Here In Pleasantville
Von Lukas Heinser am Mittwoch, 8. April 2009 14:07
Kategorie: Political Science, Somebody Told Me

Aus verschiedenen beruflichen und privaten Gründen war ich gezwungen, die letzte Woche in Dinslaken zu verbringen. Es war nicht so schlimm, dass man den Spruch mit dem ärgsten Feind hätte auspacken müsste,1 aber es war schon … außergewöhnlich.
Da war zum Einen jene Geschichte, die über fast die ganze Zeit die Lokalpresse füllte: Heinrich Mühmert, Autohändler, Ringrichter und seit Jahrzehnten Ratsmitglied für verschiedenste Parteien und Splittergruppen, hatte in seiner Haushaltsrede vor dem Stadtrat einen Karnevalsprinzen aus dem Stadtteil Eppinghoven als “schwulen Wicht” bezeichnet.2
Ratsherren verließen aufgebracht den Saal, Mühmert erhielt einen Ordnungsruf, entschuldigte sich hinterher derart halbherzig, dass sich sein eigener Karnevalsverein3 von ihm distanzierte. Mühmert ist übrigens einer von sechs Bürgermeisterkandidaten in Dinslaken, was unter Berücksichtigung des aktuellen Wahlrechts und der Wahlbeteiligung vom letzten Mal bedeuten könnte, dass er mit gut 4.800 gültigen Stimmen die Stadt regieren dürfte.
Doch auch fernab der … äh: “Politik” ließ mich die Stadt, in der ich 20 Jahre meines Lebens verbracht hatte,4 nachdenklich zurück: Da waren die schon erwähnten Türsteher der “Kulturkantine”, die zwar 26-jährige Frauen nicht erkannten, aber – so berichtete man mir zumindest glaubhaft hinterher – Minderjährige in die Disco ließen.5 Da war die Kassiererin des Innenstadt-Supermarkts, die mich beim Kauf eines Kastens Bier um Vorlage meines Ausweises bat — wohl weil ich auch mit 25 noch nicht wie 16 aussehe.
Man muss ihr zugute halten, dass an jenem Vormittag die Abiturienten ihre Zulassung feierten6 und es natürlich immer besser ist, einmal zu viel nachzufragen als einmal zuwenig. Die Frage, die sich aus beiden Erlebnissen ergibt, lautet natürlich dennoch ganz klar: Wie zum Henker sehen Teenager in Dinslaken eigentlich aus, dass man sie nicht von Menschen Mitte Zwanzig unterscheiden kann?!
- Ich wüsste so spontan auch nicht, wer das sein sollte. [↩]
- Fragen Sie mich um Himmels willen nicht, wie man es rhetorisch schafft, in einer Debatte über den Haushalt einen homosexuellen Karnevalsprinzen zu verunglimpfen. Es braucht vermutlich jahrzehntelange Erfahrung, Ex-Mitgliedschaften bei FDP und Schill-Partei und jede Menge aufgestaute Homophobie, um das auf die Reihe zu kriegen. [↩]
- Gemeint ist wirklich ein Karnevalsverein, nicht Mühmerts “Offensive Dinslaken”, die später in Teilen allerdings auch noch auf Abstand ging — da sehen Sie mal, was Lokalpolitik wirklich bedeutet! [↩]
- Was man nun wirklich niemandem wünschen kann. [↩]
- Besonders lustig ist übrigens, dass offenbar auch Bandmitglieder der Kilians, die an jenem Abend gleichsam Gastgeber waren, Probleme am Einlass hatten. [↩]
- An die ich meinen Kasten schließlich auch verteilte. [↩]
Mittwoch, 8. April 2009 15:53
Silvester 2007, ich war 27 Jahre alt, kaufte ich beim Grossverteiler Kirsch für ein Fondue; ich musste ebenfalls den Ausweis zeigen… Ab einem bestimmten Alter ist das einfach kein Kompliment mehr!
Mittwoch, 8. April 2009 16:35
Wenn die Begründung für die Sonderbehandlung der Bierkäufer an diesem Tag die Feier der Abiturzulassung ist.. dann frage ich mich, in welchem Alter in Dinslaken zum Abitur zugelassen wird.. In Berlin ist zu diesem Zeitpunkt schon jeder weit über 16 hinaus..
Mittwoch, 8. April 2009 17:35
Ihr saht wahrscheinlich einfach zu indie aus, damit haben die Türsteher nämlich oft das eigentlich Problem. Weil die ja auch so oft Stress machen!
Mittwoch, 8. April 2009 18:28
Wurde nicht die Altergrenze auch für Bier auf 18 angehoben? Habe das nur so am Rande mitbekommen, weil es mich nicht mehr interessiert hat :)
Demnach wärest du einfach nur für nicht 18 gehalten worden, was natürlich nur einen kleinen Deut besser ist.
Mittwoch, 8. April 2009 18:53
Lukas, entspann Dich. Ich sah mit fünfzehn schon aus wie zwanzig, jetzt bin ich vierzig und sehe aus wie fünfundvierzigdreiviertel. An einem guten Tag.
Mittwoch, 8. April 2009 19:48
Ich wurde mit 22 auf 15 geschätzt (in Italien) und musste mit 25 in einer Kneipe für ein Bier meinen Ausweis vorzeigen (in Berlin). Dafür hat man mich mit 32 auch mal auf 18 geschätzt (in Russland) und gefragt, ob ich zehn Jahre in einer Tiefkühltruhe verbracht hätte, weil ich noch so frisch aussähe (in Deutschland UND in Russland). Was einen in jungen Jahren nervt, kann sich später noch als nützlich erweisen.
Und ja, ich meine, dass Lukas Heinser auf Fotos und Videos jünger aussieht, als er ist. Nicht unbedingt wie unter 16, aber ich habe auch schon Um-die-16-jährige getroffen, die älter wirkten als sie waren. Von daher finde ich es in Ordnung, wenn die Kassiererin nachfragt.
(Noch schlimmer wäre doch, wenn sie sagen würde: “Ja, das ist doch der kleine Lukas! So eine Überraschung! Ich weiß noch, wie [peinliche Szenen aus der frühen Kindheit]…” Wäre doch noch kaffiger, wenn die Kassiererinnen jeden Kunden auch noch nach Jahren wiedererkennen.)
Mittwoch, 8. April 2009 20:02
Auch das kann frustrierend sein. Ich habe letzten Sommer meine Heimatstadt besucht und an der Kasse saß eine junge Frau, die in unserer gemeinsamen Jugend sehr in mich verknallt war und mit der ich im Rahmen einer Konfirmation rumgeknutscht habe. Sie erinnerte sich nicht mehr an mich.
Mittwoch, 8. April 2009 22:12
ASTRA! Respekt aus Hamburg ;D
Donnerstag, 9. April 2009 2:18
das hat nix damit zu tun wie teenager in dinslaken aussehen.
es gibt in dinslaken einfach keine menschen im alter zwischen 19 und 30. denn jeder mit ein wenig verstand verlässt solche käffer direkt nach der schule um woanders sein leben zu leben.
also gibs da nur kinder und ü30.
ergo, jeder unter 30 ist ein kind. ;)
Donnerstag, 9. April 2009 9:39
@Hesy: Wow. Das ist eine völlig schlüssige Erklärung. Ich bin begeistert! (Echt jetzt.)
Donnerstag, 9. April 2009 17:22
Illustriert das Foto die beruflichen oder eher die privaten Aspekte des Aufenthalts?
Donnerstag, 9. April 2009 17:30
@noweblog: Die privaten — als Soziologe könnte ich mich da natürlich besser rausreden.
Der Kasten stammt allerdings nicht von mir (womit ich vermutlich The Mars Volta enttäuscht habe).
Montag, 20. April 2009 22:18
Ach ich bin auch schon 25 und werde zwar langsam etwas seltener, aber doch immer noch regelmäßig nach meinm Ausweiß gefragt wenn ich versuche diverse Spirituosen käuflich zu erwerben…
Aber es gibt soviele junge menschen die schon verdammt alt aussehen, das ich mich einfach über mein scheinbar jugendliches antlitz freue und einfach frohen mutes in die zukunft blicke und mich dann mit ende dreißig daran erfreue gerade wie ende zwanzig auszusehen :-D