Nazi und Indianer

Von Lukas Heinser, 19. März 2009 12:10

Weder Deutsche noch Schweizer sind bekannt für ihren Humor. Das macht ein Aufeinandertreffen der beiden Völker meist zu einem gequälten, drögen Ereignis.

Überhaupt keine Witze verstehen die Schweizer, wenn es ums Geld geht. Nachdem die Schweiz aus Angst vor einer „schwarzen Liste“ der OECD angekündigt hatte, in Zukunft stärker mit ausländischen Finanzbehörden zu kooperieren, ließ sich der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück zu einem abenteuerlichen kleinen Vergleich hinreißen:

Steinbrück hatte am letzten Samstag am Rande des Treffens der Finanzminister der G-20 in London die Drohung mit einer schwarzen Liste gegenüber der Schweiz mit der «siebten Kavallerie vor Yuma» verglichen, die man auch ausreiten lassen könne. «Aber die muss man nicht unbedingt ausreiten. Die Indianer müssen nur wissen, dass es sie gibt», hatte Steinbrück in einer vom Schweizer Fernsehen (SF) aufgezeichneten Stellungnahme gesagt.

In der Schweiz wollte man aber nicht mit Indianern verglichen werden und bestellte den deutschen Botschafter ein.

Das offizielle Protokoll der schweizer Bundesversammlung notiert für gestern dann folgende Ausführungen des Abgeordneten Thomas Müller aus der christlich-demokratische Fraktion CEg:

Wenn die deutsche Politik in Schwierigkeiten steckt, und das tut sie im Moment, dann braucht sie Geld und Sündenböcke. Peer Steinbrück, das darf man in aller Offenheit sagen, definiert das Bild des hässlichen Deutschen neu. Er erinnert mich an jene Generation von Deutschen, die vor sechzig Jahren mit Ledermantel, Stiefel und Armbinde durch die Gassen gegangen sind. (Teilweiser Beifall, Unruhe)

Damit wäre zumindest geklärt, wie gut der Geschichtsunterricht an schweizer Schulen ist — denn vor sechzig Jahren dürfte der Anteil der Deutschen, die mit Ledermantel, Stiefel und Armbinde durch die Gassen gingen, eher überschaubar gewesen sein.

Ratspräsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi wies Müller später zurecht, übersah das historische Detail aber ebenfalls:

Herr Nationalrat Müller Thomas hat in seinem Votum von heute Morgen gesagt, dass ihn der deutsche Finanzminister Steinbrück an die Generation von Deutschen erinnere, die vor sechzig Jahren mit Ledermantel, Stiefel und Armbinde durch die Gassen gegangen seien. Hätte ich diese Aussage in diesem Moment richtig wahrgenommen, hätte ich Herrn Müller zurechtgewiesen. Seine Aussage ist deplaziert und beleidigend. Ich habe es Herrn Müller persönlich gesagt. Ich entschuldige mich als Ratspräsidentin dafür. (Teilweiser Beifall)

Herr Müller darf sich damit als Erfinder der Kategorie „Verkleidete-Gründerväter-der-Bundesrepublik-Vergleich“ fühlen. Der Einfachheit halber heften wir es hier im Blog aber trotzdem bei den Nazi-Vergleichen ab.

[Mit Dank auch an Hans Martin U. für den Hinweis!]

14 Kommentare

  1. Thomas
    19. März 2009, 16:10

    Herzlichen Dank für diese schöne Zusammenfassung. Einen hörenswerten Kommentar hat DRadio-Journalist Pascal Lechler verfasst – online unter:
    http://www.dradio.de/dlf/sendu.....te/936456/

  2. Fragezeichner
    19. März 2009, 16:17

    :-D

  3. Thorsten
    19. März 2009, 16:25

    Der Einstieg ist super. Wollte ich nur kurz loswerden.

  4. Niels
    19. März 2009, 16:34

    Ich möchte anregen, sicherheitshalber bei künftigen Pressekonferenzen Steinbrücks ein Indianometer aufzustellen.

    Auch wenn wir alle schon mal im Tipi…

  5. Mickey
    20. März 2009, 9:07

    Der Vergleich von Müller ist natürlich Nonsense. Dass Steinbrück hier in der Schweiz aber sehr unbeliebt ist, hat durchaus seine guten (bzw. schlechten) Gründe. Prinzipiell wird sein Vorgehen so interpretiert, dass er nun, da es Deutschland, das im Moment de facto von einer sozialistischen Regierung geführt wird, noch schlechter geht als sowieso schon, Ausschau hält nach jemandem, der seine Rechnungen bezahlt – und da trifft es sich gut, dass es die Schweiz gibt. Kann man durchaus so sehen.

  6. Mickey
    20. März 2009, 9:10

    Nachtrag: hauptsächlich geht es aber tatsächlich um die Ausdrucksweise Steinbrücks. Die Personalie selbst dürfte sich bis im Herbst sowieso erledigt haben.

  7. Jan
    20. März 2009, 10:38

    Es fehlt halt momentan an allen Ecken (Finanzministerium http://www.geolinde.musin.de/b.....ch_JPG.htm) und Enden (Genital? http://www.zeit.de/online/2009.....me-bischof) an PR-Beratung. Wenn der Pressesprecher nach Kiel (!) flüchtet, heißt das viel über Kommunikation in Berlin (war wohl am Nordpol nix mehr frei…). Aber die Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug ist Haarspalten vom Feinsten (gute PR-Beratung?); wer da als Nichtschweizer keinen Hals kriegt, hat wohl keinen (der gute Franz-Josef, Thurn und Taxis hab‘ ihn selig).

  8. Mickey
    20. März 2009, 11:05

    Wobei an dieser Stelle gesagt werden muss, dass diese Unterscheidung ja auch innenpolitisch gemacht wird – ganz offensichtlich ist das Verhältnis zwischen Staat und Bürger in der Schweiz ein anderes als in Deutschland. In der Schweiz ist der Staat für den Bürger da, nicht umgekehrt, und bringt diesem prinzipiell ein grosses Vertrauen entgegen.

  9. Jan
    20. März 2009, 12:45

    Da aber das Vertrauen des deutschen Staates durch Bargeld- und Wohnsitzflucht vielfach massiv (über-)strapaziert wird/wurde (nach zig Jahren Nachsicht und immer noch vielfältigen Möglichkeiten der „Steuerminimierung“) und der Anteil derer, die trotz Angabepflicht und ursprünglichen Vertrauens seitens des Staates lieber doch zu den Nachbarn ‚flüchten‘, nicht sinkt, muss man halt mal zu den Nachbarn sagen dürfen, dass der je eigene hohe Lebensstandard zu einem Gutteil auf fremde Kosten finanziert wird. Es geht ja nicht um das Verhältnis zwischen Staat und Bürger, sondern um die ganz konkrete Zusage, dass die Schweizer Staatsanwaltschaften bei bestimmten Vergehen/Verbechen auf konkrete Anfragen von Staatsanwaltschaften anderer, befreundeter Staaten kooperativ reagieren und sich somit eben nicht zum Mittäter beim begründeten Verdacht des ‚Vertrauensmissbrauchs‘ machen, sondern zu verlässlichen Partnern im globalen Finanzsystem, bei dem ja auch in der Schweiz durchaus global gedacht wird, nicht wahr, UBS/Credit Suisse?

  10. mad
    20. März 2009, 13:02

    Thomas Müller ist Mitglied der Christlichdemokratischen Volkspartei CVP. Von einer CEg habe ich persönlich noch nie etwas gehört.

  11. Lukas
    20. März 2009, 13:08

    Das ist die Fraktion der christlich-demokratischen Parteien und Müller ist im Bulletin auch als der CEg zugehörig gekennzeichnet.

  12. mad
    20. März 2009, 13:11

    Ah, entschuldigung. Voreiliges Klugscheissen.

  13. Jonas
    21. März 2009, 11:28

    Habe diesen Bericht gerade gefunden…: http://bazonline.ch/ausland/eu.....y/26500230

    Naja, man kann es auch übertreiben. Und das die Schweizer Gäste ausbleiben, bezweifle ich auch. Grüsse aus Basel bei der deutschen Grenze.

  14. Lukas
    22. März 2009, 14:37

    Eines muss man Steinbrück lassen: Diplomatische Spannungen mit der Schweiz auszulösen, haben auch noch nicht viele geschafft.

    Vielleicht greift die Bundesregierung vor der Wahl ja noch kurz Schweden oder Kanada an.