Dialektik der Nicht-Aufklärung

Von Lukas Heinser, 3. Juli 2009 15:50

Waschen Sie sich den rechten Arm, pieksen Sie kleine Reichskriegsfähnchen in den Käse und hängen Sie die Hakenkreuzgirlande auf: Wir haben einen neuen Nazi-Vergleich!

Die katholischen Traditionalisten der Priesterbruderschaft St. Pius X. hat sich im Vorfeld des Stuttgarter Christopher Street Days zu einer bemerkenswerten Aussage hinreißen lassen, wie „Spiegel Online“ berichtet:

„Wie stolz sind wir, wenn wir in einem Geschichtsbuch lesen, dass es im Dritten Reich mutige Katholiken gab, die sagten: ‚Wir machen diesen Wahnsinn nicht mit!‘. Ebenso muss es heute wieder mutige Katholiken geben!“ heißt es in dem Text. Die Bruderschaft stellt den CSD als „eine Menge von sich wild und obszön gebärdenden Menschen“ dar, die durch die Straßen Stuttgarts ziehen und suggerieren wollten, „Homosexualität ist das Normalste der Welt“.

Dieser Vergleich ist in zweierlei Hinsicht beeindruckend: Erstens war der Widerstand der Katholiken im Dritten Reich, vorsichtig gesagt, nicht sonderlich erfolgreich. Es dürfte also feststehen, dass nur noch eine Allianz aus den USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion Deutschland von der Homosexualität befreien könnte. Und zweitens war der Nationalsozialismus laut Piusbruderschaft ja gar nicht so schlimm.

Hier berufen sich also Leute stolz auf den erfolglosen Widerstand gegen ein – ihrer Meinung nach – nur mittelmäßiges Verbrechen. Normale menschliche Gehirne wären wegen Überhitzung längst auf Not-Aus gegangen.

Auch „Bild“ berichtet über die „Kampfansage“ der Piusbrüder — natürlich nicht, ohne vorher noch ein bisschen Papst-Klitterung zu betreiben:

Nachdem Anfang des Jahres Pius-Bischof Williamsons den Holocaust leugnete und daraus ein Streit zwischen Pius-Bruderschaft und Vatikan entbrannte, folgt nun der nächste Hammer.

(Für die Jüngeren: Führende Piusbrüder hatten den Holocaust schon öfter geleugnet. Die öffentliche Diskussion entzündete sich daran, dass Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation von vier Bischöfen der Bruderschaft aufgehoben hatte.)

Jetzt schießt kreuz.net, das inoffizielle Zentralorgan der Piusbruderschaft, zurück und beginnt seine Hasstirade völlig unverblümt:

Spätestens jetzt wird die Einrichtung von Gaskammern unvermeidlich – dieses Mal nicht für die von den Deutschen getöteten religiösen Juden, welche die Homo-Perversion genauso verabscheuten wie es heute die Altgläubigen tun.

Immer wieder überraschend, wie viele Haken so ein Kreuz schlagen kann.

18 Kommentare

  1. boje
    3. Juli 2009, 16:54

    Kennt hier jemand noch das Gefühl, nicht soviel essen zu können, wie man kotzen will?

    Wo ist Zensursula wenn man sie braucht?

    Ich kann nur immer wieder sagen, dass die 30 Euro, die mein Kirchenaustritt gekostet hat, die beste Investition meines bisherigen Lebens war.

  2. Lukas
    3. Juli 2009, 17:02

    Sie waren Mitglied der Pius-Bruderschaft?

  3. heinzkamke
    3. Juli 2009, 17:07

    @boje:
    Das mit dem Kirchenaustritt verstehe ich jetzt nicht so ganz.
    Konkreter: Dass der Kirchenaustritt sinnvoll gewesen sein mag, kann ich in mancherlei Hinsicht nachvollziehen. Den Zusammenhang mit der Piusbruderschaft habe ich indes noch nicht erkannt.

  4. heinzkamke
    3. Juli 2009, 17:07

    ok, Lukas war schneller.

  5. Muriel
    3. Juli 2009, 17:34

    Boje meint wohl, dass die alle gleich sind. Und bei der Beurteilung von Homosexuellen ist die offizielle Position der Kirche ja schon ähnlich, wenn auch etwas sauberer formuliert.
    Ich staune gerade, dass der Austritt Geld kostet. Selbst war ich zwar nie in der Kirche, aber ein paar Freunde von mir sind auch ausgetreten; die haben keine Kosten erwähnt.

  6. Nummer Neun
    3. Juli 2009, 17:50

    Man sollte in dem Zusammenhang vielleicht auch besser von „investiert“ sprechen, die Folge des Austritts wären ja dann u.a. Steuerersparnisse.

  7. finzent
    3. Juli 2009, 19:18

    Der erste Satz ist unglaublich gut.

    Ansonsten:

    ‚Die Bruderschaft stellt den CSD als “eine Menge von sich wild und obszön gebärdenden Menschen” dar, die durch die Straßen Stuttgarts ziehen und suggerieren wollten, “Homosexualität ist das Normalste der Welt”.‘

    Da liegen Pius-Brothers doch eigentlich so ziemlich richtig.

  8. Ernst
    3. Juli 2009, 22:06

    „Es dürfte also feststehen, dass nur noch eine Allianz aus den USA, Großbritannien, Frankreich und der /Sowjetunion/ Deutschland von der Homosexualität befreien könnte.“
    Nadannisjagut.

  9. Jan Kohnert
    4. Juli 2009, 2:17

    Ach Ernst, es ging doch um Nazivergleiche, und damit auch um die Befreiung vom Faschismus, und unter den Befreiern war, ups, die Sowjetunion. Muss man sie halt wieder gründen, um diese seltsamen Homosexuellen los zu werden. Ja, das war Ironie. ;)

    MfG Jan

  10. boje
    4. Juli 2009, 7:27

    Ok, nochmal kurz zur erläuterung: Ich war niemals Mitglied der Pius-Brothers.
    Aber da die kath. Kirche (neben einiger andere Merkwürdigkeiten) die Pius-Gang gerade rehabilitiert, bin ich froh, zeitig (wenn auch nicht so zeitig, dass es noch kostenlos (nicht umsonst) gewesen wäre) den Kirchenaustritt vollzogen zu haben.

    @finzent: Das jemand, der einem Verein angehört, dessen hauptamtliche Männer ausgesprochen gerne bodenlange Kleider und viel güldenes Gebimsel tragen, regelmäßig merkwürdige, pathetische Ritualveranstaltungen zelebrieren und von Zeit zu Zeit mit noch mehr Glanz und Gloria in Begleitung von Minderjährigen um die Häuser ziehen, sich über ein paar Tunten und Drag Queens aufregt, zeugt schon von gesteigertem Selbthass.

    @Muriel: Ich weiß, dass nicht alle gleich sind, viele sind durchaus vernünftig und selbt in kritischer Distanz zur kath. Kirche, aber das tonangebende Personal geht gar nicht.

  11. Muriel
    4. Juli 2009, 8:06

    @Boje: Soll es geben. Wobei ich nicht ganz verstehe, welchen Sinn es noch hat, Katholik zu sein, wenn ich dann in kritischer Distanz von der katholischen Kirche und dem Papst lebe und denke. Ist man dann nicht besser Protestant oder sowas?

  12. Kunar
    4. Juli 2009, 13:05

    @boje: Dann haben Sie leider nichts verstanden. Das Aufheben der Exkommunikation heißt mitnichten, dass die Piusbrüder einfach so wieder in die Kirche aufgenommen und ihre Weihen anerkannt werden. In Wirklichkeit bedeutet es nur, dass der Papst bereit ist, überhaupt mal wieder mit ihnen zu reden – ohne dass er auch nur ein Jota auf sie zukommt, was die kirchliche Lehre betrifft.

    Es mag befremdlich anmuten, dass jemand mit solchen Leuten reden möchte, ja sogar erwägt, sie unter gewissen Umständen wieder aufzunehmen. Zum (schiefen) Vergleich:

    1. Rechtsextremen werden Aussteigerprogramme angeboten. Voraussetzung für die Unterstützung ist natürlich, dass sie ihre bisherige Geisteshaltung als falsch erkennen. Es hat tatsächlich einige Neonazis gegeben, die den Absprung geschafft haben. Hätte man denen sagen sollen: „Die haben den Holocaust geleugnet, mit denen reden wir nie wieder!“? Bei der Mehrheit der Rechtsextremen hat das keinen Sinn. Andererseits muss man sich über jeden freuen, den man für die Demokratie zurückgewinnen kann.

    2. Auch Schwerverbrecher haben nach Verbüßung ihrer Strafe ein Recht darauf, in die Gesellschaft wieder eingegliedert zu werden (solange nicht etwa Sicherheitsverwahrung angeordnet wurde). „Wieso darf der wieder frei herumlaufen?“ ist die gängige Volkszorn-Frage, wenn so etwas geschieht. Andererseits rühmt sich unser modernes Rechtssystem dafür, dass selbst nach schweren Verbrechen ein Mensch wieder ein nützliches Mitglied unserer Gesellschaft werden kann. Reue ist eine wichtige Voraussetzung bei diesem Prozess, keine Frage.

  13. Mickey
    4. Juli 2009, 14:32

    @Kunar: sehe ich ähnlich. Und Katholiken- bzw. Papst-Bashing ist nun wirklich langweilig (ich bin Protestant), v.a. wenn es von Personen kommt, die sich sonst immer gerne über sich eher undifferenziert äussernde Menschen mockieren.

  14. Ben
    8. Juli 2009, 23:02

    Das „jetzt“ in Sachen Kreuz.net ist ein bisschen falsch, denn so schießen die schon seit mindestens 2006. Insofern triffts hier also ein „wieder mal die gleiche Laier“ besser.. ;-)

  15. Boje
    9. Juli 2009, 8:04

    @Kunar
    Seien Sie nicht so hart mit mir, kann doch nicht sein, dass ich rein gar nix verstanden hab.
    Schließlich habe ich auch nicht behauptet, dass Herr Ratzinger seine kirchlichen Lehren verbiegt, um mit dem Piusgesocks zu „reden“.

    Zu Ihrer Nummer 1: Meines Wissens nach, ist es bei den Nazi-Aussteigerprogrammen üblich, dass die Damen und Herren ihrer Lehre entsagen. Anschlieend wird denen geholfen.
    Wenn ich das richtig beobachtet habe, hat Monseniore Ratzinger die Exkommunikation aufgehoben, ohne „Vorleistung“ der Piusbrüder. Im Gegenteil: Auch nach Aufhebung der Exkommunikation durfte der Holocaust wenn auch nicht geleugnet aber zumindest bezweifelt werden und werden weiterhin Priester und ähnliches geweiht.
    Ich bin also Ihrer Meinung: Ihr Vergleich ist schief.

    Zu Ihrer Nummer 2: Reue ist keine Voraussetzung für die Freiheit nach Verbüßung der Strafe. Insofern bin ich hier anderer Meinung als Sie: Dieser Vergleich paßt, denn die Piusbrüder wurden zum Tee eingeladen (=Exkommunikation) ohne dass sie irgendetwas bereuten oder änderten.

    @Mickey: Tut mir leid, wenn ich Sie langweile. Allerdings versuchte ich kein plattes Bashing zu betreiben.

    @Muriel: Manche Katholiken sind der Meinung, dass man den Verein auch von innen reformieren kann. Letzlich ist das eine Frage der persönlichen Schmerzgrenze. Meine war schon vor einiger Zeit (JP II. war noch der Vertreter des Allmächtigen) erreicht.

  16. Kunar
    9. Juli 2009, 19:10

    @boje

    Zu Nummer 1: Sie haben falsch beobachtet. Die Aufhebung der Exkommunikation erfolgte, nachdem die Piusbrüder darum gebeten hatten. Kardinal Meisner hat in diesem Zusammenhang tatsächlich von einem „Vorschuss von Barmherzigkeit gesprochen. Dennoch hätte einem aufmerksamen Beobachter, der die Entscheidung des Papstes im Wortlaut gelesen hat, von Anfang an klar sein müssen: Dieser Akt war nicht das Ende, sondern nur ein erster Schritt in Richtung Versöhnung, „um in den notwendigen Gesprächen mit den Autoritäten des Heiligen Stuhles die noch offenen Fragen gründlich durchzugehen und so bald zu einer vollen und zufriedenstellenden Lösung des Ursprungsproblemes zu gelangen.“ Nachdem die Piusbrüder also ihren falschen Weg eingestanden und um Vergebung gebeten hatten, bot der Papst Gespräche an. Das umfasste mitnichten eine Verhandelbarkeit von unhaltbaren Positionen wie Leugnung von Völkermord im Dritten Reich. Auch wären die „Bischöfe“ der Piusbrüder nicht Bischöfe der römisch-katholischen Kirche geworden.

    Dann kam Williamson ins Spiel. (Dazu komme ich noch.)

    Monate später weihten die Piusbrüder wieder Priester. Falsch ist die Annahme, das geschehe „weiterhin“ mit Erlaubnis des Papstes – oder überhaupt mit Erlaubnis des Papstes. Richtig ist: Das wird weiterhin vom Papst abgelehnt, wie er noch einmal explizit wiederholte.

    Jetzt zu Williamson: Der Papst hat dazu in einen in Teilen sehr lesenswerten Brief veröffentlicht. Kurz zusammengefasst sagt er: So etwas ist inakzeptabel.

    Als moderner Mensch wunderte man sich, warum diese Klarstellung so spät kam – wo doch die Gerüchte so lange durch die Medien, insbesondere das Internet geisterten. Ausgerechnet hierauf kamen aber die Sätze, die ich gerne vom Papst gelesen hätte: „Ich höre, daß aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem Kenntnis zu erhalten. Ich lerne daraus, daß wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen.“

    Zu Nummer 2: Richtig, Reue ist kein Muss. Ich hatte sie als wichtige Voraussetzung genannt, um wieder Teil der Gesellschaft zu werden. Damit war nicht „notwendig“ gemeint. Ich gehe davon aus, dass ein ehemaliger Schwerverbrecher erheblich leichter ins normale Leben zurückzuführen ist, wenn er seine früheren Taten als falsch erkennt.

  17. boje
    10. Juli 2009, 7:34

    @Kunar: Danke für die umfangreiche Antwort.

    Kurze Frage: Die Piusbrüder haben also ihren falschen Weg eingestanden, wie Sie sagen, aber weihen trotzdem lustig weiter Priester?

    Aber das nur am Rande.

    Ursprung der Diskussion war die aktuelle Äusserung der Piüsse zum CSD. Ich bleibe dabei, soetwas ist „inakzeptabel“ (um mal den Unfehlbaren zu zitieren“.
    Mit solchen Leuten würde ich nicht mal reden. Aber das Papst muß es ja wissen.
    Ich würde auch mit niemanden (der eigentlich genug Bildung und Wissen mitbringen müßte) reden, der den Holocaust leugnet. Aber auch das weiß der Papst sicher besser.

    Wie dem auch sein, ich überlasse die kath. Kirche sichselbst und Ihnen das letzte Wort an dieser Stelle.

  18. K.H.
    31. Juli 2009, 16:14

    Ich habe gerade mal ein paar Artikel von Kreuz.net gelesen und bin mir mittlerweile völlig sicher:
    Das ist eine Satire-Seite, die die katholische Kirche auf die Schippe nimmt.

    Denn mit einer christlich-aufgeklärten Position (ja, sowas gibt es auch in der Kirche tatsächlich; die meisten Christen, die ich kenne, sind vernünftige Leute) hat das nicht viel zu tun.

    Wer aber Pius-Brüder oder Kreuz.net als Anlass für Kirchenschelte nimmt, der ignoriert, dass der Mainstream in beiden Kirchen ganz anders denkt.