Beiträge vom März, 2009

Nightmares are made of this

Von Lukas Heinser am Freitag, 6. März 2009 13:32
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Vor vielen Jahren, als ich noch im Usenet unterwegs war, kam in einer der Musik-Newsgruppen die Idee auf, einen Internationalen Strafgerichtshof für Coverversionen (Sitz: Tötensen) einzusetzen. Ich habe diese Idee über die Jahre etwas aus den Augen verloren, aber ich denke, jetzt ist die Zeit reif.

Dabei will ich keineswegs die Auffassung vertreten, Coverversionen seien per se von niederem kulturellen Rang und ideenlos. Wer das Nachspielen andererleuts Liedgut für “Klauen” oder “Profitieren von fremden Ideen” hält, hat einen wesentlichen Teil der Grundidee von Popkultur nicht verstanden. Auch war es ja in den 1950er bis 1970er Jahren durchaus üblich, dass man kaum wusste, was eigentlich ein Original und was ein Cover war — so viele Versionen eines Songs waren gleichzeitig auf dem Markt.

Und dennoch: Wir müssen reden.

Da war zunächst Leona Lewis’ haarstrübende Version des eigentlich sehr schönen Songs “Run” von Snow Patrol, über die ich bereits im Dezember gerichtet hatte. Kürzlich stolperte ich dann über eine gewagte Neuinterpretation, die das Kurzzeit-Internet-Sternchen Mina von “Love Hurts” aufgenommen hatte — vom Incubus-Song dieses Namens, wohlgemerkt, nicht vom milliardenfach gecoverten Everly-Brothers-Klassikers.

In eine völlig neue Dimension vorgestoßen ist allerdings ein … äh: Tondokument, das ich vergangene Woche versehentlich im Radio gehört habe. Ein Werk, das sogar der kanonischen schlechtesten Coverversion aller Zeiten (William Shatner does “Lucy In The Sky With Diamonds”) gefährlich werden könnte.

Meine Damen und Herren: Annie Lennox vernichtet “Shining Light”!

Annie Lennox vernichtet "Shining Light"

(Die Plattenfirma hat aus guten Gründen die Einbettung des Videos unmöglich gemacht.)

Für alle, die das Original gar nicht kennen: Es stammt von Ash und spielte damals (vor – *schluck* – acht Jahren) eine wichtige Rolle bei meinem Erwachsenwerden.

Hoffen wir, dass Lennox’ Version ein Riesenhit wird, damit das Schmerzensgeld für Tim Wheeler wenigstens hoch genug ausfällt.

Potemkinsche Webseiten

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 5. März 2009 15:45
Kategorie: Digital Ist Besser

Zu den großen Mysterien der Moderne gehört für mich der Berufs des Suchmaschinen-Optimierers.1 Dieser optimiert nicht etwa Suchmaschinen, sondern er bastelt so lange an Internetseiten herum, bis diese in den Suchergebnissen der Suchmaschinen möglichst weit vorne auftauchen. Es erstaunt mich, dass es offenbar einen wachsenden Markt für Menschen mit diesen Fähigkeiten gibt, aber es gibt ja auch einen Markt für goldene Hundefutternäpfe und einen für getragene Unterhosen.2

Nun ist Suchmaschinen-Optimierung (oder knackig: SEO) an sich nichts schlimmes, wenn es nur darum geht, seine Inhalte möglichst gut zu platzieren. Zwar sollte man davon ausgehen, dass Google von alleine merkt, was für mich wirklich relevant ist, aber man kann da ja ruhig noch ein bisschen nachhelfen.3 Im Extremfall liegen die von den Suchmaschinen-Optimierern betreuten Webseiten ein paar Monate auf Platz 1, ehe Google sich wieder was neues einfallen lässt. Richtig ärgerlich wird es aber da, wo es gar keine Inhalte gibt.

Auf meinem Schreibtisch liegt das neue Album von Ben Lee.4 Zu einem Song wollte ich gerne den Liedtext nachschlagen, weswegen ich lyrics “ben lee” “wake up to america” bei Google eingab. Dass das Album noch gar nicht veröffentlicht wurde und deshalb auch noch niemand die Liedtexte kennen sollte, wusste ich nicht — auf der beiliegenden Presseinfo war der 13. Februar als Veröffentlichungstermin vermerkt.

Trotzdem fand Google 467 Seiten zu dieser Suchanfrage. Die Top-Suchergebnisse sahen so aus:

Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 467 für lyrics "ben lee" "wake up to america".

Die üblichen Seiten, die man sonst so findet, wenn man nach Songtexten sucht.

Nur: Bei Nr. 1 sah der Songtext so aus:

These lyrics are missing. Could you please submit them? Did you know we give out free CDs every week to people who submit the most lyrics?

Nr. 2:

Wake Up To America: Add lyrics for this track

Nr. 3:

Track : Wake up to america. Lyrics not found. To add this lyrics

usw. usf.

Nirgendwo gab es die Texte (weil Ben Lee sie selber noch nicht online hat, was die einfachste Quelle wäre), aber überall gab es schon mal die fertige Seite mit Künstlernamen und Songtitel in der Pfadangabe und überall habe ich mindestens einen Klick generiert und jede Menge Werbung gesehen.

Entschuldigung, aber das ist für mich Verarschung hilfesuchender Menschen und Vermüllung des Internets.

  1. Zu den kleinen Mysterien gehört die – seit gestern beantwortete – Frage, warum meine Kekse so seltsam verpackt sind. []
  2. Zumindest in Asien. []
  3. Übrigens scheint kein “SEO-Papst” so gut zu sein, dass ich bei meinen hilflosen Google-Recherchen zu irgendwelchen technischen Problemen auf eine wirklich relevante Seite stoße. []
  4. Das ich sehr nett finde, aber dazu später mehr. []

Klickbefehl (16)

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 4. März 2009 23:47
Kategorie: Living In A Magazine

In einer riesigen Beitragsserie, die mich mitunter an Besessenheit glauben lässt, dokumentiert Jens vom Pottblog die “Umstrukturierung” des WAZ-Konzerns, was im Wesentlichen heißt: Eigenständigkeit der einzelnen Titel aufgeben, Leute entlassen und völlig den Bezug zur Realität verlieren. (In der letzten Disziplin sind WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz und WAZ-Gruppen-Geschäftsführer Bodo Hombach besonders gut, denn sie waren früher bei der “Rheinischen Post” bzw. im Kabinett Schröder.)

Gerade hat er den Brief eines anonymen WAZ-Mitarbeiters veröffentlicht, in dem dieser (oder diese) sich über die letzte Betriebsversammlung auslässt und sehr schlüssig erklärt, warum die Lokalteile (die ja das eigentlich bzw. einzig Interessante an den WAZ-Titeln sind) so schlecht sind, wie sie sind: Zu wenig Personal, zu viele Anforderungen gleichzeitig, Konzentration auf andere Sachen (wie den Mantelteil und derwesten.de).

Es ist ein wütendes, aber nichtsdestotrotz sehr lesenswertes Dokument, das sicher keine alleinige Erklärung für das Zeitungssterben ist, aber sehr schön aufzeigt, wie weit sich Chefs von ihren Angestellten entfernen können.

“WAZ-Betriebsversammlung: Was für eine Scheiße!” im Pottblog

Die Ursachenvermutung von Köln

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 4. März 2009 16:53
Kategorie: Social Distortion, Somebody Told Me

Gestern hat ein Haus in Köln das getan, was Häuser nicht tun sollten, wozu sie aber doch immer mal wieder neigen: Es ist eingestürzt. Über den Versuch, das Ganze medial zu featuren, habe ich mich bereits in meinem Blog auf freitag.de ausgelassen.

Statistisch gesehen ist die zweithäufigste Beschäftigung von Häusern nach “Rumstehen” wohl “Einstürzen”. Die Geschichte, ja sogar die Literaturgeschichte ist voll von Mauern, Türmen und Häusern, die eingestürzt sind. Meistens fand sich irgendein Grund, der nicht selten recht banal war.

Gestern hatte sich der Staub noch nicht gelegt, da mutmaßten die ersten Menschen schon, es könne ja eigentlich nur am Bau der neuen Kölner U-Bahn-Linie liegen. Es war von Tagesbrüchen die Rede (die sich bisher nicht bestätigt zu haben scheinen) und von schiefen Kirchtürmen.

Nun ist die Geschichte der Kölner Nord-Süd-Bahn tatsächlich eine Geschichte vieler, vieler Zwischenfälle, die die Frage aufkommen lassen, ob da eigentlich vorher mal jemand nachgeguckt hat, durch was für ein Erdreich man die Tunnel zu schlagen gedenkt und ob das möglicherweise Folgen haben könnte (Grundwasser, Verdrängung, man kennt das ja).

Trotzdem habe ich mit der sofortigen Schuldzuweisung so meine Probleme, was daran liegen könnte, dass ich einer Familie entstamme, die seit Generationen Landschaften unterhöhlt und Häuser baut. Millimeterbreite Risse in den Wänden können die Vorboten einer nahenden Katastrophe sein — oder millimeterbreite Risse, die sich bis zur Wiederkehr Christi kaum verändern. Hinterher weiß man es immer genau.

Es verwundert, dass niemand (nicht einmal der aufgekratzte Moderator bei n-tv) die Frage stellte, ob ein Terroranschlag auszuschließen sei. Immerhin gäbe es doch gute Gründe, 2000 Jahre Stadtgeschichte einer erzkatholischen Stadt, in der im letzten Jahr ein Anti-Islam-Kongress stattfinden sollte, einfach mal so eben wegzupusten. Aber Terrorismus, das war die Welt A.O. (Ante Obama), heutzutage hat die Bundesregierung ja ein viel wirkungsvolleres Schreckgespenst gefunden, um Grundrechte einzuschränken: Kinderpornographie. Die hat auch den Vorteil, dass man da nicht mehr mit “Kulturen” und “Unterdrückung” argumentieren muss und es selbst in linken Kreisen unüblich ist, damit auch nur heimlich zu sympathisieren. Jeder, der die Verbreitungswege von Kinderpornographie nicht brutalstmöglich einschränken will, ist selbst ein halber Kinderschänder — sagt zumindest Ilse Falk, die einzige Politikerin der Welt, die sich auch heute noch traut, George W. Bush zu zitieren.

Doch zurück zum Terrorismus, zurück zum U-Bahn-Bau: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sei aus einem Volk von 80 Millionen potentiellen Fußballbundestrainern eines von 80 Millionen Islam- und Terrorismusexperten geworden, hat der Kabarettist Volker Pispers mal gesagt. Heute sind es vermutlich 80 Millionen Tunnelbau-Ingenieure, die alle ganz genau wissen, warum das schief gehen musste.

Mr. Jones and me

Von Lukas Heinser am Dienstag, 3. März 2009 1:23
Kategorie: My Shared Folder, Rock'n'Roll High School

Das zweite Rockkonzert, das ich in meinem Leben besuchte, war ein Auftritt von Tom Jones in der Arena Oberhausen im Mai 2000.1

Jones tourte damals mit seinem sehr guten Album “Reload”, das mir unter anderem seine Duett-Partner Stereophonics und The Divine Comedy näherbrachte, und es war genau die Sorte hochprofessionelle, kompromisslose Familienunterhaltung, die ich später auch bei Robbie Williams und den Killers bewundert habe.2

Von seinen letzten Alben habe ich nicht mehr viel mitbekommen, höchstens die Nachricht, dass der walisische Tiger sein Haupthaar nicht mehr färbt, war zu mir durchgedrungen. Aber jetzt war er bei den “Tiny Desk Concerts”, einer intimen Konzertreihe von “All Songs Considered”-Macher Bob Boilen zu Gast.

Eine etwas überraschende Kombination, wie auch Produzent Robin Hilton im Begleittext zum Mitschnitt zugibt:

When a publicist for Tom Jones contacted us and said the singer wanted to do a “Big Desk Concert” for us, the thought of Jones’ rather substantial voice filling our office left us laughing… and dying to do it.

Nur von seinem musical director Brian Monroney auf der Gitarre begleitet, gibt Jones auch vor ein paar Dutzend NPR-Mitarbeitern alles, so als würde er gerade eine riesige Mehrzweckarena bespielen. Und doch ist vieles anders: Statt einstudierter Moves weiß der Mann kaum, wohin mit seinen Händen; seine Stimme klingt zwar noch immer voll, bricht aber manchmal ein bisschen weg, und statt dem Las-Vegas-erprobten Damenkränzchen-Bespaßer, über den sich alle lustig machen, sieht man plötzlich einen echten Musiker vor sich.

Es lohnt sich, das Video mit den vier Songs anzusehen. Vor allem “Green, Green Grass Of Home” hat bei mir durchaus für Gänsehaut gesorgt.

Tom Jones bei den “Tiny Desk Concerts”

  1. Das erste war ein Konzert der Prinzen 1994, das dritte – und da nähern wir uns dem Begriff “Rockkonzert” – eines der Smashing Pumpkins. []
  2. Jones machte das damals mehr als 30 Jahre, von Robbie Williams hat man länger nichts gehört. []

Der “Spiegel” muss in Zweifelhaft

Von Lukas Heinser am Montag, 2. März 2009 13:57
Kategorie: Digital Ist Besser, Living In A Magazine

Natürlich sieht das immer ein bisschen komisch aus, wenn man den eigenen Arbeitgeber lobt, aber dieses Titelbild hätte ich auch dann gut gefunden, wenn ich nicht studentische Hilfskraft beim “Freitag” wäre:

Merkels neues Gesicht

Früher hätte man solche Titelgrafiken auf dem “Spiegel” gefunden — und da wäre die Umsetzung zugegebenermaßen auch noch ein bisschen besser gewesen.

Aber der “Spiegel” ist schon lange das, was offenbar jede Medienlegende hierzulande (“Tagesschau”, das “Mittagsmagazin” auf WDR 2, Thomas Gottschalk, Harald Schmidt) werden muss: ein Schatten seiner selbst. Und deshalb sieht sein Cover heute so aus:

Fremde Freunde - Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen

Ob und inwiefern social networks unser Leben und unseren Umgang miteinander beeinflussen, ist ja ein Thema, an dem ich mich das ein oder andere Mal abzuarbeiten versucht habe.

Mein grundsätzliches Interesse war aber bei der Überschrift (ein Wunder, dass sie nicht “Falsche Freunde” lautete) recht schnell verraucht. Ich musste den Artikel aber gar nicht erst lesen und mich darüber aufregen, denn beides hat Thomas Knüwer dankenswerterweise schon übernommen.

PS: Markus Beckedahl von netzpolitik.org hatte schon gestern auf den Artikel verwiesen und ihn für nicht ganz so scheiße befunden. Er verweist zusätzlich auf ein Interview mit dem Leiter des “Spiegel”-Hauptstadtbüros, in dem dieser sich mit der Aussage zitieren lässt, er sei “so gut wie gar nicht im Netz unterwegs” und könne deshalb keine gute Website empfehlen.

PPS: Ich habe gestern mit einer Über-Siebzigjährigen Verwandten telefoniert, die meines Wissens noch nie vor einem Computer gesessen hat, und die trotzdem eine sehr viel differenziertere und positivere Meinung zu Blogs (sie benutzte wirklich das Wort “Blog”) und Internet hatte, als ich sie beim “Spiegel” je erlebt habe.

Alltägliche, aber allerliebste Alliterationen

Von Lukas Heinser am Montag, 2. März 2009 0:54
Kategorie: Living In A Magazine

Vielleicht muss ich demnächst noch ein Tochterblog aufmachen: das für schöne Überschriften.

Nachdem die Lokalredakteure aus Dinslaken letzte Woche gut vorgelegt hatten, wollten die Zeitungsmacher einer anderen Stadt nicht hintanstehen:

Bald blühen bunte Blumen

Wo man derart liebliche Stabreime mit “B” aus dem Ärmel schüttelt?

Na, in Bochum natürlich!

Bringing Down The House

Von Kathrin Grannemann am Sonntag, 1. März 2009 14:25
Kategorie: My Shared Folder

Als im letzten Jahr mit dem BarCampRuhr in Essen das erste BarCamp für das Ruhrgebiet stattfand, stand das alte Karstadt-Stammhaus noch zum Teil.

IMG_3823

Foto: Freigabe von nerotunes

Einige Zeit später wurde das Gebäude dem Erdboden gleich gemacht. Aufgezeichnet wurde das Ganze von einer auf dem Dach des Unperfekthauses stehenden Kamera, die Bilder wurden jetzt in einen Zeitrafferfilm verwandelt. Bis Minute 1:30 passiert relativ wenig, danach geht’s aber ab.

In vier Wochen findet das zweite BarCampRuhr wieder im Unperfekthaus statt, in diesem Jahr werden die Teilnehmer nicht mehr auf das alte Karstadt-Haus schauen, sondern auf die Baustelle der zweiten Hälfte des Einkaufszentrum am Limbecker Platz.

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