Unvernünftig
Von Lukas am Freitag, 5. September 2008 13:08
Kategorie: Political Science
Nachdem in der letzten Zeit eine beunruhigende Zahl an Datenschutzvergehen aufgeflogen war, hatte Wolfgang Schäuble gestern zu einem Datenschutzgipfel geladen.
Thomas Knüwer nennt die beschlossene Gesetzesverschärfung, die die Datenweitergabe nur mit ausdrücklicher Einwilligung der Betroffenen vorsieht, eine “weltfremde PR-Aktion der Politik” und fordert ein komplettes Verbot des Handels mit Personendaten.
Wolfgang Schäuble, Bundesminister des Inneren und selbst begeisterter Datensammler, sieht das ein bisschen anders:
Wir sollten auch nicht das amtliche Telefonbuch, wo man gucken kann, wie man einen anrufen kann, schon als eine der ganz großen Gefahren ansehen. Sondern was wir brauchen ist, angesichts neuer technologischer Entwicklungen, angesichts einem ganz anderen, ähm, Möglichkeiten, Potentialen der Datensammlung, -speicherung und -verarbeitung eine vernünftige Begrenzung des Missbrauchs.
[Nachzuhören bei WDR 2]
Natürlich ist ein Telefonbuch (für das ich der Nennung meiner Daten übrigens gleich bei Anschlussanmeldung widersprochen habe) keine “ganz große Gefahr”. Das hat aber erstens (soweit ich weiß) auch niemand behauptet und zweitens klingt diese Umschreibung etwas merkwürdig aus dem Munde eines Mannes, der in allem und jedem eine Gefahr sieht.
Und ob eine Begrenzung des Missbrauchs auch etwas anderes als “vernünftig” sein kann, wüsste ich dann wirklich gerne mal.
Mit Dank an Oliver Ding für den Hinweis.
Freitag, 5. September 2008 13:22
Ein bißchen Augenmaß schadet aber wirklich nicht. Wollen wir in Zukunft hinter jedem Kommentarfeld ein opt-in-Ankreuzkästchen mit umfangreichen Erläuterungen zu Datenspeicherung und Weitergabe?
Freitag, 5. September 2008 13:35
Also, bevor irgendjemand meine (verdeckten) Daten aus einem Kommentar weitergibt würde ich schon ganz gerne gefragt werden! ;-)
Aber im Ernst: Natürlich hast Du Recht, was das Augenmaß angeht. Allgemeine Aufruhr ist auch immer ein ganz schlechtes Klima, um neue Gesetze zu beschließen.
Freitag, 5. September 2008 13:43
Aber da fängt’s doch schon an. Ist es Weitergabe, wenn die Daten vom Webformular in die MySQL-Datenbank des Providers des Bloggers fließen?
Freitag, 5. September 2008 20:31
check mal ob du wirklich nicht drin bist… freunde von mir waren reihenwiese doch ins fonbuch gekommen. trotz widerspruch – warum auch immer…
Freitag, 5. September 2008 21:08
Bei der Telekom wäre ich bestimmt reingekommen. Ich bin aber Arcor-Kunde. (In dem Fall: zum Glück.)
Freitag, 5. September 2008 22:11
Knüwer basht die ÖRs, Heinser die
Post, ne Deutsche Telekom, auch nicht, nur Telekom oder heißt das jetzt T·ComT·Home.*g*
BTW: Machst Du momentan noch was anderes, als Dein Blog mit interessanten und gut geschriebenen Artikeln vollzuschreiben? Hut ab.
Zurück zum Thema: Mich wundert ja, dass nach wie vor Unternehmen “Kundendaten” kaufen.
Erstens sind die Informationen höchst volatil (heute habe ich einen guten Job, Haus, Frau und Kinder, morgen könnte ich gefeuert, geschieden und wohnsitzlos sein).
Zweitens habe ich noch nie irgendwas von irgendwem gekauft, der mich einfach so angerufen hat, mir einen “persönlichen” Brief geschrieben hat (meist mit falsch geschriebenen Nachnamen, immer mit falsch geschriebener Straße und häufig mit falsch geschriebenem Ort) oder mir eine nahezu unlesbare E-Mail (mit Betreffs wie “\/lagr/\ noch billiger” oder “F1cken w1e e1n Weltme1ster”, meist an den Account meiner Frau).
Drittens weil es die Unternehmen nicht einmal schaffen, dass was sie über mich aufgrund der Kundenbeziehung wissen müssten zu wissen, oder zu nutzen. Der freundliche Mobilfunkprovider, dem ich schon jahrelang viel zu viel Geld in den Rachen geworfen habe, der mir immer nur Tarife anbietet, die bei meinem Telefonieverhalten noch teurer sind (dabei doppelt so teuer wie der Marktdurchschnitt) und nachdem ich endlich Anfang August gekündigt habe bereits dreimal ein Callcenter bei mir hat anrufen lassen, nicht um mich umzustimmen, sondern weil ja aufgrund der Vertragslaufzeit eine Prämie anstünde (was definitiv Quatsch ist). Oder der bayerische Oberklassenfamilienkombi-Großkundenbetreuer, der mich im Januar anrief, mir vier Probefahrzeuge je für ein Wochenende zur Verfügung stellte und sich seit März nicht mehr gemeldet hat. Am 14. Oktober läuft das Firmenwagen-Leasing aus und ich werde ihm das jetzige Auto auf den Hof stellen. Der freundliche französische Van-Verkäufer wird sich in vier Jahren auch nicht anders verhalten. Eine Ausnahme ist bei mir die Telekom. Melden sich von alleine, wenn es tatsächlich einen neuen günstigeren Tarif für das gibt, was ich so brauche. Und sind sogar in der Lage offensichtliche Fehleingaben ins Auftragssystem durch einen kurzen freundlichen kompetenten Anruf selbst zu klären.
Viertens weil die meisten “Ableitungen” vergangenen Konsums in die Zukunft sowieso nicht funktionieren, weil sich die Welt viel zu schnell ändert und ich/wir insbesondere scheinbar noch viel schneller. Meine letzten Autos waren ein 3er BMW, ein Smart, ein Mini, ein 5er Kombi und demnächst ein Citroen C8 (Mist, jetzt habe ich es doch noch verraten). Außer bei Amazon. Die haben mich jahrelang erschreckt. Das ist besser geworden (mit dem scheinbar meinen Geschmack sehr genau zu kennen) seitdem ich für Frau und Kinder, meine Mutter oder ein paar Freunde auch was bestellt habe. Puh.
Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja: Ich bin dagegen, dass alle alles über mich speichern wollen. Noch mehr dagegen bin ich, dass sie glauben damit was anfangen zu können. Am meisten bin ich dagegen, dass die damit vor Gericht im schlimmsten Falle auch noch durchkommen würden.
Freitag, 5. September 2008 22:46
Ich bashe gar nicht. Ich glaube sogar, ich wäre lieber Telekom-Kunde als Arcor-Kunde. Meine X-Tra-Karte von
T-D 1T-Mobile habe ich seit gut acht Jahren (ich dürfte damit vermutlich der dienstälteste X-Tra-Kunde sein) und bin damit sehr zufrieden.Dieses andere Blog vollzuschreiben helfen. Und die Universität besuchen, die im Moment Semesterferien hat. Und auf den richtigen Job warten.
Danke für den Hinweis, dass mein Spam-Filter hakt.
Aber im Ernst: Wenn ich meinen Pizzaboten anrufe und der schon aufgrund meiner Telefonnummer weiß, wo er hin muss, finde ich das super. Da bin ich mir auch sicher, dass der die Daten (es ist eh immer Thunfisch) nicht weitergibt.
Meine Payback-Karte habe ich irgendwann weggeschmissen, nachdem mir aufgefallen war, dass ich in den betreffenden Läden immer nur Alkohol, Süßigkeiten und Kondome gekauft hatte.
Ansonsten hinterlasse ich (zumindest außerhalb des Internets) glaub ich verblüffend wenig Spuren. Snailmail-Spam bekomme ich jedenfalls kaum. Mein Großvater könnte damit allerdings sein (beeindruckend großes) Wohnzimmer tapezieren.
Samstag, 6. September 2008 4:05
@ SvenR:
Telekom-Kunde zu sein war in meinem Fall einmal sehr anstrengend und nervenaufreibend.
Als es noch ISDN-Flatrates gab hatte ich einmal aus Versehen auf meinem Desktop eine Verknüpfung angelegt, die die Zugangsdaten eines alten minutenbasierten ISDN-Tarifs beinhalteten. In den Rechnungen, die ich erhielt, stand nichts über Einzelverbindungen und so war ich zurecht in dem Glauben, dass ich den Flatratetarif nutzen würde.
Eineinhalb Jahre später erhielt ich dann eine Rechnung in Höhe von ca. 13.000 EUR, da ein ‘Fehler im technischen System’ die Daten erst jetzt zu Tage gebracht hätte. Daraufhin folgte eine mehrtägige Odyssee durch Leitungen nicht zuständiger CallCenter-Mitarbeiter. Man schob mich hin und her, bis ein Mitarbeiter die Frechheit hatte zu sagen ich ‘hätte den Fehler gemacht und müsste jetzt eben auch dafür bezahlen’. Dass ein Betrag dieser Höhe nie zustande gekommen wäre, wenn ich bereits im ersten Monat nach dem Begehen dieses Fehlers angeschrieben worden wäre, interessierte ihn nicht.
Erst durch das Schreiben meines Anwalts erhörte ein Mitarbeiter der Telekom mein Anliegen, der wohl etwas mehr Grips in der Birne hatte als seine Kollegen und tilgte den Betrag inklusive meiner Anwaltskosten.
Sicherlich war das nur eine Ausnahme. Über den grünen Klee loben würde ich den Service der Telekom jedoch nicht. Man erinnere sich an die Verbrauchersendung “Wie Bitte” auf RTL, als die Telekom noch eine eigene Rubrik hatte, in der manch unverschämtes Verhalten gegenüber Verbrauchern veröffentlicht wurde.
Samstag, 6. September 2008 10:26
@ Lukas #7:
Wenn mich de Ober im Restaurant mit Namen begrüßt und weiß was ich trinken oder essen möchte, dann finde ich das auch sehr angenehm. Oder im Damenoberbekleidungsgeschäft, in der Kinderboutique und im Kinderschuhladen (Herrenoberbekleidungdgeschäfte scheint es nicht mehr zu geben – jedenfalls in meiner Preisklasse). Aber dazu müssen die nicht wissen, welches Auto ich fahre, ob ich Kabelfernsehen oder Satellit habe, wer mein Internetprovider ist und wo ich krankenversichert bin. Und umgekehrt. Deshalb habe ich bei Payback nie mitgemacht. So transparent möchte ich nicht sein. Und was das auch alles für ein Geld kostet. Mein Azubi meinte, sie hätten in der Berufsschule ausgerechnet, dass Benzin 6 % und Lebensmittel 3,2 % billiger sein könnten, wenn es keine Kundenbindungsprogramme, die dazugehörige Werbung und Kreditkartenzahlung gäbe. Wir haben mit einer Tankstelle fast direkt neben dem Büro vereinbart bei Barzahlung 2 Cent je Liter und bei wöchentlicher Sammelrechnung 6 Cent je Liter billiger zu tanken.
Eines Tages werde ich sowieso wegen Terrorismusverdacht weggeschlossen. Meine Frau fährt immer mit meinem Dienstwagen rum, meine Mutter mit dem meiner Frau und ich mit dem meiner Mutter. Der private Handyvertrag meiner Frau, meiner Mutter und meines Schwiegervater läuft auf mich, die von unseren Niffen und Nechten auf meine Frau. Das gibt lustige Bewegungsprofile.
@ jaya #8:
Ich würde nie behaupten, dass die Telekom perfekt ist. Gerade im Service ist das ab einer bestimmten Firmengröße nahezu unmöglich. Meine persönlichen Erfahrungen sind nur wirklich gut.
Und man hat mir noch nie vorsätzlich einen Tarif/eine Leistung/ein Produkt angeboten, dass ich offensichtlich nicht brauche/für mich unwirtschaftlich wäre. Und die Preise für die Dienstleistungen, die ich tatsächlich brauche entwickeln sich seit Jahren rückwärts. Es ist zwar nie so preiswert, wie beim billigsten, dafür habe ich aber auch keine größeren technischen Probleme. Und die, die ich mal hatte (tote Maus im Verteilerschrank, deshalb DSL nur sporadisch und einmal falsche Vermittlungskonfiguration, deshalb kamen meine Gespräche bei Herrn M. an und seine bei mir) wurden sehr schnell, freundlich und transparent gelöst.
Sonntag, 7. September 2008 18:42
Und ob eine Begrenzung des Missbrauchs auch etwas anderes als “vernünftig” sein kann, wüsste ich dann wirklich gerne mal.
Den Missbrauch, den Schäubles eigene Behörden betreiben, will er ja nicht begrenzen.
Montag, 8. September 2008 12:08
Schäuble:
55 Jahre, verheiratet, 2 Kinder, 8500 Bruttolohn, da politiker.
Vorlieben: Reisen, Panikmache und große, luxuriöse autos, da im rollstuhl.
soviel zu den erwerbbaren daten von schäuble :)
spaß bei seite:
eine aussage wie hier, “begrenzen von missbrauch..” ist schon hart zu hören bzw lesen. da sollten 80 millionen menschen schon wirklich genauer überlegen was dieser knecht da bei den politikern verloren hat.