Die geheimnisvollen Listen des WDR
Von Lukas Heinser am Donnerstag, 4. Dezember 2008 15:30
Kategorie: Somebody Told Me, TV On The Radio
Dem Thema Rundfunkgebühren kann man sich kaum nähern, ohne dass nicht innerhalb von zwei Minuten mindestens einem Gesprächspartner die Halsschlagader platzt und Worte wie “Planwirtschaft” und “Musikantenstadl” fallen. Deswegen hätte ich schon vorab die Bitte, dass wir in den Kommentaren die grundsätzliche Debatte über den Sinn und Unsinn von öffentlich-rechtlichem Rundfunk und der GEZ ausklammern.
Am Freitag stand ein Gebührenbeauftragter des WDR (Name und Dienstnummer liegen mir vor) vor unserer WG-Tür im Studentenwohnheim. Er sagte, der WDR arbeite schon seit langem mit dem Akademischen Förderungswerks (Akafö) zusammen, um zu kontrollieren, ob da auch alles richtig laufe (“Sie könnte ja auch versehentlich etwas angemeldet haben, was Sie gar nicht anmelden müssen!”) und um Stress zu vermeiden. Deswegen habe er auch vom Akafö eine Liste mit allen Bewohnern der Wohnheime erhalten und klappere die seit einigen Jahren (“mein Sohn hat ja auch hier studiert und im Wohnheim gewohnt”) ab.
Da stand natürlich plötzliche eine sehr unschöne Frage unübersehbar im Raum: Das Studentenwerk gibt Daten seiner Bewohner weiter?1
Fakt ist: Der Mann hatte eine Liste, auf der – soweit ich das erkennen konnte – die Namen aller Heimbewohner nach WGs sortiert waren. Und zwar in meinem Fall beide Vornamen.2 Das Einwohnermeldeamt scheidet als Quelle eigentlich aus, weil vermutlich längst nicht alle Bewohner auch in Bochum gemeldet sind, und man dort auch nicht wüsste, wer in welcher Wohnung wohnt.
In der Pressestelle des Akafö sagte man mir, dass man aus Datenschutzgründen keine Daten weitergeben dürfe — entsprechend tue man das natürlich auch nicht. Das Akafö habe aber, nachdem es früher viele “Reibereien” gegeben habe, vor einigen Jahren eine Übereinkunft mit dem WDR getroffen, nach der dieser etwa einmal im Jahr Gebührenbeauftragte in die Wohnheime schicke. Diese Besuche würden aber in der Regeln vorher angekündigt und mit den Heimräten besprochen. Wenn der WDR das mit irgendwem beim Akafö bespreche, kriege die Pressestelle den Auftrag, Flugblätter zu drucken. Da man aber in diesem Jahr noch keine gedruckt hätte, die auf einen derartigen Besuch hinwiesen, sei der Pressestelle nichts derartiges bekannt.
In der Pressestelle des WDR war man zunächst sehr hilfsbereit und versprach, der Geschichte nachzugehen. Das war allerdings am Montag und seitdem warten meine Fragen auf Antworten:
- Woher stammen die (offenbar nach Wohnungsnummer sortierten) Listen mit den Namen der Heimbewohner, wenn sie nicht vom Akafö stammen?
- Warum wurden die Besuche nicht (wie sonst üblich) mit dem Akafö abgesprochen?
- Handelt es sich bei den Gebührenbeauftragten des WDR um andere Personen als die Rundfunkgebührenbeauftragte der LfM? Falls ja: Worin bestehen die Unterschiede?
Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht, ob es sich dabei um einen “Datenschutzskandal” handelt oder um einen der unzähligen Grenzfälle aus jener Grauzone, die die GEZ3 umgibt. Aber die Frage, wer was mit meinen Daten macht,4 die hätte ich doch ganz gerne noch mal beantwortet.
- Zunächst einmal erschließt sich mir nicht ganz, warum man in Studentenwohnheimen Listen benötigt, um Studenten ausfindig zu machen. Als Gebührenbeauftragter angelt man da ja quasi im Fass. [↩]
- Warum das Akafö Briefe an mich seit 2005 mit beiden Vornamen adressiert, obwohl ich mich 2004 nur mit Lukas angemeldet habe, ist eine andere Frage, die sich mir gerade bei der Durchsicht meiner Unterlagen stellte. Vermutlich haben sie den zweiten Vornamen einfach von meiner Studienbescheinigung übernommen, weil sie dachten, ich lege Wert darauf. [↩]
- Mit der übrigens auch Journalisten nicht telefonisch kommunizieren können. [↩]
- Und bevor Sie fragen: Nein, die stammen ganz sicher weder aus dem Impressum dieses Blogs, noch aus irgendeinem Social Network — und auch nicht von meiner Bank, dem Deutschen Jugendherbergswerk, dem Miles-and-More-Programm der Lufthansa und der Jungen Presse NRW. [↩]
Donnerstag, 4. Dezember 2008 16:30
Wie die GEZ und Co. an ihre Daten kommen, fänd ich auch sehr nett zu erfahren…
Ich und mein Bruder (und wirklich nur er, nicht auch sein Zwillingsbruder) haben vor etwa 5 Wochen Post von der GEZ bekommen. Wir wären ja nun volljährig (Blitzmerker, die Briefe hatten so gesehen, drei bis ein Jahr Verspätung) und ob wir nicht so freundlich wären, eben ein paar Formulare auszufüllen um festzustellen, ob für unsere Fernseher schon Gebühren bezahlt würden.
Das Interessante an diesen Briefen waren unsere Nachnamen. Wir haben alle einen Doppelnachnamen, benutzen im alltäglichen Leben aber ausschließlich den zweiten. Bei allen Behörden und halboffiziellen Dingen sind wir aber selbstverständlich mit komplettem Namen gemeldet. Meine Eltern (und mit deren Daten wollten sie unsere Angaben ja angeblich so dringend vergleichen) sind bei der GEZ auch mit beiden Namen eingetragen.
Woher hat die GEZ also unsere inkompletten Namen, samt Geburtsdatum und Adresse? Und warum ist nur der eine Zwilling volljährig geworden?
Donnerstag, 4. Dezember 2008 16:33
Meines Erachtens muss es beim WDR und / oder bei der GEZ einen Datenschutzbeauftragten geben. Die nächsthöhere Instanz wäre dann vermutlich die Landesdatenschutzbeauftragte (https://www.ldi.nrw.de/).
Meines Erachtens lohnt sich da das Rütteln an diversen Käfigen – wenn du eine Antwort vor deinem Eintritt ins Rentenalter haben möchtest…
Donnerstag, 4. Dezember 2008 17:37
das ist extrem lustig:
”Sie könnte ja auch versehentlich etwas angemeldet haben, was Sie gar nicht anmelden müssen!”
Donnerstag, 4. Dezember 2008 17:44
Das wäre in der Tat mal interessant zu erfahren…
Die GEZ ist aber telefonisch durchaus erreichbar. Telefonnummer der Frau für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit steht unter den Pressemitteilungen, dies auch auf gez.de gibt. Und die Zentrale (Telefonnummer – und zwar die ohne 01805 steht im Telefonbuch) hat mich auch schonmal weiterverbunden ;-)
Donnerstag, 4. Dezember 2008 18:12
Du bist im Miles-and-more Programm der Lufthansa?
Donnerstag, 4. Dezember 2008 18:48
Die Landesrundfunkanstalten unterstehen nicht der Aufsicht der Datenschutzbehörden des Bundes und der Länder, sondern kümmern sich darum jeweils selbst. Als Grund dafür wird nach meiner Kenntnis die Pressefreiheit genannt.
Dies gilt jedoch nicht für Akafö und ähnliche Institutionen – hier muss man ggf. schauen, wo die ihren Sitz haben, ob es sich um eine öffentliche oder private Stelle handelt, und wer dort jeweils zuständige Aufsichtsbehörde ist. Wenn man dort dann nachfragt, darf man sich in der Regel nicht wundern, dass die solche Fälle schon kennen.
Donnerstag, 4. Dezember 2008 18:58
Nachtrag: Da die GEZ im Auftrag der Landesrundfunkanstalten agiert, sind die Datenschutzbeauftragten der jeweiligen Landesrundfunkanstalten die Aufsichtsbehörden der GEZ und der in ihrem Auftrag agierenden Rundfunkgebührenbeauftragten.
Eine FAQ zu Datenschutz bei der GEZ (mit Schwerpunkt auf Schleswig-Holstein, daher nur mit NDR statt WDR wie im vorliegenden Fall) gibt es hier:
https://www.datenschutzzentrum.de/faq/gez.htm
Und damit zurück ins Funkhaus! :-)
Donnerstag, 4. Dezember 2008 19:01
@Tobias: Oh Gott, da hätte ich natürlich auch mal drauf kommen, dass die vollen Kontaktdaten in den “Pressemitteilung zur IFA 2008″ stehen und nicht unter dem Satz “Sie können uns auch direkt kontaktieren” auf der Seite “Presse”.
@fabian: Ja. Gelegentliche Interkontinentalflüge lohnen sich durchaus.
Donnerstag, 4. Dezember 2008 19:53
bei mir haben sie sich gemeldet nachdem ich ein spiegel abo mir geholt hatte…
oder war das nachdem ich zum ersten mal bei amazon bestellt habe? eins von beiden war es.
Donnerstag, 4. Dezember 2008 22:36
Folgendes:
Bekannte von mir haben an der Haustür zur Strasse hin eine Klingel die mit “Garten Laube” (2 Wörter?!) beschriftet ist um eben diese zu erreichen. Wahrscheinlich ist die von Hand geschriebene Beschriftung nicht allzu lesbar, denn ein Herr “Günter Laube”, der angeblich bei den Bekannten wohnt, bekommt regelmäßig Post von der GEZ, seit Jahren.
Freitag, 5. Dezember 2008 0:20
Die Quelle für solche Listen sind normalerweise Listen neben den Klingeln und Namen auf den Briefkästen.
Freitag, 5. Dezember 2008 0:33
@Steffen: Diese Geschichte ist so absurd, dass ich keinen Zweifel an ihrer Authentizität habe.
@ScottyTM: Auch das scheidet aus: Auf der Liste am Eingang ist mein Vorname mit “S.” abgekürzt. Vielleicht, weil der Vormieter Stefan hieß.
Sonntag, 7. Dezember 2008 10:27
So, einer muss ja die wirklich wichtigen Fragen stellen: Wie lautet denn dein zweiter Vorname?
Montag, 8. Dezember 2008 12:53
bei mir fing das mit den gez-briefen pünktlich nach internet-vertragsabschluss an. obwohl ich an meinem studienort überhaupt nicht gemeldet bin (weder 1. noch 2.Wohnsitz).
Donnerstag, 18. Dezember 2008 8:35
Ansonsten einfach mal bei den Studierenden im Verwaltungsrat (höchstens Aufsichtsgremium) des Studentenwerks auflaufen.Die drei Vertreter sind schliesslich gewählt,um studentische Interessen auf höchster Ebene zu vertreten. Die nötige Sensibilität für Datenweitergabe haben die meisten Studis ja. Warum das Akafö überhaupt einen solchen “Deal” gemacht hat, ist mir allerdings schleierhaft.Andere Studentenwerke lösen das Problem,in dem sie ihre Mieter darauf hinweisen, dass man das mit der GEZ selbst regeln muss.
In meinen *hust* 10 Jahren im Studentenwohnheim ist mir daher nicht bekannt,dass die GEZ überhaupt mal versucht hätte, Gebühren ein zu ziehen.