Gebt den Kindern das Kommando

Von Lukas Heinser am Dienstag, 23. September 2008 11:12
Kategorie: Somebody Told Me

Man kennt das aus vielen, vielen Hollywood-Komödien: es klingelt an der Tür und – Zack! – hat ein Mann ein Kind am Hacken, von dessen Existenz er nichts geahnt hat und mit dem er sich erst gar nicht und dann super gut versteht. Mir ist gestern auch ein Kind zugelaufen — allerdings konnte ich sicher sein, dass es nicht mein eigenes war.

Ich ging gerade auf die Rolltreppen in Bochums größtem Elektronikkaufhaus zu, als ich ein kleines Mädchen erblickte, das einsam zwischen Dampfbügeleisen und diesen komischen aufblasbaren Hemdenglattmachern stand, von denen niemand weiß, wie sie funktionieren und wer sie kauft.

“Ich muss da rauf”, sagte das Mädchen mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ. “Meine Mama ist da oben und muss noch was bezahlen!”
“Und dann bist Du alleine hier unten?”, fragte ich ungläubig.
“Ja, aber ich muss da wieder rauf!”
“Und Deine Mama ist oben?”
“Ja”, wiederholte die Kleine und nagte nervös am Ohr ihrer Stoffente herum.
“Willst Du mit mir hochfahren?”, fragte ich und – Zack! – hatte ich ein Kind am Hacken.

Erstaunlich selbständig fuhr das Mädchen mit mir die Rolltreppen hinauf in den zweiten Stock. Blitzschnell verschwand sie1 laut “Mama! Mama, bist Du hier?” rufend zwischen den Reihen von CD-Regalen. Ich wollte mich gerade den aktuellen Angeboten zuwenden, als ihr Gesicht wieder auf Höhe meiner Knie auftauchte und mich verwirrt anschaute. Mir fiel auf, dass die Stoffente nur noch ein Ohr hatte.

“Nicht da?”, fragte ich das Offensichtliche.
“Die muss hier sein, aber ich finde sie nicht”, entgegnete das Kind, nur minimal beunruhigt. Es ist das Privileg von Kindern und Paranoiden, sich die eigene Theorie nicht durch Fakten zerstören zu lassen.

Weil ich als Kind mal bei einem Stadtfest meine Eltern verloren hatte2 und mit dem Gedanken, für den Rest meines Lebens unter der Rotbachbrücke an der katholischen Kirche schlafen zu müssen, durch die Gegend getaumelt war, dachte ich, dass es in dieser Situation doch sinnvoller wäre, aktiv zu werden.
“Sollen wir mal Deine Mama ausrufen lassen?”, fragte ich das Kind und mich einen Augenblick später, ob “ausrufen lassen” nicht vielleicht doch eine etwas zu komplexe Formulierung war. Überhaupt “ausrufen”, was soll denn das Wort heißen?

Die erste Information war geschlossen, an der zweiten mussten wir einige Zeit warten3, ehe wir die Aufmerksamkeit der Bediensteten erregen konnten.
“Sie sucht ihre Mama”, erklärte ich und unterstrich das eben Gesagte mit einem Blick, von dem ich hoffte, er würde “Seid so freundlich und tut um Himmels Willen irgendwas!” ausdrücken.
Mit jeder Minute, die verstrich, wurden nämlich die Bilder eines Mobs von “Bild”-Lesern, die mit Mistforken und Fackeln diesen wahnsinnigen Studenten von der Entführung des unschuldigen Kindes abhalten wollten, vor meinem geistigen Auge schärfer. Ich überlegte, ob ich die Nummer meines Anwalts im Handy eingespeichert hatte, und war ausgesprochen froh, nicht auch noch irgendwie südländisch auszuschauen. Sie hätten mich sonst sofort erschossen.

“Äh”, sagte der Verkäufer, was jetzt nicht ganz meinen in ihn gesetzten Hoffnungen entsprach. “Am Besten geht Ihr ins Erdgeschoss. An der Information können die auch ausrufen!”
“Ah, okay. Vielen Dank”, sagte ich und freute mich auf eine weiter Tour durchs halbe Kaufhaus.

Ich wandte mich wieder der Kleinen zu: “Wir müssen wieder runter. Da können die dann Deiner Mama über Lautsprecher Bescheid sagen.”
Das Kind nickte begeistert und wirkte immer noch nicht sonderlich beunruhigt. Gemeinsam gingen wir wieder durch die komplette CD-Abteilung, wo sie noch einmal in jeden Gang guckte, ob sich ihre Mutter dort auch nicht versteckt hätte.

“Wollen wir Fahrstuhl fahren?”, fragte ich, weil mir das irgendwie ungefährlicher erschien als noch mal die Rolltreppe zu nehmen. Das Mädchen nickte und langsam machte ich mir Sorgen um das zweite Ohr der Ente.

Im Aufzug nach unten fragte ich sie, wie alt sie eigentlich sei.
“Ich bin vier!”, verkündete sie stolz und bejahte auch meine anschließende Frage, ob sie denn mit vier auch schon alleine durchs Kaufhaus ziehen dürfe.

Die gläserne Kabine schwebte ins Erdgeschoss ein und ich wappnete mich gerade für die Begegnung mit dem Lynchmob, als das Kind erfreut “Ich kann meine Mama sehen!” ausrief.
Die Türen öffneten sich und die Kleine stürmte mit gutgelauntem “Mama, Mama!”-Gebrüll einer Frau in die Arme, die offensichtlich bis zu diesem Augenblick in großer Sorge gewesen war.

Nun passierten mehrere Dinge gleichzeitig: Die Mutter schloss ihr Kind in ihre Arme, begann zu weinen, fragte “Wo warst Du denn?” und sagte “Mach das nie wieder!”
Ich stand unschlüssig daneben und kam mir so fehl am Platze vor, wie es Redakteure von Reality-Formaten tun sollten, wenn sie ein bisschen Anstand und Schamgefühl hätten. Einfach gehen hätte ich aber auch doof gefunden, also sagte ich “Sie hat Sie gesucht, wir wollten Sie gerade ausrufen lassen!” in den offenen Raum hinein, womit es mir immerhin gelang, die Aufmerksamkeit der Mutter zu erregen, die sich mit feuchten Augen bedankte.

“Okay, alles geklärt”, dachte ich und verließ auf dem schnellsten Wege den Laden. “Wäre ich Pfadfinder gewesen, hätte ich heute einen besonders großen Haken in meinen Kalender machen können.”

Von dem kleinen Mädchen hatte ich mich gar nicht mehr verabschiedet. Von der Stoffente auch nicht.

  1. Ich schreibe immer “das Mädchen” und “sie” — biologisches Geschlecht geht mir vor grammatikalischem. []
  2. Also, keine Angst: Die Beiden leben noch und erfreuen sich bester Gesundheit, sie waren mir damals nur abhanden gekommen. []
  3. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass es taktisch unklug war, das Kind direkt vor einer ein Meter hohen Theke und damit außerhalb der Sichtweite der Verkäufer abzustellen. []

19 Kommentare

  1. 1

    sehr schöne geschichte!

  2. 2

    Wir waren neulich in der Fußgängerzone, durch die auch ein einsames Kleinkind stapfte. Es war dunkelhäutig, was normalerweise natürlich nicht erwähnenswert ist, aber hier schon, da das der einzige Grund war, warum uns und anderen Passanten aufgefallen ist, dass dieses Kind offensichtlich elternlos unterwegs ist (naja, das, und dass es dann irgendwann angefangen hat, zu weinen). Relativ schnell bildete sich dann auch ein Pulk um den Kleinen und es war eine merkwürdige Szenerie, die sich auftat: Es wurde jeder Schwarze, der vorbeikam gefragt, ob das Kind zu ihm gehöre. Es wirkte komisch, aber mal objektiv betrachtet, war es die naheliegendste Sache.
    Und irgendwann war dann ja auch die richtige Frau darunter.

  3. 3

    Seit wann haben Enten [benagbare] Ohren?

  4. 4

    @bastian:

    Ich rieche ein Film-Sequel: Einohrenten

    Ansonsten eine unterhaltsame Geschichte, ich habe ja irgendwie Angst vor kleinen Kindern. Die sind so unberechenbar…

  5. 5

    Seit wann haben Enten [benagbare] Ohren?

    Stoffenten haben wohl Ohren!

    (Oder sollte das gar ein ganz anderes Tier gewesen sein? Haben Hasen riesige Schnäbel?)

  6. 6

    Ich liebe so Geschichten, die direkt aus dem Alltag stammen. :-)

  7. 7

    Schöne Geschichte, und sehr schön geschrieben. :o)

  8. 8

    Und bist du nicht mehr in den Laden zurückgegangen? Gekauft hast du ja nichts, oder?

  9. 9

    Ich habe kürzlich einen kleinen Jungen am Bochumer Hbf aufgelesen. Er, etwa zehn Jahre alt, Handy in der Hand, weinend – weil Mama nicht ans Telefon ging – im Mittelgang. Er hatte den Zug verpasst. Im Reisezentrum hatte man ihm zwar einen neuen Reiseplan ausgedruckt, ihn dann aber alleine auf die Suche nach dem passenden Gleis geschickt (Zwei erhobene Daumen auf den Service der DB) Ich habe ihn dann in den richtigen Zug gesetzt. Aber erstaunlich, wieviele Leute im Feierabend-Hochbetrieb an dem Kind einfach vorbeigelaufen sind.

  10. 10

    “Weil ich als Kind mal bei einem Stadtfest meine Eltern verloren hatte und mit dem Gedanken, für den Rest meines Lebens unter der Rotbachbrücke an der katholischen Kirche schlafen zu müssen,…”

    Ich hatte als Kind mal den Ehrgeiz ganz Dinslaken durch den Rotbach watend zu unterqueren. Es ging ziemlich weit … fast wie in den Kloaken von Wien. Ach, was wäre aus Dinslaken geworden, wenn der “Dritte Mann” nicht dort, sondern in den Rotbachtunnels unter der Stadthalle gedreht worden wäre!

  11. 11

    “haben Hasen riesige Ohren?” – muhahaha, das war die endgültige Krönung dieses Beitrags :-)

    … wobei mir jetzt auch kein Tier mit Schnabel UND Ohren einfällt (oder war es vielleicht sowas wie ein Kamm beim Hahn oder Kakadu?). Laut Wikipedia haben Vögel jedenfalls generell keine Ohren.

  12. 12

    diese sache mit dem mob: das gefühl kenne ich. >mann< ist ja so gebrandmarkt.

  13. 13

    Ach, was wäre aus Dinslaken geworden, wenn der “Dritte Mann” nicht dort, sondern in den Rotbachtunnels unter der Stadthalle gedreht worden wäre!

    Rotbachtunnels unter der Stadthalle?! Das muss vor meiner Zeit gewesen sein.

    Aber Du hast Recht: Diese Tunnels müsste man sich wirklich mal genauer ansehen. Da könnte man ja auch ein Video drüber drehen.

  14. 14

    Allerdings ist es schon arg grenzwertig, Grönemeyer im Titel zu zitieren…

  15. 15

    Die einzigen untertunnelten Stellen des Rotbachs, die ich kenne, sind zwischen Bachstr. und Duisburger Str. (neben der ehemaligen Bücherstube Jacobs) und das Stück von der Thyssenstr. (am Walzwerk) bis zum kleinen Kreisverkehr an der Krengelstraße…

  16. 16

    Allerdings ist es schon arg grenzwertig, Grönemeyer im Titel zu zitieren…

    Aber doch nicht in Bochum!

  17. 17

    “Aber doch nicht in Bochum!”

    Genau. Immerhin ist die Stadt mehr oder weniger ein einziges, großes Grönemeyerzitat.

  18. 18

    @Thomas und Lukas

    “Die einzigen untertunnelten Stellen des Rotbachs, die ich kenne, sind zwischen Bachstr. und Duisburger Str. (neben der ehemaligen Bücherstube Jacobs) und das Stück von der Thyssenstr. (am Walzwerk) bis zum kleinen Kreisverkehr an der Krengelstraße…”

    Bin schon lange weg aus DIN und habe sehr wahrscheinlich alles Mögliche durcheinander gebracht. Es muss da aber eine Verknüpfung von Stadthalle und Rotbach geben, wenn nicht in der Realität, so doch in meinem tiefsten Unterbewusstsein ;-)

  19. 19

    Zwar schon ein bisschen älter der Beitrag, aber ich habe auch noch eine Anekdote dazu:

    Meine Tante hat vor vielen Jahren mit ihrem Mann zwei Vietnamesische Kinder adoptiert.
    Wenn jetzt ihr Mann Hand in Hand mit seiner TOCHTER durch die Innenstadt läuft, muss er sich auch schlimme Sprüche anhören.
    Ich denke die Medien (und die Thailand”Urlauber”) haben uns da ganz schön gebrandmarkt.

    Cheers, Kuang

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