Die Führerlose Zeit ist vorbei!

Von Lukas Heinser, 9. Oktober 2009 15:26

Habe ich da ein „Hitler“ gehört?

Wirbel um ausländerkritische Bemerkungen: Zentralrat der Juden stellt Sarrazin mit Hitler in eine Reihe

Es muss die Mitglieder des Zentralrats der Juden in Deutschland extrem gewurmt haben, dass das Empörungskarussell im „Fall Sarrazin“ (schnauzbärtiger Tourette-Funktionär beleidigt die letzte Bevölkerungsgruppe, die ihm in seinem Sammelalbum noch fehlte, und rettet sich damit vor der „Was macht eigentlich …?“-Rubrik des „Stern“) ohne sie losgefahren war.

Schlimmer noch: Von allen Seiten waren die Menschen herbeigesprungen, um die Steilen Thesen des Dampfplauderers zu verteidigen oder den Mann wenigstens wegen seiner Unangepasstheit zu loben.

Da half nur noch eins, um gehört zu werden: Hitler!

„Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist“, sagte der Generalsekretär des Zentralrates, Stephan Kramer, am Freitag in Berlin. „Er steht in geistiger Reihe mit den Herren.“

Göring, Goebbels und Hitler hatten wir als solches Dreierpack (mutmaßlich zum Preis von Zweien) glaub ich auch noch nicht, also hat sich Kramer sein Messingschild in der Ruhmeshalle der Nazi-Vergleiche redlich verdient.

Außerdem sieht es gut aus für ihn im Rennen um den konsequentesten Konjunktiv 2009:

Er fügte hinzu: „Ich will mich nicht auf das Niveau von Sarrazin begeben. Würde ich das tun, würde ich das als intellektuellen Dünnschiss bezeichnen.“

Na ein Glück, dass er’s nicht getan hat!

37 Kommentare

  1. boje
    9. Oktober 2009, 17:45

    Schade an der Sache ist doch folgendes: Politiker meint (mutmaßlich) einen wichtigen Punkt angesprochen zu haben, vergreift sich aber (aus Absicht oder Blödheit) völlig im Ton. Es entzündet sich ein loderndes Strohfeuer, und zwar ausschließlich an der Form und nicht an dem Inhalt. Nach einer Woche oder sieben Tagen ist alles vergessen.

    Aber es wäre vielleicht dochmal sinnvoll, sich (möglichst vorurteilsfrei, bzw vorurteilsbewußt) mit einer möglichen Aussage von Herrn S. zu beschäftigen: Nämlich, dass die Integration von Zugezogenen (seis Türken, Deutschrussen, Holländer, Albanern, Oberbayern, Portugiesen oder sonst wem) in sehr vielen Fällen nicht geklappt hat. Wenn man das Problem erkannt hat, könnte man ja vielleicht auch über Lösungen nachdenken.
    Wenn ich aber, statt ein Problem zu benennen und zu aktzeptieren nur rumschrei oder palaver, ändert sich nix, bzw das Problem verschärft sich. Schade.

  2. corny
    9. Oktober 2009, 18:47

    Deine sarkastische zur Saustellung was der Zentralrat der Juden da verzapft kommt der propagandistische Finesse eine Joseph Goebbels gleich Lukas…

  3. Muriel
    9. Oktober 2009, 18:51

    Was der Zentralrat mit sowas wohl erreichen will? Steht da ein Konzept dahinter, das ich nur nicht verstehe? Haben die nicht auch das Gefühl, sich und die Interessen, die sie vertreten wollen, ein bisschen lächerlich zu machen?

  4. Hannah
    9. Oktober 2009, 20:25

    @corny: ich bezweifle, dass der Zentralrat der Juden damit einverstanden wäre, dass Lukas sie zur Sau stellt

  5. tux.
    9. Oktober 2009, 22:50

    Der Zentralrat nervt. Die kommen alle paar Monate mal aus ihren Löchern, rufen „Hitler“ und verkriechen sich wieder. Haben die nix besseres mit ihrem Leben anzufangen?

    Einfach ignorieren, den Haufen.

  6. Dr. Borstel
    10. Oktober 2009, 14:05

    Gibt es denn eigentlich keine anderen Massenmörder, mit deren Namen man gelegentlich um sich werfen kann?

  7. nerdbert
    10. Oktober 2009, 16:06

    Anstelle von Herrn Sarazin würde ich Godwins Gesetz zitieren.

    Andererseits wurde es auch mal wieder Zeit für einen unpassenden Hitlervergleich. Hat ganz schön lange gedauert…

  8. Fabian W.
    10. Oktober 2009, 16:16

    Oy. Ja, ich habe auch Probleme mit dem Zentralrat in seiner jetzigen Form und hätte lieber jemanden wie Paul Spiegel als Charlotte Knobloch als Vorsitzende/n. Aber wie kann man nur, wie der werte Herr tux., tatsächlich behaupten, er wäre überflüssig und nervt nur?
    Die ‚Zukunft‘ herausgeben, sich den jüdischen Immigranten aus der ehemaligen SU annehmen, sich generell um jüdische Belangen kümmern (und dazu gehört eben auch, Antisemiten als solche zu bezeichnen) – verdammt, einfach zeigen, dass wir da sind und bleiben, Dingen wie benötigtem Polizeischutz von Synagogen, jüd. Schulen und Kindergärten zum Trotz. Dass der Zentralrat dabei nicht immer die beste Figur macht, natürlich.
    Und niemand spricht darüber, dass Sarrazin sehr viel weiter gegangen ist als einfach nur Immigrationsunwilligkeit zu kritisieren. ‚Kopftuchmädchen in die Welt setzen‘? Hier geht es nicht mehr um einen sozialen-kulturellen Hintergrund, sondern um Abstammung. Und das kann man durchaus als mehr als nur Ausländerfeindlichkeit verstehen, sondern als Rassismus. Und ‚Juden haben einen 15% höheren IQ?‘ Vielen Dank, nehme ich an, aber das ist doch nur die andere Seite der Untermenschen-Medaille. (Und Dr. Borstel: Über die Vorrangstellung des biologistischen Rassismus in der Nazi-Ideologie gibt es doch keine Zweifel, oder?)
    Dass der Zentralrat darauf angemessen mit der nötigen Drastik reagiert, halte ich durchaus für ein Öffnen der alten Hitler-Schublade, das mal nicht überflüssig ist.

  9. Lukas
    10. Oktober 2009, 16:26

    @Fabian W.: Aber warum denn immer Hitler? Das „schockt“ doch auch langsam nicht mehr. Warum nicht mal Houston Stewart Chamberlain als Referenzgröße? Das wäre überraschend und die Leute müssten erst mal nachgucken, wer das überhaupt war.

  10. Fabian W.
    10. Oktober 2009, 16:57

    Hitler als Referenzgröße für in Deutschland geäußerte ausländerfeindliche Haltungen finde ich ganz vernünftig. Zu oft wird die Chamberlain-Mosley-Ford-Nummer geschoben, wenn es darum geht, die Shoa zu relativieren, als dass ich das für eine angemessene Reaktion halten würde.
    Hätte Kramer gesagt: Sarrazin passt auch gut in die NPD. (was anderes bedeutet sein Vergleich ja nicht), hätten CDU und FDP rufen können: Aha, die SPD beherbergt Nazis! So wurde es auf keine Parteiebene gehievt (auch wenn Sarrazin kein Amt mehr bekleidet).
    Ich merke nur manchmal, dass Leute (tux. etwa, zu dem Schluss kann man kommen) Probleme mit der Institution ZdJ an sich haben, und das stört mich.

  11. Muriel
    10. Oktober 2009, 17:12

    @Fabian W: Ich habe keinen Zweifel daran, dass der Zentralrat auch viele wichtige Aufgaben erfüllt. Dass er vielen Leuten mit solch reflexhaften Nazivergleichen auf den Geist geht, liegt aber bestimmt nicht nur an den Leuten, sondern auch ein gut Teil am Zentralrat selbst.

  12. Fabian W.
    10. Oktober 2009, 17:30

    @Muriel: Wieso liegt das am Zentralrat? Nazis soll man Nazis nennen, das ist ein ziemlich gesunder Reflex.
    Die Tatsache, dass der Zentralrat immer nur in solchen Momenten groß medial in Erscheinung tritt, liegt auch daran, dass viele jüdische Themen außerhalb der Gemeinden wenig Echo finden. Viel habe ich nicht gelesen über die erste in Deutschland stattfindende Rabbiordination, als Beispiel.

  13. Muriel
    10. Oktober 2009, 18:03

    @Fabian W.: Ja, aber wenn man dann regelmäßig auch Leute Nazis nennt, die gar keine sind, sondern anderweitig gestört, wie will man denn dann später die echten Nazis nennen? Welche Steigerungsmöglichkeit hat der Zentralrat noch, wenn Sarrazin morgen die Neugründung der NSDAP fordert?

  14. Fabian W.
    10. Oktober 2009, 18:17

    @Muriel: Wäre Sarrazin länger im Amt geblieben, hätte er vermutlich ein Pferd zu seinem Stellvertreter ernannt. Durchaus wahrscheinlich, dass er tatsächlich eine Störung hat. Wenn das aber nicht belegt, muss man eben so tun, als wenn er zurechnungsfähig wäre.
    ‚In geistiger Reihe mit diesen Herren stehen‘ bedeutet ja nichts anderes als: Heute noch Nazi-Ideologie vertreten und verbreiten. Mir fällt nichts ein, nach dem Abstammungs-Geburtenraten-Mist, womit Sarrazin sich diese Einschätzung noch mehr verdienen kann.
    Und wen hat der Zentralrat denn noch wirklich unverdienterweise als Nazi bezeichnet?

  15. Löw
    10. Oktober 2009, 18:58

    „Hätte Kramer gesagt: Sarrazin passt auch gut in die NPD. (was anderes bedeutet sein Vergleich ja nicht), hätten CDU und FDP rufen können: Aha, die SPD beherbergt Nazis! So wurde es auf keine Parteiebene gehievt […]“

    Und durch den Vergleich mit Göring, Goebbels und Hitler hätte niemand das auf die Parteienebene bringen können? Das glaube ich nicht. Wenn etwas Politiker anderer Parteien abgehalten hat, ebendies zu tun, dann vielleicht doch eher das Wissen, dass es in den eigenen Parteien ebensolche Kandidaten wie Sarrazin gibt.

    Mir ist auch nicht verständlich, wieso ein derartiger Vergleich in solchen Fällen ein Muss zu sein scheint. Reicht es denn nicht aus zu sagen, diese Aussage ist antisemitisch/rassistisch/faschistisch/faschistoid/whatever?

  16. Fabian W.
    10. Oktober 2009, 19:08

    @ Löw: Ich hielt es nur für ein kluges Vorgehen, nicht von vornherein die Parteizugehörigkeit – sowohl die reale, als auch die vorstellbare – von Sarrazin ins Spiel zu bringen.
    Für mich liest sich das Statement von Kramer immer noch als Einordnung von Sarrazin in der Rechtsradikalität über den Umweg der historischen Gründerväter dieser politischen Richtung, und nicht als simples ‚Hitler! Hitler!‘-Gerufe.
    Tatsächlich geht es mir aber nicht so sehr um den Vergleich an sich, den ich trotzdem für gerechtfertigt halte, sondern um das sofort aufkommende Anti-Zentralrat-Geknurre.

  17. Löw
    10. Oktober 2009, 20:25

    @Fabian W.:

    „Tatsächlich geht es mir aber nicht so sehr um den Vergleich an sich, den ich trotzdem für gerechtfertigt halte, sondern um das sofort aufkommende Anti-Zentralrat-Geknurre.“

    Das geht m.E. Hand in Hand. Eben auch durch Vergleiche dieser Art (ob berechtigt oder nicht, sei dahingestellt) in öffentlichen Stellungnahmen von Vertretern des Zentralrats der Juden in Deutschland geäußert, scheint bei einigen Nicht-Juden Aversionen oder auch Antipathie auszulösen. Das wäre tiefenpsychologisch sicher hochinteressant zu betrachten, da es für diese Abneigungen gegen den Zentralrat nach meiner Erfahrung noch nicht mal einer unbewusst-latenten antisemitischen Einstellung bedarf. Behaupte ich mit meiner Küchenpsychologie.

  18. Fabian W.
    10. Oktober 2009, 20:30

    @Löw:
    „Das wäre tiefenpsychologisch sicher hochinteressant zu betrachten, da es für diese Abneigungen gegen den Zentralrat nach meiner Erfahrung noch nicht mal einer unbewusst-latenten antisemitischen Einstellung bedarf.“

    Das will ich wenigstens hoffen.

  19. Muriel
    10. Oktober 2009, 21:05

    @Fabian W: Ich finde einen derartigen Vergleich mit Hitler eigentlich so ziemlich immer albern, deshalb kann ich mich umgekehrt nicht erinnern, wann der Zentralrat das letzte Mal zu Recht diese Keule geschwungen hätte.
    Ich schätze, wir sind da einfach unterschiedlicher Auffassung und werden uns wohl so bald nicht mehr einigen.

  20. Löw
    10. Oktober 2009, 22:04

    @Fabian W.: Hoffe vielleicht nicht zu sehr, denn rechtsextreme Positionen sind anscheinend weiter verbreitet, als man wahrhaben möchte. Eben nicht nur bei Rechtsextremen: http://www.d-a-s-h.org/dossier.....ungen.html

  21. Restebloggen zum Wochenende (11) « überschaubare Relevanz
    11. Oktober 2009, 12:50

    […] Lukas stellt fest: Die Führerlose Zeit ist vorbei! […]

  22. bongokarl
    11. Oktober 2009, 21:22

    „ausländerkritisch“ ist aber auch ein wunderbarer euphemismus von der bild. :)

  23. Größter Satan
    11. Oktober 2009, 22:00

    @ boje: In großen Teilen Zustimmung, auch wenn mir Ihre Einbeziehung von Oberbayern, Holländern etc. zu sehr nach politisch korrekter Äquidistanz klingt.

    Sarrazin hat völlig Recht, wenn er sagt, dass ein Großteil der gering qualifizierten Bevölkerung im Produktionsprozess unserer Wirtschaft (was nicht gleichbedeutend ist mit: in unserer Gesellschaft) nicht mehr gebraucht wird. Wer daraus irgendwelche Vernichtungsphantasien ableitet, sollte seine eigenen Assoziationen hinterfragen. Eines der großen Probleme, denen sich das Gemeinwesen in Zeiten des globalisierten Kapitalismus stellen muss, ist das der Behandlung der nicht bildungswilligen oder -fähigen Bürger, die keine Aussicht auf ein einigermaßen stetiges Erwerbsleben haben.

    Ebenfalls beizupflichten ist Sarrazin, wenn er mit dem Dogma von der systematischen Benachteiligung von Migrantenkindern in unserem Schulwesen aufräumt. Wenn es zwischen verschiedenen Zuwanderergruppen derart auffällige Unterschiede gibt, dann kann es ja nicht ganz allein an der Struktur des Bildungssystems liegen. Ich will damit keine Pauschalverurteilungen aussprechen, aber dass man Migranten – wie in linken Kreisen leider zu häufig geschehend – immer nur zu armen Opfern degradiert und sie damit ihrer Rolle als handelnder, verantwortlicher Subjekte beraubt, ist nichts anderes als eine Form wohlwollender Diskriminierung.

    Einiges an Sarrazins Äußerungen ist ganz sicher krude, unausgegoren oder auch schlicht und einfach falsch. Aber es ist kontraproduktiv, nun das Kind mit dem Bade auszuschütten und Sarrazin mit dem Nazi-Bann zu belegen: Denn dadurch bleibt eine inhaltliche Auseinandersetzung mit denjenigen seiner Thesen aus, die eine eingehendere Diskussion wirklich verdienen würden. Es wäre endlich an der Zeit, die in den Sinnbezirken „Prekariat“ und „Migration“ seit Jahrzehnten übliche Vogel-Strauß-Politik zu beenden.

    Aber nein: Das wird wieder nicht geschehen. Und wir werden zum nächsten Job- und Integrationsgipfel klettern, bei dem der Berg zwar kreißt, aber wieder nur ein Mäuslein gebiert.

  24. SvenR
    12. Oktober 2009, 14:33

    Meine Tochter geht im ländlichen Einzugsgebiet von Frankfurt am Main auf eine Grundschule. 43 % der Kinder haben einen „Migrationshintergrund“. In ihrer Klasse sprechen alle Kinder gut deutsch, die Eltern verstehen alle deutsch. So gesehen sind wir auf der Insel der Glückseligen – verglichen mit Berlin.

    Trotzdem haben wir eine vergleichbar prekäre Situation: Viele Eltern sehen die Schule als Verwahranstalt an, die ihnen die Kinder abnimmt, damit sie sich selbst nicht kümmern müssen. Der Stundenplan hat höchstens Empfehlungscharakter, Hausaufgaben sind überflüssiger Balast – die Lehrer sollen es halt so erklären, dass die Kinder es gleich verstehen, Pausenbrote sind altmodisch – da gibt man Erst- und Zweitklässlern lieber jeden Tag fünf Euro mit. 8 von 25 Kindern in ihrer Klasse sind in diesem Sinne verwahrlost.

    Die Schulgemeinschaft gibt sich große Mühe, die Versäumnisse der Eltern zu kompensieren. Es gibt ehrenamtliche Vorlesepapas und -mamas, die beim Lesen lernen helfen, einen Förderverein, der verlässliche Betreeungszeiten sicherstellt, eine Hausaufgabenhilfe (speziell für Kinder mit Migrationshintergrund, denen die Eltern bei den Hausaufgaben nicht helfen können).

    Das alles ist kostenlos. Für die, die es sich nicht leisten können. Oder wollen. Es wird aber nicht angenommen. Die Eltern, für deren Kinder es am wichtigsten wäre, kommen nicht zu Elternabenden, reagieren nicht auf Einbstellungen der Lehrer und der Schulleitung, lassen ihre Kinder nicht teilhaben. Ist ja keine Pflicht. Die wollen ihre Ruhe haben. Es ist doch auch viel gemütlicher, wenn man umsonst wohnt, der Lebensunterhalt gesichert ist, und man mit Schwarzarbeit sich das, was die für Luxus halten, dazuverdienen kann.

    Die meisetn Kinder können den Schichten, in die sie hineingeboren wurden, wegen ihrer Eltern nicht enkommen. Sie werden auf ein Leben im Prekariat konditioniert.

    Ich komme zurück zu Berlin. Da ist das prinzipiell genauso. Nur dass es sich nicht um ein Drittel der Kinder handelt, sondern je nach Stadteil bis zu über 90 % der Kinder. Es wird sicherlich nicht einfacher, wenn die Kinder schlecht oder gar nicht deutsch können. Oder im Zweifel gar keine Sprache so einigermaßen.

    Sarrazin hält es für „pointiert“ wie er es gesagt hat. Sei’s drum. Er hat erreicht, dass das was er gesagt hat, gehört wurde. Die Botschaft hat keiner hören wollen, wie leicht ist es doch dann, die Hitlerkeule herauszuholen und ihm gleich noch seinen Job wegnehmen zu wollen?

  25. Markus
    12. Oktober 2009, 18:41

    So vielfältig die Integrationsproblematik ist, und so augenfällig es scheint, dass der Migrationshintergrund mit der „Verwahrlosung“ der Kinder in der Schule zusammenhängen könnte: Ich wohne in Neukölln und möchte auch nicht alles über einen Kamm scheren, aber hier geht es den deutschen Schülern auch nicht anders. Es hört sich immer ein bisschen so an, als sei die Quote der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in einer Klasse deckungsgleich mit der Prozentzahl der schlechten Lerner in der gleichen Klasse. Das macht meines Erachtens keinen Unterschied. Das ist mindestens ebensosehr ein soziales Problem, das trifft in diesem Bezirk Migranten und Deutsche gleichermaßen. Und die sozial schlechtere Stellung von Bürgern quasikausal an ihrem Migrationshintergrund festzumachen, hätte dann ja immerhin einen ganz schönen Brockenteil sozialer Ungerechtigkeitsproblematik außen vor gelassen.

    Zweitens mag man vielleicht, wie das hier auch geschieht, Sarrazins Äußerungen von dem befreien wollen, was falsch und „unausgegoren“ ist und stößt dann möglicherweise auf ein Destillat von zumindest diskutierbaren Meinungen. Ich für meinen Teil bin aber hundertprozentig sicher, dass man dabei nicht mangels Material unbedingt seine Meinungen diskutieren muss, weil das, was davon tatsächlich Argumente enthält, bestimmt so oder so ähnlich auf angenehmere und reflektiertere Weise von anderen Menschen geäußert wird, die dann nicht wie Sarrazin gleich im Satz danach eine hanebüchene Verquickung von Genetik und Rassenlehre (Begabungen mögen ja teilweise erblich sein, aber wenn schon individuell, und sicher nicht so, wie der Herr impliziert, dass das genetische Material von „Türken und Arabern“ oder wem auch immer durch irgendeine Art von Präkodierung oder Schicksal angeblich beschränktere kognitive Fähigkeiten hervorbringt) zusammenschustern und in ihrer internen Logik oder Ernsthaftigkeit, wenn Sie so wollen, den Karren völlig an die Wand fahren und jede Diskussion unmöglich machen. Da gibt es verwendbareres Material an jeder Ecke.

    Insofern @SvenR: Diese „Botschaft“, die da angeblich drin war in der Grütze, die da von einem der höchsten Bundesbeamten geäußert worden ist, wäre sicherlich besser gehört worden, hätte er sie nicht durch die Nebeneinanderstellung von hinkendem, unwissenschaftlichem und vor allem rechtsradikalem Rassenlehregeschwurbel invalid gemacht. Dass der Mann seinen „Job“ als Vorstandsmitglied der Notenbank der Bundesrepublik verliert, halte ich unter den Gesichtspunkten eines demokratisch verfassten Staates mit oberstem Gleichheitsgrundsatz für logisch und völlig verdient. So weit kann er nicht mehr zurückrudern, dass er es schafft, seine bei einem so hohen Beamten notwendige Vorbildfunktion angemessen ausfüllen zu können. Gibt es die geplante Wegnahme eines Großteils seiner Kompetenzen in diesem Amt, kann man nur hoffen, dass er seine eigene Logik konsequent verfolgt und den Hut nimmt, schließlich ist seine eigene ökonomische Brauchbarkeit dann nicht mehr so ohne Weiteres zu verteidigen.

  26. Größter Satan
    12. Oktober 2009, 21:03

    @ Markus:
    Schon richtig: Das, was an Sarrazins Thesen korrekt ist, findet sich woanders in weniger polemischer Form und ganz frei von doch ziemlich befremdenden Pauschalurteilen. Allein – die moderater formulierten Meinungsäußerungen werden nicht gehört. Viele Menschen, die (so wie ich) im Sozialbereich tätig sind, können sicherlich einiges von dem unterschreiben, was Sarrazin zum Besten gegeben hat. Und auch die Schilderungen des Kommentators SvenR haben in mir die eine oder andere Erinnerung wachgerufen.
    Sarrazin hat bestimmte unangenehme Wahrheiten ausgesprochen, an die sich fast kein Politiker herantraut, weil sie sich nicht so einfach lösen lassen und man sich daran sehr leicht die Finger verbrennen kann.

  27. Löw
    13. Oktober 2009, 2:36

    @Größter Satan:

    Natürlich wurde Sarrazin mit seinen unwürdigen Äußerungen wahrgenommen. Dazu waren diese Äußerungen offensichtlich gedacht und das war zu erwarten. Das ändert jedoch nichts an der billigen Polemik. M.E. ist das Ergebnis daher letztlich dasselbe wie bei Menschen, die zu ähnlicher Thematik angemessen ihre Meinungen äußern und nicht wahrgenommen werden: Sarrazin stößt mit seinen harschen Formulierungen auf heftigen Widerstand (der vorauszusehen war), während die Thematik damit zwangsläufig verdrängt wird. Nicht jeder hat Lust auf Polemik.

    Menschlich ausgedrückt, sprach aus Sarrazin also eher der Bauch als der Kopf. Das ist anscheinend Teil seiner Persönlichkeit. Wenn ihm aber etwas daran läge, die Zustände zu ändern, hat er jederzeit die Möglichkeit, sich in angemessener Weise dafür einzusetzen. In seiner Zeit als aktiver Politiker hat er es anscheinend versäumt.

  28. Markus
    13. Oktober 2009, 17:01

    Also insbesondere bei Menschen, die wie Sarrazin politisch mindestens ablehnenswürdige Äußerungen machen, finde ich schon sehr stark, dass sie sich insgesamt unmöglich machen und schon allein der Selbstschutz und der Schutz der Diskussion gebieten sollte, dass man sie nicht mit Zitaten solcher Leute verunreinigt. Nicht auszumalen, wenn man das zuende denkt, mit wem man man sonst noch umgehen müsste, und quasi auf die ockhamsche Rasierweise die sinnvollen Meinungen herausfiltrieren müsste. Beim NPD-Parteiprogramm sagt doch auch niemand „Och, aber der eine oder andere Punkt…“.

  29. SvenR
    13. Oktober 2009, 17:48

    Nicht so voreilig, Markus. Mittlerweile hat der Generalsekretär des Zentralrats der Juden Stephan Kramer ein ganzes Stück weit zurückgerudert (das wollte ich schon lange mal in einen Kommentar reinschreiben) und sich für seinen Hitlervergleich entschuldigt.

  30. Größter Satan
    13. Oktober 2009, 18:44

    @ Löw:

    Sie haben da womöglich nicht ganz Unrecht. Es stellt sich nun allerdings die Frage, in welcher Tonart man die zur Debatte stehenden Inhalte kommunizieren soll: Ist man zu moderat, werden sie übergangen; ist man zu polemisch, wird eine Diskussion darüber wegen der Form (und einiger verquerer Bemerkungen) abgelehnt.
    Allerdings glaube ich schon, dass das „Empörungskarussell“ durch die verstärkte Wahrnehmung von Sarrazins Äußerungen letztlich auch der Beschäftigung mit seinen teilweise ja zutreffenden Thesen genützt hat, zumindest im Vergleich zu den vielen Kassandrarufen von Lehrern, Sozialarbeitern, Lokalpolitikern oder betroffenen Bürgern.

    Einer der Tabubrüche in Sarrazins Einlassungen, für den ich ihm sehr dankbar bin, ist die Betonung des Misserfolgsbeitrags der Gescheiterten. Zweifellos könnte man durch Reformen im Bildungssystem bestimmte Missstände beseitigen oder lindern. Aber es wird immer einen gewissen Prozentsatz von Menschen geben, die die Qualifizierungsangebote unserer Gesellschaft nicht annehmen können oder wollen. Ebenso wird es immer Personen geben, die den Hartz-IV-Bezug einer kaum besser bezahlten Arbeit vorziehen. Personen, die ihre eigenen Aufstiegsmöglichkeiten (zum Teil auch unbewusst) sabotieren, immer wieder aufs Neue in Arbeits- oder Ausbildungsverhältnisse vermitteln zu wollen, ist eine sinnlose Folge sozialpolitischer Naivität.

    Begrüßenswert fand ich auch Sarrazins Anregung (so habe ich das zumindest verstanden), Sozialleistungen nicht primär in Geldform, sondern auch (oder insbesondere) als Sachzuwendungen (bzw. Bezugsberechtigungen) zu verteilen.

    @ Markus:

    Mindestlohn oder Abzug aus Afghanistan: Beifall, wenn er im Programm der Linken steht, aber Ablehnung, wenn er von der NPD gefordert wird?

    Es kommt doch darauf an, WAS jemand sagt, und nicht, WER etwas sagt.

  31. Markus
    13. Oktober 2009, 18:47

    @Größter Satan: Es kommt in aller erster Linie darauf an, warum jemand sagt, was er sagt.

  32. Größter Satan
    13. Oktober 2009, 19:24

    @ Markus:
    In Ordnung. Warum hat Ihrer Meinung nach Sarrazin das gesagt, was er gesagt hat?

  33. Löw
    13. Oktober 2009, 19:48

    @Größter Satan:

    „Begrüßenswert fand ich auch Sarrazins Anregung (so habe ich das zumindest verstanden), Sozialleistungen nicht primär in Geldform, sondern auch (oder insbesondere) als Sachzuwendungen (bzw. Bezugsberechtigungen) zu verteilen.“

    Da habe ich eine Überraschung für Sie. Bei Menschen, die sich im Asylverfahren befinden, werden die Leistungen schon seit Jahren z.T. in Sachleistungen erbracht.

    „Es stellt sich nun allerdings die Frage, in welcher Tonart man die zur Debatte stehenden Inhalte kommunizieren soll […].“

    Mit dem Stichwort *Debatte* haben Sie die Frage eigentlich auch schon selbst beantwortet. Polemik schließt sich da von selbst aus.

    „Personen, die ihre eigenen Aufstiegsmöglichkeiten (zum Teil auch unbewusst) sabotieren, immer wieder aufs Neue in Arbeits- oder Ausbildungsverhältnisse vermitteln zu wollen, ist eine sinnlose Folge sozialpolitischer Naivität.“

    Die Konsequenz daraus hieße für Sie was?

  34. Markus
    14. Oktober 2009, 9:30

    @Größter Satan:
    Das hat er doch gleich dazu gesagt. Er findet halt, Türken und Araber seien ein wenig schluderig, unfähig richtig was zu leisten, taugten auch sonst nichts und seien zu blöd und deshalb würde er sie gerne ersetzen mit Angehörigen von genetisch prädisponiert besseren Rassen, so wie man das halt fordert, wenn man ein bisschen ballaballa ist. Ich verstehe nicht, wie man das ignorieren und daran herumreden kann, dass da doch mit Sicherheit nicht ein geistig verfeuerter Rassentheoretiker und ein großer Wohlfahrtsdenker in einer Person verbunden sind. Es kommt doch hier beides aus dem selben Schlund. Ich meine: In Ordnung, wenn Sie mögen, kann ich es Ihnen selbstverständlich nicht verbieten, an so etwas noch richtige Argumente finden zu wollen, das ist ja auch ein Stückweit ein nobles und wohlwollendes Anliegen, aber ich bin für diese Herangehensweise einfach zu wenig Utilitarist und fühlte mich sehr unsicher dabei, mit jemandem zu argumentieren, bei dem meines Erachtens zumindest die Hälfte seiner Maximen politisch (und sozial) höchst inkompatibel mit Wissenschaft und auch gesundem Menschenverstand ist.

  35. Lukas
    14. Oktober 2009, 21:22

    Offenbar herrscht in diesen abgehobenen Kreisen generell ein etwas volksverhetzendertümlicherer Umgangston.

    Hans-Olaf Henkel (auch vielfacher Ehemaliger) jedenfalls schrieb an Sarrazin, dass er dessen „Äußerungen ohne jedes ‚wenn‘ und ‚aber‘ unterstütze“.

  36. Löw
    14. Oktober 2009, 22:58

    @Lukas:

    >>Hans-Olaf Henkel […] jedenfalls schrieb an Sarrazin, dass er dessen “Äußerungen ohne jedes ‘wenn’ und ‘aber’ unterstütze”.<<

    In Henkels Statement habe ich eigentlich nur noch eine verächtliche Äußerung über "Gutmenschen" vermisst… :'(

  37. RIESENZWERGE » Thilo Sarrazin (SPD) oder: Darf man einen Rassisten Rassisten nennen?
    30. Januar 2010, 19:26

    […] Lukas Heinser auf coffeeandtv.de, 9. Oktober 2009 […]