Beiträge vom Februar, 2009

Relaunch My Fire

Von Lukas Heinser am Montag, 16. Februar 2009 16:10
Kategorie: Living In A Magazine

Ich habe ja nie ernsthaft in einer Redaktion gearbeitet, könnte mir aber vorstellen, dass an dem Tag, an dem man dort beschließt, den grafischen Auftritt des Produkts zu überholen (also zu “relaunchen”), dass an diesem Tag also neben Grafikern auch Nervenärzte und Seelsorger die Redaktionsräume beziehen. Die Grafiker für das Design, die Seelsorger für die Leserbeschwerden und die Nervenärzte für die von den eigenen Lesern gepeinigten Redakteure.

Wie konservativ ein Mensch wirklich ist, kann man ganz leicht überprüfen, indem man seine Tageszeitung neu gestaltet: Menschen, die alle paar Jahre mit ihren jeweiligen Partnern umziehen, viel Geld bei der Typberatung lassen und nicht davor zurückschrecken würden, Privatfernseh-Wohnraumexperten durch ihre eigenen vier Wände pflügen zu lassen, legen eine erschütternde Kompromisslosigkeit an den Tag, wenn es um ihre tägliche Lektüre geht. Was insofern erstaunlich ist, als mir spontan keine einzige deutsche Zeitung oder Zeitschrift einfiele, die wirklich uneingeschränkt schön und in ihrem jetzigen Zustand bewahrenswert wäre. Aber Leser finden den Relaunch ja in der Regel auch nicht hässlich, sondern nur anders.

Insofern wünsche ich den Redakteuren vom “Musikexpress” jetzt schon mal viel Kraft (und stabile Tischplatten) für die nächsten Wochen. Wie ich nämlich kürzlich am Bahnhof feststellen musste, ist das Blatt ganz neu gestaltet worden und sieht jetzt endlich auch so aus wie “intro”, “Spex”, “Neon”, “Zeit Campus” und “brand:eins”.

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Als Design-interessierter, aber weitgehend -unkundiger Leser würde ich sagen: Die neue Überschriften-Schriftart (die mich ein bisschen an die im “New Yorker” erinnert) ist gar nicht schlecht, die neue Standard-Schriftart nett, aber verbraucht (s.o.). Die Idee, Überschriften über mehr als eine Heftseite zu ziehen (“Selektor”), wirkt auf den ersten Blick originell, ist aber vermutlich auch schon zehn Jahre alt, und das, was da bei “Spielt die Grenzen fort” passiert ist, sieht eher wie ein Unfall aus als wie eine Überschrift.

Gut gefällt mir die Kombination aus eng beschriebenen Spalten und den relativ großen Weißflächen (wobei Weißflächen vermutlich auch “sooo 2002″ sind) — nur in der “News”-Rubrik hätte mindestens ein Trenner-Symbol zwischen den einzelnen Meldungen Not getan.

Dafür, dass ich so selten Musikzeitschriften lese (und der US-”Rolling Stone” auf dem Gebiet ein zeitloses Klassiker-Design vorgelegt hat), gefällt mir der neue “Musikexpress” ganz gut. Warum es allerdings plötzlich ein Poster als Beilage braucht (so wie seit einem halben Jahr in der “Visions”), erschließt sich mir nicht so ganz. Mit Mando Diao und Peter Fox zeigt dieses auch noch zwei Acts, die man genauso gut in der “Bravo” finden könnte.

Das fast perfekte Engel-Dinner

Von Kathrin Grannemann am Sonntag, 15. Februar 2009 23:29
Kategorie: TV On The Radio

Eigentlich hätten bei “Das perfekte Promi-Dinner” heute Heike Kloss, Enie van de Meiklokjes, Joko Winterscheidt und Antje Buschschulte über den Bildschirm flimmern sollen, es kam aber doch anders. Am Donnerstag starb die Ex-Prostituierte und Kiezlegende Domenica Niehoff, die sich vor allem in den Achtzigern für die Rechte der Prostituierten einsetzte.

Im Sommer hatte Vox eine Folge des Promi-Dinners mit ihr, Lorielle London (damals noch: Lori Glory), Andre Holst und Julia Heinemann aufgezeichnet. Und nach der Todesnachricht spontan für den heutigen Sonntag ins Programm genommen.

Ist ja an sich noch nichts Verwerfliches daran. Ein wenig unglücklich aber war der Quasi-Abschlusssatz des stets bissigen Sprechers aus dem Off am Ende der Folge:

Vielleicht treffen sich die vier ja nochmal wieder.

Killing time on Valentine’s

Von Lukas Heinser am Samstag, 14. Februar 2009 2:47
Kategorie: My Shared Folder, Rock'n'Roll High School, Social Distortion

Ich mag mich da irren, aber ich glaube, so intensiv wie in diesem Jahr ist der Valentinstag noch nie beworben worden.

In den letzten Wochen kamen täglich meist mehrere Newsletter an (keiner davon von Blumenhändlern), die zum Gedenken eines im 3. Jahrhundert ermordeten Bischofs aufriefen. Am Besten könne man dies, so der Tenor, indem man die gerade darbende Wirtschaft unterstütze.

Die Lufthansa wollte mich nach Paris schicken, CD wow empfahl CDs “für sie” (Leona Lewis, Rihanna, Lily Allen) und “für ihn” (Seal, The Clash, Jonas Brothers) und Apple schlug allen Ernstes vor, man solle seine[r/m] Liebsten doch einen iPod mit Gravur schenken — einfach mal so, Mitten im Jahr. Und dass man zum Valentinstag neue Unterwäsche verschenkt, weil die von Weihnachten schon drei Mal ausgezogen wurde, ist ja eh klar.

Für alle, denen der Valentinstag bzw. die kommerzielle Ausschlachtung desselben auch so richtig auf die Nerven geht, und vor allem für alle, die keinen Namen haben, den sie in einen iPod gravieren lassen könnten, hier der Song des Tages:

[Direktlink]

Sie hören Dirk Darmstaedter, den früheren Sänger der Jeremy Days, mit seinem Projekt Me And Cassity und seinem … Nicht-Hit “Number One Single” aus dem Jahr 2002.

Und nach dem Video wissen wir auch, woher Barack Obama das mit dem “Hope” hat …

Did you think you’d escaped from routine?

Von Lukas Heinser am Freitag, 13. Februar 2009 15:04
Kategorie: Rock'n'Roll High School, This Is My Hollywood

Man weiß nicht so richtig, was bei den Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences jetzt schon wieder kaputt ist: Erst nominieren sie statt der sonst üblichen fünf Songs nur drei in der Kategorie “Bester Titelsong”, dann übergehen sie bei den Nominierungen Bruce Springsteens “The Wrestler”, der nach seiner Golden-Globe-Auszeichnung eigentlich als Favorit galt, schicken dafür gleich zwei Songs aus “Slumdog Millionaire” ins Rennen und dann werden die Songs auch nicht mehr einzeln vorgetragen (was immerhin die mehrstündige Zeremonie auflockert), sondern jeder Titel sollte 65 Sekunden in einem Medley bekommen.

Kein Wunder, dass Peter Gabriel da keinen Bock drauf hatte, und seinen Auftritt (nicht aber die Teilnahme an der Oscar-Verleihung) abgesagt hat:

[Direktlink]

Klar, es ist eine längliche Filmpreisverleihung, aber die zusätzlichen sechs, sieben Minuten wären ja wohl gerade noch drin gewesen.

Gerade, wenn man bedenkt, dass man “Down To Earth” aus dem fantastischen Trickfilm “Wall-E” unbedingt in voller Länge hören sollte.

So wie hier:

[Direktlink]

Der letzte Strohhalm könnte blühen

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 11. Februar 2009 15:18
Kategorie: Digital Ist Besser, Living In A Magazine

Blühende Strohhalme (Symbolfoto: Lukas Heinser)

In der letzten tagesaktuellen Fernsehsendung, die ich mir noch ansehe, der “Daily Show”, war am Montag der Journalist Walter Isaacson zu Gast, um über die Zukunft des Journalismus zu sprechen:

Im Wesentlichen hat er dabei (das war ja der Aufhänger seines Auftritts) seine Titelstory aus dem aktuellen “Time”-Magazine paraphrasiert: Ein Journalismus, der sich nur auf Werbekunden verlasse, verliere erstens seine Bindung zum Rezipienten und könne zweitens in Krisenzeiten (so wie … jetzt) schnell ganz ohne Geld dastehen, so Isaacson.

Aber er hat ja schon eine Idee:

So I am hoping that this year will see the dawn of a bold, old idea that will provide yet another option that some news organizations might choose: getting paid by users for the services they provide and the journalism they produce.

Das klingt in Zeiten, in denen eine zunehmende Zahl von Zeitungen und Zeitschriften ihre Archive kostenlos ins Internet stellt und Google das Seine dazu beiträgt, zunächst einmal völlig anachronistisch.

Isaacson manövriert sich dann auch etwas in argumentativen Treibsand, wenn er angesichts einer blühenden Open-Source-Szene ausgerechnet Beispiele wie dieses anführt:

For example, when Bill Gates noticed in 1976 that hobbyists were freely sharing Altair BASIC, a code he and his colleagues had written, he sent an open letter to members of the Homebrew Computer Club telling them to stop. “One thing you do is prevent good software from being written,” he railed. “Who can afford to do professional work for nothing?”

Andererseits weiß auch ich – bei aller Sympathie für Open Source, Musik-Verschenken und ähnlichem -, dass wir alle irgendwie Geld verdienen müssen. Auch ich würde gerne irgendwann mal eine Familie ernähren können.

Und so kommt Isaacson zu einem Schluss, dem ich mir eigentlich nur anschließen kann:

We need something like digital coins or an E-ZPass digital wallet — a one-click system with a really simple interface that will permit impulse purchases of a newspaper, magazine, article, blog or video for a penny, nickel, dime or whatever the creator chooses to charge.

Isaacson denkt dabei an lächerlich erscheinende Preise (5 Cent pro Artikel, 10 Cent für eine Tagesausgabe, 2 Dollar für einen Monat), die sich aber sicher schnell ordentlich summieren würden.

iTunes und der Appstore fürs iPhone beweisen, dass Menschen durchaus bereit sind, Geld für Produkte zu zahlen — es muss nur ganz einfach funktionieren. Als Bezahlung für journalistische Arbeit (dann aber bitte gute!) wären sogenannte Micropayment-Systeme durchaus denkbar. Man müsste nur erstmal eines (er)finden, das einfach funktioniert und universell einsetzbar ist.

Die nächsten Schritte wären klar: Wenn jeder Geld zahlen und empfangen könnte, könnten Nachwuchsbands virtuelle Hüte auf ihrer MySpace-Seite aufstellen, wir könnten Bloggern ein paar Cent zustecken, wenn uns ihre Artikel gefallen haben, oder dem Fotografen unseres Desktop-Hintergrundbildes eine kleine finanzielle Aufmerksamkeit zukommen lassen.

Und wir könnten noch weiter gehen: Statt Rundfunkgebühren über eine kafkaeske Behörde einziehen zu lassen, könnten sich die öffentlich-rechtlichen Sender direkt entlohnen lassen. Niemand, den es nicht interessiert, müsste noch die vielzitierten Volksmusik-Sendungen subventionieren. Das Geld könnte direkt in die einzelnen Redaktionen fließen und mein Geld würde zu null Prozent in Eins-Live-Comedy gesteckt, aber an die Macher des “Zeitzeichens” gehen.

Die Zukunft hielt 12 Monate

Von Lukas Heinser am Dienstag, 10. Februar 2009 15:23
Kategorie: Digital Ist Besser

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: zoomer.de, das ambitionierte Zukunft-der-Nachrichten-Portal der Holtzbrinck-Gruppe, wird Ende des Monats eingestellt.

Gut: Die Bombe ging nicht hoch, sondern wirbelte allenfalls ein bisschen Staub auf. Aber so wird sie wenigstens in sechzig Jahren für Beschäftigung des Kampfmittelräumdienstes, mehrstündige Unterrichtsausfälle und große Artikel im Lokaljournalismus sorgen. Und das ist vermutlich mehr Positives, als sich über das eine Jahr zoomer.de selbst sagen ließe.

Ende Januar gab der Axel-Springer-Verlag bekannt, dass Zoomer-Chefredakteur Frank Syré, der sich immerhin die Mühe gemacht hatte, auch abwegigste Bildergalerien in Blog-Kommentaren zu rechtfertigen, am 1. März als stellvertretender Chefredakteur zu bild.de geht. Jetzt steht fest: einen Nachfolger wird er nicht brauchen.

zoomer.de ist grandios, aber weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit gescheitert. Selbst jene Blogs, die sich sonst an den kleinen und großen Fehlern deutscher Nachrichtenportale weiden, hatten schon kurz nach dem Start keine Lust mehr, und beim Erstellen unserer internen Wer-macht-noch-wie-lange-Liste (“‘Vanity Fair’: Ostern 2009″) haben wir die Seite schlicht vergessen.

In den letzten Monaten hatte man sich dort (soweit ich das bei meinen Besuchen einmal im Quartal beobachten konnte) mit zunehmender Verzweiflung um Aufmerksamkeit bemüht, indem man Radaubrüdern wie David Harnasch (“Die Achse des Guten”) oder MC Winkel (“Whudat”) eine Plattform bot oder den “Herausgeber” Ulrich Wickert über Sprache dozieren ließ.

Selbst die als “Provokation” apostrophierte Klickstrecke “Die schlimmsten Städte Deutschlands” schaffte es auf gerade 23 Kommentare und Null Blog-Verlinkungen. Nicht einmal die größten Lokalpatrioten wollten angesichts der grauenhaft recherchierten Schmähung Bochums (“ganze zwei Kinos”, “nachts ist nichts los”) auch nur einen Finger rühren. zoomer.de war zu dem Irren geworden, der in der Fußgängerzone vor sich hin brabbelt, aber von dem alle wissen, dass er harmlos ist.

Möglicherweise böte das erstaunlich schnelle Scheitern von zoomer.de die Gelegenheit, mal darüber nachzudenken, ob Mitmachportale wirklich die “Zukunft der Nachrichten” sind. Ich kann nur für mich sprechen, aber gerade in über-medialisierten Zeiten habe ich gerne die Schlagzeilen kurz und knackig beisammen und will nicht abstimmen müssen, was die Top-Story ist. Für Meinungen und Analysen gehe ich dann zu Leuten, deren Meinung mich interessiert und die ich ernst nehmen kann.

Zwei Männer, die reden

Von Lukas Heinser am Montag, 9. Februar 2009 19:16
Kategorie: Digital Ist Besser, Political Science

Zu meinen liebsten journalistischen Formen gehört das Gespräch, wie es beispielsweise von Roger Willemsen in “Willemsens Woche” geführt wurde, oder wie man es manchmal noch im talk radio hört.

Die interessantesten Gespräche der letzten Monate im deutschen Fernsehen wurden am offenen Lagerfeuer von “Ich bin ein Star, holt mich hier raus!” geführt. Sonst gibt es O-Töne, die knackig klingen sollen und deshalb völlig übersteuert sind (inhaltlich, nicht akustisch), lauwarme Beichtstunden bei Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner, sowie die Volkstheater-Aufführungen bei Maybrit Illner und Anne Will. Aber dafür gibt es ja jetzt das Internet.

Peter Müller, der Ministerpräsident des Saarlandes, über den ich außer seiner Parteizugehörigkeit (CDU) nun wirklich gar nichts wusste, war zu Gast in den Büros von spreeblick.com und Johnny Haeusler hat mit ihm … ja: gesprochen.

Es ist kein durchrecherchiertes, auf knallharten Journalismus getrimmtes Interview — was durchaus gut ist, denn es wäre albern anzunehmen, dass Politiker nicht auf knallharte Fragen vorbereitet wären. Stattdessen kommen Fragen, die für Polit-Kommunikatoren eher schwer vorhersehbar gewesen sein dürften, und auf die Müller deshalb auch sehr offen antwortet.

Es geht weniger um konkrete Sachlagen (dafür gibt es ja die Zwanzig-Sekunden-O-Töne in der “Tagesschau”), als vielmehr um ein größeres Ganzes. Ich hätte bei vielen Fragen gleich miterklärt, was social networks sind, aber Müller macht den Eindruck, als wisse er durchaus Bescheid, ohne gleich berufsjugendlich-ranschmeißerisch zu wirken. Er hält es für “völlig unmöglich”, technische Entwicklungen aufzuhalten, und spricht sich “im Zweifel für die Freiheit” aus. Müller erklärt, welche Bedeutung das “C” in “CDU” hat, und schafft es sogar, seinen (meiner Meinung nach unnötigen) Vorstoß, die deutsche Sprache im Grundgesetz zu verankern, schlüssig zu begründen.

Ich habe mir die Naivität bewahrt zu glauben, dass Politiker auch Menschen sind. Zyniker werden wieder losbrüllen, das sei alles Pose und Spreeblick habe sich vor den Wahlkampfkarren spannen lassen. Aber da ich auch glaube, dass die, die nichts zu sagen haben, immer am lautesten brüllen, empfiehlt es sich vielleicht einfach, mal einem leisen Gespräch mit einem Politiker aus der zweiten Reihe zuzuhören. Einem bodenständigen, sympathischen Mann, bei dem man nicht Angst haben muss, er werde als nächstes “Yes we can!” brüllen. Jemandem wie Peter Müller eben.

Peter Müller zu Gast bei Spreeblick

Listenpanik 01/09

Von Lukas Heinser am Montag, 9. Februar 2009 16:33
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Zu Beginn des neuen Jahres gibt es mal wieder ein paar Veränderungen an der Listenpanik: Ich habe mich von diesem doofen Top-Five-Denken verabschiedet.

Es gibt Monate, in denen könnte man acht Alben loben, und es gibt welche, da fallen einem eben nur drei ein. In der Vergangenheit standen öfter gerade noch okaye Alben in den Monatslisten, während gute Alben fehlten — dies wird fürderhin nicht mehr der Fall sein. Ich schreibe einfach alles auf, was mir gefallen hat, und versuche auch nicht mehr ganz so krampfhaft, eine Reihenfolge festzulegen.

Was bleibt: Die Listen sind streng subjektiv, erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und das beste Album des Jahres findet man sowieso immer erst viel später.

Alben
Bon Iver – Blood Bank
“For Emma, Forever Ago” habe ich erst spät entdeckt und nach wochenlangem Hören bin ich mir sicher, dass Platz 8 in den Jahrescharts viel zu weit hinten war. Es ist aber nicht nur Wiedergutmachung, diese EP jetzt an exponierter Stelle zu loben, denn die gerade mal vier Tracks haben es in sich. Der Titeltrack entstand gemeinsam mit den Album-Songs, aber “Woods” klingt beispielsweise völlig anders: Er besteht nur aus Justin Vernons Stimme, bzw. dem, was Autotune davon übrig gelassen hat. Trotzdem klingt es nicht grauenhaft, wie auf dem letzten Kanye-West-Album, sondern ungefähr so packend wie Imogen Heaps “Hide And Seek”. Mann kann’s nicht beschreiben, man sollte es hören!

Antony And The Johnsons – The Crying Light
“Kunden, die Bon Iver kauften, kauften auch … Antony And The Johnsons”. Ich hab lange überlegt, ob ich vorher eigentlich schon mal einen Song von Antony Hegarty und seiner Band gehört habe. Ja, sagt Wikipedia, in “V for Vendetta”. Ich kann mich nicht daran erinnern, verspreche aber, diese Bildungslücke zu schließen, denn “The Crying Light” ist ein großartiges Album: Kammerkonzertartige Instrumentierung (weswegen die Band auch unter “Chamber pop” einsortiert ist), überraschende Wechsel in Takt und Harmonie und über allem eine Stimme, die man nur mit dem Adjektiv “entrückt” beschreiben kann. Wenn die Engelchen backen und sich der Himmel am Horizont rosa verfärbt, hören sie vermutlich solche Musik.

Black Rust – Medicine & Metaphors
Ein Album, wie geschaffen für den Januar: Es passt zu grauen Nachmittagen ebenso wie zu Schneespaziergängen im Sonnenschein. Da ist ein Songtitel wie “New Year’s Day” nur noch das Tüpfelchen (vielleicht sogar das Herzchen) auf dem i. Was mir an dieser Akustikrock-Platte so gefällt, steht ausführlicher hier.

Songs
Lily Allen – The Fear
Spätestens seit ich sie vor zweieinhalb Jahren live gesehen habe, bin ich ein bisschen in Lily Allen verliebt. Ich bin also nicht sehr objektiv, was ihre Musik angeht. Aber “The Fear” ist auch mit etwas versuchtem Abstand ein toller Song: ausgewogen zwischen Melancholie (Akustikgitarren, der Text) und Partystimmung (die Beats, das Gezirpe) geht er sofort ins Ohr, ohne dabei zu cheesy zu sein. Und zu der Idee, nicht wieder mit Mark Ronson zusammenzuarbeiten (und damit so zu klingen wie all diese Sängerinnen, die nach ihr kamen), kann man ihr sowieso nur gratulieren.

Mando Diao – Dance With Somebody
Es ist natürlich reiner Zufall, dass ausgerechnet in dem Monat, in dem Franz Ferdinand am Umgang mit Synthesizern scheitern, ihre schwedischen Wiedergänger einen derart gelungenen Tanzbodenstampfer aus dem Ärmel schütteln. Ein paar Takte “Enola Gay”; ein Sound der klingt, als habe man die eigentliche Band gegen The Ark ausgetauscht, und ein Refrain, der so schlicht ist, dass man ihn nur lieben oder hassen kann.

Bruce Springsteen – The Wrestler
Das neue Album “Working On A Dream” will mich irgendwie nicht so recht packen, alles klingt so altbekannt. Aber dann kommt “The Wrestler”, der Golden-Globe-prämierte Bonustrack, der an “The River”, “Secret Garden” oder “Dead Man Walking” erinnert, und ich bin wieder hin und weg. Die ganze Schwere der Welt in einem Song und auf den Schultern eines Mannes, der das aushält.

Antony And The Johnsons – Her Eyes Are Underneath The Ground
“Mutti, wovon singt dieser Mann?” – “Dass er mit seiner Mutter in einem Garten eine Blume gestohlen hat.” – “Aha!” Fragen Sie mich nicht, aber dieses Lied ist verdammt groß.

The Fray – You Found Me
Eigentlich soll man sich ja nicht für seinen Geschmack entschuldigen, aber bei College Rock habe ich immer das Gefühl, es trotzdem tun zu müssen. Ich liebe das Debütalbum von The Fray (die Melancholie, die Texte, das Klavier!) und es ist mir egal, dass sie als “christliche Rockband” gelten. “You Found Me”, die Vorabsingle ihres zweiten, selbstbetitelten Albums, läuft angeblich bei Einslive rauf und runter (Lily Allen läuft sogar auf WDR 2), aber das macht nichts. Die erste große Pathos-Hymne des Jahres 2009 hat Aufmerksamkeit verdient.

Animal Collective – Brother Sport
“Merriweather Post Pavillon”, das neue Album von Animal Collective (von denen ich bisher nichts kannte), fällt bei mir in die Kategorie “Sicher nicht schlecht, aber ich wüsste nicht, wann ich mir sowas noch mal anhören sollte” — und befindet sich dort mit Radiohead und Portishead in bester Gesellschaft. “Brother Sport” unterscheidet sich in Sachen Unzugänglichkeit und Melodielosigkeit nicht groß vom Rest des Albums, hat aber dennoch irgendwas (sehr präzise, ich weiß), was mich zum Hinhören bringt. Das Repetitive nervt diesmal nicht, sondern entfaltet seine ganz eigene hypnotische Wirkung. Aus irgendwelchen Gründen erinnert mich das an den Tanz der Ewoks am Ende von “Return of the Jedi”, auch wenn ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, wieso.

[Listenpanik, die Serie]

Völlig glosgelöst

Von Lukas Heinser am Montag, 9. Februar 2009 13:21
Kategorie: Digital Ist Besser

taz.de hat sich mal wieder nicht zurückhalten können:

Rücktritt des Wirtschaftsministers: Der Glos im Hals

Bleibt zu hoffen, dass Normen Odenthal diese Woche keinen Dienst bei “Heute Nacht” schiebt …

Not looking for a new England

Von Lukas Heinser am Sonntag, 8. Februar 2009 18:45
Kategorie: My Culture

“Also, Shakespeare hatte auf alle Fälle ‘n paar krasse Probleme. Der war bestimmt schwul!”, diagnostizierte ein pickliger 16-Jähriger, der mit seiner ganzen Klasse zum Theaterbesuch genötigt worden war, beim Herausgehen. Was war geschehen?

Als Lehrer – gerade als einer, der sich für seine Schüler interessiert – ist es nicht die schlechteste Idee, mit ihnen eine Inszenierung von David Bösch zu besuchen. Der gerade 30-jährige Regisseur, dessen “Romeo und Julia” am Bochumer Schauspielhaus mir vor vier Jahren sehr gefallen hat, hat die Popkultur mit so großen Löffeln gefressen, dass auch die angestaubtesten Klassiker bei ihm zu einem bunten, lauten Reigen werden, der gerade die jüngeren Besucher anspricht.

Die allerdings werden bei seinem “Was Ihr wollt” auch nicht mehr so ganz mitgekommen sein, denn heutige Schüler erkennen weder ein Roy-Black-Medley noch die größten Hits des Jahres 1993, wenn sie ihnen vorgesungen werden. Für sie ist die Jugend ihrer älteren Geschwister (wenn überhaupt) ungefähr so weit weg wie Shakespeares Zeit selbst. Und somit stehen sie doch wieder weitgehend ungebrochen vor dem Werk des Schwans von Avon.

Und damit vor Viola und ihrem Zwillingsbruder Sebastian, die bei einem Schiffbruch getrennt werden. Viola wird in Illyrien angespült, wo der Herzog Orsino seit Jahren der Gräfin Olivia den Hof macht, die wiederum von ihrem Onkel Sir Toby mit dessen Saufkumpan Andrew verkuppelt werden soll und darüber hinaus von ihrem Haushofmeister Malvolio begehrt wird. Viola verkleidet sich mit Hilfe eines Narren als Mann und wird als Cesario Diener bei Orsino, woraufhin sich Olivia in Cesario (also Viola) verliebt.

Wenn man es so aufschreibt, klingt die Geschichte deutlich mehr nach einer Vorabendserie im deutschen Fernsehen als nach Shakespeare, und in der Tat wirkt es auf der Bühne des Essener Grillo-Theaters auch so. Es ist ein unübersichtliches Wirrwarr, bei dem die einzelnen Charaktere am allerwenigsten wissen, was um sie herum passiert. Ob sie deshalb gleich wie Sir Toby und Andrew, die direkt der White-Trash-Hölle eines Hooliganblocks zu entstammen scheinen, betrunken herumkaspern müssen, ist eine gute Frage. Aber Konflikte scheinen im modernen Theater eh daraus zu bestehen, dass Menschen auf einer riesigen Bühne aneinander vorbeirennen.

David Bösch hat viele Details in seine Inszenierung eingebaut. Manche wirken durchdacht, andere nur aufgepfropft. Warum zum Beispiel singt das Dienstmädchen Maria an einer zentralen Stelle ausgerechnet “New England” (in dem es ja eben nicht um eine gesellschaftliche Utopie wie Illyrien, sondern “just” um das Finden einer neuen Liebe geht)? Wirklich nur, weil Karsten Riedel, seit längerem Böschs treuer Musikant am Bühnenrand, so ein großer Billy-Bragg-Fan ist? Auch der Umstand, dass Nicola Mastroberardino als Sir Andrew eins zu eins aussieht wie Matt Dillon in Cameron Crowes Kultkomödie “Singles”, kann eine Bedeutung haben. Aber welche?

“Was Ihr wollt” wirkt wie eine lose Ansammlung von Zitaten, bei der sich der Regisseur nicht so recht entscheiden konnte, was er damit eigentlich bezwecken wollte. Malvolio (Roland Riebeling) ist die groteske Karikatur einer tragischen Figur, die irgendwann nur noch nervt. Inmitten dieser ganzen Überzeichnungen sticht ausgerechnet die Hauptfigur Viola mit einer Unauffälligkeit hervor, die man Sarah Viktoria Frick angesichts der Über-Performance ihrer Kollegen hoch anrechnen muss.

Und so schlingert die Inszenierung an der Zielgruppe vorbei. Dass die Schüler den Kuss zweier Männer mit lautem Ekel kommentieren, während kurz zuvor der Kuss zweier Frauen geräuschlos über die Bühne ging, sagt vielleicht etwas über die jugendlichen Zuschauer aus, aber nichts über das Stück. Aus dem Kreise der Schüler kam dann auch das Todesurteil, dem man sich freilich nicht vollumfänglich anschließen muss: “Ich find das nicht komisch, da guck ich mir lieber Mario Barth an!”

“Was Ihr wollt” im Schauspiel Essen
Nächste Termine: 13. Februar, 21. März, 4. April

Seite: << 1 2 3 4 >>