Oslog (5)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 23. Februar 2009 14:28

Ich bin wieder zuhause. Gestern hatte unsere kleine deutsche Reisegruppe noch einen schönen Spaziergang am Osloer Hafen entlang und hoch zum Königsschloss unternommen (Fotos folgen vielleicht), dann ging es mit dem Flieger zurück in heimische Gefilde, die uns besonders herzlich, also in Form von Nieselregen und betrunkenen Kindern, begrüßten.

Oslo bei Nacht

Die Reisetasche ist ausgepackt, auf meinem Schreibtisch stapeln sich die neuen CDs, aber als erstes ist es an der Zeit, die Bands vom Samstagabend noch zu würdigen:

Simon Says No (Foto: Lukas Heinser)

Simon Says No
Nach all den vertrackten, verspielten, sonstwo beeinflussten Bands tat es gut, endlich mal wieder eine zu hören, die einfach nur gerade nach vorne rockten: Simon Says No erinnerten an die frühen Radiohead, die frühen R.E.M., Dinosaur Jr. und Editors. Leider hielt sich meine Begeisterung nicht sehr lange, denn ungefähr nach drei Songs wurde das Ganze ein bisschen spannungsarm. Ob die Leute, die den Club im Dutzend verließen, ähnlich dachten oder nur dringend zu einem anderen Konzert wollten, weiß ich leider nicht.

Fennesz/Food

Fennesz/Food
Der österreichische Saxophonist Christian Fennesz spielte gemeinsam mit dem norwegischen Duo Food, das aus einem Schlagzeuger und einem DJ besteht. (Nachtrag: Wer da gespielt hat, steht hier.) Und sie spielten eine halbe Stunde ohne Unterbrechung eine einzige lange Improvisation, die nur noch wenig mit Pop zu tun hatte, dafür viel mit Jazz und Düsternis. Das klang schon mal nach David-Lynch-Filmen und nach schweren Migräne-Attacken, war aber durchaus sehenswert. Zum Schluss steigerte sich die Musik wie erwartet in ein unglaubliches Lärmgewitter, aber das war nach den überwiegend sehr zugänglichen Sachen auch mal toll.

The Whitest Boy Alive

The Whitest Boy Alive
Ich hatte ja schon mal erwähnt, dass Erlend Øye Maskottchen und Star des by:Larm in Personalunion war, nun durfte er auch mit seiner Band Headliner sein. Dance Music in Bandbesetzung und über Tausend Norweger tanzten undw wippten und riefen am Schluss auf Deutsch “Kalte Füße!” (aber das ist eine lange Geschichte). Øyes Sonderrolle wurde dadurch deutlich, dass die Band nicht nur sieben Minuten überzog, sondern auch einfach noch eine Zugabe spielte. Aber das ging völlig in Ordnung.

Lindstrøm
Ich habe immer so meine Schwierigkeiten, wenn es um Live-Auftritte von Elektrokünstlern geht. Es ist halt nicht soooo spannend, einem Mann zuzusehen, der hinter einem Mischpult und einem MacBook steht. Die Musik war dafür durchaus schön und an der Grenze zwischen tanzbar und chillig. (Referenzgrößen hier: die erste Röyksopp, die letzte Underworld.)

WhoMadeWho

WhoMadeWho
Der Abschluss und angeblich der Headliner des Festivals: drei Dänen, die eine Sorte von Musik machten, die mir nach ungefähr vier Takten gehörig auf die Ketten ging. Wenn man’s mag, war’s bestimmt toll, aber für mich war das MGMT und Klaxons in nervig.

Fazit
Rund 20 Acts in drei Tagen, da kann man schnell den Überblick verlieren. Was ist hängengeblieben? Auf alle Fälle die beiden Mädels von First Aid Kit. Die beeindruckendste Liveshow war wohl die von I Was A Teenage Satan Worshipper, die gleichzeitig den tollsten Bandnamen hatten. Annie war auch toll und von Pony The Pirate werden wir sicher auch noch was hören.

Es folgt noch mindestens ein Eintrag zur Konferenz und dem ganzen Drumherum, aber ich kann schon einmal zusammenfassen, dass der Ausflug zum by:Larm eine feine Sache war und ich jede Menge gute neue Musik gehört habe.

Was es mit dem Oslo-Trip auf sich hatte, steht hier.

14 Kommentare

  1. Anna
    23. Februar 2009, 22:07

    Kann man sich die Geschichte zu “Kalte Füße!” trotzdem erfragen?

  2. Hirngabel
    24. Februar 2009, 11:17

    Wollte mich auch dem Wunsch nach der “Kalte Füße!”-Geschichte anschließen.

    Und außerdem wollte ich, angesichts der geringen Rückmeldungsquote, noch ein kurzes Dankeschön für die vielen interessanten Musiktipps hinterlassen. Äh, Danke.

  3. Lukas
    24. Februar 2009, 11:45

    Okay, weil Ihr es seid: Erlend Øye fragte während der Zugabe seinen Bassisten Marcin Öz, wie es ihm in Oslo gefallen habe, und der antwortete: “I liked it, but I got cold feet.” Und da die Band bis auf ihn selbst nur aus Deutschen besteht, fragte Øye dann noch, was “cold feet” auf Deutsch heiße — “kalte Füße” eben. Aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen rief Øye dann noch einmal “kalte Füße”, woraufhin das Publikum anfing, im Takt (und Norweger sind nicht nur hübscher als Deutsche, sie können auch besser Takt halten) “kalte Füße” brüllte. Es war … bemerkenswert.

    @Hirngabel: Bitte, bitte. Freut mich, wenigstens ein bisschen Rückmeldung zu kriegen. Wir hatten unterwegs schon festgestellt, dass Musikthemen und Web 2.0 in Deutschland irgendwie nicht so richtig zusammengehen, und uns gefragt, woran das wohl liegt.

  4. Anna
    24. Februar 2009, 13:54

    Wow, vielleicht hättest du einfach noch ein bisschen länger Norwegens Luft atmen müssen, um auch so spontan Zugang zu dieser merkwürdig tollen Interaktion zu finden. Norwegen als Luftkurort zur Verbesserung des Rythmusgefühls, zur allgemeinen Verschönerung und besseren Kommunikation.

    Von mir auch ein Danke. Mich hat jetzt zwar keine der Bands derbe geflasht (wie Jan Delay einmal so herrlich sagte), aber wäre ja möglich gewesen. Na, bei allen habe ich auch nicht reingehört.

  5. Lukas
    24. Februar 2009, 14:07

    @Anna: Ich habe Rhythmusgefühl!!!!1 ;-)

    (Vielleicht sollte ich einfach fordern, alle Kinder mit fünf Jahren hinter ein Schlagzeug zu setzen, dann klappt das auch mit der Koordination.)

  6. Hirngabel
    24. Februar 2009, 15:58

    Nuja, Musikthemen sind halt nun gerade nicht die kontroversesten Themen, sondern Diskussionen darüber erschöpfen sich ja meist in “Sehr schön, Danke für den Tipp” oder “Urghs, nicht mein Fall”. Dementsprechend ist da natürlich was blogtechnische Auswertung angeht nicht soo viel zu erwarten.

    Ich vermute mal, dass Du zumindest in Sachen Linkklicks bei Deinen Statistiken eine bedeutend regere Aktivität festgestellt haben dürftest, als bei den Kommentaren in den jeweiligen Blogposts.

    Ansonsten bin ich hier dankbar für jede Musikempfehlung von Dir, da die fast immer mindestens “hörbar” sind.

    Achja, keine Ahnung, ob Du davon schon gehört hast, aber unter Umständen könnten “Dear Reader” was für Dich sein: http://www.myspace.com/dearreadermusic

  7. Anna
    24. Februar 2009, 16:57

    Das Kurortgefasel war auch eher eine allgemeine Beschreibung des möglicherweise positiven Einflusses von Norwegen auf alle … nicht speziell auf dich. Sonst hätte ich ja auch impliziert, dass du Verschönerung nötig hast, was ich niemals irgendwem vorwerfen würde!

    (Und Schlagzeug soll ja auch das strukturelle Denken fördern, wenn ich das mal so nennen kann … hust, ich habe dafür aber wohl zu spät damit angefangen, es hat sich nämlich ganz und gar nicht auf meine traurigen Mathenoten ausgewirkt. Aber ich habe das Gefühl, ich bin allgemein weniger verwirrt. Ist ja auch was.)

  8. Lukas
    24. Februar 2009, 17:07

    @Hirngabel: Aber warum gibt es dann seit über zehn Jahren diese ganzen florierenden Musikforen im Web (und die Musik-Newsgroups noch länger)? Oder sind einfach alle Musik-Diskutanten im Web 1.0 unterwegs? (Wo die meisten auch ruhig bleiben könnten.)

    @Anna: Schlagzeug und strukturelles Denken schließen sich bei mir nahezu aus.

  9. Hirngabel
    24. Februar 2009, 17:21

    Rein ins Blaue vermutet, würde ich tippen, dass es damit zusammenhängen könnte, dass die Musikforen, speziell die zu bestimmten Bands/Musikstilen von der Zusammenstellung der Besucher homogener sind, als es beispielsweise bei Blogs wie diesem der Fall ist.
    Ist eine Leserschaft homogener, wird es automatisch aktiver dadurch, dass man sich gegenseitig bestätigt und vielleicht mehr noch über “Randaspekte” der jeweiligen Künstler austauscht.

    Aber das ist jetzt mal so völlig ohne fundiertes Wissen bzw. ohne fundierte Kenntnis der “Forenszene” vermutet.

  10. Anna
    24. Februar 2009, 21:08

    Öh, wieso? Findest du, das schließt sich generell aus oder nur in deinem Fall?

  11. Petra
    25. Februar 2009, 20:17

    Das ist ein längst überfälliger Kommentar von mir, den ich immer wieder vergessen habe hier zu hinterlassen: Sehr schöne (Konzert-)Berichte mit detaillierten Musikbeschreibungen und als großer Skandinavien-Anhänger bin ich ohnehin immer auf der Suche nach nordischen Neuentdeckungen, also danke für die Musiktipps. Choir Of Young Believers und First Aid Kit erwärmen im Moment mein Indiepopherz…

  12. thorsten krämer
    25. Februar 2009, 22:02

    Das norwegisch-englische Duo „Food“ pflegt die Kunst der freien Improvisation. Thomas Strønen, einer der originellsten Schlagzeuger der norwegischen Jazzszene, und der Saxofonist Ian Ballamy, ohne Zweifel einer der besten Britischen Saxofonisten seiner Generation, haben sich zu diesem abenteuerlustigen Projekt zusammen gefunden, das die Freude am Experimentieren mit einer sehr sinnlichen Note verbindet.

    In dem Österreichischen Gitarristen und Laptop Artist Christian Fennesz hat Food einen musikalischen Wunschpartner an der Seite, der seit Jahren einer der interessantesten Künstler an der Schnittstelle von Improvisation und Electronica ist. Der Sound Tüftler prägte einen eigenen Stil zwischen Elektronica, Minimal Techno und Dark Ambient und arbeitete mit Größen wie Ryuichi Sakamoto, David Sylvian und Mike Patton zusammen.

  13. thorsten krämer
    25. Februar 2009, 22:03

    oh, da wurden meine besserwisser-mode-tags doch glatt für bare münze genommen und nicht als text ausgegeben ;-)

  14. Lukas
    25. Februar 2009, 22:30

    @thorsten krämer: Großer Gott, das ist ja peinlich. Entweder bin ich zu doof zum Lesen, oder im Programmheft stand völliger Blödsinn.

    Vielen Dank!

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