Der Buddenbrook-Komplex
Von Lukas Heinser am Donnerstag, 8. Januar 2009 16:07
Kategorie: Mr. Writer, This Is My Hollywood
Familiensagen haben in Deutschland eine lange Tradition: von den Nibelungen bis zu den Beimers führt ein direkter Weg (wenn auch ein verschlungener) von Geschichten, die den Menschen das Gefühl geben sollen, ihre eigene Familie sei dann vielleicht doch gar nicht so kaputt. Den unbestrittenen Höhepunkt bilden wohl die “Buddenbrooks”, jener “Jahrhundertroman”, den Thomas Mann mit 25 Jahren veröffentlichte und der ihm Weltruhm und Literaturnobelpreis sicherte.
Heinrich Breloer, der 2001 mit “Die Manns – Ein Jahrhundertroman” die nicht minder spannende Familiengeschichte der Manns selbst dokumentiert hatte, hat sich in seinem Spielfilmdebüt nun den 750-Seiten-Klassiker vorgenommen und auf kurzweilige zweieinhalb Stunden heruntergebrochen. Der Einfachheit halber lässt Breloer mindestens eine Generation (die von Johann Buddenbrook dem Älteren) und zwei Kinder (Clara Buddenbrook und Erika Grünlich) außen vor und konzentriert sich direkt auf Jean und Bethsy Buddenbrook und ihre (jetzt nur noch drei) Kinder. Das reduziert das unübersichtliche Charakterensemble auf eine beinahe nachvollziehbare Größe, führt aber auch dazu, dass Familientradition und -ehre nicht mehr direkt erzählt, sondern maximal berichtet werden.
Der “Verfall einer Familie”, so der Untertitel des Romans, wird in dieser vierten Verfilmung teils pointiert, teils hektisch abgehandelt. So ziemlich alles, was in Manns Roman über die Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook spannend und außergewöhnlich ist, ist bei Breloer banal geraten. Das liegt möglicherweise daran, dass der Regisseur ein erklärter Fan des Romans und seines Autors ist — sowas geht selten gut und es funktioniert auch hier nur bedingt. Wenn man die inneren Kämpfe, die der Drehbuchautor und Regisseur zwischen Werktreue und behutsamer Neuinterpretation ausgestanden hat, hinterher auf der Leinwand sehen kann, ist etwas gewaltig schief gelaufen.
Den Schauspielern kann man das nicht wirklich anlasten: Armin Mueller-Stahl könnte man als Konsul Jean Buddenbrook leicht mit seinem Thomas Mann in “Die Manns” verwechseln, aber Iris Berben überrascht als seine Gattin Bethsy dadurch, dass sie auch mal mehr sein kann als immer nur Iris Berben. Mark Waschke hat etwas damit zu kämpfen, dass seine Rolle des Firmenerben Thomas Buddenbrook nur in wenigen Momenten zum Sympathieträger taugt, aber die Bürde der familiären Pflicht und die zunehmenden Anstrengungen, die Fassade aufrecht zu erhalten, sind bei ihm stets glaubwürdig. Auch Jessica Schwarz, deren Tony Buddenbrook als einzige Person im Film überhaupt nicht zu altern scheint, steht die Zerrissenheit ins Gesicht geschrieben — zumindest solange, bis sich die Todesfälle in einem derart albernen Rhythmus häufen, dass man dieses Gesicht hinter dem schwarzen Schleier sowieso kaum noch zu sehen bekommt. Und August Diehl spielt den zunehmend wahnsinnigeren Christian Buddenbrook mit so viel Verve, dass man am Ende leider von Beiden genervt ist.
Die Ausstattung ist durchaus gelungen, mit großem Aufwand wurden Lübeck und Amsterdam des 19. Jahrhundert auf die Leinwand gezaubert. Dafür ist die Kameraarbeit von Gernot Roll, der bereits die TV-Version von 1979 fotografiert hatte, bis auf wenige Ausnahmen langweilig oder gar schlecht. Für die Weichzeichner beim großen Ball zu Beginn des Films gehören Kameramann und Regisseur gleichermaßen gescholten und mitunter wird allzu deutlich, dass ein bestimmter Blickwinkel nur gewählt wurde, weil sonst irgendetwas anachronistisches zu sehen gewesen wäre. Über die Musik wollen wir an dieser Stelle den Mantel des Schweigens breiten, der auch dem Komponisten Hans Peter Ströer gut zu Gesicht gestanden hätte.
Im Großen und Ganzen haben Breloers “Buddenbrooks” viel mit Uli Edels “Baader Meinhof Komplex” gemein, dem anderen großen deutschen Film von 2008: mit beachtlichem Aufwand, aber ohne eigene Haltung, werden die wichtigsten Stationen einer altbekannten Vorlage abgehechelt. Beide Male ist dabei solides Popcornkino entstanden, das sich als Einstieg in die jeweilige Materie eignet.
Dass ein Film dem Roman gerecht werden könnte, hat hoffentlich sowieso nie jemand geglaubt.
Donnerstag, 8. Januar 2009 17:51
Wenn doch nur Isabel Kreitz Erlaubnis und Verlag für ihre Comic-Umsetzung finden würde… Die wäre dann wohl mit einiger Sicherheit deutlich besser. Wobei ich persönlich mit der Materie gar nichts anfangen kann. (Was sich mit einem Comic aber ändern könnte.)
Donnerstag, 8. Januar 2009 21:51
Ich stimme dir da in vielen Punkten zu. Buddenbrooks fand ich ansehbar, muss ihn aber nicht nochmal schauen. Natürlich kommt der Film nicht an das Buch ran, diesem Epos kann man nicht in 2,5 Stunden gerecht werden. Aber ohne diesen Anspruch zu haben, kann man sich tolle Bilder von Lübeck und ein super schönes (und riesiges) Haus ansehen.
Jessica Schwarz als Tony finde ich dann doch seehr gewöhnungsbedürftig. Die Dialoge sind etwas arg kurz und dadurch oberflächlich und oftmals wurde recht hart geschnitten, das fiel mir auch auf.
Lustig fand ich vorher die Vorschau auf “Effi Briest” und “Der Vorleser”. Wird jetzt peu à peu mein kompletter Deutsch LK-Inhalt verfilmt oder wie?
Freitag, 9. Januar 2009 11:39
Hm. Reingehen oder nicht reingehen ist jetzt die Frage? Ich bin nach deiner Rezension unentschlossen. Meine Freundin möchte gern heute abend. Was meint ihr?
Samstag, 10. Januar 2009 4:44
Schöne Kritik, spiegelt im Großen und Ganzen mein Empfinden gegenüber der Verfilmung wieder. Abgesehen davon, dass ich August Diehl nicht unerträglich fand und es wirklich schade finde, wie sehr Bethsy in der Verfilmung zu kurz kommt. Iris Berben spielt die Konsulin wirklich toll. Ich hätte sehr gerne noch die Jerusalemsabende gesehen, aber dadurch, dass Clara und ihr Pastor gestrichen wurden, hätten diese in der Verfilmung keinen Grund mehr gehabt. Leider hat Bethsy dadurch im Film aber sehr wenig zu tun, abgesehen davon, dass sie nach Jeans Tod noch ein wenig die Familie zusammenhält, bis sie dann am Ende auch draufgeht (auch hier, schade, ich hätte gern einen ekligen Todeskampf gesehen, selbst der wurde der Berben größtenteils verwehrt).
Bei der Kameraführung muss ich dir Recht geben. Ich finde die Bilder zwar schön, aber langweilig und diese ewigen hoch-runter Schwenks mit der Kamera gingen mir mit der Zeit auf den Keks. Da ist man von Roll eigentlich Besseres gewohnt.
Du hast die sich lächerlich häufenden Todesfälle am Ende erwähnt. Absolute Zustimmung. Zwar denke ich, dass es gerade gegen Ende besonders schwer ist, die Handlung zu verfilmen, da es sich hier eher um Gemütsverfassungen und allgemeine Beschreibungen des Zeitverlaufs als um klare Ereignisse handelt, an denen man sich festhalten kann. Aber leider hat Breloer dann die Ereignisse auch noch so verschoben, dass die letzte halbe Stunde eigentlich nur noch aus drei Todesfällen besteht, die eben mal noch fix abgehandelt werden, bis wir dann zum Nachspann kommen.
Eine letzte Sache, die ich wirklich bedaure. Abgesehen von den Möllendorpfs und dem Bankier Kesselmeyer hat Breloer leider keine der überzeichneten Nebenfiguren, die den Roman auch wirklich lustig machen, in den Film übernommen. Er hätte sich mit seiner Verfilmung gegenüber den bierernsten früheren Versionen wirklich abheben können, indem er die drei lästernden Cousinen oder einige andere Figuren zumindest immer wieder mal durchs Bild hätte laufen lassen können. Hier wurde leider wirklich eine Chance vertan.
Aber wir du finde ich den Film trotzdem nicht schlecht und stimme zu, dass man das Buch einfach unmöglich in 2 1/2 Stunden pressen kann ohne etwas zu verlieren. Ich denke, je weniger man den Roman kennt, desto mehr kann man den Film genießen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass die Verfilmung einigen Leuten Lust macht, sich das Buch doch mal zu greifen. Dafür taugt er auf jeden Fall.
Samstag, 10. Januar 2009 16:44
die manns und die buddenbrooks. das ist doch eh eins. da muss sich müller-stahl auch nicht so umstellen.
Montag, 19. Januar 2009 20:05
Mir hat der Film trotz aller negativen Kritiken gefallen. Sicher, auch mir haben einige Figuren oder Handlungen gefehlt: die drei Cousinen, Thilde, die ihren Mund eigentlich nur zum Essen aufmacht, die Pastoren, die es sich bei Buddenbrooks gutgehen lassen…..Für alles wären 150 Minuten wohl zu kurz gewesen. Dann hätten wieder die ersten über zu viele Personen, zu viel Handlung…..gestöhnt.