Beiträge vom Juni, 2009

Wahl-Mäander

Von Lukas Heinser am Sonntag, 7. Juni 2009 16:49
Kategorie: Political Science, Social Distortion

Wahlzettel zur Europawahl 2009

Weil ich bei den letzten Wahlen postalisch abgestimmt habe, war ich vorhin erst zum zweiten Mal in meinem Leben in einem Wahllokal. Ich hatte mir extra ein Hemd angezogen, um bei der Wahrnehmung meiner staatsbürgerlichen Pflichten auch halbwegs würdevoll auszusehen. Denn mal ehrlich: Viel mehr als Wählen tue ich ja nicht für unsere Gemeinschaft.

Das Argument vieler Nichtwähler, sie wüssten ja gar nicht, worum es bei den Europawahlen geht, ist nur oberflächlich betrachtet zutreffend. Ich möchte jedenfalls mal den Wähler erleben, der weiß, was in einem Landtag oder einem Stadtrat passiert — und trotzdem geht man dafür zur Wahl.

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Politik ist mir eine Mischung aus suspekt und egal. Die meisten Politiker sind für sich betrachtet sympathische Gesprächspartner und sagen kluge Sachen, aber in der Summe ist es wie mit dem Volk: Der Dümmste bestimmt das Niveau der ganzen Gruppe. Nun bin ich weit davon entfernt, Politiker mit einem stammtischigen “Die da oben machen doch eh, was sie wollen” verdammen zu wollen, aber wenn ich Leute wie den SPD-Superhardliner Dieter “Gewalt ist jung und männlich” Wiefelspütz in Mikrofone sprechen höre, überkommen mich schon schwere Zweifel an dem Wort “Volksvertreter”.

Was ich dabei auch immer wieder vergesse: Die Binsenweisheit, wonach nichts so heiß gegessen werde, wie es gekocht wird, ist nicht in der Gastronomie am zutreffendsten,1 sondern in der Politik. Und: Anders als in der Fußballnationalmannschaft sind im Bundestag und Kabinett ja nicht die Besten ihres Fachs versammelt, sondern die, die sich in den Intrigensportvereinen, die wir “Parteien” nennen, nach oben gemeuchelt haben; die, die prominente Politiker in der Familie hatten; und die, die zufällig gerade in der Gegend herumstanden, als ein Posten besetzt werden musste. Zwar sollen sie eigentlich die Meinung ihrer Wähler vertreten, aber dieses Prinzip wird schon durch das alberne Listen-Wahlrecht in Deutschland ad absurdum geführt. Wo es keinerlei Bindung zwischen Wählern und Abgeordneten gibt, können die Bürger ihren Parlamentariern auch nur unzureichend auf die Finger klopfen.2

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Gewiss: Man könnte selbst in die Politik gehen, aber man könnte seinen Müll auch selbst zur Deponie fahren oder sein Grillfleisch selbst erlegen. Ich habe da keinerlei Ambitionen, also muss ich mit dem leben, was (politisch) im Angebot ist.

Insofern nervt mich auch immer wieder das Gezetere in Blogs und bei Twitter, diese oder jene Partei sei wegen einer einzelnen Person oder Äußerung “unwählbar”. Natürlich scheiden dadurch schnell sämtliche existenten Parteien aus und man missachtet dabei eines der grundlegenden Ziele einer Demokratie: das Streben nach einem Kompromiss.3 Perfektion wird man nirgends finden, weder bei Parteien noch bei Lebenspartnern.4 Und spätestens, wenn es zur Wahlwerbung kommt, wird man beide Augen zudrücken müssen.

“Unwählbar” aber ist ein kreischendes, absolutes Urteil, das damit in der langen Reihe von Schlagworten wie “Faschismus” und “Zensursula” steht und die Frage, warum sich eigentlich kaum ein Politiker für die Interessen der Netzgemeinde interessiere, von selbst beantwortet. Wäre ich Politiker und würde auf einer Wahlkampfveranstaltung von drei am Rande stehenden Nerds als “ahnungslos” und “Faschist” beschimpft, wäre mein Interesse an einem Dialog auch gedämpft. Insofern stehen viele – nicht alle – Diskutanten im Web 2.0 den von ihnen kritisieren Politikern in nichts nach, wenn sie nur auf Lautstärke 11 kommunizieren. Wenn sich zwei auf niedrigem Niveau begegnen, ist das nur noch technisch betrachtet ein Dialog auf Augenhöhe.

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Ein einziges Mal hat es unsere Bundesregierung5 geschafft, dass ich mich gewissermaßen politisch engagiert habe und in einer E-Mail Verwandte, Freunde und Bekannte gebeten habe, sich das Thema “Internetsperren” doch bitte einmal genauer anzuschauen und sich gegebenenfalls an der Petition dagegen zu beteiligen. Aber Wut und Fassungslosigkeit scheinen mir auch kein besserer Antrieb zu sein als Angst und Panikmache auf der anderen Seite.

Parteien selbst sind mir in höchstem Maße suspekt, weil ihre Mitglieder zu einer Linientreue tendieren, die jeden Fußballfan staunend zurücklässt. Die Respektlosigkeit, mit der schon die Jugendorganisationen6 den “politischen Gegner” behandeln, empfinde ich als höchst verstörend, und die Tatsache, dass wichtige Entscheidungen einfach nicht gefällt werden, weil die Anträge von der “falschen” Partei eingebracht wurden, lässt meinen Blutdruck wieder in gesundheitsgefährdende Bereiche steigen.

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Statt Inhalten interessiert mich bei Wahlen seit jeher eher das Drumherum, vor allem die erste Prognose bei Schließung der Wahllokale. Bei der Bundestagswahl 1994 führte ich mit einem Mitschüler Wahlumfragen in unserer Klasse durch und präsentierte hinterher stolz die Hochrechnung für die Klasse 6c. Am Wahltag selbst hatte ich mir im Keller mit Tüchern und Pappen ein Hauptstadtstudio (natürlich Bonn) eingerichtet und präsentierte von 15 Uhr an im Halbstundentakt immer neue Vorhersagen. Rudolf Scharping wäre sicher ein interessanter Bundeskanzler gewesen.

  1. Wie oft hat man sich schon böse den Gaumen an einer Suppe oder einer Bratwurst verbrannt? []
  2. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung, wie eigentlich meine Abgeordneten heißen — geschweige denn, was für Positionen sie vertreten. []
  3. Wobei einem da natürlich immer wieder Volker Pispers ins Gedächtnis kommt, der schon vor zehn Jahren fragte, ob das kleinere Übel wirklich immer so groß sein müsse. []
  4. Zyniker würden an dieser Stelle fragen, ob es im Web 2.0 nicht übernatürlich viele Singles gebe. []
  5. Ich habe es schon oft gesagt und wiederhole mich da gerne: Nach dem Stuss, den die große Koalition in den letzten vier Jahren verzapft hat, hat es meines Erachtens keine der beteiligten Parteien verdient, im Herbst weiterzuregieren. Aber solange FDP und Grüne gemeinsam keine Regierung stellen können oder wollen, werden wir wohl auch dort wieder mit einem kleineren Übel leben müssen. []
  6. Dass die Mitgliedschaft in “Jugendorganisationen” von Parteien bis zu einem Alter von 35 Jahren möglich/verpflichtend ist, sagt eigentlich schon alles. []

Wie man 2009 einen Hit landet — und wie nicht

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 3. Juni 2009 18:21
Kategorie: Digital Ist Besser, Rock'n'Roll High School, TV On The Radio

a-ha verkündeten gestern stolz via Twitter, dass “Foot Of The Mountain” auf Platz 3 der deutschen Charts einsteigen werde und damit die erfolgreichste Single seit “Take On Me” vor 24 Jahren sei.

Nun sind a-ha trotz der vielen Hits nicht unbedingt das, was man unter einem Single-Act versteht. Ihre Songs werden zwar im Radio gespielt, aber die Kernzielgruppe (Menschen um die 40) wartet dann wohl doch eher, bis das Album erscheint.

Andererseits war der Song beim Finale von “Germany’s Next Topmodel” der Öffentlichkeit vorgestellt worden und danach sofort bei iTunes verfügbar. Ein anderer Song, der in dieser Sendung nur im Hintergrund zu hören war, blockiert seitdem Platz 1 der iTunes-Charts: “Jungle Drum” von der sonst eher Hit-unverdächtigen Emiliana Torrini.

Diese Fälle zeigen, dass die Leute sehr wohl bereit sind, für Musik zu zahlen. Es muss nur der schnellste und einfachste Weg sein: Man hört einen Song im Radio oder im Fernsehen, geht ins Internet und hat zwei Minuten und 99 Cent später das gewünschte Lied auf der Festplatte — schneller und einfacher als bei den meisten anderen Quellen. (Dass es auch “legaler” ist, dürfte die meisten Nutzer nämlich offen gestanden nicht interessieren. Sie wollen es schnell und bequem — und sind zumindest zum Teil bereit, für diese Bequemlichkeit zu zahlen.)

Wie man daraus kein Kapital schlägt, zeigt der Fall des großen “Scrubs”-Finales: Am Ende der letzten Folge läuft in einer wunderbar rührenden Szene “The Book Of Love” von Peter Gabriel. Diese Coverversion eines Magnetic-Fields-Songs war vor fünf Jahren auf dem Soundtrack zur Richard-Gere-Komödie “Shall We Dance?” enthalten und ist im amerikanischen iTunes Store nur als Teil des gesamten Soundtracks für 11,99$, bei Amazon.com für 8,99$ erhältlich. Bei den deutschen Äquivalenten ist das Lied gar nicht verfügbar.

In den Kommentaren bei iTunes wurde die Möglichkeit, den Song einzeln kaufen zu können, schon vor vier Jahren eingefordert. Ich bin mir sicher, ein nicht unerheblicher Teil der Menschen, die bei last.fm (wo es den Song natürlich auch nicht zu hören gibt) schreiben, wie gut ihnen die Verwendung des Stücks bei “Scrubs” gefallen hat, hätten “The Book Of Love” kurz nach der Ausstrahlung gerne sofort gekauft. Aber Universal, einer der trägsten unter den verblieben Majors, hat wieder einmal gepennt und sich damit ein großes Geschäft versaut.

Darunter leiden natürlich auch Peter Gabriel und die Musiker von den Magnetic Fields, die den Song geschrieben haben — aber die sind normalerweise eh bei ganz anderen Plattenfirmen.

The Class of ’99

Von Lukas Heinser am Dienstag, 2. Juni 2009 13:23
Kategorie: Rock'n'Roll High School

New Radicals hören im ICE (Szene nachgestellt)

Heute vor zehn Jahren saß ich in einem Zug nach Berlin, hörte “You Get What You Give” von den New Radicals und damit begann dann meine Musikbegeisterung (nachzulesen hier).1

In der Folgezeit fing ich an, Gitarre zu lernen, in Bands zu spielen, Festivals zu besuchen, über Musik zu schreiben und irgendwann sogar Radiosendungen darüber zu moderieren. Am Jahr 1999 führt auch heute noch kein Weg dran vorbei: Ein großer Teil meiner Lieblingsalben und -songs erschien in eben diesem Jahr.

Mit ein wenig kulturwissenschaftlichem Übermut könnte man vielleicht sogar das Fin de siècle bemühen um zu erklären, warum ausgerechnet kurz vor dem Jahrhundertende plötzlich reihenweise große Kunst entstand. Denn selbst wenn man zugute hält, dass 15, 16 immer ein besonders prägendes Alter ist und Menschen, die heute in diesem Alter sind, vermutlich in zehn Jahren das Gleiche über 2009 sagen werden: Vor zehn Jahren war eine ganze Reihe von Bands und Künstlern auf dem Höhepunkt ihres Schaffens.

Da waren längst nicht nur die New Radicals mit ihrem einzigen Album: Ben Folds Five verausgabten sich mit ihrem Meisterwerk “The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner” derart, dass sie sich ein Jahr später auflösten; Travis haben viele gute Alben aufgenommen, aber so dicht wie “The Man Who” klang keines mehr; Moby errichtete sich mit “Play” sein eigenes Denkmal, von dessen Lizensierungen für Spielfilme und Werbespots er sich einen kleinen Staat kaufen könnte. Und selbst, wenn ich einige der ’99er Alben erst Jahre entdeckte: Das war schon ein ganz besonderer Jahrgang.

Und damit Sie wissen, wovon zum Henker ich eigentlich rede, hier eine unsortierte Liste von Alben aus besagtem Jahr:

Travis – The Man Who
Anspieltipp: Driftwood
Ben Folds Five – The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner
Anspieltipp: Your Redneck Past
New Radicals – Maybe You’ve Been Brainwashed Too2
Anspieltipp: Flowers
Foo Fighters – There Is Nothing Left To Lose
Anspieltipp: Next Year
Jimmy Eat World – Clarity
Anspieltipp: Blister
Stereophonics – Performance And Cocktails
Anspieltipp: Just Looking
Moby – Play
Anspieltipp: Porcelain
Red Hot Chili Peppers – Californication
Anspieltipp: Scar Tissue
Tocotronic – K.O.O.K.
Anspieltipp: Jackpot
The Get Up Kids – Something To Write Home About
Anspieltipp: I’ll Catch You
Sigur Rós – Ágætis Byrjun
Anspieltipp: Svefn-G-Englar
Wilco – Summerteeth
Anspieltipp: Nothing’severgonnastandinmyway(again)
3 Colours Red – Revolt
Anspieltipp: Beautiful Day
Blink-182 – Enema Of The State
Anspieltipp: What’s My Age Again?
Blur – 13
Anspieltipp: Coffee And TV

Natürlich erschienen danach noch viele großartige Alben (ein Jahr später beispielsweise “Kid A” von Radiohead und das Coldplay-Debüt “Parachutes”), aber ein Jahr wie 1999 habe ich seitdem nicht mehr erlebt.

  1. Mir fiel gerade erst auf, dass ich den Song vermutlich nur deshalb im Bordradio gehört habe, weil ich den ursprünglichen ICE verpasst hatte. Nach all diesen Jahren stelle ich fest, dass ausgerechnet eine Regionalbahn-Verspätung mein Leben verändert hat! []
  2. Dass das Album bereits im Oktober 1998 auf den Markt kam, ist ein Detail, durch das ich mir nicht meine Geschichte kaputt machen lasse. []

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