hoch motiviert) ließ mich die gesamten 45 Minuten durchfahren, ehe sie mir erklärte, dass mein Fahrstil noch so unsicher sei, dass ich besser noch mal ein paar Fahrstunden nehmen und mich dann noch mal zur Prüfung anmelden sollte. Bis hierher hatte mich der Führerschein schon knapp 1.700 Euro gekostet, weswegen ich gern weitere 450 Euro investierte, um meinen Kontostand wieder bekannten Gefilden anzunähern. Bei der zweiten Prüfung fuhr ich noch viel schlechter, aber der Prüfer stand kurz vor der Pensionierung und hatte daher wichtigeres zu tun, als mich durchfallen zu lassen — zum Beispiel sich mit meinem Fahrlehrer zu unterhalten. Am nächsten Tag durfte ich endlich den guten alten roten Opel Kadett E meiner Eltern fahren. Während ich Autos gegenüber sonst sehr unemotional bin, war ich dem Kadett tief verbunden.11 Endlich war ich frei, konnte durch die Gegend cruisen und meine eigenen Mixtapes hören. Darauf: The Ataris, Wir Sind Helden, deren Album im Sommer endlich erschien, und Ben Folds, der gerade begonnen hatte, eine Serie von EPs zu veröffentlichen. Im Kino zerstörte “Matrix Reloaded” den kompletten Ruf des ersten “Matrix”-Films und der “Jahrhundertsommer” inspirierte “Bild” zu der unsterblichen Schlagzeile “Kanzler, tu was! Wir kriegen einen Sonnenstich”.

Da ich im Vorjahr ja vier Tickets für Robbie Williams gekauft hatte, aber bisher nur drei an Freunde und mich losgeworden war, begleitete uns mein Vater zum Konzert in der Gelsenkirchener Arena. Gesehen hat man natürlich wenig, aber solche Großveranstaltungen besucht man ja wegen der speziellen Stimmung, nicht wegen der Aussicht. Deutlich entspannter war es da trotz der hohen Temperaturen beim Haldern Pop, das seine zwanzigste Ausgabe mit einem Auftritt von Patti Smith krönte. Außerdem spielte eine langweilige Heulsusentruppe namens Bright Eyes und ein One-Hit-Wonder namens Frank Popp Ensemble. Die Highlights des Festivals kamen aus Skandinavien: Co-Headliner waren die Cardigans,12 größte Überraschung Kaizers Orchestra, die mit ihrer norwegischen Industrial-Polka alle wegbliesen, und Kashmir, die das Publikum im Mondlicht verzauberten. Dinslaken erlebte sein Konzert des Jahrzehnts: Mit den Donots stand eine respektierte Rockband auf der Bühne des Burgtheaters, die von einer Band supportet wurde, von der ich bis dahin immer nur gehört hatte. Nach zwei Songs war ich glühender Verehrer von Muff Potter.13

“Das Internet-Mädchen”, wie mein bester Freund sie nannte, und ich kommunizierten weiter regelmäßig. Weil ich für Journalismus- und Medienwissenschaftsstudiengänge überall abgelehnt worden war, dachte ich mir, ich könne mich ihr doch einfach anschließen und in Bochum studieren. Ende August fuhr ich zur Ruhr-Uni, deren Beton gewordener Rustikal-Charme mich angemessen mit Nieselregen begrüßte. Als ich zur Einschreibung schritt, sang gerade Dave Grohl in meinem Discman die Worte “Ain‘t no turning back / ‘Cause I’m walking the line”. “Nein, Lehramt schließe ich kategorisch aus”, sagte ich bestimmt und war danach (bzw. mit Beginn des Wintersemesters) Student der Anglistik/Amerikanistik und der Germanistik. Ich beschloss, dass mein Englischlehrer und meine Deutschlehrerin vom Gymnasium davon nie erfahren dürften, denn die beiden hatten nun wirklich alles getan, um mich von diesen beiden Fächern abzuhalten. Eine Woche später – “in Deutschland braucht die Liebe Zeit” – traf ich mich mit dem Internet-Mädchen an der Uni, wir küssten uns und wurden ein Paar.

Ende September hatten wir unseren ersten (und einzigen) Auftritt mit Chew Magna. Bei einem “Rock gegen Rechts”-Konzert auf dem Dinslakener Altmarkt fühlten wir uns inmitten der Punk- und Hardcorebands ein wenig wie Starsailor auf dem Ozzfest. Ich weiß nicht mehr, wie die Leute es fanden, aber ich glaube, ich fand‘s nicht so prall. Dafür hörte ich eines Abends im Radio einen Song, der mich fesselte. Er hieß “Die Bastarde, die dich jetzt nach Hause bringen” und machte mich trotz vorheriger heftiger Abneigung sofort zum Tomte-Fan. Nachdem ich dann auch noch “Die Schönheit der Chance” gehört hatte, musste ich das Album haben.

Dann begann das Studium. Das Mädchen, das ich jetzt “meine Freundin” nennen durfte, wenn ich von ihr sprach, und ich sahen uns plötzlich fast täglich. Nach der Einführungsveranstaltung der Anglisten musste sie mich das erste Mal davon abhalten, mein Studium zu schmeißen. Weil ich ja noch nicht wusste, ob mir meine Fächer gefallen würden, hatte ich mit meinen Eltern ausgemacht, während des ersten Semesters von Dinslaken nach Bochum zu pendeln. Das hieß: Morgens im Dunkeln zum Bahnhof, abends im Dunkeln zurück. Im Zug und in der Cafeteria unseres Institutsgebäudes, die man nach zwei Wochen natürlich wie selbstverständlich “Cafete” nannte, hatte ich viel Zeit, um alle verfügbaren Musikzeitschriften und etliche Bücher zu lesen. In meinem Discman liefen zu dieser Zeit vor allem vier Alben rauf und runter: “So Long, Astoria” von den Ataris, “Hinter all diesen Fenstern” von Tomte, “Heute wird gewonnen, bitte” von Muff Potter und “12 Memories” von Travis. Im Nachhinein fällt natürlich auf, dass fast alle Songs auf diesen Alben von Beziehungsenden, dem Ende der Jugend oder schlichtweg von Depressionen handelten. Also genau die Musik, die man halt so hört, wenn draußen alles grau und kalt ist, man selbst aber mit sich und seinem Leben völlig im Reinen ist.

Ich hatte großes Glück mit meinen Dozenten. Teilgebiete, von denen ich noch nie gehört hatte, machten mir Spaß: Phonetik, Varietätenlinguistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Meine Woche und mein Tag hatten wieder eine klare Struktur, auch wenn das hieß, dass ich Montags um Viertel vor Sechs aufstehen musste. An den Wochenenden gingen wir auf Konzerte (Kashmir, Travis, Readymade & Slut) oder trafen uns mit meinen Freunden, wobei sich langsam auch die Jungs aus Dinslaken und Richtung Studium verabschiedet hatten. Auch Blink-182 waren plötzlich erwachsen geworden, sangen mit Robert Smith und veröffentlichten ihr bestes Album.

Dann war auch schon Weihnachten. Ich hatte mir selbst ein großes Grand-Hotel-van-Cleef-Paket, bestehend aus …But Alive, Death Cab For Cutie und Olli Schulz & der Hund Marie, bestellt und begann damit, meiner Freundin den Backkatalog von Ben Folds (Five) zu schenken. Glücklicherweise mochte sie die Musik, was unsere Beziehung für die nächsten Jahre auf ein sicheres Fundament stellte. Man lernte die Familie des jeweils anderen kennen und hatte ein schlechtes Gewissen, die eigene vorzustellen. Silvester verbrachten wir vor dem Fernseher und das erste Video, das MTV im Jahr 2004 zeigte, gehörte zu einem Song, der mich fast das ganze Jahr 2003 über begleitet hatte. Judith Holofernes trug im Video ein Tomte-T-Shirt.

Der Song des Jahres 2003: Wir Sind Helden – Denkmal

  1. In Wahrheit war der Privatclub natürlich auch restlos ausverkauft und ich wäre wohl eh nicht mehr reingekommen. Aber macht das die Geschichte jetzt knapper oder weniger knapp daneben? []
  2. Mr Dead & Mrs Free, Bülowstr. 5, U-Bhf Nollendorfplatz. []
  3. Was außer zu Recherchezwecken für diesen Text äußerst selten vorkommt. []
  4. Durch den Zivildienst, natürlich, nicht durch die “Rheinische Post”. []
  5. Ein Dienstfahrrad ist nichts, auf das man neidisch sein müsste. Zumindest meines war es nicht: Es war halb Silber, halb Rosa und ungefähr alle zwei Wochen war der Hinterreifen platt. []
  6. Es war einer der nicht eben seltenen Momente in meinem Leben, in denen sich Popkultur und Lebenswirklichkeit auf der anderen Seite wiedertrafen. Eine Szene, die ich aus der Verfilmung meines Lebens herausschneiden lassen würde, weil sie mir way over the top und quälend kitschig erschiene. []
  7. Ich hatte sogar so viel Zeit, dass ich mir ein Skateboard kaufte und an den Wochenenden mit meinen Freunden versuchte, darauf zu fahren. Einigermaßen Erfolglos. []
  8. Also: Er fuhr, das mit meinem Führerschein brauchte ja erstaunlich lange. []
  9. Ganz ähnlich erging es mir übrigens mit “Hail To The Thief”, das ich wegen seines Abspielschutzes eh nur selten hörte. []
  10. Wenn ich jemals einen Eintrag im “Guinness-Buch der Rekorde” bekommen sollte, dann wohl nur mit der Zahl meiner Fahrstunden. []
  11. Manchmal war es auch Hassliebe, aber im Großen und Ganzen hat mich der Kadett nie im Stich gelassen. []
  12. Als ich Nina Persson im Pressezelt bat, meine “Lovefool”-Single zu signieren, brach sie angesichts des uralten Fotos in schallendes Gelächter aus und musste erst einmal ihre Bandkollegen in einem Interview stören, um ihnen das Cover zu zeigen. []
  13. Sänger Nagel hat mir Jahre später mal am Rande eines Interviews erzählt, dass das Dinslakener Konzert eines der schlechtesten ihrer Karriere gewesen sei. Wie gut ich die Band wohl gefunden hätte, wenn sie tatsächlich gut gespielt hätten? []
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