Merkt ja eh keiner (1)
Von Lukas Heinser am Dienstag, 14. Oktober 2008 14:23
Kategorie: Rock'n'Roll High School, TV On The Radio
Es ist ja nicht so, dass ich morgens aufstehe und denke “Was könnte ich heute mal Böses über den WDR schreiben?” Das machen die ja alles selber.
Gestern war Thees Uhlmann zu Gast im “1Live Kassettendeck”, das vom Konzept her eine Super-Radiosendung ist und deshalb um Mitternacht laufen muss: Ein Promi (meist Musiker) stellt eine Stunde lang Songs vor, die ihm sein Leben lang oder gerade jetzt im Moment wichtig sind. Gestern also der Sänger der “umstrittenen Band Tomte” (O-Ton welt.de, wo man auch nicht nach gutem Musikjournalismus suchen sollte).
Thees erzählte also und spielte Songs (Rod Stewart, Kool Savas, Escapado) und sagte nach jedem Lied, wer er ist und was wir da hören (ist ja Radio). Und dann kündigte er wortreich “Rain On The Pretty Ones” von Ed Harcourt an, zitierte noch aus dem Text (“I’m the Christian, that cannot forgive”, “I’m the hunter, who’s killed by his dog”) und sagte “Hier ist Ed Harcourt mit ‘Rain On The Pretty Ones’”.
Und was lief? Ed Harcourt mit “Late Night Partner”. Auch schön, sogar vom gleichen Album, aber ein ganz anderer Song. Auch, wenn er von Thees mit “Das war Ed Harcourt mit ‘Rain On The Pretty Ones’” abmoderiert wurde.
Nun ist es ja nicht so, dass da gestern Nacht ein übernächtiger Thees Uhlmann im 1Live-Studio gesessen und unbemerkt den falschen Track gefahren hätte: Weil man einen Promi kaum eine Stunde im Studio halten kann (dichter Promo-Zeitplan!), lässt man ihn einfach alle Moderationstexte hintereinander aufsagen, wenn er eh grad mal für ein Interview da ist. Dann gibt er einen Zettel mit der Playlist ab und irgendjemand muss die Songs zwischen die Moderationen schneiden. Und dieser Jemand hat offenbar einen Fehler gemacht.
Das ist kein großes Drama, kein Skandal und kein Eklat. Es ist nur ein Beispiel, warum es mir so schwer fällt, Medienschaffende in diesem Land ernst zu nehmen: Weil sie ihre Arbeit selbst nicht ernst nehmen.
Dienstag, 14. Oktober 2008 14:53
Gibt schlimmeres. Und warum sollen die “Prominenten” denn eine Stunde da sitzen und sich ihre Lieblingsstücke anhören? Macht das einen so großen Unterschied? Nö, ist okay finde ich. Und dass da ein einziges Mal ein kleiner Fehler passiert ist,geschenkt. Der grandiose PeterLicht hat in der selben Sendung übrigens kürzlich “estländiasch” gesagt. Auch falsch, merkt ja keiner. Nicht mal mein FireFox-Rechtschreib-Tool, wie ich gerade feststelle…
…außerdem machen die Leute hinter 1Live/WDR einen grandiosen Job, soweit ich das beurteilen kann.
Dienstag, 14. Oktober 2008 14:59
Klar gibt’s schlimmeres, das schreib ich ja auch.
Ich hab auch schon Radiosendungen produziert, in denen ich nur Songs anmoderiert habe, die ich dann später reingeschnitten habe. Das schadet zwar ein bisschen der Stimmung und ist (zumindest, wenn man alles selber machen muss) auch nicht unbedingt zeitsparend, aber meines Erachtens legitim.
Nur: den falschen Song reinschneiden und offenbar noch nicht mal den Song selbst und die Sekunden drumherum anhören, das ist schon schwach (wenn auch natürlich dem immensen Zeitdruck geschuldet, Rhabarber, Rhabarber …).
Dienstag, 14. Oktober 2008 15:49
Ich denke mal, dass das keine Absicht war. Entweder hat sich da jemand vertan – oder der Song war nicht auffindbar.
Dienstag, 14. Oktober 2008 16:14
Wenn ich so was merke, finde ich es in erster Linie ulkig. Gerade bei Musik, die ich sehr gerne mag – obwohl ich mich eigentlich ärgern müsste, weil das falsche läuft.
Ich höre seit einiger Zeit morgens beim Weg zur Arbeit im Auto immer öfter RadioX mit ScrambeldX (“Skrämbld Äggs”), ein lokals freies Radio. Die Moderatoren sind von grottenschlecht bis ganz gut, die Musik ganz oft außergewöhnlich. Das Wesentlich ist aber, dass da von sieben bis neun ein, zwei, drei müde Späthippies, Müslis, APOs oder auch Opas da sitzen und Radio machen. Es ist so authentisch – wie ich dieses Wort hasse,
Beim öffentlich-rechtlichen weniger und beim kommerziellen Radio fällt mir eigentlich immer mehr auf, dass es zur Ankündigungsinszenierung verkommt. Anstatt ein Lied zu spielen oder eine Nachricht zu senden oder irgendein schwachsinniges Gewinnspiel zu veranstalten, erfahre ich gefühlt zehnmal so lange, dass das “gleich” passieren soll.
Jetzt haben die bei meinem Haussender hr3 auch schon angefangen, nachmittags die “Frühmoderatoren” per Einspieler Fragen der “Nachmittagsmoderatoren” zu beantworten. Warum nur?
Dienstag, 14. Oktober 2008 16:16
Was stört dich denn der Formulierung
“umstrittenen Band Tomte”?
Dienstag, 14. Oktober 2008 16:19
Weil eine Befragung unter 1000 Vertretern der Zielgruppe ergeben hat, dass eine Personalisierung der Formatstrecken für eine bessere Hörerbindung sorgt. Und weil alles locker, frech und innerhalb von anderthalb Minuten vorbei sein muss.
Ich glaube, Radio ist dasjenige Medium, das am allerwenigsten noch zu retten ist.
Dienstag, 14. Oktober 2008 18:03
als ich neulich mal nachts mit dem taxi nach hause gefahren bin, wurde bei radio köln “running up that hill” von kate bush angekündigt – als das lied mit dem seltsamen video mit der wetterkanone auf dem hügel. DAS ist natürlich “cloudbusting”. da wusste ich nicht: soll ich jetzt dem fahrer erklären, dass der mann im radio sich vertan hat. ist das altklug oder schafft man so eine bessere welt. habe dann nichts gesagt.
Dienstag, 14. Oktober 2008 20:20
Ich hab neulich Erdbeeren bestellt, aber das waren gar keine Beeren …
Fehler passieren nunmal. Aber ist der Praktikant, der immer abwechselnd Moderation und Track fürs “zusammenschneiden” doppelklicken muss, wirklich als Medienschaffender zu bezeichnen? Und hat er nicht auch ein Recht darauf, mal in der Zeile zu verrutschen? Bei ner Suche im mp3-Archiv kommen die doch bestimmt untereinander.
Vielleicht hat er den Song auch hastig per Esel gezogen, da können wir ja noch glücklich sein, dass zumindest die Band stimmte …
Gruß
Büffelbutter
Dienstag, 14. Oktober 2008 20:47
Noch neun Jahre, dann bin ich endlich nicht mehr werberelevante Zielgruppe…
Dienstag, 14. Oktober 2008 21:54
svenr:Noch neun Jahre, dann bin ich endlich nicht mehr werberelevante Zielgruppe…
dann schon mal viel spaß mitm zdf.
Mittwoch, 15. Oktober 2008 8:37
heute journal, KDD, Neues aus der Anstalt, Nachtschicht, Bella Block, 37°, die Musiksendung mit Götz Alsmann, deren Name mir gerade nicht erinnerlich ist, und die leider noch lange nicht an Tataa heranreicht, und noch vieles mehr, was mir jetzt spontan nicht einfällt, machen mir heute schon “Spaß”.
Mittwoch, 15. Oktober 2008 12:04
@ SvenR: „Einfach Alsmann“ (musste ich aber auch erst nachschlagen)
Mittwoch, 15. Oktober 2008 13:44
@ haake:
Nene, “Einfach Alsmann” ist zwar wirklich klasse, jedoch beim WDR, nicht beim ZDF.
Was ich meinte ist “Eine große Nachtmusik”.
Mittwoch, 15. Oktober 2008 20:17
Ich war schon mal persönlich Leidtragender eines solches Irrtums: Mit der Nachwuchsgrungeband einen Wettbewerb gewonnen und ins Studio des Stadtradios zum Interview gebeten worden. Natürlich auch Aufzeichnung und nach dem Interview sollte dann unser “Hit” laufen. Wir haben dann das Demo dagelassen, damit die das hintendran senden können. In erwartungsfroher Gemeinschaft vor dem Radio durften wir dann dem versteckten Bonus-Track, unserer ungemasterten Ohne-Gesang-Version lauschen. Im Nachhinein finde ich, wir hätten uns nicht ärgern sollen, sondern uns als Erfinder des Instrumental-Grunge feiern lassen sollen.
Freitag, 17. Oktober 2008 19:27
@ Lukas: Warum ist gerade das Medium Radio nicht zu retten?
Sonntag, 26. Oktober 2008 20:08
Manuel Andrack hat mal Charlotte Roche während ihrer Schwangerschaftspause vertreten. Leider haben es die Leute beim Musikfernsehen nicht geschafft, seine Ansagen und die Lieder in die richtige Reihenfolge zu bringen. Da waren offensichtlich echte Profis am Werk mit viel Liebe zum Detail.