Potemkinsche Webseiten

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. März 2009 15:45

Zu den großen Mysterien der Moderne gehört für mich der Berufs des Suchmaschinen-Optimierers.1 Dieser optimiert nicht etwa Suchmaschinen, sondern er bastelt so lange an Internetseiten herum, bis diese in den Suchergebnissen der Suchmaschinen möglichst weit vorne auftauchen. Es erstaunt mich, dass es offenbar einen wachsenden Markt für Menschen mit diesen Fähigkeiten gibt, aber es gibt ja auch einen Markt für goldene Hundefutternäpfe und einen für getragene Unterhosen.2

Nun ist Suchmaschinen-Optimierung (oder knackig: SEO) an sich nichts schlimmes, wenn es nur darum geht, seine Inhalte möglichst gut zu platzieren. Zwar sollte man davon ausgehen, dass Google von alleine merkt, was für mich wirklich relevant ist, aber man kann da ja ruhig noch ein bisschen nachhelfen.3 Im Extremfall liegen die von den Suchmaschinen-Optimierern betreuten Webseiten ein paar Monate auf Platz 1, ehe Google sich wieder was neues einfallen lässt. Richtig ärgerlich wird es aber da, wo es gar keine Inhalte gibt.

Auf meinem Schreibtisch liegt das neue Album von Ben Lee.4 Zu einem Song wollte ich gerne den Liedtext nachschlagen, weswegen ich lyrics “ben lee” “wake up to america” bei Google eingab. Dass das Album noch gar nicht veröffentlicht wurde und deshalb auch noch niemand die Liedtexte kennen sollte, wusste ich nicht — auf der beiliegenden Presseinfo war der 13. Februar als Veröffentlichungstermin vermerkt.

Trotzdem fand Google 467 Seiten zu dieser Suchanfrage. Die Top-Suchergebnisse sahen so aus:

Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 467 für lyrics "ben lee" "wake up to america".

Die üblichen Seiten, die man sonst so findet, wenn man nach Songtexten sucht.

Nur: Bei Nr. 1 sah der Songtext so aus:

These lyrics are missing. Could you please submit them? Did you know we give out free CDs every week to people who submit the most lyrics?

Nr. 2:

Wake Up To America: Add lyrics for this track

Nr. 3:

Track : Wake up to america. Lyrics not found. To add this lyrics

usw. usf.

Nirgendwo gab es die Texte (weil Ben Lee sie selber noch nicht online hat, was die einfachste Quelle wäre), aber überall gab es schon mal die fertige Seite mit Künstlernamen und Songtitel in der Pfadangabe und überall habe ich mindestens einen Klick generiert und jede Menge Werbung gesehen.

Entschuldigung, aber das ist für mich Verarschung hilfesuchender Menschen und Vermüllung des Internets.

  1. Zu den kleinen Mysterien gehört die – seit gestern beantwortete – Frage, warum meine Kekse so seltsam verpackt sind. []
  2. Zumindest in Asien. []
  3. Übrigens scheint kein “SEO-Papst” so gut zu sein, dass ich bei meinen hilflosen Google-Recherchen zu irgendwelchen technischen Problemen auf eine wirklich relevante Seite stoße. []
  4. Das ich sehr nett finde, aber dazu später mehr. []

6 Kommentare

  1. Michael
    5. März 2009, 17:01

    Wenn ich nach Liedtexten suche, gebe ich mittlerweile immer ein paar Wörter, die ich beim Hören verstanden habe, ins Google-Suchfeld mit ein. Damit verhindert man einigermaßen effektiv, umsonst auf irgendwelche Seiten zu surfen, die Lyrics gar nicht haben, sondern nur – wie in den Beispielen oben zu sehen – den Titel und den Künstler.

    Hilft in diesem Fall aber wohl eher weniger.

  2. Residium
    5. März 2009, 17:11

    okay, keine lösung zum problem (und ich habe dasselbe auch schon mehrmals gehabt – nerv!!) aber vielleicht ein bisschen hilfreich:
    http://googleblog.blogspot.com.....r-own.html

    wobei ich es bei mir noch nicht zum funktionieren gebracht habe… :(

  3. Kunar
    5. März 2009, 21:33

    Da hat “Coffee And TV” sich das richtige Thema ausgesucht. Für Musikliebhaber ist es nervtötend, wenn sie zu ihrer gekauften Musik nicht die Texte lesen können – oder etwa vor dem Kauf lesen wollen, was da überhaupt gesungen wird.

    Es gibt ein weiteres Ärgernis mit diesen “Lyrics”-Seiten: Oft stehen die Texte dort nur unvollständig oder fehlerhaft. Das kommt davon, wenn irgendwelche Leute etwas abtippen und das niemand kontrolliert. Da hilft dann auch keine Google-Suche mit einem Teil des Textes.

  4. Lukas
    6. März 2009, 1:46

    @Kunar: Das Schlimmste (und das gilt genauso für Seiten mit Gitarren-Tabs) ist ja, dass sich diese Seiten alle gegenseitig ihre Inhalte klauen und dann nicht selten überall der gleiche fehlerhafte Mist steht.

    Andererseits muss man natürlich im Großen und Ganzen schon dankbar sein. Kein Vergleich zur Welt vor zehn Jahren, wo man schon ausflippte, wenn im Englischbuch mal der Text zu “I Still Haven’t Found What I’m Looking For” abgedruckt war.

  5. Kunar
    6. März 2009, 7:55

    Die Gitarrentabs wagte ich schon gar nicht anzusprechen. Das ist natürlich ebenso eine Seuche. Immerhin gibt es für einzelne Künstler Adressen, bei denen die Akkorde und Tabs gesammelt sind.

    Ob’s aber heute besser ist als 1999? Ich erinnere mich daran, dass Liedertext schon vor zwanzig Jahren in Englischbüchern abgedruckt waren inklusive Noten. Gut sortierte Sammlungen von Liedertexten habe ich vor etwa dreizehn Jahren schon im Internet gefunden.

  6. Raventhird
    8. März 2009, 16:17

    @Kunar: Wer soll es auch bitte “kontrollieren”?! Wenn ein Musiker gar nicht will, dass seine Lyrics abgedruckt werden und sich Leute dennoch daran machen, die abzutippen, dann sollte man doch eher dankbar sein. Ansonsten wäre nämlich selbstraushören angesagt.

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