Haben Sie das auch in braun?

Von Lukas Heinser, 27. Februar 2009 16:30

Über den ganzen Obama-Wahn hätte ich fast vergessen, dass wir in diesem Blog ja noch eine ganz andere Liste am Laufen hatten: die der Nazi-Vergleiche.

Und weil in der Katholischen Kirche das Thema Holocaust grad so herzlich verhandelt wird, dass ein weiterer fauxpas in dieser Richtung kaum auffallen dürfte, hat sich der Augsburger Bischof Walter Mixa (den wir lustigerweise schon mal in dieser Rubrik begrüßen durften) halt ein bisschen aus dem Fenster gelehnt und gesagt, dass ja inzwischen wohl mehr Kinder abgetrieben worden als Juden vergast worden seien. (Natürlich hat er das hinterher ganz anders gemeint: Die „Nennung der unterschiedlichen Zahlen in verschiedenen Sachzusammenhängen“ sei „keine Relativierung des Holocausts“, wie ein Bistumssprecher erklärte.)

Ja, hui — und seit Erfindung des Rades dürfte die Zahl der Verkehrstoten weltweit auch bei über sechs Millionen liegen. Und?

Vielleicht schiebe ich mein Buchprojekt „Schlimmer als Hitlerkrebs“ erstmal auf die lange Bank und biete Rhetorikseminare für katholische Würdenträger an. Das scheint ein echter Wachstumsmarkt zu sein.

[Mit Dank an Felix D. für den Hinweis]

6 Kommentare

  1. The Mars Volta
    27. Februar 2009, 17:47

    Naja, es ist schon ein dümmlicher Vergleich, aber die Abtreibung ist ja für die katholische Kirche nach wie vor ein quasi Mord. Und das Beispiel mit dem Rad klappt nicht, weil Menschen in Unfällen mit den Autos sterben, im Gegensatz zum Holocaust, wo Menschen gezielt umgebracht wurden, und zu der Abtreibung, wo auch nicht „zufällig“ „gemordet“ wird.

  2. Der Postillon
    27. Februar 2009, 18:13

    @The Mars Volta: Dann nimm statt dem Rad Handfeuerwaffen. Bringt es etwas, folgendes zu sagen? Durch Handfeuerwaffen sind schon mehr ermordet worde als beim Holocaust. Mixas Vergleich ist schlicht Bullshit.

  3. Alex
    28. Februar 2009, 1:56

    @Postillion
    verwechsle nicht Werkzeug mit Absicht.

    Solange niemand wirklich eine Antwort auf die Frage hat, wann Leben eigentlich beginnt, muss man wohl damit leben, dass die katholische Kirche nicht mit der gesetzlichen Drei-Monats-Regel zurecht kommt.

    Der Haken ist unter anderem die Überlegung, wie nah wir alle, wie wir hier schreiben, an einer Nichtexistenz waren, weil wir eigentlich abgetrieben hätten werden sollen und dennoch heute leben.

    Aus seiner Sicht ist Mixas Vergleich also schon richtig, wenn man Leben nach seiner Definition nimmt.

    Er hat also in der Tat den Holocaust nicht relativiert sondern Abtreibung als Massenmord bezeichnet. Dass es gesetzlich unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist, muss es für ihn nicht akzeptabel machen. Und wenn man sich vorstellt, dass eine nicht vorgenommene Abtreibung heute ein Schulfreund, eine Ehefrau oder ein Kind im Kindergarten sein könnte, fragt man sich schon, ob das so richtig ist.

    Wie gesagt, solange man nicht philosophisch als eindeutige Wahrheit festlegen kann, wann ein Mensch lebt, muss man Mixas Ansicht akzeptieren, wenn auch nicht teilen.

    Wann ist ein Leben lebenswürdig?

    Ach ja, Lukas, vielleicht sollest Du mal ausgiebig mit einem katholischen Priester oder vielleicht direkt mit dem Vatikan sprechen. Theologie ist deswegen ein Studienfach, weil es ähnlich schwierig ist wie die anderen Geisteswissenschaften. Gerade, wenn es um die katholische Kirche geht, zeichnen sich Deine Kommentare durch umfassende Unkenntnis aus, und das sag ich, der ich eigentlich nur katholisch bin, also keine weitere spezielle Bildung habe.
    In dem Zusammenhang würde mich interessieren, ab wann ein Fötus bei Dir ein menschenwertes Leben ist? Gehst Du da mit der gesetzlichen Linie? Ist ein Mensch erst ein Mensch mit der Geburt? Ist er es mit der ersten Zellteilung? Und ab wann ist ein Bauch einer Frau nicht mehr ihr Eigentum sondern der Besitz eines Kindes?

    Ach ja, Glückwunsch zur Nennung in der TVSpielfilm. Wobei die Beschreibung auf jeden Fall präziser war als Dein Posting heute. Nur wäre ich mit der Beschreibung nie hier Leser geworden.

    Gruß

    ALex

  4. Lukas
    28. Februar 2009, 13:35

    @Alex: Vielleicht ist dieser Beitrag nicht der ideale Einstiegstext für das Blog, weil es sich auch nur um das x-te Beispiel von gedankenlosen Holocaust-Verweisen handelt.

    Wenn Du hier schon länger mitlesen würdest, wüsstest Du, dass ich nichts gegen die Katholische Kirche an sich habe (ich bin als Kind einer „Mischehe“ selbst zur Hälfte katholisch aufgewachsen) und schon gar nichts gegen Glauben an sich. Ich bin allerdings der Meinung, dass man nicht studiert haben muss, um zu glauben oder Aussagen von Bischöfen unmöglich zu finden.

    Es erzürnt mich eben hochgradig, wenn alte Männer versuchen, junge Frauen (möglicherweise gläubigen junge Frauen), die sich die Entscheidung für eine Abtreibung sicher nicht leicht gemacht haben werden, in die Ecke von Mörderinnen zu stellen. Ich hoffe, dass ich nie persönlich über eine Abtreibung entscheiden muss, aber ich habe den allerhöchsten Respekt vor Frauen/Paaren, die sich in dieser Frage für den einen oder anderen Weg entscheiden. Ich bin also durchaus pro choice und habe erhebliche Schwierigkeiten, allgemeingültig dahingesprochene Wertungen von außerhalb zu akzeptieren.

  5. -ela
    28. Februar 2009, 14:50

    @Alex: Besitz ist die tatsächliche Herrschaft einer Person über eine Sache. Neben dem Herrschaftsverhältnis über die Sache bedingt der Begriff auch Besitzwillen.

    Also ist der Bauch einer Frau auch dann nie im Besitz des Ungeborenen, wenn Du es als Person siehst.

    Mal abgesehen davon, dass ich gern ein anderes Beispiel hätte, wo der Körper eines Menschen oder Teile davon der Besitz eines anderen sind und Du das moralisch in Ordnung fändest.

    Schwierig, gell? Es gibt halt Dinge, die sind immer falsch.

    Holocaust-Vergleiche gehören da übrigens auch dazu.

    Übrigens: Von einem Verein, der aus Kostengründen (zynisches Lachen einsetzen) einen Kindergarten nach dem anderen dichtmacht, finde ich die ständigen Anfeindungen Menschen gegenüber, die sich gegen Kinder entscheiden, mehr als grenzwertig. (Sorry für OT)

  6. finzent
    28. Februar 2009, 15:43

    @alex:
    „Wie gesagt, solange man nicht philosophisch als eindeutige Wahrheit festlegen kann, wann ein Mensch lebt, muss man Mixas Ansicht akzeptieren, wenn auch nicht teilen.“

    1. Was heisst „akzeptieren aber nicht teilen“? Wenn akzeptieren nur so viel heisst wie ’nicht daran hindern‘, dann ist es banal. Wenn es soviel heisst wie ‚als legitime, diskussionswürdige Meinungsäußerung betrachten‘, dann ist es eine etwas unfaire Anforderung, da Dogmatiker wie Mixa dasselbe mit Pro-Choice-Meinungen auch nicht tun (was man daran sieht, dass sie Vertreter solcher Meinungen als Massenmörder hinstellen).

    Und all das zieht noch nicht in Betracht, dass, selbst wenn man Mixas Haltung zur Abtreibung im Grunde ‚akzeptiert‘, Holocaustvergleiche so ziemlich immer (und sicherlich in dieser Form) billig, substanzlos und dumm sind.