Beiträge vom September, 2008

Kostbare Tropfen

Von Oliver Ding am Dienstag, 30. September 2008 20:10

Es ist ja nicht nur Deutschlands eloquentestes Printmedium sehr darauf bedacht, sich über hohe Treibstoffkosten zu echauffieren. Beinahe jeder sucht nach Mitteln und Wegen, Sprit zu sparen oder wenigstens ansatzweise allgemein die Energiekosten zu senken.

Jetzt hatte ein brasilianischer Rennfahrer eine besonders kreative Idee, die Kosten zu drücken. Dumm nur, dass er gar keinen Tankwart prellen konnte, weil er ja gar nicht an einer Tankstelle stand. Dafür gibt’s jetzt die Möglichkeit für schicke Klickstrecken. Nur muss mancher das mit dem Aussuchen der interessanten Bilder wohl noch üben.

Auf jeden Sieger zehn Verlierer

Von Lukas Heinser am Dienstag, 30. September 2008 1:29

Stellen wir uns für einen Moment bitte Folgendes vor: Ich habe Usain Bolt, den schnellsten Mann der Welt, zu einem Wettrennen über 100 Meter herausgefordert. Usain Bolt hat sich vorher beide Beine gebrochen, tritt aber trotzdem an. Durch dieses Handycap läuft Bolt die Strecke in 12,5 Sekunden, ich brauche 29,2 Sekunden und bin damit so langsam wie noch nie. Nach dem Rennen erkläre ich mich zum klaren Sieger, weil Bolt ja normalerweise viel, viel schneller ist und das muss man ja auch berücksichtigen.

Wenn Sie dieser Argumentation folgen können (und nicht schon bei der Vorstellung, ich könnte 100 Meter geradeaus laufen lachend unter Ihrem Schreibtisch verschwunden sind), sind Sie vermutlich in der SPD. Die hat nämlich gerade bei der bayrischen Landtagswahl das schlechteste Ergebnis ever eingefahren, was sie in der Selbstwahrnehmung zum Sieger macht, weil die CSU (die 2,3 Mal so viele Stimmen erhalten hat) immerhin seit 54 Jahren nicht mehr so schwach war.

Die gebrochenen Beine von Usain Bolt heißen Günther Beckstein und Erwin Huber und sie haben die Wahl natürlich nur derart vor die Wand gefahren, um Edmund Stoiber seinen 67. Geburtstag zu verhageln. Dafür haben sie Stoiber (und ich fürchte, Sie werden sich heute noch mit einigen schiefen Bildern rumschlagen müssen) bei Tempo 180 aus dem fahrenden Wagen geworfen, während Horst Seehofer an der Handbremse nestelte und Gabriele Pauli das Verdeck einfahren wollte. Aber für das führerlose und zertrümmerte Gefährt hätten sie immerhin noch die volle Pendlerpauschale beziehen können.

Die in jeder Hinsicht beeindruckende Schlappe für die CSU, die fast ein Drittel ihrer Wählerstimmen eingebüßt hat, wird aber in den Schatten gestellt von einer SPD, die das eigene Debakel elegant ignoriert (wohl Dank der Erfahrung auf dem Gebiet) und allen Ernstes Ansprüche auf die Regierungsbildung anmeldet.

Frank-Walter Steinmeier, den sie in der Partei mittlerweile vermutlich für einen Albino-Barack-Obama halten, der aber bestenfalls ein ganz sicher nicht gefärbter Gerhard-Schröder-Klon ist (was immerhin schon mal bedeutend besser ist als ein unrasierter Gordon-Brown-Klon), dieser Frank-Walter Steinmeier also stellt sich hinter ein Mikrofon und sagt:

Und immerhin: Es ist zum ersten Mal für viele Wählerinnen und Wähler in Bayern vorstellbar und möglich gewesen, nicht mehr CSU zu wählen. Sie sind noch nicht gleich durchgegangen zur SPD, aber es entsteht eine Perspektive.

Na, hurra! Da könnte ich ja auch in lautstarke Verzückung geraten, weil Natalie Portman nicht mehr mit Devandra Banhart zusammen ist — und mich jetzt sicher endlich heiraten wird.

Franz Maget, der aussieht wie Peter Zwegat, aber SPD-Spitzenkandidat in Bayern war, verspricht, den “halben Weg” beim “nächsten Mal” nachzuholen, und die Wähler nicht nur weg von der CDU, sondern auch hin zur SPD zu holen. Das klingt, als steckten die Wähler zwischen Villariba und Villabajo (formerly known as Not und Elend) auf halber Strecke im Schlamm — und nicht, als hätten sie sich gerade irgendwo ganz anders ein gemütliches kleines Zeltlager am warmen Herd von Gabi Pauli errichtet.

Um die Runde vollzumachen, trat auch noch Andrea Ypsilanti, die das Wortpaar “glaubwürdiger Politiker” im Alleingang zum Oxymoron stempeln will, freudestrahlend vor die Kameras und sprach von der zweiten Wahl, die “gründlich schiefgegangen” sei für … die CDU/CSU. Mit der ersten meint sie wohl ihre eigene in Hessen, diesem armen Bundesland, dass seit einem halben Jahr von einem geschäftsführenden Ministerpräsidenten regiert wird, der auch noch Roland Koch heißt.

Denn das ist die eigentliche Sensation der Wahlen in Hessen und Bayern: dass die Union nicht wegen ihrer politischen Gegner so dumm dasteht, sondern wegen ihres eigenen Führungspersonals. Aber selbst dann schafft es die SPD nicht, wenigstens so viele Wähler zu mobilisieren, dass sie selbst die meisten Stimmen bekommt — was nach meinem Demokratieverständnis (Koch hin, Beckstein her) irgendwie dringend notwendig wäre, um wasauchimmer zu regieren.

Aber vermutlich weiß es der Wähler zu schätzen, wenn eine Partei, der er vielleicht auch noch seine Stimme gegeben hat, in erster Linie durch Schadenfreude über die Verluste des politischen Gegners auf sich aufmerksam macht. Eigentlich ist es da doch inkonsequent, nicht gleich noch einen Schritt weiter zu gehen, auf Österreich zu zeigen und “wenigstens hat bei uns keiner das Nazipack gewählt” zu rufen.

Dass auch ein in Bayern erworbenes Abitur nicht zwangsläufig für große Mathematikkenntnisse steht, bewies dann Claudia Roth, die Mutter Beimer der Grünen. Sie sieht “eine deutliche Mehrheit jenseits der CSU”, die sich in den absoluten Zahlen der Sitzverteilung wohl vor allem darin niederschlägt, dass alle anderen Parteien zusammen exakt drei Sitze mehr haben als besagte CSU. Daraus leitet Frau Roth einen “Auftrag” zur Regierungsbildung ab.

Es ist beeindruckend, mit welcher Unbeirrtheit Politiker große Debakel und mittlere Enttäuschungen (die Grünen haben zwar als einzige vorher im Landtag vertretene Partei hinzugewonnen, sind aber nicht mal mehr drittstärkste Fraktion) in Siege und Triumphe umzuwidmen versuchen. Wie ein Wahlergebnis gedeutet werden soll, das eigentlich nur den Schluss zulässt, dass die Wähler die Schnauze voll haben von den beiden großen Volksparteien, die die Bundesrepublik seit drei Jahren in trauter Zwietracht regieren (und dabei noch jedes zweite Gesetz verfassungswidrig gekriegt haben). Und wie die Lähmung, die so ein Land durch uneindeutige Machtverhältnisse erfährt, gefeiert wird.

Man wartet eigentlich nur noch auf den Tag, an dem irgendeine Partei (mutmaßlich eine von Guido Westerwelle geführte) auf die Idee kommt, bei Wahlergebnissen analog zur Einschaltquote im Fernsehen eine “werberelevante Zielgruppe” auszurufen und nur noch das Abstimmverhalten der 14- bis 49-Jährigen berücksichtigen zu wollen.

Dabei sind die deutschen Vertreter noch blass und harmlos gegen das Personal, das im US-Wahlkampf angetreten ist, um das Amt zu erobern, das man nicht umsonst das wichtigste der Welt nennt. Wir haben ja noch nicht mal eine Sarah Palin (obwohl ich glaube, dass Gabriele Pauli für die Rolle notfalls zur Verfügung stünde), von einem John McCain oder Joe Biden ganz zu schweigen.

Andererseits reichen Ronald Pofalla, Guido Westerwelle und Oskar Lafontaine für den Anfang völlig aus.

[Ausgelöst via twitter]

Statt Rente

Von Lukas Heinser am Montag, 29. September 2008 14:48

Wo wir gerade noch von Paul McCartney sprachen: Der Mann wird trotz seiner 66 Jahre (Udo-Jürgens-Gedächtnis-Zitat bitte hier einsetzen) nicht müde, musikalisch alles mitzunehmen, was geht.

Sein letztjähriges (eher schwaches) Soloalbum “Memory Almost Full” erschien auf dem Starbucks-Label “Hear Music” (womit McCartney die mehr als 40jährige Zusammenarbeit mit EMI beendete), in diesem Jahr macht er noch mal was anderes — wenn auch nicht unbedingt völlig neues.

Am 17. November wird das neue Album von The Fireman erscheinen, einem Projekt, das McCartney vor 15 Jahren mit Youth gegründet und das bisher zwei Alben veröffentlicht hat.

Das neue Album (das erste seit zehn Jahren) wird “Electric Arguments” heißen (was möglicherweise schon die musikalische Marschrichtung sehr schön vorgibt) und bei One Little Indian erscheinen, dem extrem kredibilen Heimatlabel von u.a. Skunk Anansie, Björk und Chumbawamba. Aufgenommen wurde es “with no record company restraints or a set release date to work to”.

Ob die Musik ähnlich spannend wird wie die Ankündigung, bleibt abzuwarten. Immerhin soll es diesmal Gesang geben:

The album’s opener Nothing Too Much Just Out Of Sight is classic rock and an instant attention grabber. A heavy guitar riff with loud drums and souring vocals, it’s like nothing The Fireman have ever done before.

Angriff der Irgendwas-Tomaten

Von Lukas Heinser am Sonntag, 28. September 2008 23:28

Kürzlich verspeist:

"Herrlich süße Mini Eiertomaten, Schmackhaft und gesund!" Dattelkirsch tomaten, 250g

Von Kirsch- oder Cherrytomaten habe ich ja durchaus schon mal gehört. Was “Dattelkirsch tomaten” sind, ist mir nicht ganz so klar.

Und warum eine “Dattelkirsch tomate” Flügel hat (okay, die Marke heißt “Red Star Cupido”) und “Herrlich süße Mini Eiertomaten, Schmackhaft und gesund!” brüllt, ist mir offen gesagt völlig schleierhaft.

Und jetzt sagen Sie bloß nicht, ich solle stattdessen besser mal ein gutes Buch lesen!

(I Can’t Get No) Information

Von Oliver Ding am Freitag, 26. September 2008 13:45

Es ist schön, wenn sich das ZDF auch mal der gängigen Popkultur widmet. Zum Beispiel dann, wenn der altehrwürdige Sir Paul McCartney nach vierzig Jahren endlich in Israel ein Konzert geben darf. Dass das dann gleich mit vergleichsweise bescheidenen 45.000 Besuchern das größte Konzert in der Geschichte des Landes wird und laut ZDF-Videotext für eine Beatles-Euphorie sorgt, ist natürlich eine Nachricht wert.

Gewisse Unschärfen gehören dann wohl dazu: “McCartney präsentierte eigene Songs und, natürlich, die der legendären Beatles” hieß es da zu den Klängen des Wings-Hits “Jet”. Und am Ende kommentierte der faktensichere Reporter den Lennon-Song “Give Peace A Chance” (damals eingespielt mit der Plastik Ono Band) mit “Die Sehnsüchte der anderen befriedigte er mit diesem Beatles-Klassiker.” Da darf man ja fast froh sein, wenn nicht noch irgendwo ein Foto von Mick Jagger durchs Bild huscht.

Holger, der Kampf geht weiter

Von Lukas Heinser am Freitag, 26. September 2008 11:26

Andreas Baader wird in der Erinnerung der Menschen immer der Mann sein, der im Gerichtssaal von Stuttgart-Stammheim den vorsitzenden Richter anbrüllte und Frauen, wenn er mit ihnen redete, als “Fotzen” bezeichnete. Daran wird sich auch durch den zwanzig-Millionen-Euro-Film “Der Baader Meinhof Komplex” nichts ändern — die Leute werden den gebürtigen Münchener Baader höchstens mit einem nordischen Einschlag im Ohr haben, weil Moritz Bleibtreu im Sprechunterricht an der Schauspielschule gepennt hat.

Es gibt ja kaum einen Superlativ, kaum einen Satz, der im Vorfeld nicht über den Film geschrieben worden war. Jeder, der damals dabei war oder jemanden kannte, der die Geschichte der RAF am Fernseher miterlebt hatte, durfte sich in irgendeinem Medium darüber äußern, durfte diskutieren, ob man aus so einer Geschichte einen kommerziellen Spielfilm machen dürfe, oder durfte sonst irgendetwas sagen. Der Film wurde vorab so mit Bedeutung aufgeladen, dass man sich schon fragt, ob man ihn überhaupt noch als Film sehen und beurteilen kann.

Ja, man kann. “Der Baader Meinhof Komplex” ist stilistisch solide, mitunter brillant, was insofern überrascht, als Regisseur Uli Edel (“Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”, “Letzte Ausfahrt Brooklyn”) seit ungefähr zwanzig Jahren nichts Relevantes mehr gedreht hat. Es ist ein detailverliebter Zweieinhalbstünder, dessen Spannungsbogen ein bisschen darunter leidet, dass zehn Jahre (und 650 Seiten Buchvorlage) abgehandelt werden müssen, bis das passiert, was man eh schon tausendmal gesehen hat: Die “Landshut” wird in Mogadischu gestürmt, in Stammheim werden drei Leichen gefunden. Bis dahin ist es nie langweilig geworden, aber auch nur selten konkret oder gar übersichtlich. Ich weiß nicht, ob es hilfreicher ist, gar nichts über die Geschichte der RAF zu wissen, weil man sich dann wenigstens nicht ständig fragt, wer wer ist.

“Der Baader Meinhof Komplex” oder kurz “BMK” ist keine Dokumentation und keine Vertiefung von irgendwas, er ist eine oberflächliche Einführung in ein Kapitel deutscher Geschichte, dessen Aufarbeitung rechnerisch noch zehn bis zwanzig Jahre brauchen wird. Wir Spätgeborenen sitzen da und wundern uns über Massendemonstrationen, Raucher allerorten, riesige Studentenversammlungen und Menschen, die umständlich mit Vokabeln wie “Imperialismus”, “Genossen” und “Bourgeoisie” hantieren. Wir wundern uns, dass solche Leute, die man bei jeder Studentenparty stehen lassen würde, wenn sie einen anlaberten, damals die Massen bewegt haben (die Konservativen haben sich freilich schon damals gewundert). Wenn ein vollbesetzter Hörsaal auf Geheiß von Rudi Dutschke (erschreckend nah am Original: Sebastian Blomberg) “Ho, Ho, Ho Chi Minh” anstimmt, sind das für uns ähnlich fremde und beunruhigende Bilder wie die vom Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.

Aber der Film macht klar, was die Studenten 1967 bewegte, und wenn man die damaligen Meldungen aus Vietnam mit denen aus dem Irak heute vergleicht, ist einem das gleich gar nicht mehr so fremd und man wundert sich stattdessen, warum die heutigen Kriege eigentlich so egal sind. Auch die Bilder vom 2. Juni, als sich die Spannung zwischen Demonstranten und Polizisten schließlich in roher Gewalt entlädt, hat man so ähnlich in letzter Zeit schon mal im Fernsehen gesehen — allerdings längst nicht so brutal und ohne die “Jubelperser”, die mit Latten auf die Demonstranten einschlagen.

Diese Parallelen machen den Film für jüngere Zuschauer interessant, aber wie aus dem Protest gegen Vietnamkrieg und Schah plötzlich die RAF werden konnte, geht im Film völlig unter. Die Frankfurter Kaufhausbrandstiftung, für die Baader und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) erstmalig vor Gericht stehen, und die in der Buchvorlage ausführlich anmoderiert wird, passiert einfach so. Damit fehlen dem Unternehmen RAF im Grunde genommen weite Teile des Überbaus und alles, was man sieht, sind verwöhnte Bürgerkinder, die (wie schon in “Die fetten Jahre sind vorbei”) ein bisschen Terroristen spielen wollen. Entsprechend dämlich stellen sie sich mitunter an, entsprechend komisch sind die Szenen in den palästinensischen Ausbildungscamps.

Michael Buback hat “BMK” als “Täterfilm” beschrieben, was sicherlich nicht falsch ist. Schon das Buch konzentriert sich hauptsächlich auf die Biographien der Terroristen, der Film verknappt da weiter. Anders als in Heinricht Breloers brillantem Fernseh-Zweiteiler “Todesspiel” bekommt Schleyer hier nur wenige Augenblicke Aufmerksamkeit, alle anderen Opfer sind sowieso reines Kanonenfutter. Polizisten, US Army, Springer-Hochhaus, Stockholm, “Deutscher Herbst”, zwischendurch sogar München 1972 — die Schauplätze und Verbrechen werden abgehechelt, der Bodycount läuft stumm mit.

Allerdings ist der Film trotzdem keine Bonnie-und-Clyde-Nummer, keine mehrfach popkulturell codierte Heldenballade wie Christopher Roths “Baader”. Solange die Terroristen reden, sind sie unerträglich: Mao, Lenin, und die ganzen französischen Philosophen sind nicht spurlos an ihnen vorbei gegangen, ihre Aufrufe schwanken zwischen blasiertem Pathos und verblendetem Zynismus. Manche Dialoge, wie die zwischen Ensslin und ihren Eltern, wirken furchtbar hölzern und plakativ, aber man muss annehmen, dass “Diskurs” damals eben so klang. Sobald die Terroristen dann schießen, sind sie kaltblütig und brutal, und außer Susanne Albrecht, die als Lockvogel bei der Ermordung Jürgen Pontos, dem Patenonkel ihrer Schwester, dabei war, zeigt niemand eine Gefühlsregung für die Opfer.

Moritz Bleibtreu schafft es nur in wenigen Momenten, hinter der Rolle zu verschwinden. Die meiste Zeit ist sein Baader irgendeine weitere Bleibtreu-Rolle: ein bisschen verschlagen, ein bisschen sympathisch (weil eben Bleibtreu), ein bisschen wahnsinnig. Martina Gedeck spielt Ulrike Meinhof als eine zögerliche Sprücheklopferin, die sich völlig in der Situation verheddert und am Ende zwischen Lethargie und Hysterie schwankt, bis sie einfach tot ist. Johanna Wokalek ist unglaublich gut, man hasst ihre Gudrun Ensslin quasi ab dem ersten Moment und ist doch immer mal wieder fasziniert von dieser entrückten Frau. Und dann gibt es da noch mehr als hundert weitere Schauspieler — fast jeder, der in Deutschland in den letzten zehn Jahren mal vor einer Kamera stand, ist (mit Ausnahme von Til Schweiger, Franka Potente und Iris Berben) auch diesmal mit dabei, was den Film so ein bisschen nach einem deutschen “Ocean’s Eleven” aussehen lässt. Sogar Heino Ferch und Jan Josef Liefers hat man unterbringen können.

Bruno Ganz allerdings hatte Pech: Als BKA-Chef Horst Herold erntete er ständig unfreiwillige Lacher. Vielleicht, weil die Leute Adolf Hitler vor Augen bzw. im Ohr hatten (s. “Der Untergang”), vielleicht, weil die Rolle so dünn und karikiert angelegt ist. Herold ist durch und durch Beamter, der irgendwie immer alleine ist (von den mehr als 100.000 Polizisten, BKA-Leuten und den ganzen Computern, die mit der Rasterfahndung beschäftigt waren, mal ab) — sowohl räumlich, als auch als einzige Stimme der Vernunft in einem Heer von Wahnsinnigen auf beiden Seiten. Denn brutal sind sie alle, in dieser Spirale der Gewalt, die als self-fulfilling prophecy schließlich zu dem Polizeistaat führt, den die Terroristen von Anfang an bekämpfen wollten: Die einen bei der Entführung Hanns Martin Schleyers, bei der seine Begleiter einfach niedergemäht werden, die anderen nach der Verhaftung von Holger Meins, bei dem jeder Polizeibeamte aus Rache für die getöteten Kollegen einmal zutreten darf. Die einen kämpfen gegen sinnlose Gewalt, die anderen für den Rechtsstaat.

Man konnte nicht viel falsch machen mit dem “Baader Meinhof Komplex”: Die Buchvorlage ist eine gut recherchierte Zusammenfassung einer Geschichte, die auch einer antiken Sage oder einem Shakespear’schen Drama entstammen könnte. Da drehen sich Gut und Böse im Kreis, endet die vorgeblich aufgeklärte Kritik am amerikanischen “Imperialismus” im menschenverachtenden Töten vom “Schwein in Uniform”, und der angeblich so gefestigten Bundesrepublik droht plötzlich eine krude Mischung aus Polizeistaat und Anarchie. Und über allem schwebt die Definition von Ulrike Meinhof, was Protest, und was Widerstand sei.

Uli Edel und Bernd Eichinger haben filmisch entsprechend zielsicher eine spannende Geschichtsstunde hinbekommen. Die Verquickung von Archivmaterial und Film in manchen Szenen ist auch unter rein handwerklichen Aspekten interessant. Dass die Macher den medialen Overkill, den ihr Film erzeugt hat, jetzt von den gleichen Medien wechselseitig um die Ohren gehauen bekommen, haben sie nicht verdient. Der Diskussion, die der Film ausgelöst hat, hat er selbst allerdings überhaupt nichts hinzuzufügen. Er ist, wie ich oben schon schrieb, eine Einführung in ein komplexes Kapitel der Geschichte, das bis heute nicht aufgearbeitet wurde und das vielleicht wirklich noch Zeit braucht.

Für viele junge Menschen wird “Der Baader Meinhof Komplex” die erste Begegnung mit der RAF sein — und auch wenn manche Szenen wie ein Triumphzug inszeniert sind, wird am Ende wohl kaum jemand die Terroristen als Helden feiern wollen. Der Film hat zu wenig Zeit, ihre Beweggründe und Entscheidungen wirklich zu vertiefen, aber zumindest ein kleiner Teil ihrer Tragik kommt rüber. Und letztlich dämmert einem, dass das vielleicht wirklich ganz verschiedene Sachen sein könnten, die nur einen gemeinsamen Ausgangspunkt haben: die echten Verbrecher, der Mythos RAF und seine kulturelle Aufbereitung.

Nur eins noch: Die Filmmusik ist wirklich grauenvoll.

Offizielle Website
IMDb

“Way To Normal”: Neue Ben-Folds-CD zu gewinnen

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 25. September 2008 16:45

Ben Folds - Way To Normal (Albumcover)Morgen erscheint “Way To Normal”, das dritte offizielle Solo-Album von Ben Folds. Nachdem Folds die Tauschbörsennutzer mit einer Fake-Version gefoppt hatte, steht jetzt also das Original im Laden.

Ich weiß noch nicht so genau, was ich von dem Album halten soll, aber ab morgen können Sie sich ja selbst ein Bild machen — vielleicht sogar ohne dafür zahlen zu müssen, denn mit der freundlichen Unterstützung von SonyBMG verlost Coffee And TV ein Exemplar von “Way To Normal”.

Sie müssen dafür nur wissen, wie Folds’ allererstes (inoffizielles) Soloalbum hieß, dass er noch zu Zeiten von Ben Folds Five veröffentlicht hat (Kleiner Hinweis: Sein Name stand dabei nicht auf dem Cover).

Na gut, Sie müssen es nicht nur wissen, Sie müssten es auch als E-Mail an info@coffeeandtv.de schicken und etwas Glück haben.

Bei mehreren richtigen Einsendungen zieht unsere Glücksfee nach dem Einsendeschluss (Sonntag, 28. September 2008, 23:59:59 Uhr) einen Gewinner.

Kleingedrucktes: Die E-Mails und dazugehörigen E-Mail-Adressen werden nur für das Gewinnspiel verwendet und danach entsorgt. Jeder Teilnehmer darf nur eine E-Mail schicken. Autoren von Coffee And TV dürfen nicht teilnehmen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Train In Vain

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 25. September 2008 12:25

Seit 15 Jahren verkehrt zwischen den Hauptbahnhöfen von Bochum und Gelsenkirchen die Nokia-Bahn, deren wichtigste Haltestelle der Bahnhof Bochum-Nokia am Nokia-Werk in Bochum-Riemke ist.

Allein: Das Nokia-Werk gibt es nicht mehr, seit sich der finnische Handyhersteller spontan und unter Zahlung von Abfindungen aus der Stadt verabschiedet hat. Die Haltestelle und die Bahn-Linie der privaten Firma Abellio brauchen also einen neuen Namen, weswegen der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) einen Wettbewerb ins Leben gerufen hat, bei dem man seine Vorschläge einreichen kann.

Na, dann wollen wir doch mal anfangen:

  • BO-GE-n-Bahn (fährt ja zwischen Bochum und Gelsenkirchen und in einem schönen Bogen über das Bochumer Bermuda3eck)
  • Bermuda-Express (weil wegen Bermuda3eck; aus den Kommentaren bei den Ruhrbaronen)
  • Rimmelbahn (benannt nach RIM, der neuen Firma in den alten Nokia-Gebäuden; erfunden von Jens)
  • Blau-Weiß-Express (passt zwar schön zu den Erstligavereinen der beiden Städte, ist aber insofern albern, als die jeweiligen Stadien nur von Straßenbahnen angesteuert werden)
  • Urbahn (braucht ein bisschen länger, bis er zündet, wird sich aber bei Leuten, die in Restaurants namens “Ess-Bar” gehen, großer Beliebtheit erfreuen)
  • Truppenab-Zug (der heimliche Favorit der Partei “Die Linke”)
  • Western And Occidental Express (immerhin hält er in Bochum-West und die Zeit des Understatements muss im Pott endlich mal vorbei sein)
  • City Express (als Hommage an diese unfassbar schlechte ARD-Serie, die ich immer mit großer Begeisterung geschaut habe)
  • Starlight Express

Sehr cool wäre ja ein Coffee-And-TV-Express, aber ich fürchte, selbst wenn wir alle zusammenschmeißen, reicht das nicht aus.

Was meinen Sie?

[via Ruhrbarone]

Enduring Freedom

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 24. September 2008 16:54

Auf die Idee muss man erst mal kommen: ausgerechnet eines der widerlichsten, prätentiösesten Lieder deutscher Sprache aus der Gruft der Achtziger-Jahre-Deutschrocker zu schleifen und im Jahr 2008 als Sample einzusetzen.

Der Rapper Curse, der seit langem mit Xavier Naidoo um den Titel als prätentiösester Musiker deutscher Zunge ringt, hat sich also “Freiheit” vorgenommen, Westernhagens besorgniserregenden Pathos-Schlager, dessen auf ewig archivierte Live-Darbietung in der Dortmunder Westfalenhalle den anbiederndsten Moment bundesrepublikanischer Deutschrockgeschichte (“So wie wir heute Abend hier!”) enthält.

Das dabei entstandene Werk hört ebenfalls auf den Namen “Freiheit” und muss wohl als gelungener Versuch betrachtet werden, gleichzeitig Gänsehaut und Brechreiz auszulösen. Man hört dieses Lied und fragt sich, ob native speaker des Englischen eigentlich genauso leiden müssen, wenn sie die Texte von U2 oder Coldplay hören. Vermutlich nicht.

Und weil ich mich jetzt gerade durch diese grauenhafte Nullnummer gequält habe, lade ich Sie herzlich ein, es mir unter diesem Link gleichzutun.

Denken Sie immer daran: Freiheit heißt vor allem, jederzeit auf die Stop-Taste drücken zu können.

[via Visions.de]

Tierisch lyrisch

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 24. September 2008 12:35

Am Montag wurde in Johannesburg das Maskottchen der Fußball-WM 2010 vorgestellt. Es handelt sich dabei wahlweise um einen “grünen”, “handzahmen” oder “wohlig bekifften” Leoparden namens “Zakumi”. Laut welt.de trägt er “Dreadlocks”, laut “RP Online” eine Perücke.

Das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit, die sich “RP Online” gönnt, denn natürlich hieß das Maskottchen der Fußball-WM 2006 nicht, wie von Deutschlands führendem Regionalzeitungswebportal behauptet, “Goleo IV”, sondern “Goleo VI” — die Großbuchstaben hinter dem Namen sind römische Zahlen und stehen, wenn man sich richtig sortiert, für die Zahl 6, die im WM-Jahr 2006 an exponierter Stelle auftauchte.

Aber kommen wir zu dem, wofür “RP Online” zurecht internationales Ansehen genießt, kommen wir zur Bildergalerie.

Sollten Sie sich je gefragt haben, woher diese albernen Texte stammen, die unter jedem Foto zu finden sind: die stammen aus dem dazugehörigen Text.

Der Name „Zakumi“ setze sich aus dem Kürzel „ZA“ für Südafrika und dem Wort „kumi“ zusammen, das in mehreren afrikanischen Sprachen „10“ bedeutee.

Der Name „Zakumi“ setze sich aus dem Kürzel „ZA“ für Südafrika und dem Wort „kumi“ zusammen, das in mehreren afrikanischen Sprachen „10“ bedeutee.

Mit seinem grünen Outfit, das zum Rasen passen soll, zeige Zakumi, dass er ein echter Fußball-Fan ist, hieß es in einer Mitteilung der Fifa.

Mit seinem grünen Outfit, das zum Rasen passen soll, zeige Zakumi, dass er ein echter Fußball-Fan ist, hieß es in einer Mitteilung der Fifa.

Zakumi ist seit dem Ur-WM-Maskottchen „Willie“, einem Löwen der WM 1966 in England, das zwölfte seiner Art.

Zakumi ist seit dem Ur-WM-Maskottchen „Willie“, einem Löwen der WM 1966 in England, das zwölfte seiner Art.

Tiere sind ohnehin ein beliebtes Vorbild der Designer. 1994 in den USA zottelte „Striker“, ein Hund mit US-Trikot, durch die Arenen, vier Jahre später in Frankreich war es Hahn „Footix“, der für gute Laune sorgen sollte. Obst und Gemüse haben es übrigens auch schon zweimal zum Maskottchen geschafft: Naranjito, eine Orange, war das Symbol der WM 1982 in Spanien, die Chilischote „Pique“ repräsentierte 1986 Mexiko.

Tiere sind ohnehin ein beliebtes Vorbild der Designer. 1994 in den USA zottelte „Striker“, ein Hund mit US-Trikot, durch die Arenen, vier Jahre später in Frankreich war es Hahn „Footix“, der für gute Laune sorgen sollte. Obst und Gemüse haben es übrigens auch schon zweimal zum Maskottchen geschafft: Naranjito, eine Orange, war das Symbol der WM 1982 in Spanien, die Chilischote „Pique“ repräsentierte 1986 Mexiko.

Nun sagen Sie: “Ist doch nett, dass man uns Willie, Striker, Footix und die anderen noch mal vorstellt. Weiß doch keiner mehr, wie die aussahen.”

Da sage ich: “Ja, nett. Aber dafür müssen Sie schon diese Bildergalerie von welt.de oder diesen Artikel von laola1.at (bei dem alle Maskottchen auf einer Seite gezeigt werden) aufsuchen.”

Bei “RP Online” ist in der Bildergalerie nämlich auf jedem einzelnen Bild Zakumi zu sehen.

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