Das Raunen der Alraune

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Oktober 2009 13:46

Gestern stand ich zum Zwecke der Gesichtsentfusselung vor dem Badezimmerspiegel, als ein Wort vor mein geistiges Auge bzw. eher vor mein geistiges Ohr trat.

ALRAUNE.

“Hallöchen”, sagte ich mit viel Schwiegersängerhaftem Schlagersohntimbre in der Stimme, “wo kommst Du denn her? Kennen wir uns denn? Passiver Wortschatz, aktiver Wortschatz? … Hallo?”

Trotz frei verfügbarem Internet und durchaus existenter Nachschlagewerke im eigenen Bücherregal beschloss ich, dem Wort nicht auf den Grund zu gehen, und es ein wenig in der Großhirnrinde spazieren zu tragen. Was sollte schon groß passieren? Schlimmer als ein Fragment aus einem Musikstück, dessen Titel man freilich nicht mal eben ergoogeln kann, würde die spontan erschienene Vokabel ja wohl kaum sein.

Pünktlich zu dem Zeitpunkt, als ich einzuschlafen gedachte, kam das Wort wieder hervor. Es hatte sich in eine Visualisierung gekleidet, die einer Pflanze entsprach: ihre Blätter waren zackig wie die eines Ilex, ihre Blüte war blau wie ein Edelweiß.

“Warum sollte denn ein Edelweiß blau sein?”, klopfte mein noch nicht ganz entschlummerter Verstand an. “Wenn’s blau wär, hieß es doch wohl eher ‘Edelblau’, meinste nicht?” – “Aber Heino hat doch schon …” – “Jaaaa?” – “Ach nee, ‘Blau, blau, blau blüht der Enzian’ hat er gesungen. Aber doch auch irgendwas mit Edelweiß, oder nicht?” – “Die Edelweißpiraten gab’s, das waren jugendliche Widerständler im dritten Reich …” – “… und ‘Schwarz-braun ist die Haselnuss’! Das hat er auch gesungen …” – “Wirklich? Es ist drei Uhr nachts und wir sind schon wieder bei Hitler?!” – “Ich war bei Heino, Du warst bei Hitler …”

In diesem Moment hatte sich mein restwaches Bewusstsein zum Glück in dem vor wenigen Sekunden gedachten Wort “Ilex” verbissen und meinte plötzlich, doch noch ein Liedfragment in die Runde werfen zu müssen: irgendwas mit “Ilecson”, “Elecson” und möglicherweise einem “General” davor. Na, herzlichen Dank, das würde ja eine lustige Nacht werden.

Doch da trat auch schon der Bruder von Vatter Hein durch die Tür und schickte mich ins Reich der Träume. (Der Tod ist ja bekanntlich “Schlafes Bruder”, also muss der Schlaf auch der Bruder des Todes sein. Im Französischen wird aber der Orgasmus auch als la petit mort, also “der kleine Tod”, bezeichnet. Das muss ja eine lustige Familie sein, in der gleichermaßen getötet, gevögelt und geschlafen wird — fast so wie im RTL-Nachmittagsprogramm.)

Jedenfalls: Ich schlief, niemand starb und niemand erreichte den sexuellen Höhepunkt (was man bei den dünnen Wohnheimswänden hier in Samstagnächten sonst durchaus schon mal als Ohrenzeuge zu verfolgen gezwungen sein kan). Ich schlief sogar so gut, dass mir weder Alraunen, noch Ilexe, Edelweiße, Enziane oder Haselnüsse begegneten, kein Hitler und kein Heino, und auch das mysteriöse Musikstück blieb mir reichlich schwendi. Erst der Wecker beendete meinen steingleichen Schlaf und am Frühstückstisch war ich viel zu sehr mit der exakten Kochzeit von Eiern (sechseinhalb Minuten für die Größe L, frisch aus dem Kühlschrank), meinen diversen Marmeladen und Aufschnitten (Kiwi-Stachelbeer, Himbeer, Brennnesselkäse und Pfeffersalami), sowie meinem Kaffee (schwachtz) beschäftigt, als dass mir Alraunen hätten einfallen können. Die kamen erst später zurück.

Und jetzt habe ich Sie lange genug an den Ereignissen in meinen Hirnwindungen teilhaben lassen und auf die Folter gespannt. In diesem Moment werden Sie und ich endlich gemeinsam erfahren, was eine Alraune ist.

Es ist …

eine mehrjährige krautige Pflanze, deren Verzehr schon in geringen Mengen zu Atemlähmung und zum grande mort, also der Begegnung mit Vatter Hein, dem senseschwingenden großen Bruder von Schlaf und Orgasmus, führen kann.

Na, das war ja mal unspektakulär!

21 Kommentare

  1. Tabea
    4. Oktober 2009, 14:21

    Bei Harry Potter heißen die Pflanzen, die im jungen Stadium aussehen und keifen wie Babys, auch Alraunen. Daher kannt ich die nur ^^

  2. Kincaid
    4. Oktober 2009, 14:26

    Die Wurzel der Alraune sieht auch gerne mal aus wie ein Mensch, daher die Sache in Harry Potter. Ich kenn die aber noch aus dem Brettspiel “Das verrückte Labyrinth”, da war die Alraune eines der Dinge die man sammeln musste.

  3. Nummer Neun
    4. Oktober 2009, 15:19

    Wecker am Sonntag?

  4. Horatiorama
    4. Oktober 2009, 15:46

    Die kommen dann aber direkt ins siedende Wasser, die Eier?

  5. Nils B.
    4. Oktober 2009, 16:30

    Ich kenne die Alraune aus dem grandiosen (Vorsicht: Verklärung der Kindheit) Lands of Lore 2: Götterdämmerung, weiß aber nicht mehr, welche Funktion sie da hatte, konnte sie einen heilen?

  6. Patrik
    4. Oktober 2009, 16:54

    “schwendi”? Was’n das für’n Slang? ;-)

    @Horatiorama: Wie dein Ei wird hängt nicht nur von der Kochzeit ab, sondern auch vom Luftdruck und damit von den Koordinaten deiner Kochstelle, weil dann das Wasser entsprechend früher/später verdampft und damit das Ei mehr oder weniger heißes Wasser in flüssiger Form um sich hat.

  7. tux.
    4. Oktober 2009, 17:03

    Tod, Schlaf und Orgasmus – sehr schön.

  8. Dr. Borstel
    4. Oktober 2009, 18:08

    Gab’s in “Pans Labyrinth” nicht auch ‘ne Alraune?

  9. Philip S.
    4. Oktober 2009, 21:54

    @Borstel ja das war da aber eine Heilpflanze für die Mutter und so eine Art hässliches Pflanzenbaby…mir fallen spontan auch diverse Rollenspiele ein in denen man Pflanzen sammeln kann.

  10. Lukas
    4. Oktober 2009, 22:37

    @Nummer Neun: Jeden Tag Wecker. Die Frage ist, ob ich auf ihn höre. Heute hab ich — aber auch erst um elf.

    @Patrik:

    Schwendi (Adj.)
    Vollkommen gleichgültig; absolut egal; infinite Steigerung des volkstümlichen “Wurscht” […]

    (Adams, Douglas et al.: Der tiefere Sinn des Labenz. 5. Auflage, Hamburg 1996.)

  11. vib
    5. Oktober 2009, 0:09

    Asterix. Miraculix macht da öfters was mit Alraunen.

  12. cookie
    5. Oktober 2009, 1:21

    Die heissgeliebten absurden Assoziationsketten kurz vorm Einschlafen!

  13. SvenR
    5. Oktober 2009, 9:31

    »Es geht ein Alraunen durch Deutschland«.

    SCNR

  14. birgit
    5. Oktober 2009, 16:31

    In meinem Poesie-Album von 1964 steht:
    Nicht Wünschelrute, nicht Alraune,
    die beste Zauberei liegt in der guten Laune!

  15. Asgar
    5. Oktober 2009, 17:11

    Perversen wie mir fällt bei Alraune natürlich direkt der Comic ein ;-)http://www.schwarzerturm.de/html/alraune.html

    Zeichnerisch auf jeden Fall der Hammer!

  16. sinie
    5. Oktober 2009, 19:06

    hmm.. Tod und Schlaf.. da war doch was. Ah. Neil Gaiman. Sandman. Comicserie. Death und Dream sind Geschwister. Das ist so eine ganze D-Alliteration Geschwisterreihe. Delirium und Destruction fallen mir noch ein.

  17. B.
    5. Oktober 2009, 22:57

    So. Hiermit zu meinem Lieblingseintrag deines Blogs in diesem Jahr erklärt. Wegen Absatz #7.

  18. Ines
    6. Oktober 2009, 0:13

    Hallöchen, Gut geschrieben. Bin ein totaler Harry Potter Fan.

  19. Der blanke Wahn « Stefan Niggemeier
    8. Oktober 2009, 23:40

    […] Ich glaube, was ich an der Verwendung so eklig finde, ist die merkwürdige Kombination aus Geilheit und Prüderie, die er ausdrückt, dieses völlig abwegige Erstaunen darüber, dass jemand in der Öffentlichkeit oder sogar für die Öffentlichkeit intimere Bereiche seines Körpers entblößt. Jeder dieser Akte scheint heute mit einem Staunen gefeiert zu werden, als fände die Diskussion vor 40 Jahren statt und als wäre es heute möglich, mittags Programme wie RTL oder Pro Sieben einzuschalten, ohne dass einem nackte Brüste entgegenkugelten. Aber egal, wie allgegenwärtig nackte Frauen heute sind — in der „Bild”-Redaktion kann eine prominente Brustwarze, die für den Bruchteil einer Sekunde viertelenthüllt war und dabei fotografiert wurde, immer noch ganze Orgasmuskaskaden auslösen. Ich schweife ab. […]

  20. kampfstrampler
    9. Oktober 2009, 14:28

    @lukas: “schwendi” – ja, kenne ich auch als Synonym für “gänzlich schnuppe”. Allerdings stammt der umgangssprachliche Begriff wohl aus dem früher alles andere als konfliktfreien deutsch-polnischen Zusammenleben (Berlin-Ost, Ruhrgebiet). Was dem Polen “swienty”, also “heilig” war, darüber hat sich der deutsche Prolet abfällig lustig gemacht: eben “schwendi”.

  21. Thomas L
    10. Oktober 2009, 8:30

    Sechsminutendreißig? Da ist das Eigelb ja schon fast hart. Am besten vorher wiegen, ältere Eier kurz vorm MHD haben schon an Flüssigkeit verloren. Als Fausregel: Bei einer frischen Packung größe L (egal ob Freilandei oder elektrischer-Stuhl-Ei) eher 6:30, beim allmählichem Verbrauch bis zum MHD auf 5:30 linear interpolieren. Alles klar? Dann guten Appetit.

Diesen Beitrag kommentieren: