Beiträge vom Oktober, 2008

Heidenspaß

Von Lukas Heinser am Freitag, 31. Oktober 2008 13:09

Kürbis (Foto: Lukas Heinser)

Beim Blick auf den Kalender wird es so manchem siedend heiß eingefallen sein: Heute ist der 31. Oktober, was bedeutet, dass heute wieder ein Feiertag begangen wird, der vor wenigen Jahren hierzulande noch so gut wie unbekannt war. Die Häuser werden geschmückt, die Kinder verkleiden sich und es herrscht ein buntes Treiben auf den Straßen: es ist Reformationstag.

Wie im ganzen Land, so haben auch die Mütter in Bochum ihren Kleinen spätmittelalterliche Kostüme genäht, damit diese heute Abend rülpsend und furzend (in Erinnerung an das berühmte Luther-Zitat) durch die Nachbarschaft ziehen können. Wie auch schon in den vergangenen Jahren werden sie nur bei Katholiken klingeln und diese mit dem Spruch “Tresen oder Thesen” zur Herausgabe harter Alkoholika auffordern. Weigern sich die Papst-Jünger, nageln ihnen die jungen Reformatoren aufwändig gestaltete Zettel an die Haus- oder Wohnungstür — “Bildersturm” nennen sie diese Aktion.

Calvin, acht Jahre alt und ganz stolz auf die Tonsur, die ihm sein Vater extra für den heutigen Abend geschoren hat, berichtet, dass er im vergangenen Jahr ganze 95 Türen beschlagen hat. Viele Katholiken waren auf den noch jungen Brauch schlicht nicht vorbereitet. Calvin hofft, dass sich das in diesem Jahr geändert hat, denn wegen einer Erkältung hat er in diesem Jahr nur 30 Thesen-Papiere vorbereiten können — außerdem ist ein Nachbar immer noch wütend, weil Calvin und seine Freunde ihm im vergangenen Jahr “die Tür kaputt gemacht” hätten.

Justus Jonas, Soziologe am Bochumer Lehr-Ort für erwähnenswerte Daten, erklärt das noch junge Brauchtum mit der Geschichte des Kirchengelehrten Martin Luther, der vor fast fünfhundert Jahren gegen die katholische Kirche rebelliert haben soll. Andere Quellen sprechen allerdings von außerirdischen Messerstechern, die am 31. Oktober 1978 in Haddonfield im US-Bundesstaat Illinois ein brutales Massaker an heimischen Kürbissen verübt haben sollen. Jonas hat davon gehört, hält das Szenario mit dem wütenden ostdeutschen Pfarrer aber für realistischer.

Nicht alle Deutschen sind begeistert vom Trend “Reformationstag”. Viele Katholiken finden es unverantwortlich, jungen Kindern Alkohol auszuhändigen. Der Nürnberger Philosoph Hans Sachs bezeichnete die kostümierten Jugendlichen als “lutherische Narren” und rief die Bevölkerung zum “Narrenschneiden” auf. Josef Kaczmierczik, Lokführer aus Wattenscheid-Höntrop hat bereits angekündigt, sein Reihenendhaus gegen die jugendlichen Angreifer zu schützen: “Dat wird ein’ feste Burg”, sagte er unserem Reporter.

[Nach einer Idee von Sebastian B. & Thomas K.]

Präsidialer Buchclub

Von Lukas Heinser am Freitag, 31. Oktober 2008 11:51

Gut, dass ich in Deutschland geboren wurde, denn so kann ich nie als US-Präsident kandidieren. Denn selbst wenn ich Parteiinterne Grabenkämpfe und Fernsehdebatten überstünde und wider Erwarten genug Geld für meine Kampagne gesammelt bekäme, an einer Stelle würde ich furios scheitern: bei der Nennung meiner Lieblingsbücher.

Denn was sagt es über mich als Menschen aus, wenn ich in diesem Zusammenhang “Per Anhalter durch die Galaxis” von Douglas Adams, “High Fidelity” von Nick Hornby und “Gegen den Strich” von Joris-Karl Huysmans nenne? Eben: Dass ich ein soziopathischer Nerd bin, dem seine CD-Sammlung wichtiger ist als alles andere. Die einzigen Stimmen, die ich bekäme, kämen aus Staatsgefängnissen, Platten- und Rollenspielläden.

Ich könnte natürlich auch ein bisschen mogeln bei meiner Liste, so wie es angeblich alle tun und wie es mutmaßlich auch John McCain und Barack Obama getan haben. Die nannten nämlich “For Whom the Bell Tolls” von Ernest Hemingway, “Im Westen nichts Neues” von Erich Maria Remarque und “The History of the Decline and Fall of the Roman Empire” von Edward Gibbon (McCain) bzw. “Song of Solomon” von Toni Morrison, “Moby-Dick” von Herman Melville und der Essay “Self-Reliance” von Ralph Waldo Emerson (Obama).

Ich habe von all diesen Büchern nur “Im Westen nichts Neues” gelesen und weiß so ungefähr, was bei Hemingway und Melville passiert, von daher kann ich zu den literarischen Favoriten der Präsidentschaftskandidaten wenig sagen — aber dafür gibt es ja den “San Francisco Chronicle”, der eine Reihe von Literaturwissenschaftlern, Schriftstellern und sonstigen Experten befragt hat. Sie erklären unter anderem, dass es ein wenig überrasche, dass McCain gleich zwei Anti-Kriegsromane nenne, es im Gegensatz dazu aber ziemlich naheliegend sei, dass Obama das Buch von Toni Morrison mag, in dem sich ein junger, schwarzer Mann auf die Suche nach seiner Identität begibt.

Wo sie schon mal dabei sind, geben die gleichen Leute auch noch Tipps, was der zukünftige Präsident unbedingt lesen sollte. Und da ist vielleicht auch was für Leser dabei, die nie US-Präsident werden wollten.

New Radicals

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 30. Oktober 2008 13:43

Wer und was dieser Tage so alles radikal ist:

Ungesundes Merchandise

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 30. Oktober 2008 11:30

Ich habe es noch nicht geschafft, mir “High School Musical 3″ anzusehen (aber ich werde es, das verspreche ich).

Ich möchte Sie aber auf ein Interview aufmerksam machen, das NPR mit Kenny Ortega, dem Regisseur der “High School Musical”-Filme, geführt hat.

Auf die Frage, was er eigentlich von diesem ganzen Merchandise (Rucksäcke, Bettwäsche, Schlüsselanhänger, Unterwäsche, you name it …) zu “High School Musical” halte, reagierte er zunächst einmal mit einem langen, nachdenklichen Seufzer und sagte dann:

Well, you know, that’s a tough one for me, you know. Those are the folks that give us the money to make the movies. And I would just say that it’s, you know, the parents just have to like … be the ones in charge. Disney’s gonna put out whatever they can put out. There’s a hunger for the merchandise, but I also think that, you know, at a certain point, it would be unhealthy to allow too much of it into an individual’s life.

Ich denke, mit dieser Einstellung wird er sowohl Disney, als auch so manche Eltern verärgert haben, die ihren Kindern erklären müssen, warum sie nicht auch noch die HSM-Butterbrotdose haben können. Aber ich finde seine Einstellung erfrischend ehrlich.

“I can do anything, I was in a boy band”

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 29. Oktober 2008 22:31

Stellen Sie sich das mal in Deutschland vor.

Oder besser: Nicht. Veronica Ferres, Dieter Bohlen und Bill Kaulitz würden mich so ziemlich überall hinjagen, aber nicht ins Wahllokal.

[via meinen Bruder]

PR Online (2)

Von Lukas Heinser am Dienstag, 28. Oktober 2008 13:18

Heute Morgen stolperte ich bei meinen Freunden von “RP Online” im Reise-Ressort über einen Artikel:

Für 39 Euro durch Deutschland: Aldi verkauft Germanwings-Tickets (RPO). Am 30. Oktober startet Aldi mit dem Verkauf von Flugtickets der Billig-Airline Germanwings. Die Flüge der Lufthansa-Tochter werden bundesweit zum Komplettpreis von 39 Euro angeboten.

“Hmmmmmm”, dachte ich. “Wenn ‘Bild’ das in der Print-Ausgabe macht, ist es Schleichwerbung…” (s. BILDblog)

Nun gilt der Pressekodex zwar noch nicht für Online-Medien, aber das ist Gerichten im Zweifelsfall auch egal. Allein der Text des Artikels legte den Schluss nahe, dass das Autorenkürzel “RPO” da mal wieder völlig fehl am Platze war.

Und siehe da: der Artikel war eine nur mäßig umgeschriebene Pressemitteilung des Reiseveranstalters Berge & Meer, der für Aldi die Reisen abwickelt.

Zum Vergleich:

Pressemitteilung “RP Online”
Am 30. Oktober startet ALDI mit dem Verkauf von Flugtickets der deutschen Günstig-Airline Germanwings. Die Flüge der Lufthansa-Tochter werden über ALDI-Reisen bundesweit zum Komplettpreis von 39 Euro angeboten. Am 30. Oktober startet Aldi mit dem Verkauf von Flugtickets der Billig-Airline Germanwings. Die Flüge der Lufthansa-Tochter werden bundesweit zum Komplettpreis von 39 Euro angeboten.
Die Tickets sind online über www.aldi-reisen.de oder telefonisch buchbar. Im Preis enthalten sind alle Steuern und Gebühren, die Kreditkartengebühr, der Kerosinzuschlag sowie der Transport eines Koffers. Die innerdeutschen Oneway-Flüge können bis zum 27. November bei ALDI gebucht werden, geflogen werden muss bis zum 31. März 2009. Die Tickets sind online über www.aldi-reisen.de oder telefonisch buchbar. Im Preis enthalten sind Steuern und Gebühren, die Kreditkartengebühr, der Kerosinzuschlag sowie der Transport eines Koffers. Die innerdeutschen Oneway-Flüge können bis zum 27. November gebucht werden, geflogen werden muss bis zum 31. März 2009.
“Die Sonderaktion”, so Reiner Meutsch vom ALDI-Reisepartner Berge & Meer, “startet zum Auftakt des erweiterten ALDI-Reiseangebotes.” Im November liegt erstmals ein 16-seitiger Katalog mit aktuellen Monats-Schnäppchen sowie Frühbucher-Angeboten für 2009 in allen Filialen von Deutschlands größtem Discounter aus. Telefonische Buchungen unter 0180 5/70 20 70 (ALDI NORD) und 0180 5/70 30 70 (ALDI SÜD), Internet: www.aldi-reisen.de  
Download von weiteren Infos und Fotos unter www.tourtipp.net im Bereich Kunden/Berge & Meer. Die Tickets sind vom 30. Oktober 2008 an bei ALDI buchbar.  
Beratung und Buchung erfolgen sieben Tage die Woche von 8 bis 22 Uhr unter 0180 5/70 20 70* für ALDI NORD und 0180 5/70 30 70* für ALDI SÜD durch Urlaubsexperten von Deutschlands erfolgreichstem Reise-Direktanbieter Berge & Meer. (* EUR 0,14/Min aus dem deutschen Festnetz, abweichende Mobilfunknetzpreise möglich). Beratung und Buchung erfolgen sieben Tage die Woche von 8 bis 22 Uhr unter 0180 5/70 20 70* für Aldi Nord und 0180 5/70 30 70* für Aldi Süd durch Urlaubsexperten. (* EUR 0,14/Min aus dem deutschen Festnetz, abweichende Mobilfunknetzpreise möglich).

Meine Fragen (“Was ist an dem Artikel auf ‘RP Online’ anders als bei dem in ‘Bild’? Inwiefern glauben Sie, dass es sich bei Ihrem Text NICHT um Schleichwerbung handelt?”) an Franziska Bluhm, die stellvertretende Chefredakteurin von “RP Online”, blieben bisher unbeantwortet — allerdings sah der Artikel kurz darauf deutlich anders aus:

Es ist ein Fehler aufgetreten: Die von Ihnen aufgerufene Seite /reise/news/630877/Aldi-verkauft-Germanwings-Tickets.html ist leider nicht verfügbar. Wählen Sie bitte eine Kategorie oder<br />
verwenden Sie die Suche, um zum gewünschten Thema zu gelangen.

Nachtrag, 15:30 Uhr: Frau Bluhm hat mir gerade gemailt. Hier ihre, von Grußformeln bereinigte, Antwort im Wortlaut:

vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Text offline genommen.

Börek Obhammer

Von Lukas Heinser am Dienstag, 28. Oktober 2008 0:25

In einer Woche wird in den USA ein neuer Präsident gewählt.

Ob die deutschen Journalisten bis dahin noch lernen werden, dass der Name des demokratischen Kandidaten [bəˈrɑːk oʊˈbɑːmə] ausgesprochen wird und nicht ['bæræk o'bæmɑ]?

Nachtrag, 13:22 Uhr: Auf vielfachen Wunsch gibt’s das Ganze jetzt auch audiovisuell:

[Direktlink]

Experten

Von Lukas Heinser am Montag, 27. Oktober 2008 15:33

Nun, da wir uns alle einmal über den Mann mit dem albernen Bart und dem unpassenden Namen erregt haben und dieser in einem offenen Brief an den Zentralrat der Juden in Deutschland um Entschuldigung gebeten hat, können wir uns einer wichtigen Frage widmen: Wer ist dieser Hans-Werner Sinn überhaupt?

Vermutlich habe ich in den Nachrichten schon hundertfach von seinem Ifo-Institut gehört und als ich in der Wikipedia vom Ifo-Geschäftsklimaindex las, klingelte es tatsächlich. Aber davon mal ab: Wer ist dieser Mann und was sollte mich dazu bringen, seinen Ausführungen (wenn sie nicht gerade von verfolgten Managern handeln) Glauben zu schenken?

Wenn ein Medium zeigen will, was mit unserer Umwelt passiert oder wie man Energie sparen kann, werden O-Töne von Claudia Kemfert herangeschafft, wenn’s etwas seriöser sein soll Mojib Latif. Tun Jugendliche irgendwo das, was Jugendliche mindestens seit Kain und Abel tun, nämlich zuschlagen, steht das Telefon von Christian Pfeiffer nicht mehr still, und bis vor kurzem konnten Sie sicher sein, Ihre Ernährungstipps von Hademar Bankhofer zu bekommen — egal, welches Medium Sie nutzten.

Braucht ein Journalist ein Statement zum Thema Blogs oder Internet, wendet er sich an Stefan Niggemeier. Der darf auch beim Thema “Medien allgemein” ran, aber nur, solange seine Meinung nicht der Linie des Journalisten zu widersprechen droht – sonst ist Jo Groebel dran. Selbst im Fußball, zu dem nun wirklich jeder Deutsche eine Meinung hat, muss bei jeder Fernsehübertragung ein Experte bereitstehen und erklären, was wir gerade gesehen, aber nur bedingt verstanden haben. Und Henryk M. Broder darf seine Meinung sowieso zu jedem Thema verbreiten.

Der einfache Bürger weiß ja gar nicht, wer diese Menschen sind, die ihm da immer als Experten vorgesetzt werden. Woher kommen sie, was haben sie gelernt, welche eigenen Interessen verfolgen sie gegebenenfalls? (Es soll ja ganze Talkshow-Runden geben, die nur mit Mitgliedern der “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” besetzt sind, einer Lobby-Vereinigung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall.) Selbst von möglicherweise honorigen Professoren kennt man nur ihre Drei-Satz-Erklärungen aus dem Boulevardfernsehen (“Explosiv”, “Brisant”, “Anne Will”) und wenn man sie nur oft genug gesehen hat, kann man sie sowieso nicht mehr ertragen.

Dabei wäre es ja eigentlich nur wünschenswert, wenn sich tatsächlich die verdientesten und klügsten Leute zu Themen äußern und nicht etwa Ronald Pofalla. Es gibt eher zu wenige Denker in der Öffentlichkeit als zu viele. Die Zeiten, in denen sich der Weimarer Hof mit den weisesten Herren der damaligen Welt schmückte, sind lange vorbei. Fachleute werden von der Politik zwar noch herangekarrt, aber sofort wieder fallen gelassen, wenn ihr Fachwissen sich als unpopulär herausstellen könnte. Fragen Sie mal Paul Kirchhof, den “Professor aus Heidelberg”. (Es geht natürlich noch perfider: Hartz will heute ja nun wirklich niemand heißen.)

Der Grund, warum Medien diese Experten brauchen, ist natürlich klar: Zum einen braucht jedes Thema ein Gesicht, weswegen Hip-Hop ja auch aussieht wie Eminem und Indierock wie Pete Doherty. Zum anderen braucht man jemanden, der Ahnung von einem Thema hat, mit dem man sich gerade zum ersten Mal beschäftigt: Wer morgens in der Redaktionskonferenz die Bekanntgabe des “Vogels des Jahres” aufs Auge gedrückt bekommt, kann nicht bis zur Abgabe noch eine Ornithologie-Studium abschließen.

Vor einiger Zeit behelligte ich einen Geschichtsprofessor mit der Frage, ob er mir für eine Reportage (die immer noch zu schreiben ist) einige Einstiegsfragen beantworten könne. Er teilte mir höflich, aber bestimmt mit, dass Professoren entgegen der weitläufigen Annahme von Journalisten keine Auskunfteien seien, für solche Zwecke gebe es Fachliteratur. Der Mann hat wissenschaftlich natürlich vollkommen recht, aber kein Journalist wird im Tagesgeschäft mal eben ein, zwei, drei Fachbücher lesen können — und der Professor hat sich freilich selbst um eine Karriere als vielzitierter (weil ungelesener) Experte gebracht.

Mehr zum Thema in diesem Beitrag von “Zapp” aus dem letzten Jahr.

Der Nazi-Vergleich des Monats

Von Lukas Heinser am Sonntag, 26. Oktober 2008 15:17

… wird Ihnen präsentiert von Hans-Werner Sinn, dem Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts.

Den zitiert der “Tagesspiegel” wie folgt:

“In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken”, sagte er dem Tagesspiegel. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 “hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager”.

Damit sichert sich Sinn natürlich einen der begehrten Plätze in der großen Nazi-Vergleichs-Liste von Coffee And TV — auch wenn es sich streng genommen nur um eine Coverversion von Roland Kochs Schlager “Eine neue Form von Stern an der Brust” handelt.

Streng genommen handelt es sich hierbei natürlich nicht direkt um einen Nazi-Vergleich, weil das obligatorische “wie/seit Hitler/Goebbels/1945″ fehlt. Andererseits wird hier gleich jeder, der heute Manager kritisiert, mit Antisemiten gleichgesetzt. Und das wäre, wenn Sinn das tatsächlich gemeint haben sollte, natürlich schon eine ziemlich verunglückte Weltsicht.

Scheint die Sonne auch für Nazis?

Von Lukas Heinser am Samstag, 25. Oktober 2008 14:43

Auf Demonstrationen ist es nicht groß anders als im Fußballstadion oder auf Rockkonzerten: man ist umgeben von Menschen, mit denen man ganz offensichtlich gemeinsame Interessen teilt, aber wenn man sie sich so ansieht und anhört, kann man sich beim besten Willen nicht mehr vorstellen, mit ihnen irgendetwas gemein zu haben.

Die NPD hat für heute in Bochum zu einer Demonstration gegen “Überfremdung”, “Islamisierung” und “Ausländerkriminalität” aufgerufen und die Bochumer Öffentlichkeit reagierte mit Gegenveranstaltungen. Die Hauptkundgebung, auf die ich auch hier in der Sidebar hingewiesen hatte, stand unter dem Motto “Wir sind Bochum – Nazis sind es nicht!”, was einmal mehr ein beeindruckend merkwürdiger Slogan ist. Denn zum einen sollte es ja genau darum gehen, dass gewisse rechtsextreme Positionen inzwischen mitten in der Gesellschaft angekommen und also sehr wohl auch Teil dieser Stadt sind (ob man will oder nicht), zum anderen: Was sind Nazis dann? Wanne-Eickel?

Trotzdem ging ich heute Mittag natürlich zum Dr.-Ruer-Platz, wo sich etwa 2.000 Menschen versammelt hatten. Das ist im Vergleich zu den etwa 150 marschierenden Nazis zwar beeindruckend (Redner: “Wir sind mehr wie die Gegenseite.” – Publikum: “Als!”), andererseits aber gerade mal 0,5% der Einwohner der Stadt. Aber irgendwie konnte ich, nachdem ich fünf Minuten den Rednern gelauscht hatte, nur zu gut verstehen, wenn man mit dieser Veranstaltung nichts zu tun haben wollte: Da wurde das Scheitern der Konferenz von “Pro Köln” als leuchtendes Beispiel für zivilen Widerstand dargestellt und mit keinem Wort erwähnt, dass prügelnde und Steine werfende Autonome das Bild des friedlichen Protests erheblich gestört hatten. Immerhin zu Gewaltlosigkeit wurde aufgerufen, woran sich die vielen älteren Leute und Kinder auf dem Platz vermutlich auch von sich aus gehalten hätten. Die Antifa, denen man das hinter die Löffel hätte schreiben müssen, hatte eine eigene Veranstaltung, ein paar hundert Meter weiter.

Wirklich zu viel wurde es mir dann, als ein DGB-Mann ans Mikrofon trat und losbrüllte. Bei geifernden Menschen ist es mir egal, welche Position sie vertreten und wie sie heißen: ich kann das Geschrei nicht ertragen und es ist mir völlig schleierhaft, wie sie damit überhaupt ein Publikum erreichen können. Aber vielleicht lenkt sowas einfach ab, wenn man nichts zu sagen hat (Hitler- und/oder Lafontaine-Vergleiche bitte selbst einsetzen).

Von allen Rednern blieb mir nur ein junger Musiker im Gedächtnis, dessen Ansprache über “Nazis gehören hier nicht hin!” und “Verbietet endlich die NPD!” hinausging. Er geißelte die allgemeine Islamophobie, die auch vor “Mainstreammedien” wie “‘Spiegel’, ‘Stern’ und ‘Focus’” nicht Halt mache. Dieser Hauch von inhaltlicher Auseinandersetzung kam bei den Zuhörern aber nicht so gut an wie das Gebrüll des DGB. Kurz darauf war die Kundgebung vorbei.

Beeindruckender als diese kleine Massenveranstaltung, auf denen ich mich sowieso nie besonders wohl fühle, waren die vielen Menschen, die mit Aufklebern und Buttons auf der Jacke durch die Stadt liefen und so ihre ganz eigenen Zeichen gegen die Nazis setzten. Nennen Sie mich pathetisch, aber eine alte Dame, die beim Wochenendeinkauf “No Go für Nazis” auf dem Pelzmantel kleben hat, ist ein viel stärkeres Bild als ein paar Tausend Leute mit bemalten Bettlaken und SPD-Fahnen.

Der Aufmarsch der NPD läuft zur Stunde noch. Sie ziehen vorbei an Plakaten, auf denen “Nazis haben kleine Pimmel” steht, und an Kirchen, deren Glocken Sturm läuten und so die Parolen weitgehend übertönen.

Liveticker dazu gibt es bei den Ruhrbaronen, den Ruhrnachrichten und via twitter vom Westen.

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