Miss American Pie

Von Lukas Heinser, 1. November 2008 13:30

Dieser Tage schaut die Welt noch mehr auf Amerika, als sie es sowieso schon tut. Die „Schicksalswahl unserer Generation“ steht an und es wirkt ein bisschen so, als werde am Dienstag zwischen Himmel und Hölle entschieden.

Der Wahlkampf zeigt einmal mehr die eklatanten Unterschiede zwischen den USA und Deutschland auf: Nicht nur, dass wir hier ein anderes Wahlsystem haben, auch kulturell sieht es hier ganz anders aus. Das Pathos, das Obamas halbstündigen Infomercial durchweht, wäre hierzulande undenkbar.

Vielleicht liegt es daran, dass Schwarz, Rot und Gold keine so schöne Farbkombination ist wie Rot, Weiß und Blau. Aber noch nicht mal eine geeignete Musikuntermalung würde man hier für so einen Wahlwerbefilm finden: in Deutschland gibt es keine Folklore, denn was es gab, wurde vom „Musikantenstadl“ in Grund und Boden gevolkstümelt.

Ich finde diese Unterschiede nicht schlimm (auch wenn ich mir manchmal wünsche, dass sich jeder einzelne Deutsche ein bisschen mehr mit seiner Rolle in der Gesellschaft um ihn herum – nicht mit dem abstrakten Begriff der Nation – identifizieren würden), aber diese Unterschiede sind eben da. Deswegen sollten sich deutsche Politiker dafür hüten, Obamas vermeintliche Erfolgsrezepte nächstes Jahr 1:1 für den deutschen Markt kopieren zu wollen.

Die armen, armen Hessen, die im Januar die sogenannte Wahl zwischen Roland Koch und Andrea Ypsilanti hatten, bekommen am Dienstag vielleicht eine neue Ministerpräsidentin. Ja, an jenem Schicksalsdienstag, 4. November. Und weil das so schön passt, hat sich Frau Ypsilanti heute Morgen auf einem SPD-Sonderparteitag in Fulda dem wehrlosen Barack Obama ans Bein geschmissen und mit einem einzigen Satz diese tiefen kulturellen Unterschiede, diesen schmalen Grat zwischen ansteckendem Pathos und abstoßender Peinlichkeit zusammengefasst:

Ich hoffe, Genossinnen und Genossen, dass die amerikanischen Wählerinnen und Wähler am 4. November in Amerika sagen: „Yes, we can!“, und dass die hessischen Abgeordneten dann sagen können, mit Euch zusammen in Hessen: „Yes, we do!“

[via WDR2-Nachrichten]

13 Kommentare

  1. Frank
    1. November 2008, 14:01

    „Yes, we do!“?
    Meint sie: „Yes, we (can), too!“?

    Oder wie jetzt?

  2. Kunar
    1. November 2008, 14:48

    Vielleicht liegt es daran, dass Schwarz, Rot und Gold keine so schöne Farbkombination ist wie Rot, Weiß und Blau.

    Das ist Geschmackssache. Allerdings hat die amerikanische Fahne eine andere Geschichte als die deutsche und eine andere Bedeutung. (Ja, ich habe auch „USA erklärt“ gelesen und da gibt es neben dem allgemeinen Erklärungsartikel noch zahlreiche weitere kleinere Ergänzungen.)

    Aber noch nicht mal eine geeignete Musikuntermalung würde man hier für so einen Wahlwerbefilm finden: in Deutschland gibt es keine Folklore, denn was es gab, wurde vom “Musikantenstadl” in Grund und Boden gevolkstümelt.

    Volklieder, also „Die Gedanken sind frei“, „Kein schöner Land“ usw., leben davon, dass man („das Volk“) sie selbst singt. Wenn das regelmäßig geschehen würde (musikalische Erziehung in der Schule? gemeinsames Singen in der Familie? Lagerfeuer und Zeltlager?), könnten das keine Pseudovolksmusik-Zombies kaputtmachen. Heute hat man Dauerberieselung – jederzeit kann Musik von der Konserve kommen, wenn es zu still wird. Außerdem ist vielen eine gründlichere Beschäftigung mit deutscher Kultur peinlich oder unwichtig. Das Problem ist m.E. also hausgemacht und nicht von irgendjemandem „von oben“ (Programmdirektor, Volksmusikindustrie) aufoktroyoiert.

  3. Der Postillon
    1. November 2008, 15:21

    Auf den amerikanischen Pathos kann ich voll und ganz verzichten. Wenn etwas beneidenswert ist, dann eindeutig die Mobilisierbarkeit der Amerikaner und ihr unermüdlicher freiwilliger Wahlkampfeinsatz. Die stehen eben auf für ihre Ideale.

  4. Johanna
    1. November 2008, 15:39

    Ach Andrea… No, you can’t.

  5. jaya
    1. November 2008, 15:42

    Unabhängig vom Thema spreche ich hier einmal mein uneingeschränktes Lob für Dein/Euer Blog aus. Das einzige was mich stört ist die Ben Folds CD nicht gewonnen zu haben, sodass ich gezwungen war sie von meinem eisern gesparten Geld selbst zu kaufen ;-)

  6. fabian
    1. November 2008, 16:01

    Beim „Musikantenstadl“ läuft keine Volksmusik sondern volkstümliche Musik. Ist ein Unterschied.

  7. Kunar
    1. November 2008, 16:42

    Der Obama-Film enthält doch einige sehr beachtenswerte Aussagen für Deutsche: Da ist die Rede von „einer Wirtschaft, die die Würde der Arbeit zu würdigen weiß“. Wer das ist Deutschland fordern würde, den würde man als „Linken“ oder „Sozialromantiker“ bezeichnen. Auch das „Recht auf Bildung“ wäre unter deutschen Politikern derzeit höchst unpopulär, weil man sich gerade von dem Ideal „Bildung für alle“ abgewandt und dem Prinzip „für Bildung Geld verlangen“ zugewandt hat. Dass es Rentenprobleme in den USA gibt, sollte man den Leuten erzählen, die hier die staatliche Rente schlechtreden und am liebsten abschaffen wollen. Auch die einfache Folgerung „ohne Leute, die Löhne bekommen, kein Konsum und damit keine lokalen Unternehmen“ kommt in der deutschen wirtschaftlichen Debatte selten vor. In der anschließenden Direktübertragung wurde außerdem „eine Wirtschaft, die Wohlergehen vermehrt“ gefordert. In dem Land der angeblich schlimmsten Kapitalisten wird das verlangt, was bei uns als „soziale Gerechtigkeit“ in den letzten Jahren immer als Bremse fürs Land und nicht mehr machbar gebrandmarkt wurde.

    Am beeindruckendsten finde ich, dass immer wieder Mut gemacht und Vertrauen auf die eigenen Kräfte ausgesprochen wird. „Wir packen das!“ und „Wir haben es selbst in der Hand!“ sind Sätze, die ich in jedem Land gerne höre. In Deutschland hingegen wurde in den letzten Jahren immer wieder Politik mit den Formeln „Es gibt dazu keine Alternative!“, „Wir stehen schlecht da!“, „Das wird uns von der Globalisierung so auferlegt!“ gemacht.

    Unterm Strich bleibt es ein sehr interessanter Werbefilm aus dem Endspurt des Wahlkampfs.

  8. Lukas
    1. November 2008, 16:58

    „Wir packen das!“ würde ich mir auch wünschen (aber eben umhimmelswillen kein „Yes, we do!“). Das war so die Stimmung, die vor zehn Jahren herrschte, als Schröder mit Rot-Grün losgelegt hat. Lange hat diese Stimmung freilich nicht gehalten.

  9. Alberto Green
    3. November 2008, 12:23

    Auf SPD-Parteitagen wird nicht mehr „Jetzt gehts lo-hos“ gebrüllt? Das war immer die Fremdschamüberdosis für mich.

  10. Lukas
    3. November 2008, 12:46

    Es sieht ganz so aus, als laute der Slogan der hessischen SPD jetzt „Wir können’s nicht. Wir können gar nichts.“

  11. SvenR
    3. November 2008, 13:50

    Andrea wer?

  12. Tacke
    3. November 2008, 21:44

    Hätte es nicht der Vollständigkeit halber heißen müssen „… und Abgeordnetinnen“? :-)

  13. meistermochi
    4. November 2008, 1:25

    so landet frau als bettvorleger.