Der letzte Strohhalm könnte blühen

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 11. Februar 2009 15:18
Kategorie: Digital Ist Besser, Living In A Magazine

Blühende Strohhalme (Symbolfoto: Lukas Heinser)

In der letzten tagesaktuellen Fernsehsendung, die ich mir noch ansehe, der “Daily Show”, war am Montag der Journalist Walter Isaacson zu Gast, um über die Zukunft des Journalismus zu sprechen:

Im Wesentlichen hat er dabei (das war ja der Aufhänger seines Auftritts) seine Titelstory aus dem aktuellen “Time”-Magazine paraphrasiert: Ein Journalismus, der sich nur auf Werbekunden verlasse, verliere erstens seine Bindung zum Rezipienten und könne zweitens in Krisenzeiten (so wie … jetzt) schnell ganz ohne Geld dastehen, so Isaacson.

Aber er hat ja schon eine Idee:

So I am hoping that this year will see the dawn of a bold, old idea that will provide yet another option that some news organizations might choose: getting paid by users for the services they provide and the journalism they produce.

Das klingt in Zeiten, in denen eine zunehmende Zahl von Zeitungen und Zeitschriften ihre Archive kostenlos ins Internet stellt und Google das Seine dazu beiträgt, zunächst einmal völlig anachronistisch.

Isaacson manövriert sich dann auch etwas in argumentativen Treibsand, wenn er angesichts einer blühenden Open-Source-Szene ausgerechnet Beispiele wie dieses anführt:

For example, when Bill Gates noticed in 1976 that hobbyists were freely sharing Altair BASIC, a code he and his colleagues had written, he sent an open letter to members of the Homebrew Computer Club telling them to stop. “One thing you do is prevent good software from being written,” he railed. “Who can afford to do professional work for nothing?”

Andererseits weiß auch ich – bei aller Sympathie für Open Source, Musik-Verschenken und ähnlichem -, dass wir alle irgendwie Geld verdienen müssen. Auch ich würde gerne irgendwann mal eine Familie ernähren können.

Und so kommt Isaacson zu einem Schluss, dem ich mir eigentlich nur anschließen kann:

We need something like digital coins or an E-ZPass digital wallet — a one-click system with a really simple interface that will permit impulse purchases of a newspaper, magazine, article, blog or video for a penny, nickel, dime or whatever the creator chooses to charge.

Isaacson denkt dabei an lächerlich erscheinende Preise (5 Cent pro Artikel, 10 Cent für eine Tagesausgabe, 2 Dollar für einen Monat), die sich aber sicher schnell ordentlich summieren würden.

iTunes und der Appstore fürs iPhone beweisen, dass Menschen durchaus bereit sind, Geld für Produkte zu zahlen — es muss nur ganz einfach funktionieren. Als Bezahlung für journalistische Arbeit (dann aber bitte gute!) wären sogenannte Micropayment-Systeme durchaus denkbar. Man müsste nur erstmal eines (er)finden, das einfach funktioniert und universell einsetzbar ist.

Die nächsten Schritte wären klar: Wenn jeder Geld zahlen und empfangen könnte, könnten Nachwuchsbands virtuelle Hüte auf ihrer MySpace-Seite aufstellen, wir könnten Bloggern ein paar Cent zustecken, wenn uns ihre Artikel gefallen haben, oder dem Fotografen unseres Desktop-Hintergrundbildes eine kleine finanzielle Aufmerksamkeit zukommen lassen.

Und wir könnten noch weiter gehen: Statt Rundfunkgebühren über eine kafkaeske Behörde einziehen zu lassen, könnten sich die öffentlich-rechtlichen Sender direkt entlohnen lassen. Niemand, den es nicht interessiert, müsste noch die vielzitierten Volksmusik-Sendungen subventionieren. Das Geld könnte direkt in die einzelnen Redaktionen fließen und mein Geld würde zu null Prozent in Eins-Live-Comedy gesteckt, aber an die Macher des “Zeitzeichens” gehen.

14 Kommentare

  1. 1

    Willkommen zurück in den frühen 90ern. Da wurde auch schon von solchen Mikrobezahlsystemen schwadroniert, übrigens für die gleichen Anwendungsszenarien. Und wir sind keinen Schritt weiter.

  2. 2

    Ganz interessante Idee.
    PS. Danke für den Hinweis auf das “Zeitzeichen”

  3. 3

    Der letzte Absatz widerspricht aber nun mal deutlich den Gedanken des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Weil letzlich der Löwenanteil z.B. in die Sportschau geht und die kleinen Nischensendungen kaum etwas abbekommen. Optimierung im Sinne von Zuschauergenerierung wäre die Folge und damit genau das Gegenteil von dem, was du möchtest.

  4. 4

    Der letzte Absatz widerspricht aber nun mal deutlich den Gedanken des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

    Wäre es denn so schlimm, sich von einem über fünfzig Jahre alten (und damit vor mehreren Medienzeitaltern entstandenen) System zu verabschieden?

  5. 5

    Ja, interessant schon. Aber wirklich nicht neu. Und es gilt immer noch: Gratis ist ein Markt, günstig ist ein vollkommen anderer – oder gar keiner. Wenn es funktionieren würde, warum macht es dann noch keiner in großem Stil?

    Clay Shirky, eine Art Experte auf dem Gebiet, merkt dazu übertrieben pessimistisch an: “MicroPay talk appears whenever a biz is dying.”

    Etwas tiefergehende Ausführungen Shirkys zum Thema finden sich hier: http://www.shirky.com/writings.....rtune.html

  6. 6

    Ich finde den Ansatz über die VG Wort ganz attraktiv – und sehe schon längst nicht ein alles bei den ÖR zu zahlen – für Phoenix indes würde ich gerne löhnen.

  7. 7

    Wenn es funktioniert, ist ein öffentlich-rechtliches Mediensystem durchaus sinnvoll. Wie es zur Zeit umgesetzt wird von ARDZDF, darüber läßt sich ja streiten. Aber eine unabhängige Finanzierung von der Werbewirtschaft bzw. von der Belohnung der Nutzer, das hat was.

  8. 8

    Ich warte seit Jahren auf die gottverdammten Micropayments. Warum zur Hölle geht das Thema keiner an? Damit ließe sich doch locker ein Startup von der Macht eines Paypal aufbauen! Was ist das Hindernis? Unüberwindbare gesetzliche Probleme? Es würde so viele Probleme lösen! Endlich könnte man genau die 10 Cent bezahlen, die ein Song wert ist, und müsste nicht mehr so lange abwägen, welchem Open Source Projekt man nun 10 € zusteckt, und welchem nicht.

  9. 9

    micropayment wäre sicherlich ein grosser schritt nach vorne, nur stellt sich die fragen warum das noch niemand geschafft hat?

    immerhin verdienen banken mit transaktionen ja gutes geld.

  10. 10

    @Hanno
    das stimmt. hier versucht man einen alten hut als neues teil zu verkaufen. aber vieleicht ist die zeit nun reif? wer weis :)

  11. 11

    vielleicht natürlich mit doppel l, peinlich…

  12. 12

    Theoretisch haben wir sowas mit PayPal, moneybookers und Konsorten doch schon längst. Damit kann man durchaus auch mal 10ct spenden, auch wenn davon nur wenig ankommen würde…
    Mitunter funktioniert es sogar schon in der Praxis, ich kenne jedenfalls etliche Share- und Freeware-Anbieter mit PayPal-Button, und auch so manche Hobby-Band mit kostenlosen Werbe-MP3s probiert es mit PayPal-Spenden. Aus eigener Erfahrung kann ich auch sagen: Es wird sogar wirklich was gespendet, auch wenn es zumindest bei mir eher ein Taschengeld ist…

    Die Probleme liegen also weniger im “unmöglich sein”. Es sind eher folgende:
    - Die Dienste sind relativ teuer (v.a. für kommerzielle Anbieter)
    - Im Gegensatz zu z.B. Giro-Überweisungen gibt es keine Schnittstellen, man muss also ein Konto beim entsprechenden Anbieter haben und vom Girokonto (oder von anderen Leuten) füllen (lassen).
    - Ständig für Micropayments anmelden nervt, ist aus Sicherheitsgründen aber schwer vermeidbar
    - Warum soll man die Katze im Sack kaufen, wenn man bei der Konkurrenz schöne Tiere geschenkt bekommt?
    - Für freiwillige Spenden sind die meisten Leute zu geizig, faul, wasauchimmer. Zumal “Spende” gerade hierzulande eher als “Unterstützung für Notleidende” gesehen wird als als “freiwillige Bezahlung für eine Dienstleistung”.
    - Bei zu viel Mircopayment-Angeboten hat man als User zu schnell das Gefühl, dass das Geld unkontrolliert aus den Fingern rieselt, auch wenn es immer nur Cent-Beträge sind.

  13. 13

    Meiner Meinung bräuchte es eine offizielle Schnittstelle (so wie bei eben bei iTunes und dem App-Store, wobei die noch mal ein Sonderfall sind), der man dann Zugriff auf Kreditkarte, Girokonto, etc. erlauben kann.

    Und für das Wort “Spende” wird sich sicher noch ein catchy Anglizismus finden. ;-)

  14. 14

    Aus dem Interview nehme ich vor allem mit, dass “Time” inzwischen offenbar auch nur noch einen Umfang von etwa 20 Seiten hat. Besser kann man die Anzeigen/Medienkrise nicht visualisieren.

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