Beiträge vom September, 2008

The news of FHM

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. September 2008 21:01

Welchen Nachrichtenwert hat es eigentlich, wenn sich leidlich bekannte Blondinen für ein Herrenmagazin ausziehen und dieses Magazin dazu eine kurze Pressemitteilung raushaut?

Wie’s scheint einen ziemlich hohen:

Aufnahmen für ein Männermagazin: Sarah Connor in erotischen Posen
(“RP Online”)

<br />
Sarah Connor: "Ich liebe meine Brüste"
(“Focus Online”)

Popsängerin Sarah Connor: "Ich liebe meine Brüste und meinen Körper"
(Bild.de)

<br />
Hier Beginnt der Inhalt: Die schüchterne "Anna" - ganz sexy in der FHM
(“tz online”)

Sexy Foto:<br />
Jeanette Biedermann gar nicht bieder, Mann
(express.de)

Jeanette Biedermann - Sexy vs Schüchtern!
(viva.tv)

Prominente:<br />
Jeanette Biedermann zeigt, dass sie nicht schüchtern ist
(“Der Westen”)

Fotoshooting: Jeanette Biedermann zeigt sich gar nicht bieder
(“Berliner Morgenpost”)

Die schöne Jeanette Biedermann: Warum muss diese Frau nach der Liebe suchen?
(“RP Online”)

Sie findet ihren Körper schön: Jeanette Biedermann räkelt sich in Dessous
(“RP Online”)

Jasmin Schornberg: So schön kann Kanufahren sein
(“RP Online”)

PS: Und für die Biedermann-Namenswitze gehört Ihr gehauen!

I hope that it got into you

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. September 2008 15:35

Dies ist die Geschichte eines Liedes.

2001, ein Jahr nachdem sich meine Lieblingsband Ben Folds Five aufgelöst hatte, stieß ich im Internet auf die drei letzten neuen Songs, die die Band jemals live vorgestellt hatte: “The Secret Life Of Morgan Davis”, ein swingender Popsong, tauchte wenig später als B-Seite zu Folds’ erster Solosingle “Rockin’ The Suburbs” wieder auf, “Prince Charming”, geschrieben und gesungen vom Bassisten Robert Sledge, erschien 2004 auf der ersten (und einzigen) EP von dessen Nachfolgeband International Orange. Der dritte, den ich immer am Meisten gemocht hatte, blieb verschwunden: “Amelia Bright”, geschrieben von Darren Jessee, dem Schlagzeuger von Ben Folds Five, der auch die großartige Ballade “Magic” auf dem letzten Album der Band geschrieben hatte.

Darren Jessee (Foto: Debora Francis)2004 stellte ich dann fest, dass es Hotel Lights gab, Darrens neue Band, in der er die Songs schrieb, Gitarre und Klavier spielte und sang. Ich hörte mir die Songs an, die online verfügbar waren, und schrieb Darren eine E-Mail. Ich schrieb ihm, dass ich die Musik von Hotel Lights liebte, fragte aber auch, was mit “Amelia Bright” passiert war. Darren antwortete, dass ihm schon viele Leute diese Frage gestellt hätten, und wir blieben in Kontakt. Er schickte mir das selbstbetitelte Debutalbum von Hotel Lights, CT das radio, das Bochumer Campusradio für das ich damals arbeitete, war vermutlich der erste europäische Sender, der die Band gespielt hat, und jedesmal, wenn ich jemanden aus der Musikindustrie traf, schwärmte ich ihm von Hotel Lights vor (Das habe ich überhaupt nur zwei Mal gemacht. Bei den Kilians verlief das allerdings etwas erfolgreicher.) 2006 veröffentlichten Hotel Lights eine EP namens “Goodnightgoodmorning”, auf der einmal mehr wunderbare Folk-basierte Popsongs zu finden waren. Möglicherweise haben Sie den Song “A.M. Slow Golden Hit” bei “Grey’s Anatomy” gehört, ohne es zu merken.

Vor ein paar Wochen stellte ich fest, dass Hotel Lights ein neues Album namens “Firecracker People” veröffentlichen würden – und auf ihrer MySpace-Seite stolperte ich endlich über ihre Version von “Amelia Bright”. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich den Song schon seit sieben Jahren geliebt hatte, aber seine Schönheit haute mich buchstäblich um. Er war sogar noch viel besser als die Ben-Folds-Five-Version – was vermutlich daran lag, dass der Sänger diesmal auch der Mann war, der das Lied geschrieben hatte: Darren Jessee.

Auch wenn “Amelia Bright” aus “Firecracker People” herausragt (und von mir als billiger Aufhänger für diesen Artikel benutzt wurde), sind die anderen Songs kein Stück schlechter. Die Musik von Hotel Lights erinnert mich an Künstler wie Ron Sexsmith, Josh Rouse und Sparklehorse (Alan Weatherhead von Sparklehorse hat das Album mitproduziert und darauf Gitarre gespielt). Sie klingt herbstlich, melancholisch und friedlich und ich stelle mir vor, durch kleine amerikanische Städte und in die menschenleere Landschaft zu fahren – Bilder, mit denen Darren Jessee leben kann.


HOTEL LIGHTS “Blue Always Finds Me” from Firecracker People on Vimeo.

Lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit Darren Jessee von Hotel Lights: auf deutsch oder im englischen Original.

Hotel Lights - Firecracker People (Album cover)
Hotel Lights – Firecracker People

VÖ: 19. August 2008 (in den USA)
Label: Bar/None
(einen US-Import des Albums kann man bei Amazon.de bestellen)

Unvernünftig

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. September 2008 13:08

Nachdem in der letzten Zeit eine beunruhigende Zahl an Datenschutzvergehen aufgeflogen war, hatte Wolfgang Schäuble gestern zu einem Datenschutzgipfel geladen.

Thomas Knüwer nennt die beschlossene Gesetzesverschärfung, die die Datenweitergabe nur mit ausdrücklicher Einwilligung der Betroffenen vorsieht, eine “weltfremde PR-Aktion der Politik” und fordert ein komplettes Verbot des Handels mit Personendaten.

Wolfgang Schäuble, Bundesminister des Inneren und selbst begeisterter Datensammler, sieht das ein bisschen anders:

Wir sollten auch nicht das amtliche Telefonbuch, wo man gucken kann, wie man einen anrufen kann, schon als eine der ganz großen Gefahren ansehen. Sondern was wir brauchen ist, angesichts neuer technologischer Entwicklungen, angesichts einem ganz anderen, ähm, Möglichkeiten, Potentialen der Datensammlung, -speicherung und -verarbeitung eine vernünftige Begrenzung des Missbrauchs.

[Nachzuhören bei WDR 2]

Natürlich ist ein Telefonbuch (für das ich der Nennung meiner Daten übrigens gleich bei Anschlussanmeldung widersprochen habe) keine “ganz große Gefahr”. Das hat aber erstens (soweit ich weiß) auch niemand behauptet und zweitens klingt diese Umschreibung etwas merkwürdig aus dem Munde eines Mannes, der in allem und jedem eine Gefahr sieht.

Und ob eine Begrenzung des Missbrauchs auch etwas anderes als “vernünftig” sein kann, wüsste ich dann wirklich gerne mal.

Mit Dank an Oliver Ding für den Hinweis.

“Outrageous double standards”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. September 2008 0:01

Falls Sie eine lustige Fernsehsendung über Politiker oder Medien machen wollen: Sie müssen sich gar keine Frisurenwitze ausdenken oder tausend Mal irgendein albernes Video abspielen. Es reicht völlig, wenn Sie ein gut sortiertes Archiv haben:

[Direktlink]

Die Frage ist nur, ob das am Ende eigentlich noch zum Lachen ist.

Und wenn Sie jetzt sagen: “Ja, so sindse halt, die Amis, aber so bekloppte Leute haben wir hier ja nicht”, dann sage ich: “Na ja. So sicher wäre ich mir da nicht …”

Trau, schau wem

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. September 2008 20:03

Mit manchen Geschichten ist es wie mit alten Pullovern: Man zieht an einem losen Faden und am Ende hat man das ganze Teil aufgeribbelt.

Am Dienstag wurde David Harnasch das seltene Glück zuteil, als Blogger wohlwollend von “Spiegel Online” porträtiert worden zu sein. Er betreibt seit vergangenem November das Blog “Bildschirmarbeiter”, in dem er das aktuelle TV-Programm kritisiert und parodiert. Mir war das Blog bis vor wenigen Stunden gänzlich unbekannt, seine technorati authority (die freilich nichts über die Qualität aussagt) lag vor dem SpOn-Artikel bei 42.

Harnasch nimmt sich spannenden Themen an, wie in seinem aktuellsten Beitrag vom 6. August. Was “Frontal 21″ da gemacht hat, ist wirklich mindestens sehr merkwürdig, Harnaschs Beitrag finde ich persönlich aber weder spannend noch lustig (falls die Verkleidung lustig sein sollte), sein anfängliches ÖR-Bashing nur peinlich. Aber das ist letztlich Geschmackssache – viele Leute werden ja auch unsere Videos nicht lustig finden.

Jan-Philipp Hein, der das große “Bildschirmarbeiter”-Porträt geschrieben hat, folgt darin einer Prämisse, die er in der Einleitung vorstellt:

Fernsehen spielt online fast keine Rolle. Wenige Blogger arbeiten sich am ehemaligen Leitmedium ab – einer aber mit viel Witz und exzessivem Aufwand. Ansonsten gilt TV online vielleicht einfach nicht mehr als kritikwürdig.

Ich sehe das anders. Da wäre ja zum Beispiel der “Fall Bankhofer”, in dem sich der WDR wegen des “Anscheins auf Schleichwerbung” von dem sympathischen “Gesundheitsexperten” trennte, nachdem zwei Blogs die Geschichte angestoßen hatten.

Zugegeben: neben dem Fernsehlexikon, Stefan Niggemeier (bei dem man aber auch ganz froh ist, wenn er nicht jedes Mal genannt wird, wenn der Begriff “Blogger” fällt), medienpiraten.tv und dem Wortvogel, der sich des Themas immer mal wieder von der Macher-Seite annimmt, fallen mir auch nicht mehr soooo viele Fernseh-Blogs ein. “Fast keine Rolle” sieht für mich aber trotzdem anders aus.

In der “SpiegelKritik” stolperte ich dann über diesen Eintrag zu Heins Artikel, den ich auch in meinen aktuellen “Klickbefehl” aufnahm: Timo Rieg schrieb da, Hein und Harnasch seien einander durch die “Achse des Guten” verbunden – Harnasch ist Autor jenes “publizistischen Netzwerks”, das sich gerne mit dem Untergang des Abendlandes und dem angeblichen “Klimaschwindel” befasst, und für das Hein schon dreimal als Gastautor gearbeitet habe. Außerdem betrieben sie gemeinsam das “Netzwerk Gegenrecherche”, schreibt Rieg.

Gefälligkeitsjournalismus unter alten Kumpels bei “Spiegel Online”? Ein ziemliches Ding, wenn dem so wäre.

Allein: So wie’s aussieht, ist dem nicht so. Jan-Philipp Hein erklärte mir gegenüber, dass er David Harnasch “vor zwei, drei Wochen” erstmalig kontaktiert habe – um eben genau jenes Porträt über ihn für “Spiegel Online” zu schreiben. Über die “Achse des Guten” hätten die beiden bisher keinerlei Kontakt gehabt und was dort an Gastbeiträgen von Hein veröffentlicht wurde, seien alle jeweils Zweitverwertungen aus anderen Medien gewesen.

Über “Bildschirmarbeiter” habe er geschrieben, weil er das Blog “originell” finde, sagt Hein, und mit dem “Netzwerk Gegenrecherche” habe der Kollege Harnasch nur insofern zu tun, als der einmal darauf verlinkt habe.

Und – hier kommen wir auf den Pullover-Satz vom Anfang zurück, der Sie dort sicherlich ziemlich verwirrt hat – statt über mögliche Mauscheleien bei “Spiegel Online” zu schreiben, saß ich plötzlich an einem Artikel, der sich mit der haarsträubenden Recherche (bzw. Nicht-Recherche) bei “SpiegelKritik” auseinandersetzen muss. Jan-Philipp Hein nannte den dortigen Artikel, in dem sich Timo Rieg auch noch als Mitglied des “Netzwerks Recherche” zu erkennen gibt, “bedenklich” und “unmöglich” und auch bei “Spiegel Online” war man darüber alles andere als glücklich.

Timo Rieg erklärte mir auf Nachfrage, er wolle seinen Artikel in der “SpiegelKritik” als “Rezension einer Rezension” verstanden wissen.

PS: Was man aber wohl ruhigen Gewissens als kontraproduktiv bewerten kann, ist die Tatsache, dass David Harnasch wenige Tage vor der Veröffentlichung seines Porträts bei “Spiegel Online” einen Blog-Eintrag mit folgenden Worten begann:

Auch wenn ich momentan guten Grundes wegen nicht über SPON lästern sollte, [...]

Klickbefehl (14)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. September 2008 12:38

Da mögen Fans noch so sehr darauf schwören, die “Lindenstraße” sei heute ja eine ganze andere als vor 20 Jahren. Humorvoll, selbstironisch und dergleichen. In Wahrheit ist die Kleinbürger-Soap immer noch ein Panoptikum der Piefigkeit. Wie fast alle Soaps sind ihre Kulissen vollgestellt mit uninspirierten Charakteren und zugeschüttet mit grauenhaften Dialogzeilen der Sorte: “Ah, meine Umweltplakette, endlich!”

Markus Brauck rechnet im “Spiegel” mit der “Lindenstraße” ab. Dazu gibt es eine Bildergalerie, die dem Wort “Graustufen” eine ganz neue Bedeutung zukommen lässt. (Bitte markieren Sie sich diesen Tag im Kalender: ich empfehle eine Bildergalerie bei “Spiegel Online”!)

* * *

Das ist die wohl ungewöhnlichste Meldung des Tages: Die ARD kauft RTL die Serie “Die Anwälte” ab – also die Serie, die RTL Anfang des Jahres nach nur einer Folge, die mit 10,8 Prozent Marktanteil die Erwartungen nicht erfüllen konnte. aus dem Programm genommen hat. Fortan diente die Serie als Musterbeispiel für fehlendes Vertrauen der Sender in die eigenen Produktionen.

DWDL.de berichtet über das überraschende Comeback einer Serie, die (also deren erste Folge) ich eigentlich ganz gut fand und deren Absetzung mein Verhältnis zu RTL nachhaltig gestört hat.

* * *


Einfacher wäre zu sagen: Ich mag ihn. Ich freue mich, dass ich neben dem Mitglied der „Achse des Guten“ auch schon drei Mal dort als Gastautor auftreten durfte und dass wir nun gemeinsam ein Netzwerk Gegenrecherche starten.

Timo Rieg erläutert in der “Spiegelkritik” die Hintergründe zu einem sehr, sehr merkwürdigen “Spiegel Online”-Artikel über einen der angeblich ganz wenigen deutschen TV-Blogger.

Warum diese Geschichte nur mit äußerster Vorsicht zu genießen ist (wenn überhaupt), erzähle ich Ihnen später steht hier.

* * *

Einen Vorschlag zur Güte hatte Broder abgelehnt. Er werde sich keinen “Maulkorb” verpassen lassen, “weil sonst Antisemiten entscheiden dürften, was Antisemitismus ist”. Nun befanden die Richter, Broders Vorwurf habe die Grenze zur Schmähkritik überschritten, weil “im konkreten Kontext der Äußerung die Diffamierung der Klägerin, nicht die Auseinandersetzung in der Sache im Vordergrund” gestanden hätte.

Henryk M. Broder stand mal wieder vor Gericht und die “taz” versucht zu erklären, was los war.

Patrick Bahners hatte vor einigen Wochen in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” ebenfalls über den Prozess geschrieben und Broders Lebenswerk damals beeindruckend zusammengefasst:

Seine preisgekrönte publizistische Strategie der verbalen Aggression nutzt den Spielraum der Meinungsfreiheit, um ihn einzuschränken: Kritiker Israels sollen eingeschüchtert werden.

* * *

Weitere Linktipps können Sie übrigens seit Neuestem dem delicious-Account von Coffee And TV entnehmen. Und falls ich endlich rauskriege, wie ich den dazugehörigen Feed hier in die Sidebar eingebaut kriege, wird das alles viel praktischer und übersichtlicher.

Your Redneck Past

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 3. September 2008 11:33

“Ich würde nach Chapel Hill fliegen, wenn es eine einmalige Reunion-Show von Ben Folds Five gäbe”, war immer mein Standardspruch, wenn es um Fandom ging. Ich habe halt nie verwunden, dass ich meine Lieblingsband nie live gesehen habe.

So wie es aussieht, muss ich nun mein Sparschwein schlachten und sämtliche Freunde anpumpen, denn am 18. September steht meine Lieblingsband zum ersten Mal seit neun acht Jahren gemeinsam auf der Bühne, um mein Lieblingsalbum zu spielen:

Ben Folds Five

MySpace launcht damit offenbar eine neue Konzertreihe.

Aaaaaaaaaaaaaaaaaarrggggghhhhhh!!!!!!!1

[via The Magical Armchair]

Law And Order

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. September 2008 20:00

Gestern sah ich auf meinem Schreibtisch aus einem Stapel Papier einen Kontoauszug herausragen. “Das ist ja auch nicht gut, wenn der hier so einzeln rumliegt”, dachte ich, stellte fest, dass die Papiere darüber und darunter (Laptop-Rechnung, Steuernummer) auch besser mal abgeheftet werden sollten, und stiefelte mit einem Stapel Zettel und einem Locher zum Regal mit den Aktenordnern.

Diese befanden sich unerreichbar hinter einer Wand aus davor gestapelten Zeitschriften. Als ich mich hinkniete, um die Zeitschriften beiseite zu schieben, sah ich, dass das knallrote Metallschränkchen, auf dem meine Kompaktanlage steht, mit einer Zentimeter dicken Staubschicht bedeckt war. In diesem Moment wusste ich, dass ich für den Rest des Tages gut beschäftigt sein würde.

Ich räumte das Metallschränkchen komplett leer, entstaubte es auch von innen und trennte mich von mehreren freundlichen Süßigkeitengeschenken vergangener Weihnachtsfeste. Ich entsorgte alten Hustensaft, nicht mehr klebende Briefumschläge und schichtete den kompletten Schrank um. Auch darunter sortierte ich alles neu, ehe ich mich meinem Bücher- und Zeitschriftenregal zuwandte.

Zwei Sammelboxen mit wahllosen Einzelausgaben von Deutschlands unnötigstem Musikmagazin wurden in den Papierkorb, der in diesem Fall eine übergroße Papiertüte war, geleert. Dann überlegte ich , ob ich eigentlich noch die ersten zehn Ausgaben der deutschen “Vanity Fair”, die ersten 30 Ausgaben “Galore”, sowie je mehrere Jahrgänge “Visions”, “Musikexpress” und “Rolling Stone” (deutsch) brauchte. Ich entschied mich für den Moment für “Ja”, weil ich zu faul war, noch öfter zum Papiercontainer zu gehen. Außerdem hatten die ja alle Geld gekostet.

Mehrere Keksdosen (ca. Weihnachten 2004 bis 2007) wurden zuerst vollständig entleert (in den Mülleimer) und dann in die Abstellkammer gebracht – für den Fall, dass ich in diesem Dezember Plätzchen backen will. Dann kam die Fensterbank dran, auf der seit gut zwei Jahren Andenken an meinen dreimonatigen USA-Aufenthalt lagerten. Für sie war gerade ein Platz im Metallschrank freigeworden. Anschließend verschwanden im Müll: mehrere Kataloge des Kölner “Music Stores”, mehrere Zeitungen deutschsprachiger Minderheiten in verschiedenen Ländern, über die ich meine B.A.-Arbeit vor anderthalb Jahren dann doch nicht geschrieben hatte, sowie etliche Zeitungsartikel, die ich mir mal ausgerissen, aber doch nie gelesen hatte. Palmwedel darf man ja nicht wegwerfen, soweit ich weiß.

Nach etwa drei Stunden war ich dabei, die vier Jahre alte Standleuchte erstmalig auseinanderzubauen und von Insektenkadavern zu reinigen. Dann wischte ich meinen Schreibtisch, meinen Nachttisch und die Oberseite meiner CD-Regale – nicht, ohne das Staubtuch jeweils zwischendurch gründlich auszuwaschen. Normalerweise putze ich so gründlich nur kurz vor meinem Geburtstag, wenn sich Gäste angekündigt haben.

Und das war ja auch das Bizarre an meiner Reinigungsaktion: es gab keinen Grund dafür. Ich hatte nicht einmal irgendetwas wichtiges zu tun, was eine Prokrastination gerechtfertigt hätte. Es war eben nur dringend nötig gewesen.

Nach viereinhalb Stunden war der Teppichboden, jede Ecke und die Wand hinter dem Heizkörper gründlich abgesaugt. Ich betrachtete stolz mein Werk und war mit mir und der Welt zufrieden. Da fiel mein Blick auf den Kontoauszug, der einsam auf einem ordentlichen Schreibtisch lag.

Heiteres Berufungsraten

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. September 2008 15:06

Udo Ulfkotte war früher Redakteur der “FAZ” und betreibt heute “Akte Islam”, was manche euphemistisch eine “islamkritische Webseite” nennen. Die taz bezeichnete es als “trauriges Schauspiel” und Ulfkotte, der sich mit “Bürger in Wut” und “Pax Europa” auch als Politiker versucht, als “Irrlicht”.

Sein neues Buch heißt “SOS Abendland” und erscheint im Kopp-Verlag, der auch Titel wie “Die letzten Tage von Europa”, “Achtung, Gutmenschen!”, “Der Multikulti-Irrtum”, “Kopf hoch, Deutschland” oder “Heiliger Krieg in Europa” verlegt. Zu Promotionszwecken hat der Verlag ein “Multikulturelles Quiz” eingerichtet, bei dem man das Buch gewinnen kann, und das seit einigen Tagen durchs Internet geistert. Auch hier im Blog war es als Spam-Kommentar von einem angeblichen Bernd Schreiber kurzzeitig in den Kommentaren aufgetaucht – beeindruckend unpassend unter diesem Eintrag.

Damit Sie sich die Marschrichtung des Quizes so ungefähr vorstellen können, hier mal Frage 1 von 25:

FRAGE 1: In welchem Land wird das öffentliche Zeigen einer offiziellen Landesflagge inzwischen als Diskriminierung moslemischer Zuwanderer gesehen und kann von der Polizei mit einem Bußgeld belegt werden?

a. Schweden b. Schweiz c. Dänemark d. England

Diese Frage ist knifflig, sie lässt sich nicht mal eben mit einer einfachen Google-Suche beantworten – was entweder für die Erfinder des Quizes spricht, die es den Teilnehmern natürlich nicht zu einfach machen wollten, oder dafür, dass an der Geschichte so einiges nicht stimmt.

FRAGE 5: In welchen Städten gibt es zwar ein Rauchverbot in Restaurants, von dem allerdings Besucher islamischer Restaurants ausgenommen sind, die Wasserpfeife rauchen?

a. Vancouver b. Paris c. Rom d. Berlin

Vancouver ist es schon mal nicht, auch wenn Ulfkotte vermutlich genau darauf hinaus will. Zwar hatten die Besitzer von Hookah lounges (übrigens ebenso wie die von profanen Zigarrenclubs) zunächst eine Ausnahmegenehmigung erwirken können, die aber im Januar, noch vor Einführung des Rauchverbots in Vancouver, aufgehoben wurde.

“Berlin”, schlägt da das ebenfalls islamophobe Blog “PI-News” vor. Eine weitere vorläufige Aussetzung des in Deutschland (und vor allem in Berlin) völlig durchlöcherten Rauchverbots aus Wettbewerbsgründen halt. Vermutlich würde aber nie jemand Eckkneipen als “christliche Restaurants” bezeichnen. In der islamischen Republik Iran ist das Rauchen von Wasserpfeifen im öffentlichen Raum übrigens seit vergangenem Jahr verboten.

FRAGE 11: In welcher Stadt wurde 2008 der erste Wohnblock für ältere Mitbürger eröffnet, in dem alle Toiletten und auch die Betten Islam-konform ausgerichtet sind?

a. Baden-Baden b. Brügge c. Bristol d. Barcelona

Mal davon ab, dass Christen, Juden, Hindus oder Heiden kein Nachteil daraus entsteht, wenn in Bristol die Toiletten in bestimmte Himmelsrichtungen zeigen, ist die Frage (“alle Toiletten”) schon falsch gestellt:

There is a large Bangladeshi population in the area and 15 of the flats have been oriented to ensure that the layout of the bedrooms and bathrooms do not conflict with the need to face Mecca during prayers.

15 von 55 Wohnungen also.

Es sind diese kleinen Ungenauigkeiten, die – kombiniert mit Verzerrungen und Unterstellungen – ein Gesamtbild ergeben, das weit von der Realität entfernt ist.

FRAGE 21: In welchen europäischen Städten wurde 2007 das Neujahrsfeuerwerk aus Angst vor randalierenden Muslimen verboten?

a. Paris b. Brüssel c. Berlin d. London

Auch hier liegt der Teufel im Detail: die (begründete, wie sich im Nachhinein zeigen sollte) Angst vor Randalen in Paris wird plötzlich zur “Angst vor randalierenden Muslimen”. Die komplexe Situation von Kindern aus sozial schwachen Familien (oftmals die Nachfahren von Einwanderern), die mit unzureichender Bildung und arbeitslos in zubetonierten Vorstädten leben, und dort in eine Spirale der Gewalt und Ausgrenzung geraten, wird so lange verknappt, bis – wie so oft – nur noch der Islam übrig bleibt.

Aber Ulfkotte wäre nicht Ulfkotte, wenn sein Quiz ohne Sparschwein auskäme:

FRAGE 24: In welchem Land hat eine bekannte Bankengruppe die Sparschweine aus dem Verkehr gezogen, weil diese angeblich nicht länger in eine multikulturelle Umgebung passen und junge Muslime beleidigen könnten?

a. Schweiz b. Norwegen c. Niederlande d. Deutschland

Sparschweingeschichten sind unter “Islamkritikern” besonders beliebt, aber selten so einfach, wie sich das Leute wie Ulfkotte oder Henryk M. Broder wünschen. Auch der Fall der niederländischen Fortis-Bank, die das Sparschwein “Knorbert” nach sieben Jahren nicht neu aufgelegt hat, ist wohl wesentlich komplexer. Warum z.B. ist der Artikel im “Telegraaf”, von dem die Diskussion ausging, aus dem Internetangebot der Zeitung verschwunden? Hat es etwas damit zu tun, dass eine Sprecherin von Fortis den Artikel als “nicht korrekt” bezeichnet hat? Ich weiß es nicht. Udo Ulfkotte offenbar schon.

Beunruhigend ist neben der viralen Verbreitung dieses Quizes vor allem eines: Ralph Giordano, dem ich eigentlich zugetraut hätte, dass er weiß, welche Folgen Halbwahrheiten und Ammenmärchen über bestimmte Bevölkerungsgruppen haben können, lässt sich vor den Promo-Karren spannen und wie folgt zitieren:

Der Inhalt dieses Buches ist erschreckend! Einer der großen Bundesgenossen bei der Islamisierung Europas ist die Unwissenheit der Bevölkerung. Das Buch SOS Abendland hilft bei der Aufklärung. Die Fakten sind erdrückend. Es ist kaum zu glauben, wie weit die Islamisierung in einzelnen europäischen Ländern bereits fortgeschritten ist. Die meisten Bürger haben keine Ahnung, was da wirklich vor sich geht.

Ungelesen glaube ich ihm vor allem den ersten Satz.

Seite: << 1 2 3 4