Beiträge vom Februar, 2009

Wenn es passiert

Von Lukas Heinser am Samstag, 7. Februar 2009 22:43
Kategorie: TV On The Radio

Ich verehre Christian Dassel. Die Reportagen, die er für “Hier und heute” oder die “Aktuelle Stunde” dreht, stechen aus dem sonstigen Elend im deutschen Fernsehen heraus und bescheren mir die wenigen Momente im WDR-Fernsehen, in denen ich meine Rundfunkgebühren nicht für verschwendet halte. Dassel schafft es, ganz normale Menschen und alltägliche Situationen so zu porträtieren, dass man sie als etwas ganz Besonderes wahrnimmt.

Als der WDR eine neue Dokumentarreihe von Dassel ankündigte, in der er Menschen porträtiert, deren Lebenswege sich mit der Weltgeschichte gekreuzt haben (11. September, Mauerfall, Tsunami), war ich mir sicher, dass dabei Großes entstehen würde. Nachdem ich Gelegenheit hatte, die ersten beiden Folgen von “Wo warst Du, als … ?” zu sehen, bin ich enttäuscht — aber nur ein bisschen.

Vermutlich weiß jeder noch, wo er am Nachmittag des 11. September 2001 war, als er zum ersten Mal die Nachrichten aus New York City hörte. Susan Borchert verbrachte den Rest des Tages vor dem Fernseher. Ihr Mann Klaus arbeitete im World Trade Center und sie wusste lange nicht, ob er hinausgekommen war.

Die Geschichte der Borcherts, die von Lars Fiechtner, dessen Schwester Ingeborg vier Wochen nach den Anschlägen an den folgen ihrer Verletzungen starb, oder von Rainer Groß, der durch den Börsencrash nach den Anschlägen sein Vermögen verlor und sich daraufhin entschloss, einen Kaufhauskonzern zu erpressen — sie alle sind spannend, gleichermaßen außergewöhnlich wie alltäglich, und es gibt durchaus genug Raum, sie nebeneinander in einer halben Stunde zu erzählen.

Leider werden sie auf eine Art und Weise erzählt, die einem mitunter tierisch auf die Nerven geht: Schnelle, unmotivierte Schnitte; ein On-Screen-Design das wirkt, als hätten Schüler mit iMovie “Matrix” nachbauen wollen; Rasanz suggerierende Schnurr- und Zirpgeräusche und eine grotesk überdramatisierende Off-Sprecherin machen viel von der Atmosphäre kaputt. Wenn man Dassels andere Arbeiten kennt, ahnt man, was man alles aus dem Rohmaterial hätte herausholen können.

In der zweiten Folge über den Fall der Berliner Mauer passt dann alles ein bisschen besser zusammen: Dassel porträtiert einen Mann, der damals wegen Vorbereitung zur Republikflucht im DDR-Gefängnis saß; eine Frau, die ihre Tochter am 10. November 1989 auf einem Berliner Gehweg zur Welt brachte, und einen Oberstleutnant der Staatssicherheit, der damals am Grenzübergang Bornholmer Straße Wache schob.

Er gibt heute ganz offen zu, 28 Jahre seines Lebens einem Unrechtsstaat gedient zu haben – “mit allen meinen Fähigkeiten” -, aber wenn er vom Befehlsvakuum berichtet, das damals herrschte und die Grenzsoldaten auf sich selbst gestellt zurückließ, kommt auch hier das Menschliche durch. Die Bilder der Grenzer, die jahrzehntelang an ein System geglaubt haben, das innerhalb weniger Stunden vor ihren Augen zerfiel, umweht dann auch eine große Tragik, und die Menschen und die Geschichte treffen sich auf eine ganz andere Weise als in den anderen Erzählsträngen.

Trotz der stilistischen Schwächen sind die Dokumentationen von “Wo warst Du, als … ?” berührend und beeindruckend. Die in ihrer eigentlichen Größe unbegreiflichen Ereignisse werden in den Alltag heruntergebrochen und sind dadurch vielleicht nicht verständlicher, aber greifbarer. Es wäre schön, wenn die Reihe (nach ein paar Korrekturen) fortgesetzt würde.

“Wo warst Du, als … ?”
Erste Folge am Sonntag, 8. Februar um 23:35 Uhr im Ersten, Folge 2 und 3 an den darauf folgenden Sonntagen um 23:30 Uhr.

Überschrift: Wir Sind Helden

For Me This Is Heaven

Von Lukas Heinser am Samstag, 7. Februar 2009 0:11
Kategorie: Digital Ist Besser, Rock'n'Roll High School

Ich war grad im Proberaum von Jimmy Eat World.

Also, nicht räumlich, aber schon irgendwie. Und dreihundert andere waren auch da.

Die Band hatte via twitter darauf hingewiesen, dass sie gerade ustream – ein Programm mit dem man live Bewegtbild ins Internet streamen kann – testen würden. Als ich ankam, hatten sie etwa 30 Zuschauer und spielten im Proberaum an ihren Laptops rum.

Im Laufe der Zeit kamen über 300 Zuschauer vorbei, was einerseits viel für so eine spontane Aktion ist, andererseits auch verdammt wenig für eine Band, die seit Jahren eher die größeren Clubs und Hallen füllt. Und so wurden wir Teil eines exklusiven Spektakels, in dessen Verlauf sie “Lucky Denver Mint”, “A Sunday” und “Just Watch The Fireworks” spielten (die Band probt gerade für die Tour anlässlich des zehnten Geburtstags ihres Albums “Clarity”).

Jimmy Eat World live im Web

Und während die Band da so spielte, konnten sich die Zuschauer direkt neben dem Videofenster im Chat unterhalten, ohne dass ihr Gemurmel jemanden gestört hätte. Einer fasste es dann auch sehr schön zusammen: “Man it’s like I’m 16 again”.

Es sind Geschichten wie diese, die mir zeigen, warum ich das Internet mag. Dieses ganze Gerede von “Demokratisierung” und “Zukunft des Journalismus” mag sich als Irrglaube und kurzer Trend herausstellen (vielleicht auch nicht, wer mag sowas schon vorhersagen?), aber solche relativ kleinen Aktionen wie einmal bei einer der eigenen Lieblingsbands in den Proberaum zu spinxen, die betreffen und begeistern mich persönlich.

Kelvin & Hops

Von Lukas Heinser am Freitag, 6. Februar 2009 20:02
Kategorie: Digital Ist Besser

Man kann über “RP Online”, Deutschlands führendes Regionalzeitungs-Portal, längere Texte schreiben, wie es Daniel Bouhs für die “taz” getan hat.

Aber im Prinzip lässt sich die ganze Klickschinderei, die Boulevard-Sucht und die ganze Scheißegal-Haltung auch noch knapper zusammenfassen:

CK-Werbespot zu sexy für US-Fernsehen. Foto: Screenshot Calvin Klein. Kelvin Klein hat schon öfter mit seinen Werbespots Staub aufgewirbelt.

Aber weil sich “RP Online”-Chefredakteur Rainer Kurlemann im “taz”-Artikel beklagt, “Heinser und Niggemeier würden sich ‘an einigen, wenigen Fällen’ abarbeiten, die ‘Leistungen’ aber nicht würdigen”, würdige ich hier gerne mal wieder eine Leistung und empfehle Ihnen die Kolumne “About a Boy”, die mein früherer plattentests.de-Kollege Sebastian Dalkowski für “RP Online” schreibt.

Nachtrag, 7. Februar: “RP Online” hat Calvin Kleins Vornamen inzwischen korrigiert. (Das hebt sie auch von anderen Portalen ab.)

I’m single bilingual

Von Lukas Heinser am Freitag, 6. Februar 2009 11:38
Kategorie: Somebody Told Me, TV On The Radio

Ich war noch nicht ganz wach und hörte nur mit einem halben Ohr hin, als auf WDR 5 eine Reportage über Singles in Deutschland lief. Dennoch hinterließ die Frau, die tapfer verkündete, sie brauche gar keinen Partner, bei mir bleibenden Eindruck.

Den Grad ihrer inneren Verzweiflung konnte man dem Satz entnehmen, mit dem sie ihre Ausführungen schloss:

Wenn ich total desperate wäre, vielleicht.

Vom Konzert in Ehrenfeld

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 5. Februar 2009 17:31
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Travis live (stark verwackelt)

Man will ja nicht einfach so über fremde Menschen urteilen, die man nur einmal kurz erlebt hat. Vielleicht haben sie ernsthafte Probleme und Sorgen oder man ist ihnen in einem sehr ungünstigen Moment begegnet.

Trotzdem: Der Typ, der gestern den Einlass an der Live Music Hall mehrere Minuten aufgehalten hat, weil er sich nicht von seiner fast leeren Einweg-Wasserflasche trennen wollte (darauf sei er nicht hingewiesen worden, dies sei ein freies Land, ob er mal den Vorgesetzten sprechen könne, …), der machte schon einen Eindruck, den man als “merkwürdig” bezeichnen könnte. Wir waren gerade dabei, für seine finanzielle Entschädigung zu sammeln, als es endlich weiterging.

Das anschließende Konzert war dann nicht mehr merkwürdig, sondern nur noch toll. The Alexandria Quartet waren der passendste Support seit Athlete vor fünfeinhalb Jahren und Travis sind ja eh (zumindest bei mir) über jeden Zweifel erhaben.

Eher überraschend war die Konzerteröffnung mit dem wieder ausgegrabenen “Blue Flashing Light”, danach folgte ein Greatest-Hits-Programm, das fast keine Wünsche offen ließ. (Klar, mehr ginge immer: “Flowers In The Window”, “U16 Girls”, “As You Are”, “Follow The Light”, “My Eyes, “Happy”, “Battleships” oder gar mal wieder “Tied To The 90′s” hätte man alle auch noch dankend mitgenommen.)

Fran Healy ist so ungefähr der einzige Musiker auf der Welt, der das Publikum zum Mitklatschen und Arme wedeln – “If you’re still feeling self-confident with your hands in the air: please leave!” – auffordern darf, ohne dass man sich vor lauter Entertainment-Ekel windet. Darüber hinaus kann der Wahl-Berliner bei jeder Deutschland-Tour einen zusätzlichen deutschen Satz sagen und zitierte gegen Ende des Konzerts noch kurz Ben Folds Five.

Das Publikum wird immer heterogener: süße Indie-Mädchen sind natürlich immer noch da (eine Zeit lang waren Travis neben Slut die Band mit dem hübschesten Publikum), aber die älteren Zuschauer, die in immer größerer Stückzahl vorhanden sind (ich habe meinen früheren Erdkundelehrer entdeckt), waren nicht nur deren Eltern. Sie alle eint der selige Gesichtsausdruck, mit dem sie in Richtung Bühne schauen, während sie mal laut, mal leise, mal gar nicht mitsingen. Zuschauer beobachten bei Travis-Konzerten kommt von der Wirkung her einer mehrstündigen Meditation oder einem Wochenende in einer einsamen Waldhütte nahe. Nur den Rhythmus halten können auch sie nicht.

Den Zettel, auf dem ich mir die Setlist notiert hatte (jeder Mensch braucht ein Hobby), habe ich leider unterwegs verloren. Aber vielleicht stellt sie noch jemand bei setlist.fm online, einem wie ich finde sehr sinnvollen Portal, auf das ich dann an dieser Stelle endlich auch einmal verlinkt hätte.

Die Überschrift ist wie üblich geklaut, diesmal bei Jona.

Eine Woche voller Freitage

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 5. Februar 2009 15:28
Kategorie: Digital Ist Besser, Living In A Magazine

Wenn Sie sich rudimentär für Medien interessieren, werden Sie es möglicherweise schon mitbekommen haben: Die Wochenzeitung “Freitag” hat sich einen Artikel (die Wortart, nicht die Textsorte), ein neues Layout und einen neuen Internetauftritt gegönnt.

Bei freitag.de sollen die Leser alles kommentieren, aber auch selber bloggen können. Besonders bemerkenswerte Leserbeiträge landen dann auch in der gedruckten Zeitung und werden entsprechend entlohnt.

Ich bin beim neuen freitag.de als “Netzwerker” dabei, was bedeutet, dass ich mich mit einigen anderen um eine Verzahnung der Seite mit der Blogosphäre kümmere, ein bisschen auf die Community schaue und dort ein eigenes Blog zum Thema Medien führe.

Ich finde das Konzept sehr gut (sonst würde ich dort nicht mitmachen) und würde mich freuen, wenn Sie in Zukunft auch regelmäßig beim “Freitag” vorbeischauen würden.

Akte Z

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 4. Februar 2009 12:28
Kategorie: TV On The Radio

Eduard Zimmermann hat mir immer Angst gemacht.

Also weniger er selbst, als viel mehr sein “Aktenzeichen XY… ungelöst”, dass immer dann lief wenn ich Freitagabends allein zuhause war. “Derrick” und “Der Alte” haben mir nie etwas ausgemacht, aber beim “Aktenzeichen” wusste man ja, dass es um echte Fälle geht, dass man theoretisch selbst einmal von einem kleinen Jungen, der einem grob ähnlich sieht, gespielt werden könnte. Und der würde dann mit verdrehten Augen in einem Entwässerungsgraben neben einem niederrheinischen Kartoffelacker (die Fälle werden ausnahmslos in München gedreht, das für alles herhalten muss) liegt.

Nach einigen Schilderungen älterer (aber nicht nur älterer) Mitmenschen frage ich mich auch, warum Eduard Zimmermann in all den Jahren “Vorsicht, Falle!” (seiner anderen großen Fernsehsendung) eigentlich nie an der offensichtlichen Dummheit seiner Zuschauer verzweifelt ist, warum man von ihm nie ein böses Wort gehört hat über diese unfassbar dämlichen Menschen, die sich da an der Wohnungstür übertölpeln lassen.

Und vielleicht ist es kein Zufall, dass mich Bruno Ganz als BKA-Chef Horst Herold im “Baader Meinhof Komplex” immer ein bisschen an Eduard Zimmermann erinnert hat.

Warum erzähle ich Ihnen das alles?

Nun, Eduard Zimmermann wird heute 80 Jahre alt und im Fernsehlexikon wird ihm höflichst gratuliert.

Hundertmal zu dumm

Von Lukas Heinser am Dienstag, 3. Februar 2009 18:02
Kategorie: Digital Ist Besser, Rock'n'Roll High School

Mein Verhältnis zum Musikjournalismus ist ein gestörtes. Ich habe lange genug selbst in diesem Metier gearbeitet und weiß um die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen man nach einmaligem Hören CDs von Revolverheld besprechen muss, während einem die Promoter im Nacken sitzen.

Insofern freue ich mich ja auch, dass ich hier im Blog nur über Musik schreiben muss, wenn ich es auch will.

Aber trotzdem: Was zum Henker geht in Köpfen vor, die Sätze wie die gleich folgenden denken, ausschreiben und möglicherweise auch noch abnicken?

Kann sein, dass der Schlagzeuger Sebastian Schmidt heißt, die Band aus Berlin kommt und sich dann auch noch Super 700 nennt. Aber ohne gleich wie einer dieser ins Alter gekommenen Rockjournalisten klingen zu wollen, die stets hocherfreut sind, wenn sie irgendwie “frischer” oder “frecher” deutscher Musik aus dem Nachbardorf “internationales Niveau” bescheinigen dürfen: Dieses Septett ist genau genommen hundertmal zu gut, um aus Deutschland zu sein.

Wievielleicht sollte ich Jan Wigger fragen, der sich bei seinem Versuch, für “Spiegel Online” pfiffige Meta-Rezensionen zu verfassen, mal wieder selbst unterkellert hat.

Shut Up And Klick

Von Lukas Heinser am Sonntag, 1. Februar 2009 20:45
Kategorie: Digital Ist Besser

Ich bin mit den baulichen Voraussetzungen der Redaktionsräume von “RP Online” nicht vertraut, aber …

Wäre es vielleicht möglich, dort noch irgendwo eine Dusche aufzustellen, damit sich die männlichen Mitarbeiter zwischendurch mal kalt abbrausen können?

Endlich mal wieder ein Auftritt von einer unserer Lieblingssängerinnen: Rihanna begeisterte die Massen bei einem Konzert im Vorfeld des Super Bowl im Ford Amphitheatre in Tampa in Florida. Und die Schöne von Barbados blieb sich treu, wieder sahen wir sie in einem ungewöhnlichem Outfit.

Fangen wir mal unten an: Bis zur Mitte des Oberschenkels möchte man doch sicher davon ausgehen, dass Rihanna sich als Hauptdarstellerin für den nächsten Terminator-Film zu bewerben gedenkt. Dann wird es ungefähr 30, 40 Zentimeter sexy.

Der Oberkörper steckt in einem schwarzen Jäckchen mit vielen Bändern und Schnüren und dann noch die scharfen Lederhandschuhe.

So scharf Rihanna ja mal wieder aussah, schauen Sie sich mal die zwei Tänzerinnen an. Die tragen doch irgendwelche ollen Klamotten aus den 80er-Jahren auf. Naja, man darf der Chefin ja auch nicht die Show stehlen.

Falls Sie die weiteren … Ergüsse lesen wollen: Deutschlands erfolgreichstes Regionalzeitungsportal hält eine 30-teilige Bildergalereie bereit.

Vieles davon kommt einem allerdings bekannt vor, zum Beispiel aus dieser Galerie (“Rihanna sieht einfach immer gut aus”), dieser (“Der makellose Körper ist Rihanna extrem wichtig”), dieser (“Denn eigentlich ist sie doch so schön”) oder dieser (“Rihanna hat eine volle Oberweite, die sie gerne zur Schau trägt”).

Nur auf dieses legendäre Bild hat “RP Online” diesmal verzichtet:

...und der Popo (s. Pfeil) im kurzen Kleidchen werden stolz präsentiert.

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