Beiträge vom August, 2009

Post von Semino Rossi

Von Lukas am Donnerstag, 27. August 2009 15:34

Was hab ich jetzt wieder angestellt?

Post von Semino Rossi

Andererseits könnte es natürlich auch sein, dass ich nach meinen Sympathiebekundungen für Semino Rossi (und meinem Loblied auf Bata Illic) einfach zur Zielgruppe gehöre.

Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me | Kommentare (15)

Uhr-Instinkt

Von Lukas am Mittwoch, 26. August 2009 21:45

Den Bochumer Liedermacher1 Tommy Finke hatte ich hier ja schon mehrfach lobend am Rande erwähnt.

Demnächst erscheint sein neues Album “Poet der Affen/Poet of the Apes” und entsprechend gibt es vorher eine Single:

["Halt' alle Uhren an"]

Ich mag besonders die losen Oasis-Referenzen im Refrain und diesen komischen Flötensound2 vor den Strophen. Als Waschzetteltexter würde ich jetzt sowas schreiben wie: “Jugendlicher als Kettcar, zugänglicher als Gisbert zu Knyphausen und – natürlich sowieso – besser als Revolverheld.” Es erinnert aber auch ein bisschen an Athlete, finde ich.

Jedenfalls kenne ich nicht viele deutschsprachige Musiker, die so knietief im Pop stehen und dabei so weit von jedem Schlagervorwurf entfernt sind. Spätestens beim dritten Hören nistet sich der Song in den Gehörgängen ein, aber kaufen kann man ihn leider erst im Oktober.

Und wenn Sie partout keine deutschsprachige Musik mögen, hören Sie sich eben die englische Version des Songs an.

Disclosure: Ich habe mit Tommy Finke mal ein Bier getrunken getrunken, es aber selbst bezahlt.

  1. Falls sich jemand findet, der ein zeitgemäßes Synonym zur Hand hat, das nicht so sehr nach Lederweste und selbstgedrehten Zigaretten klingt, möge er es bitte in den Kommentaren abstellen. []
  2. Der mutmaßlich alles, nur kein Flötensound ist. []

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Ein Esszimmertisch aus ganz besonderem Holz

Von Lukas am Freitag, 21. August 2009 13:42

Möglicherweise haben Sie das Video schon gesehen, in dem der demokratische Abgeordnete Barney Frank bei einem Town Committee meeting in Dartmouth, Massachusetts eine junge Fragestellerin rhetorisch vollendet abbügelt, die ihm und Barack Obama Nazi-Politik vorwirft.

Alternativ hätte die “Daily Show” hier für Sie auch noch mal die schönsten Stellen:

The Daily Show With Jon Stewart Mon – Thurs 11p / 10c
Barney Frank’s Town Hall Snaps
www.thedailyshow.com
Daily Show
Full Episodes
Political Humor Healthcare Protests

Was Sie vielleicht nicht mitbekommen haben: Die Fragestellerin berief sich auf Lyndon LaRouche und hatte dieses sympathische Poster dabei, das man sich auf der Website des “Political Action Committee” des LaRouche-Clans herunterladen kann:

I've changed - Barack Obama mit Hitler-Bärtchen

Sie erinnern sich: Die merkwürdigen Vereinigungen rund um Lyndon LaRouche und seine Frau Helga Zepp-LaRouche waren hier im Blog ja schon mehrfach Thema.

Während der deutsche Ableger “Bürgerrechtsbewegung Solidarität” (BüSo) vor allem durch unfreiwillige Komik und mysteriöse Todesfälle auffällt, tritt die Politsekte in den USA weit weniger subtil auf.

[via The Washington Independent]

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Wohlfaile Empörung

Von Lukas am Donnerstag, 20. August 2009 20:27

Ich hab mir heute nach fast sechs Jahren in Bochum zum ersten Mal eine “WAZ” gekauft — für einen Artikel im BILDblog über das Koma-Saufen, zu dem die Junge Union hier in der Stadt angeblich einlädt.

Ich weiß nicht, was ich von einer Party halten soll, bei der man für 10 Euro Eintritt 25 Euro vertrinken kann, so dass die rot-grünen Shots, die “weg müssen”, im Endeffekt weniger als einen Euro kosten. Aber ich würde auch noch viel weniger ins Playa gehen, als ich CDU wählen würde.

Was ich weiß, ist, dass die ganze Aufregung um diese Party irgendwie typisch war: Beim “Westen” steht, die Gutscheine müssten in anderthalb Stunden vertrunken werden, und kurz darauf steht es so in vielen Blogs und mehr als 300 Leute twitterten, dass die Junge Union …

Auch ich hatte den Link zum “Westen” für eine Minute in meinen delicious-Links, ehe mir bei den dortigen Trackbacks der Link zu Waynes Blog auffiel, in dem dieser der “WAZ” schlechten Journalismus vorwarf.

Ob die Junge Union möglicherweise erst nach Erscheinen des Artikels beim “Westen” auf ihrer Website klargestellt hat, “dass der Gutschein zwar bis 23:30 an der Kasse erworben werden muss aber die ganze Nacht genutzt werden darf”, ist eigentlich unerheblich — die Blogger, die sich auf die Story stürzten, hätten wenigstens den Versuch unternehmen müssen, bei der Jungen Union nach Informationen zu suchen. (Ich natürlich auch, bevor ich den Link gespeichert habe. Ganz besonders, wenn die Quelle “WAZ Bochum” heißt.)

Es kann doch nicht sein, dass wir immer wieder die Informationen loben, die im Internet für jeden überall und frei verfügbar sind, und dann nicht mal drei Minuten darauf verwenden, bei einer solchen Geschichte auch die Gegenseite abzuchecken. Stattdessen wird der Link blindlings bei Twitter weiterverbreitet — natürlich nicht, ohne ihn vorher nicht noch mit “#fail”, “#cdu-” und “#piraten+” (aus Prinzip!) versehen zu haben.

Natürlich traue auch ich den Parteien (und zwar allen) im Wahlkampf so ziemlich alles zu. Aber es spricht trotzdem nicht für die Medienkompetenz von Internet-Powerusern, wenn sie blind auf eine Geschichte anspringen, die ihnen zufälligerweise ins Weltbild passt. Im Gegenteil: In solchen Momenten sind wir keinen Deut aufgeklärter als der alte Mann, der seit 60 Jahren immer die gleiche Partei wählt.

Nachtrag, 22:50 Uhr: Wie hatte ich nur “BO-Alternativ”, das lokale “Indymedia”-Pendant vergessen können? Dort sorgte die Junge Union schon gestern Nachmittag “mal wieder für einen Skandal”.

Andererseits hatte man sich dort die Mühe gemacht, bei der CDU-Jugendorganisation selbst nachzufragen:

Der Pressesprecher der JU Torsten Bade hält das alles für ein Missverständnis: Die Gäste könnten länger trinken und für jugendliche Disko-BesucherInnen sei das ein ganz normales Angebot. Er räumte aber auch ein, dass es schon mehrere Anrufe wegen der Geschichte gegeben habe und einige Plakate auch wieder abgehängt worden seien.

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Das ist doch kein Einbruch!

Von Lukas am Donnerstag, 20. August 2009 1:08

Eigentlich hätte es nur eines Thesauruses bedurft, um den Artikel zu retten, der heute in der “Hamburger Morgenpost” steht.

Er beginnt wie folgt:

“Die Polizei machte mich zum Einbrecher”

44-Jähriger flüchtete vor Jugendbande auf das Dach einer Halle und brach ein – Herbeigerufene Beamte glaubten ihm nicht

Wenige Zeilen später erfährt der Leser, dass der Mann “durch ein Dach gestürzt war (MOPO berichtete)”.

Doch im Verlauf von zwei aufeinander folgenden Absätzen sorgt der Artikel wieder für hochgradige Verwirrung:

“Ich bin nicht eingebrochen”, erklärt der Hafenarbeiter aufgeregt. [...]

Er sei über einen Palettenstapel auf das Dach geklettert – und wenig später eingebrochen.

Und wenn wir uns jetzt noch den Satz “Ich bin nicht eingebrochen, Herr Wachtmeister, ich bin nur eingebrochen!” vorstellen, klingt es endgültig, als ob sich alles um einen Didi-Hallervorden-Sketch handele, den man schon hundert Mal gesehen hat.

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Drei Tage im August

Von Lukas am Montag, 17. August 2009 15:05

Haldern Pop 2009.

Der junge Mann war schon die ganze Zeit mit CDs und einem Filzstift über den Alten Reitplatz gelaufen und hatte Leute an den Eingängen zu Backstage- und Pressebereichen angesprochen, ob sie ihm weiterhelfen könnten. Jetzt stand er plötzlich hinter einer dieser Absperrungen und ließ sich Autogramme von Asaf Avidan und dessen Band geben. Nachdem dieses kleine Zusammentreffen für alle Beteiligten so erfreulich verlaufen war, ging Asaf Avidan noch einmal zum Security-Mitarbeiter am Zugang zum Pressebereich und bedankte sich bei ihm: “Thanks for letting that guy in!”

Es ist nur ein Detail, aber als ich es am Rande mitbekam, dachte ich: “Das ist Haldern!” Das Familiäre, Entspannte, etwas Andere macht das Festival am schönen Niederrhein auch bei der 26. Auflage zu etwas besonderem. (Mit “besonders” meine ich übrigens nicht einzigartig — ich weiß, dass es überall in Deutschland so kleine, persönliche Festivals gibt. Aber unter diesen dürfte Haldern dann schon wieder das größte sein.) Dokter Renz von Fettes Brot wirkte einigermaßen verwirrt, als er feststellte, dass die ganze Bühne frei von Mobilfunkwerbung war — eigentlich erstaunlich, dass die Festival-Tickets trotz solch ausgeschlagener Einnahmequellen vergleichsweise günstig sind.

Haldern Pop 2009.

Dass das Haldern Pop dieses Jahr erst am zweieinhalbten Augustwochenende stattfand, hing mit dem Termin des Lollapalooza-Festivals in Chicago zusammen (das letzte Festival in Nordamerika, nach dem dann all Künstler wie die Zugvögel nach Europa weiterziehen), erwies sich in Sachen Wetter aber als absoluter Glücksfall. Nach den legendären Schlammschlachten 2005 und 2006 ist man ja einigermaßen bescheiden und freut sich schon, wenn sich sowas nicht mehr wiederholt, aber so gut wie in diesem Jahr habe ich das Wetter seit neun Jahren nicht in Erinnerung (2003 war es wärmer, aber das war absolut unanständig und kurz vor tödlich). Und an den improvisierten Wasserwerfern Berieselungsanlagen zeigte sich dann wieder der besondere Haldern-Charme.

Auch sonst war mein Zehntes für mich eines der schönsten Haldern-Festivals überhaupt. Zwar war es musikalisch nicht hundertprozentig überzeugend, aber das liegt zum einen daran, dass ich immer noch jedes Haldern mit der 2001er Ausgabe (Travis, Starsailor, Neil Finn, The Divine Comedy, Phoenix, Muse, Slut, Blackmail, …) vergleiche, und zum anderen kann man’s ja eh nie allen gleichzeitig recht machen. Veranstalter Stefan Reichmann sagte sogar, er fände es legitim, “auch mal was richtig scheiße zu finden” — aber diese Einschätzung traf dann bei mir doch auf keinen der gesehenen Künstler zu.

Fettes Brot beim Haldern Pop 2009.

Bon Iver waren wie erwartet großartig (und genau richtig in der frühen Abendsonne), Fettes Brot, Dear Reader, William Fitzsimmons und Athlete gefielen mir auch live gut. Colin Munroe war die Neuentdeckung des Festivals und mit Anna Ternheim, Asaf Avidan & The Mojos, The Thermals und Blitzen Trapper muss ich mich dann in den nächsten Wochen noch mal näher befassen.

Der Spannungsbogen hätte freilich ein wenig mehr Zug vertragen: Vieles plätscherte nett vor sich hin, was auch sehr schön war, aber als die Thermals plötzlich losbrachen, waren sich viele einig, dass es dem Festival bisher etwas an Drive gefehlt hatte.

Hatte ich in den letzten Jahren zwischendurch immer in bester “Lethal Weapon”-Manier geflucht, dass ich jetzt langsam aber wirklich “zu alt für diesen Scheiß” sei, bin ich mir diesmal absolut sicher: Wir sehen uns 2010!

Mehr Haldern Pop 2009 hier im Blog: Liveblog Freitag und Liveblog Samstag.

Haldern Pop im Fernsehen: Rockpalast.

Kategorie: Auf Achse, Rock'n'Roll High School | Kommentare (7)

Haldern Pop 2009: Liveblog Samstag

Von Lukas am Samstag, 15. August 2009 13:47

iLiKETRAiNS
Die Band zum iPod (oder so). Irgendwie ist dieser Achtziger-Düsterpop ein großer blinder Fleck in meinem Musikgeschmack (s.a. hier), denn für mich klingen alle diese Editors, Interpols, White Lies, Foals und eben auch iLiKETRAiNS alle gleich. Eine junge Frau sagte gerade, das sei Musik, die sie nur hören wolle, wenn sie mit dem letzten Bier in der Hand nach Hause schwanke und es liegt mir fern, dieses fachkundige Urteil in Abrede stellen zu wollen. Es passt halt irgendwie nicht so recht zum langsamen Verbrennen weiter Teile der eigenen Hautoberfläche.

Dear Reader beim Haldern Pop 2009

Dear Reader
Diese südafrikanische Band hatte ich eigentlich schon lange bei der Listenpanik nachtragen wollen: Wunderschöner Indiepop mit Sängerin und Folk-Einschlag (klar), der ganz wunderbar zum Wetter passt. Zum ersten Mal seit neun Jahren habe ich wieder auf der Wiese vor der Bühne gehockt (weil sie gar nicht matschig ist). Währenddessen fuhr ein Trecker mit vollem Wassertank vor und eröffnete eine Wasserstelle neben der Bühne (so wird die Wiese vielleicht doch noch matschig). Um es Google-tauglich zu formulieren: Junge, hübsche Menschen übergießen ihre halbnackten Körper mit Wasser. Und ich Wahnsinniger will gleich ins Spiegelzelt …

Junge, hübsche Menschen übergießen ihre halbnackten Körper mit Wasser.

Grizzly Bear
Aufgrund von Änderungen im Zeitplan (die bisher niemand so recht erklären konnte), spielt William Fitzsimmons erst um halb sechs im Spiegelzelt. Das gibt mir Gelegenheit, noch ein bisschen Grizzly Bear auf der Hauptbühne zu hören. Wenn das Gedränge im Fotograben ein guter Indikator für die Wichtigkeit einer Band ist (was bisher eigentlich immer der Fall war), dann ist das Quartett aus Brooklyn verdammt wichtig. Radiohead sind erklärte Fans und das passt auch ganz gut, auch wenn bei Grizzly Bear die Folk-Einflüsse (was sonst?) deutlich stärker durchkommen. Mindestens drei Bandmitglieder singen (abwechselnd und gemeinsam) und spielen dazu Musik, die irgendwo zwischen Animal Collective und Fleet Foxes angesiedelt ist. Der Großteil des Publikums ist indes dort angesiedelt, wo die Bäume auf dem Alten Reitplatz etwas Schatten spenden, denn es ist doch ein ganzes Stück wärmer, als dieser alberne Wetterbericht mal wieder vorab behauptet hatte. (“Zuverlässig wie der Wetterbericht” sollte eigentlich die schlimmste Beleidigung deutscher Sprache sein — warum ist sie es nicht?)

William Fitzsimmons beim Haldern Pop 2009.

William Fitzsimmons
Ja, es war warm im Spiegelzelt, aber dann doch nicht so heiß wie befürchtet. Dazu kam, dass es sich kontinuierlich leerte — warum auch immer, an der Musik wird es kaum gelegen haben. Die war wunderschön melancholischer Folkpop zwischen Joshua Radin und Bon Iver. In seinen Ansagen offenbarte Fitzsimmons erstaunliche Deutschkenntnisse und zeigte sich total begeistert vom Publikum.

Bon Iver beim Haldern Pop 2009.

Bon Iver
Als ich aus dem Spiegelzelt kam, hörte ich plötzlich Bon Iver. Aber die sollten doch erst um Viertel vor Neun spielen?! So wie es aussieht, wird die 2009er Ausgabe als Haldern mit den meisten Zeitplanänderungen in die Geschichte eingehen — dumm, wenn man davon nichts mitbekommen hat. (Diesmal lag es wohl daran, dass Andrew Bird noch unterwegs war.) Aber lange aufregen kann man sich über solche spontanen Wechsel natürlich nicht, wenn gerade eine der besten Bands der letzten Jahre ihre wunderbare Musik spielt. Ehrlich gesagt passte die dann auch viel besser zur Abendsonne und dem wolkenlosen Himmel, die der sowieso naturverbundenen Musik (die berühmte Waldhütte, in der “For Emma, Forever Ago” entstand) noch mehr mitgaben. Bon Iver hatte ich im Mai schon gesehen, aber sie sind immer wieder beeindruckend.

The Thermals
Stellen Sie sich vor: Man kann auch Songs mit mehr als 120 beats per minute spielen. Auf dem Haldern ist das in diesem Jahr eine Neuigkeit — und entsprechend wird die schön nach vorne gehende Rockmusik von den Thermals hier gerade gefeiert. Der Regisseur des (fast) alles aufzeichnenden Rockpalasts feiert das mit gesundheitsschädlichen Schnitten, wie wir hier auf dem Kontrollmonitor sehen können. Egal: Die Band rockt schön, da muss ich unbedingt mal ins Album reinhören. (PS: Patrick Swayze lebt entgegen anders lautender Gerüchte auf dem Platz und auf der Bühne immer noch.)

Blitzen Trapper
Wegen der abschließenden Pressekonferenz hab ich nur noch 1 1/2 Songs der Sub-Pop-Band aus Oregon mitgekriegt, aber die hatten es in sich: bluesrockig ging es noch vorne, eine Mischung aus ZZ Top und Crosby, Stills, Young & Nash. Das deckt sich auch nicht gerade mit den Songs der Band, die ich vorher kannte, aber es schreit definitiv nach einer näheren Auseinandersetzung.

König Boris von Fettes Brot beim Haldern Pop 2009.

Fettes Brot
Nachdem die “Brote” letztes Jahr als Überraschungsgast im Zelt gespielt hatten (wo nur die wenigsten dabei waren), gab es sie dieses Jahr offiziell auf der Hauptbühne für alle. Und alle kamen. Kein Vergleich mit der großen Diskussion um Jay-Z beim Glastonbury, noch nicht mal eine Minimalaufregung wie bei Jan Delay auf dem Haldern vor zwei Jahren habe ich mitgekriegt. Fettes Brot waren überraschenderweise die Konsensband und wie zum Beweis eröffneten sie ihre Show (und was für eine das war!) mit “Jein”, einem von den drei deutschsprachigen Hiphop-Liedern, die jeder Mensch mitrappen kann, der zwischen 1980 und 1990 geboren ist (die anderen sind “Sie ist weg” von den Fantastischen Vier und “A-N-N-A” von Freundeskreis). Es gab aber nicht nur ein Greatest-Hits-Programm, sondern auch Abseitiges wie die B-Seiten “Kontrolle” (gegen Vorratsdatenspeicherung, Überwachungsstaat und Wolfgang Schäuble) und “Was in der Zeitung steht” (gegen “Bild” und andere Trash-Medien), Coverversionen von Rio Reiser (“Ich bin müde”) und Fehlfarben (“Ein Jahr”) und im unvermeidlichen Finale “Nordish By Nature” erklangen plötzlich “Dance With Somebody” und “Männer sind Schweine”. Nach viel ruhiger und schwelgender Musik und mildem Gemoshe bei den Thermals konnte wer wollte zum Abschluss also noch mal richtig schön abgehen. Ein Abschluss nach Maß.

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Haldern Pop 2009: Liveblog Freitag

Von Lukas am Freitag, 14. August 2009 15:46

Hauptquartier der Elite.

Herzlich Willkommen!

Auch in diesem Jahr gibt es ein Haldern Pop Festival und überraschenderweise auch ein dazugehöriges Liveblog. (Oder mehrere, aber speziell soll uns hier erst mal dieses hier interessieren.)

Aus verschiedenen Gründen, zu denen unter anderem die Absage von Soap & Skin für den gestrigen Abend zählen, bin ich erst heute angereist. Das Wetter ist nahezu ideal: Die Sonne scheint, aber es ist nicht zu heiß; der Zeltplatzboden ist weich genug, dass man die Heringe reintreiben kann, aber weit von matschig entfernt und ich will schwer hoffen, dass ich die Gummistiefel dieses Jahr völlig umsonst mitgenommen habe.

Asaf Avidan & The Mojos
Nachdem ich die ersten Songs vom Pressezelt aus gehört hatte und zur Bühne ging, war ich überrascht: Da sang ein Mann. Vom Klang her hätte ich eher eine Patti-Smith-, Janis-Joplin-ähnliche Sängerin erwartet. Auch der bluesige Rocksound wirkte ein bisschen wie aus einem länger zurückliegenden Jahrzehnt, schlug aber beim Publikum prompt ein. Die israelische Band (kennt man ja auch nicht sooo viele) hat gerade einen Verlagsdeal mit Chrysalis unterschrieben, was den Verdacht nahelegt, dass ihr Debütalbum bald auch regulär in Deutschland erscheinen wird.

Port O’Brien
Eine dieser Bands, bei denen ich weiß, dass ich das Album besitze, es gut fand und trotzdem fast nie gehört hab. Dann jetzt eben live, inklusive Songs vom neuen, im Oktober erscheinenden Album. Wie viele andere Bands dieses Jahr spielen auch Port O’Brien Folk-Musik im engeren Sinne und es kann nicht mehr lange dauern, bis allen Festival-Besuchern (auch den weiblichen) Vollbärte, Fernfahrermützen und karierte Baumwollhemden gewachsen sind.

Final Fantasy beim Haldern Pop 2009.

Final Fantasy
Wenn Sie bei “junger Mann mit Geige” an den Gewinner des diesjährigen Schlager-Grand-Prix denken müssen, kennen Sie Owen Pallett vermutlich noch nicht. Der hat nicht nur bei diversen Alben seine Finger im Spiel (und am Instrument) gehabt, sondern auch sein Soloprojekt Final Fantasy. Und wenn ich “Solo” schreibe, meine ich: Ja, der Mann steht ganz alleine auf der Bühne, spielt immer neue Samples ein und singt dazu. Das Ergebnis klingt einigermaßen unvergleichlich und passt wunderbar zur frühen Abendsonne.

Woodpigeon
Mein erster Ausflug ins gehassliebte Spiegelzeit. Noch vor wenigen Stunden muss es hier unglaublich heiß gewesen sein, jetzt geht’s. Auch gut, dass das Rauchen im Zelt jetzt verboten ist und die Konzerte auf eine Großbildleinwand im Biergarten vor dem Zelt übertragen werden. Der Biergarten ist noch voller als das Zelt. Sie merken schon: Über die Musik von Woodpigeon mag ich nur ungern schreiben. Netter Folk, aber das war’s dann irgendwie auch schon.

Noah And The Whale beim Haldern Pop 2009

Noah And The Whale
Jubelstürme im Publikum und mir hat’s auch gefallen. Ich weiß nur beim besten Willen nicht, wie ich die Musik beschreiben soll. Schon so ein bisschen wieder diese Achtziger-Dunkel-Kiste, aber dann doch irgendwie mit deutlich mehr Folk-Einflüssen. Egal, wonach es klingt: Es klang toll.

Anna Ternheim
Und da hätten wir dann auch mein erstes echtes Highlight des Festivals: Anna Ternheim, die mir auch schon öfter von Freunden empfohlen worden war, was ich wie üblich irgendwie nicht in einen Hör-Impuls hatte umwandeln können. Jedenfalls habe ich ihre Musik jetzt gehört und war begeistert. Kluger Singer/Songwriter-Pop zwischen Regina Spektor und First Aid Kit.

Colin Munroe beim Haldern Pop 2009.

Colin Munroe
Ein ganz persönlicher Favorit von Haldern-Organisator Stefan Reichmann, der zwischendurch auch selig lächelnd neben der Bühne stand. Überhaupt lächelten alle im Spiegelzelt und wer nicht lächelte, war grad mit Tanzen beschäftigt. Colin Munroe aus Toronto, der in Haldern seine erste Show außerhalb Nordamerikas spielte, ist mit HipHop aufgewachsen und kombiniert diesen sehr lässig mit Pop und knallt dem Publikum einen Sound vor den Latz, bei dem man schon dem Hirntod nahe sein muss, um ruhig zu bleiben. Wie Jason Mraz (nur mehr nach vorne), wie die New Radicals (nur moderner), wie The Whitest Boy Alive (nur noch zwingender). Meine Herren, definitiv der Höhepunkt des ersten Tages, egal was jetzt noch kommt.

Athlete beim Haldern Pop 2009.

Athlete
Athlete veröffentlichen dieses Jahr ihr viertes Album, was bei mir die Frage aufwirft, wie ich eigentlich ihr drittes verpassen konnte. Nun ja: zu spät. Gespielt haben sie Songs aus allen Schaffensperioden, ihren mutmaßlich größten Hit “Half Light” gleich an dritter Stelle. Das war schon deutlich mainstreamradiotauglicher als die meisten anderen Bands, hat aber genauso viel Spaß gemacht. Die Mischung aus Melancholie und Euphorie (s.a. Starsailor, Vega4, The Upper Room) muss man freilich mögen. Ich tu’s und so war’s ein gelungener Abschluss für den (also: meinen) ersten Festivaltag.

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Smile Like You Mean It

Von Lukas am Dienstag, 11. August 2009 15:16

Einer der schlimmsten Irrtümer unserer Zeit ist ja der, dass Wahlkampf im Internet stattfinden müsse. Er kann, wenn man sich mit dem Medium auskennt, gute Ideen hat oder Barack Obama heißt. Mir persönlich wäre es angesichts von Facebook-Profilen von Politikern, iPhone-Apps von Parteien und sechs Milliarden “#piraten+”-Nachrichten auf Twitter täglich sogar lieb, wenn das Internet ein politikfreier Raum wäre, aber man kann nicht alles haben.

Richtig bizarr wird es aber, wenn der Kommunalwahlkampf im Internet stattfindet. Völlig ohne Grund geben sich Menschen, die bestimmt tolle Ideen für ihre Heimatstadt haben, aber nicht über Knowhow und Mittel für einen professionellen (und völlig überflüssigen) Online-Wahlkampf verfügen, online der Weltöffentlichkeit preis — und damit zumeist dem Spott.

Die Ruhrbarone stellen heute schlechte und nicht ganz so schlechte Beispiele von Internet-Videos als Mittel im Kommunalwahlkampf vor. Von den Bochumer Oberbürgermeister-Kandidaten habe ich nichts gefunden, aber in Dinslaken haben gleich zwei der sechs Bürgermeisterkandidaten Werbespots in Auftrag gegeben.

Den Anfang macht Heinz Wansing von der CDU (wir erinnern uns: “Da. Echt. Nah.”), der sich vom Dinslakener Star-Regisseur Adnan Köse (“Lauf um dein Leben – Vom Junkie zum Ironman”) in Szene setzen ließ. Nachdem Barack Obama uns letztes Jahr die Mutter aller Wahlwerbespots vorgestellt hat, lernen wir mit “Wansing – Der Film” jetzt deren Großcousine mütterlicherseits kennen:

Sagen Sie bitte nicht, ich sei der Einzige, der bei der Musik die ganze Zeit damit rechne, dass gleich Dinosaurier aus dem Rotbachsee auftauchen. (Und Dinslaken wirkt übrigens nicht ganz so trostlos, wenn man es im Sommer besucht und filmt.)

Sein Gegenkandidat von der SPD, Dr. Michael Heidinger, orientiert sich mit “Michael Heidinger (SPD) – Der Film” optisch stärker an Filmen wie “A Scanner Darkly” oder “Waltz With Bashir”, verzichtet dafür aber völlig auf das Ablesen vom Blatt:

Link: Michael Heidinger (SPD) - Der Film (2009)

Diese Spots wirken auf mich ein wenig wie die Auftritte unbeholfener Kandidaten in Castingshows: Einerseits sucht da jemand ganz bewusst die Öffentlichkeit, andererseits hat man als Zuschauer das Gefühl, sie genau davor beschützen zu wollen.

Nachtrag, 31. August: Die Comicfigur hat übrigens gewonnen

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Listenpanik 07/09

Von Lukas am Montag, 10. August 2009 17:53

Der Sommer ist traditionell nicht die veröffentlichungsstärkste Jahreszeit, aber entweder habe ich die meisten Highlights im Juli übersehen oder es war tatsächlich ein besonders dürrer Monat. Wenn Saturn nicht gerade wieder MP3-Alben verramscht hätte, hätte ich mir vermutlich nicht mal das eher mittelprächtig besprochene Album von The Airborne Toxic Event angehört — und durchaus ein paar gute Songs verpasst.

Aber kommen wir nun zu den wie immer streng subjektiven Höhepunkten des zurückliegenden Musikmonats:

Alben
Portugal. The Man – The Satanic Satanist
Die Liste der Künstler, von denen ich immer schon mal gehört hatte, die mir aber so direkt nichts sagten, wird naheliegenderweise nie kürzer, auch wenn ich jetzt mein erstes Album von Portugal. The Man besitze. Ein Album, das mir durchaus sehr zusagt und das mit großer Geste das erzeugt, was Werbetexter ein “positives Lebensgefühl” nennen. Angesichts der vielen Einflüsse aus Soul, Rock, Pop und wasweißichnochwas möchte ich zur näheren Verortung gern zur universellen Nicht-Schublade “Haldern-Musik” greifen, auch wenn die Band beim Traditionsfestival am Niederrhein1 überraschenderweise noch ohne Auftritt ist, wie ich gerade festgestellt habe.2 Als weiteren hoffnungslosen Erklärungsversuch könnte ich noch “wie Kings Of Leon mit weniger Testosteron” anbieten, aber vielleicht hören Sie einfach lieber selbst rein.

Jack’s Mannequin – The Glass Passenger
Andrew McMahons Hauptband Something Corporate (3 Alben) liegt seit mehreren Jahren auf Eis — darf man da bei Jack’s Mannequin und ihrem zweiten Album überhaupt noch von einem “Nebenprojekt” sprechen? Eigentlich auch egal, denn wem der Collegerock von Something Corporate noch eine Spur zu … äh: “hart” war, der könnte am Radiopop von Jack’s Mannequin seine Freude haben.3 Auch in den Texten ist etwas mehr Pathos, aber wer mit Anfang Zwanzig eine Leukämie-Erkrankung übersteht, hat alles Recht, ein bisschen öfter “survive” oder “make it” zu singen. Hätte man die 14 Songs auf zehn bis zwölf eingedampft, wäre “The Glass Passenger” rundherum gelungen, aber auch so ist es ein souveränes Indiepop-Album geworden.

The Airborne Toxic Event – The Airborne Toxic Event
Die erste Generation der Achtziger-Düsterpop-Epigonen (Interpol, Editors) ging völlig an mir vorbei, bei der zweiten Welle habe ich ganz schnell den Überblick verloren: Glasvegas haben ewig gebraucht, bis ich sie mochte,4, bei White Lies warte ich immer noch auf diesen Moment und jetzt eben die Band mit dem unmerkbaren Namen: The Airborne Toxic Event. “Gasoline” geht Libertines-mäßig nach vorne, “Happiness Is Overrated” erinnert an Elefant und “Missy” wirkt, als sei bei einem Belle-And-Sebastian-Song irgendwas schief gelaufen. Es klingt also mal wieder alles, wie schon mehrfach da gewesen, aber der Trick ist ja, genau daraus ein abwechslungsreiches Album zu machen. Und das ist The Airborne Toxic Event gelungen.

Songs
Jack’s Mannequin – Annie Use Your Telescope
Klavier, Akustikgitarre, schleppende Beats, künstliche Streicher5 und Stimmen, die sich ineinander verzahnen und vom Unterwegssein und Nachhausekommen singen — sowas kann ganz schlimm sein oder ganz großartig. Ich finde es großartig und dieses “Annie I will make it” lässt auch keine Zweifel und keinen Widerspruch zu. Mal wieder einer dieser Songs dieses Jahr, den ich auf Dauerrotation hören könnte.

Portugal. The Man – People Say
Ein Popsong der Geschmacksrichtung “euphorietrunkener Mitschunkler”, wie sie etwa die Britpop-Band Embrace vor gut einem Jahrzehnt regelmäßig aus dem Ärmel geschüttelt hat. Wenn man allerdings auf den Text achtet, wird die ganze strahlende gute Laune plötzlich zum eiskalten Zynismus: “All the people, they say: / ‘What a lovely day, yeah, we won the war / May have lost a million men, but we’ve got a million more.’”

The Airborne Toxic Event – Sometime Around Midnight
Die Ex-Freundin mit dem neuen Typen in einer Bar? Das soll noch ein Songthema sein? Ernsthaft?! Ja, ernsthaft. Warum denn nicht? Wie sich der Song musikalisch steigert und damit den Text untermalt, das ist schon große Songwriter-Schule. Sicher: Man muss mögen, wie Mikel Jollett da mit jeder neuen Zeile noch eine Schüppe mehr Dramatik in seine Stimme legt. Aber er kann’s und es funktioniert. Und mal ehrlich: Ist nicht jedes Thema eigentlich schon tausendmal besungen worden?

Colbie Caillat – Fallin’ For You
Es macht nichts, wenn Ihnen der Name Rick Nowels nichts sagt, aber Songs aus seiner Feder kennen Sie bestimmt aus dem Radio. Jetzt hat der Ex-New-Radical also einen Song mit Colbie Caillat geschrieben6 und er klingt wie ungefähr alles, wo Nowels oder sein Ex-Partner Gregg Alexander in den letzten zwanzig Jahren ihre Finger dran hatten: Gut gelaunt, sommerlich, radiopoppig. Auch das muss man mögen, aber wer’s nicht mag hat mutmaßlich eine schwarze Seele.

[Listenpanik, die Serie]

  1. Donnerstag geht’s wieder los! []
  2. Dafür aber beim La-Pampa-Festival. []
  3. Es kann kein Zufall sein, dass ich ausgerechnet über WDR 2 von der Veröffentlichung des Albums in Deutschland erfuhr. []
  4. Eine dieser Bands, die man auf keinen Fall als erstes live sehen sollte. []
  5. Davon bekommen sie jetzt in der YouTube-Liveversion wenig mit. []
  6. Was die Plattenfirma nicht davon abhält, zu behaupten, “die Tochter von Fleetwood Mac-Produzent Ken Caillat” habe “für das neue Album ‘Breakthrough’ alle Songs selbst” geschrieben. []

Kategorie: Rock'n'Roll High School | Kommentare (12)

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