A Decade Under The Influence: 2000
Von Lukas Heinser am Montag, 26. Oktober 2009 10:00
Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me
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Natürlich weiß ich noch, wie das Jahr 2000 begann: Mit den Worten “I said let’s all meet up in the year 2000 / Won’t it be strange when we’re all fully grown”, gesungen von Jarvis Cocker. Ich saß mit meinen zwei besten Freunden im Wohnzimmer meiner Eltern, wo wir “Half-Life” im Multiplayermodus spielten. Das war Ausdruck unserer Anti-Haltung gegenüber dem allgegenwärtigen Millenniumswahn und wir hätten nie gedacht, dass das, was wir da spielten, später mal “Killerspiele” genannt und ein Thema in Polittalkshows werden würde.
Nach dem (letztlich dann doch unspektakulären, weil komplett ohne Y2K-Bug und Weltuntergang einhergehenden) Jahreswechsel kam das Jahr schnell in Fahrt: Schon Ende Januar fand ich mich am Schlagzeug einer Schülerband wieder, die gerne Punk sein wollte, aber unsere einzige Gemeinsamkeit mit den Sex Pistols war, dass wir auch keinen Bassisten hatten. Ich kaufte mir die “The Man Who” von Travis (ein Überbleibsel aus dem Jahr 1999) und beschloss, mir selbst Gitarre beizubringen.
Meine Freunde und ich gingen regelmäßig ins Kino, sahen Filme wie “American Beauty”, “The Million Dollar Hotel” und “Magnolia”, weswegen wir uns irre intellektuell vorkamen und das mit längst vergessenen Trashstreifen wie “Romeo Must Die”, “House On Haunted Hill” und “Mission To Mars” wieder ausgleichen mussten.
Im Frühjahr hatte ich angefangen, zum Einschlafen Musik zu hören1 und die Zahl der CDs, auf die ich in meinem “Benno”-CD-Regal2 zurückgreifen konnte, wurde immer größer: a-ha waren plötzlich wieder da, ich merkte, wie viele Songs ich von denen kannte, und kaufte mir deren neues Album “Minor Earth, Major Sky”, das mir auch heute noch sehr gut gefällt. Bon Jovi hatten mit “It’s My Life” einen besorgniserregenden Erfolg, der mich das dazugehörige Album kaufen ließ — der einzige CD-Kauf dieses Jahrzehnts, für den ich mich im Nachhinein schäme.
Bei der Fußballeuropameisterschaft verabschiedete sich Deutschland unter Trainer Erich Ribbeck nach der Vorrunde und in Hannover wurde eine Weltausstellung eröffnet, die ich aus verschiedenen Gründen gleich vier Mal besuchte. Die Smashing Pumpkins verkündeten ihre Auflösung, weswegen ich auf den letzten Metern schnell noch großer Fan wurde und mir für 69,50 D-Mark (umgerechnet etwa 69,50 Euro) eine Karte für ihr Konzert in Oberhausen kaufte.
Die Sommerferien verbrachte ich damit, in Domburg am Strand zu sitzen und “Just Looking” von den Stereophonics zu hören.3 Ich füllte meine CD-Sammlung mit “Protection” von Massive Attack, einem Lou-Reed-Best-Of und den “DJ-Kicks” von Kruder & Dorfmeister auf.
Am letzten Ferienwochenende war ich auf meinem ersten Festival: Einen Tag beim Haldern Pop. Die große Schwester meines besten Freundes musste uns mittags hinbringen und abends abholen. Gekommen waren wir wegen Embrace, aber besonders angetan hat es uns dann Tom Liwa, den wir zunächst ganz schrecklich fanden und dem wir dann im Laufe der nächsten 13 Monate durchs ganze Ruhrgebiet nachreisten.
Nach den Ferien hatten wir plötzlich Leistungskurse,4 worauf die meisten Schüler mit intensivem Feiern am Wochenende reagierten. Fast jeden Freitagabend trafen wir uns am Rhein, guckten aufs Wasser und tranken Bier. Kein Song fasste das besser zusammen als “Dancing In The Moonlight” von Toploader. Am Lagerfeuer versuchten alle Jungen, neben dem gleichen Mädchen zu sitzen, in das wir uns in einem seltenen Anfall von Kollektivismus alle zusammen und jeder für sich verliebt hatten. Im Fernsehen lief Sonntagnachmittags “Dawson’s Creek”.
Ich entdeckte die Bücher von Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht und begann, eigene Texte ins Internet zu stellen, die heute hoffentlich gänzlich unauffindbar sind. Robbie Williams wurde mit “Sing When You’re Winning” zum Superstar und schrieb für “Singing For The Lonely” einen Text, den man sich als 16/17-Jähriger gern eingerahmt hätte.5 Für noch mehr Melancholie sorgten im Herbst eine englische Nachwuchsband namens Coldplay, der “The Virgin Suicides”-Soundtrack von Air und der bereits erwähnte Tom Liwa. Passend zur Abschiedstour verschenkten die Smashing Pumpkins ein Doppelalbum über das Internet (was für viele Menschen damals noch nur mit einem 56k-Modem zu erreichen war) und verstörten mit dem Video zu “Try, Try, Try” noch mal nachhaltig.6
Im Oktober erschien eine Platte, von der alle sagten, dass sie unhörbar sei und an kommerziellen Selbstmord grenzte. Obwohl ich bis heute eher Pop- als Avantgardefan bin, liebte ich “Kid A” auf Anhieb und es stellte sich heraus, dass es vielen Menschen ähnlich gegangen sein muss, denn Radiohead waren plötzlich eine der größten Bands der Welt. U2 mussten sich diesen Status nur noch mal bestätigen lassen, was mit “All That You Can’t Leave Behind” und Songs wie “Beautiful Day” und “Stuck In A Moment You Can’t Get Out Of” mühelos gelang.
Im Dezember hörte ich die aktuellen Alben von Teenage Fanclub und The Beautiful South, ehe The Wallflowers als Weihnachtsgeschenk mit “(Breach)” das Jahr abrundeten.7
Der persönliche Song des Jahrs aber8 stammt von Embrace. Also: den Britpop-Embrace, nicht den Hardcore-Embrace aus D.C. Deren “You’re Not Alone” hatte ich einige Male im Radio gehört und irrtümlicherweise für die neue Single von Oasis gehalten. Aber die Gallaghers waren im Jahr 2000 ganz unten, nämlich “Standing On The Shoulder Of Giants”. Abhilfe für einen Sommer schufen Embrace mit ihrem “Drawn From Memory”, das direkter Grund für meinen ersten Festivalbesuch war.
Die Bläser zu Beginn des Songs sind uplifting as hell, dann singt Danny McNamara davon, dass man nicht allein sei (ein sehr wichtiger Hinweis für Teenager), die Bridge kippt ins Melancholische, ehe man sich im Refrain wirklich “on top of the world” wähnt. Die Struktur des Songs entstammt direkt der Bauanleitung für Popsongs und der Text hat kaum Chancen auf irgendwelche Literaturpreise, aber es ist ein runder Song und einer, der mich lange begleitete.
Deswegen ist mein Song des Jahres 2000: Embrace – You’re Not Alone
- Damals nur drei Songs, vorher sorgfältig ausgewählt und in meinen Discman einprogrammiert. [↩]
- 2000 war auch das Jahr, in dem ich von der chronologischen Sortierung zur alphabetischen überging. Nachdem ich “High Fidelity” gesehen und gelesen hatte, wollte ich das kurz rückgängig machen, aber nach einem Versuch, meine CDs nach Farben (!) zu sortieren, blieb ich bei der alphabetischen Sortierung. [↩]
- Das ist eine arge Verkürzung von sechseinhalb Wochen auf sehr prägende 4:13 Minuten. Außerdem hatten meine Freunde und ich uns Ferientickets für den VRR gekauft, um jeden Donnerstag nach Essen zu fahren, und uns die neusten Filme (“High Fidelity”, “Glauben ist alles”) im Cinemaxx anzuschauen. Ich las Nick Hornbys “About a Boy”, wo der Charakter der Ellie nachhaltigen Einfluss auf meinen bevorzugten Mädchentyp ausübte. [↩]
- Oder das, was man an unserem Gymnasium dafür hielt. [↩]
- “I seem to spend my life just waiting for the chorus / ‘Cause the verse is never nearly good enough / The hooligan half of me that steals from Woolworths / While the other lives for love”, halte ich auch heute noch für brillante Zeilen und für eine gelungene Zusammenfassung meines Lebens. [↩]
- Jonas Åkerlund, der den Clip über ein drogenabhängiges Obdachlosenpärchen gedreht hat, würde ich wirklich gerne mal kennenlernen. Ein Mann, der “Smack My Bitch Up” für The Prodigy und zuletzt “Pussy” für Rammstein, aber auch die Videos zu Madonnas “Music” und Mikas “We Are Golden” gedreht hat, kann doch nur ein interessanter Gesprächspartner sein. [↩]
- Natürlich habe ich im Jahr 2000 auch viel Musik gehört, über die ich heute nur ungern spreche. Die Begeisterung, mit der das erste Aufkommen von “Take A Look Around”, dem “Mission: Impossible 2″-Titelsong von Limp Bizkit, im Internet aufgenommen wurde, ist rückblickend schwer zu erklären. Dass die Bloodhound Gang einige Male aus meinen PC-Boxen klang, weiß ich noch. Viele Peinlichkeiten habe ich aber schlicht vergessen bzw. verdrängt. [↩]
- Und Sie dachten schon, ich würd’ direkt in der ersten Folge dieser Serie das wichtigste Element vergessen … [↩]
Montag, 26. Oktober 2009 12:13
Sehr fein, da kommen viele eigene Erinnerungen hoch, äh, also, eigentlich kommen sie vielmehr hervor. Und gleich zu Beginn ein Lied des Jahres, von dem ich überhaupt noch nie etwas gehört habe. Das läßt vieles erhoffen für die kommenden Jahre.
Montag, 26. Oktober 2009 13:08
Schöner Rückblick! Und Dancing in the moonlight ist immer noch großartig!
Das oberschmalzige, kitschige, Elton-John-am-Klaviereske “Drawn from memory” fand ich damals sogar noch eine Nummer größer als dein Song des Jahres. Die Begeisterung konnte sich bei mir jedoch nicht ganz so lange halten.
Eine Frage zur CD-Sortierung: Sortierst du dann auch regelmäßig um? Wenn du A-Ha oder sagen wir Ace of Base kaufst, mußt du dann alle CDs umsortieren?
Montag, 26. Oktober 2009 13:19
@Nummer Neun: Ja. Wenn a-ha, Ryan Adams oder gar A ein neues Album rausbringen, muss ich dafür eine CD aus dem ersten Fach in das zweite packen, die letzte aus dem zweiten ins dritte, usw. usf., bis ich beim inzwischen 53. Fach angekommen bin.
Beim neuen Robbie-Williams-Album muss ich dagegen nur zwei CDs bewegen.
Montag, 26. Oktober 2009 15:41
Sehr schön! Freu mich schon sehr auf die nächsten Teile.
Allerdings bin ich beeindruckt von Deinem guten Gedächtnis (bzw. vielmehr erschreckt von meinem löchrigen, als ich versuchte parallel meine Ereignisse/CDs/Filme zu finden).
Und den Embrace-Song hab ich echt ewig nicht mehr gehört. Danke dafür.
Montag, 26. Oktober 2009 20:07
frage:
hast du irgendwo eine gute bio, ein interview oder ähnliches zu Jonas Åkerlund…???
Montag, 26. Oktober 2009 22:53
[...] jetzt wie ein 2.0-Schmarotzer an Lukas Serie über das nun langsam ausfadende Jahrzehnt – die erste Folge war schon lesenswert, ich freue mich auf die Weiteren. Frappierend dabei ist, wie sehr sich solche Lebenserfahrungen [...]
Montag, 26. Oktober 2009 23:35
Embrace – You’re not alone, ja, das war ein Song. Erinnert mich daran, dass es diese Band ja mal wirklich gab.
Montag, 26. Oktober 2009 23:54
Beim Lesen habe ich gemerkt, wie jung ich doch bin – die meisten Bands/Filme habe ich erst Jahre später entdeckt…2000 war bei mir die Zeit, als ich noch ECHT gehört habe – aber immerhin die Kelly Family schon hinter mir gelassen hatte.
Ich bin gespannt auf die kommenden Jahre – in der Hoffnung, irgendwann Parallelen zu entdecken ;)
Dienstag, 27. Oktober 2009 0:50
Oh krass. Das liest sich echt fast wie mein 2000.
Naja, fast.
Ich habe das Bon Jovi Album NICHT. It’s my life war schon immer kacke.
Aber hast Du auch das Toploader Album? Hast Du es auch nach 2000 nie wieder angehört?
Das wird ne super Serie.
Dienstag, 27. Oktober 2009 1:09
Das fängt ja gut an.
Ich hoffe, daß die kommenden Folgen meine Theorie widerlegen, daß die Mitte dieses Jahrzehnts musikalisch reichlich dünn war (Top20-Alben-Listen bestehen zur Hälfte aus 2001/2).
Dienstag, 27. Oktober 2009 11:20
@Rina: Da wüsste ich so spontan jetzt leider gar nichts.
@Dani: Ich hab sogar beide Toploader-Alben. Ab und zu höre ich noch mal rein, aber mir gefällt das dann eher aus Nostalgie- als aus Qualitätsgründen.
@nerdbert: Oh, lass mal überlegen. Ich glaube, 2004/05 könnte tatsächlich etwas schwierig werden. Wir werden es in vier, fünf Wochen sehen.
Dienstag, 27. Oktober 2009 13:23
“It’s my life” von Bon Jovi ist eins zu eins geklaut von “Summer Of ’69″ von Bryan Adams, was mein Song 2000 war…
komisch, dass Bryan Adams nie Klage erhoben hat gegen Bon Jovi.
Ich habe Bon Jovi im September 2000 übrigens live gesehen, das toppt dich wahrscheinlich um Längen… immerhin hatte ich das Album nicht, ahahaha. :-D
Dienstag, 27. Oktober 2009 16:38
Da hätten dann Bruce Springsteen oder Tom Petty vermutlich ebenso Grund zur Klage (gegen Bon Jovi und Adams) gehabt.
Dafür muss ich bei der neuen Bon-Jovi-Single immer an “We Believe” von Good Charlotte denken.
Dienstag, 27. Oktober 2009 22:25
you’re not the only one who feels it…anger, misplaced feelings….
Geradezu gruselig treffend, auch für meine Jugendjahre… bis auf das Bon Jovi Album…
Seltsamerweise war ich damals aber die einzige (und soooo unverstanden!!111!), die about a boy etwas abgewinnen konnte. Und ich bin heute noch betroffen, dass im Film die ganze Kurt Cobain Geschichte fehlt.
Bitte, verfollständige die 2000er!
Dienstag, 3. November 2009 21:44
Also in meiner Jugend war “It’s My Life” von Doctor Alban. Die Version von “Bon Jovi” konnte ich noch nie leiden.
Mittwoch, 4. November 2009 18:10
Mir fällt grad auf, dass der ganze Rückblick völlig wertlos ist, weil natürlich das wichtigste Ereignis des Jahres 2000 fehlt: Die Bekanntgabe der Auflösung von Ben Folds Five am 31. Oktober …
Freitag, 13. November 2009 10:58
Sollte ich mal einen Rückblick auf das Jahrzehnt 1991-2000 schreiben (ja, ich weiß, ich bin Korinthenkacker, denn wenn man das Jahr 2000 zum selben Jahrzehnt wie das Jahr 2001 zählt, dann hieße das im Umkehrschluss, dass das 1.Jahrzehnt nach Christus nur aus 9 Jahren bestand), dann würde ich Toploader auch erwähnen.
Nicht weil die so toll waren, sondern eher im Gegenteil. Als schlechteste Liveband die ich je gesehen habe. Die haben sowas von lustlos und mies ihren Auftritt im Vorprogramm von Bon Jovi 2000 in Essen runtergenudelt, dass für mich Dancing in the Moonlight eher sowas wie ein Hass-Song ist.
Ich schalte seitdem immer um, wenn der im Radio kommt.
Freitag, 13. November 2009 11:24
Ich finde, ein Jahrzehnt, in dem die Geburt Christi stattfand, kann als Ausgleich zu diesem einmaligen Ereignis ruhig auch mal nur neun Jahre dauern.